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Franz Kafkas "In der Strafkolonie": Eine Analyse nach dem erzähltheoretischen Ansatz von Gérard Genette

Seminararbeit 2004 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zeit
2.1. Erzählzeit und erzählte Zeit
2.2. Zeitliche Ordnung
2.3. Dauer
2.4. Frequenz

3. Modus
3.1. Distanz
3.2. Fokalisierung

4. Stimme
4.1. Zeit der Narration
4.2. Narrative Ebenen
4.3. Person

5. Schlusswort

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Erzählforschung hat seit den 60-er Jahren zahlreiche neue Termini und Systeme für die Analyse von Erzähltexten entwickelt.[1] Der französische Strukturalist Gérard Genette hat 1972 ein Modell zur Analyse vorgelegt, das in der Literaturwissenschaft allgemein Anerkennung findet. Jonathan Culler wertet Genettes Discours du récit[2] als „bislang gründlichste[n] Versuch, die Grundlagen und Techniken des literarischen Erzählens zu analysieren, zu benennen und zu veranschaulichen“[3]. Genette lenke die Aufmerksamkeit auf Strukturen und Techniken der Fiktion, die zuvor nicht wahrgenommen wurden oder deren Bedeutung nicht erkannt worden sei.[4] Die Frage nach dem Gebrauchswert von Genettes Ansatz beantwortet Jochen Vogt im Nachwort zur deutschen Ausgabe: Es handle sich um eine „hochgradig praktikable Theorie der literarischen Erzählung“[5].

Im Folgenden soll Franz Kafkas Erzählung In der Strafkolonie[6] von 1914 erzähltheoretisch analysiert werden. Genettes Die Erzählung dient als Grundlage dieser Untersuchung. Das von ihm entwickelte Modell wird auf seine Anwendbarkeit überprüft.

In der Strafkolonie handelt von dem Besuch eines Forschungsreisenden in einer Strafkolonie. Er soll der Exekution eines Sträflings beiwohnen, um über das Hinrichtungsverfahren zu urteilen. Dabei entpuppt sich der ausführende Offizier als letzter Befürworter des inzwischen als grausam geltenden Exekutionsverfahrens. Er versucht, den Reisenden für den Todes-Apparat und das mit ihm verbundene Strafsystem zu gewinnen. Nachdem sich der Reisende gegen diese Form der Hinrichtung ausspricht, lässt sich der Offizier selbst von der Maschine zu Tode foltern. Den Sträfling begnadigt er zuvor.

Die Analyse wird sich auf das „Wie“ der Erzählung, das heißt die Art und Weise der Darstellung des Geschehens, konzentrieren. Die Eigenheiten von Kafkas Text sollen zum Vorschein kommen. Hingegen wird das „Was“ der Erzählung – der vermittelte Inhalt und seine Bedeutung – nicht untersucht. Dieser Schwerpunkt resultiert aus Genettes Methode zur Analyse von Erzählungen. Er unterscheidet zwischen den Ebenen Geschichte (histoire: der „narrative Inhalt“, „die Gesamtheit der erzählten Ereignisse“), Erzählung (récit: „die Aussage“, der „narrative[.] Text oder Diskurs“) und Narration (narration: den „produzierenden narrativen Akt“, das Erzählen).[7] Weil Geschichte und Narration nur vermittelt durch den narrativen Diskurs existieren, bezieht sich seine Untersuchung im Wesentlichen auf diesen. Genette unterscheidet in seiner Analyse die Beziehungen zwischen Erzählung und Geschichte (Kategorien Zeit und Modus), zwischen Erzählung und Narration (Kategorie Stimme) sowie – soweit beide in den Diskurs eingeschrieben sind – zwischen Geschichte und Narration (Kategorie Stimme).[8]

Nach diesem Modell soll auch die Untersuchung von Kafkas In der Strafkolonie erfolgen. Die Analyse gliedert sich in die Kategorien Zeit, Modus und Stimme. Die von Genette verwendete Terminologie wird gegebenenfalls durch Begriffe anderer Erzähltheoretiker ergänzt.

2. Zeit

2.1. Erzählzeit und erzählte Zeit

Der Literaturwissenschaftler Günther Müller hat erstmals die besonderen Zeitverhältnisse der Erzählung reflektiert und das Begriffspaar erzählte Zeit vs. Erzählzeit geprägt.[9] Genette übernimmt diese Unterscheidung für sein Analyse-Modell. Er differenziert zwischen der „Zeit der Geschichte“ und der „Zeit der Erzählung“ – also der Zeitdauer der erzählten Geschichte und der Zeitdauer, die für die Darstellung der Geschichte aufgewendet und am Textumfang gemessen wird.[10] In Kafkas In der Strafkolonie entspricht die Zeit der Erzählung einem Umfang von 23 ½ Druckseiten, während die in diesem Rahmen erzählte Geschichte einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten umfasst. Wie viel Zeit genau zwischen dem Aufbau der Strafkolonie unter dem alten Kommandanten und dem Tag der Selbstexekution des letzten bekennenden Befürworters seines Strafsystems vergeht, lässt der Text offen. Der zwischenzeitlich erfolgende Tod des alten Kommandanten und der beginnende Abbau des für viele Jahre unabänderbaren Strafsystems unter einem neuen Kommandanten sind Indizien für eine mehrere Jahrzehnte umfassende Geschichte.

Das von Genette entwickelte System narrativer Zeitanalyse geht weit über die Unterscheidung zwischen Zeit der Erzählung und Zeit der Geschichte hinaus. Das Verhältnis zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit systematisiert er in drei Kategorien, auf die Kafkas Erzählung im Folgenden untersucht werden soll: zeitliche Ordnung, Dauer und Frequenz. Der Schwerpunkt der Analyse liegt auf der Ordnung sowie der Dauer.

2.2. Zeitliche Ordnung

Die chronologische Ordnung eines Geschehens kann in einer Erzählung umgestellt werden. Genette bezeichnet die Dissonanz zwischen der zeitlichen Abfolge des Geschehens und der Anordnung seiner Darstellung im Rahmen der Erzählung als narrative Anachronie.[11] Die temporale Analyse von Kafkas In der Strafkolonie zeigt, dass auch in dieser Erzählung eine Anachronie vorliegt. Die chronologische Abfolge der Geschichte wird durch Analepsen (Rückwendungen) und Prolepsen (Vorausdeutungen, Vorgriffe) umgestellt.

Um die Abfolgeverhältnisse deutlich zu machen, ist zunächst eine Gliederung des narrativen Diskurses in Segmente, also kleine zeitliche Einheiten, notwendig. Die Einteilung von Kafkas Text erweist sich als schwierig. Immer wieder werden kurze Analepsen – oft nur für die Länge eines halben Satzes – verwendet.[12] Diese Auffälligkeit ist prägend für den Text, muss aber bei der Segmentierung auf der Makroebene unberücksichtigt bleiben. Nur auf diese Weise kann eine noch überschaubare Einteilung vorgenommen werden.

So ergibt sich Folgendes: Die Erzählung hat 13 Bestandteile, die der Reihenfolge ihres Erscheinen im Text nach A, B, C, D, E, F, G, H, I, K, L, M benannt werden. Segment A umfasst die vorbereiteten Arbeiten für die Exekution und ist zugleich die Exposition (Seite 100 bis Seite 101). Im zweiten Abschnitt wird die Entstehung des Apparates, der eine Erfindung des alten Kommandanten ist, geschildert (S.101). Das Ende des Segments B und damit den Übergang zum Segment C markiert die Stelle „aber ich schwätze“. Anschließend erklärt der Offizier die Funktionsweise des Apparates (S.101 bis S.103). Mit der Frage des Reisenden nach dem Urteil beginnt Segment D. Der Offizier erläutert die Vollstreckung durch das Auf-den-Leib-Schreiben, die Unkenntnis des Hinzurichtenden über seine Verurteilung, seine eigene Funktion als Richter und die immer zweifelsfreie Schuld (S.103 bis S.105). Die zum Urteil führende Verfehlung des Sträflings wird im Segment E geschildert (S.105). Im Segment F setzt der Offizier seine Erklärungen zur Funktionsweise des Apparates fort und schnallt den Sträfling für die Exekution an den Apparat (S.105 bis S.109). Es folgen die Abwägungen des Reisenden über ein mögliches Eingreifen im Segment G (S.109 bis S.110) und das Erbrechen des Sträflings im Segment H (S.110 bis S.110). Im nächsten Abschnitt – Segment I – gibt der Offizier den Ablauf der Exekution unter dem alten Kommandanten als feierliches Ereignis wieder (S.110 bis S.112). Das Segment J umfasst den Versuch des Offiziers, den Reisenden für sich zu gewinnen, und den Plan, den sich der Offizier für die Sitzung am Tag nach der Exekution zurecht gelegt hat (S.112 bis S.116). Mit dem Satz „Die Antwort, die er zu geben hatte, war für den Reisenden von allem Anfang an zweifellos“ beginnt das Segment K. In dieser Passage spricht sich der Reisende offen gegen das Hinrichtungsverfahren aus (S.116 bis S.121). Die Befreiung des Sträflings und die Selbstexekution des Offiziers bilden den vorletzten Teil (S.117 bis S.121). Im Schlussteil, dem Segment M, wird die Besichtigung der prophetischen Grabinschrift und Abreise des Reisenden geschildert (S.122 bis S.123).

Untersucht man die Segmente gemäß ihrer jeweiligen Position in der Zeit der Geschichte, ergibt sich folgende Formel für die Abfolgeverhältnisse:

A4-B1-C5-D6-E3-F7-G8-H9-I2-J13-K10-L11-M12.

Das erste Ereignis in der Chronologie wird in der Erzählung beispielsweise an zweiter Stelle erzählt, das zweite Ereignis an neunter Stelle. Die chronologische Ordnung ist also umgestellt. Die 13 Segmente verteilen sich auf drei Zeitpositionen: 1 (früher), 2 (jetzt), 3 (später). Die Formel für die Zeitpositionen lautet folglich:

A2-B1-C2-D2-E1-F2-G2-H2-I1-J3-K2-L2-M2.

Der Einfachheit halber wurde bei der Formelgebung vom iterativen Charakter einiger Segmente abgesehen. Dass einmal erzählt wird, was sich wiederholt ereignet hat, ist aber dennoch ein prägendes Textmerkmal. In dieser Arbeit wird darauf später unter dem Aspekt der Frequenz eingegangen.

In Kafkas Erzählung gibt es drei längere Abschnitte in Form von Analepsen und einen in Form einer Prolepse. Während sich die Analepsen in etwa gleichmäßigen Abständen über den Text verteilen, ist die Prolepse zu Beginn des letzten Drittels zu finden. Die Rückwendungen und auch die Vorausdeutung sind an den Wahrnehmungshorizont einer Figur, in diesem Fall den des Offiziers, gebunden und damit subjektiv. Dass sie nicht an die Gegenwart der erzählten Geschichte heran reichen und folglich einen partiellen Charakter haben, ist eine weitere Gemeinsamkeit. Sowohl die drei Analepsen als auch die Prolepse liefern im Text ein ergänzendes Glied der Geschichte nach. Sie sind also kompletiv und zugleich intern, weil sie innerhalb der Basiserzählung angesiedelt sind.

Die Reichweite der ersten Analepse im Text kann nur annähernd bestimmt werden. Vieles deutet darauf hin, dass die zeitliche Distanz zwischen der Entstehung der Strafkolonie sowie des Todes-Apparates und dem Zeitpunkt, an dem der Offizier davon erzählt, Jahrzehnte umfasst. Die Indizien wurden im Kapitel zu Erzählzeit und erzählter Zeit bereits behandelt. Ebenso wie die Reichweite lässt sich auch der Umfang – von Genette als die Zeitdauer des in der Rückwendung dargestellten Ereignisses definiert[13] – bei dieser Analepse nur schätzen. Der Offizier berichtet von den ersten Versuchen mit dem Apparat, vom Tod des alten Kommandanten und der Erkenntnis seines Nachfolgers, es mit einem nahezu unabänderbaren Strafsystem zu tun zu haben. Der Umfang beläuft sich also ebenfalls auf Jahrzehnte.

Die zweite Analepse im Text führt in der Chronologie der Ereignisse nur um etwa einen halben Tag vom gegenwärtigen Augenblick in der erzählten Geschichte zurück und umfasst nur einen kleinen Zeitraum von erzählter Zeit: Um 2 Uhr nachts verletzt der Sträfling seine Gehorsamspflicht und noch am Vormittag desselben Tages berichtet der Offizier davon. Er erzählt, was sich vom Zeitpunkt der Übertretung an bis zum Anlegen der Fesseln etwa eine Stunde vor dem gegenwärtigen Zeitpunkt der Geschichte ereignet hat.

Die dritte Analepse hat einen Umfang von etwa einem Tag: Die Zeit von der Ankunft der Zuschauer einen Tag vor der Hinrichtung bis zur vollendeten Exekution wird in Form einer iterativen Erzählung geschildert. Die Reichweite der Rückwendung ist nicht bestimmbar.

In der Prolepse wird geschildert, was aus der Sicht des Offiziers einen Tag vom gegenwärtigen Augenblick in der erzählten Geschichte entfernt (= Reichweite) innerhalb von mehreren Stunden (= Umfang) geschehen wird. Es handelt sich um eine zukunftsungewisse Vorausdeutung, die auf den Wahrnehmungshorizont einer Figur beschränkt ist. Ob deren Wünsche und Vorstellungen, die sich auf die Zukunft beziehen, eintreffen, ist unsicher. In Genettes Terminologie gibt es die Unterscheidung zwischen zukunftsungewisser und zukunftsgewisser Vorausdeutung nicht. Die Begriffe hat Eberhard Lämmert[14] geprägt.

[...]


[1] Vgl. Matias Martinez/Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie, 5. Auflage, München 2003, S. 7.

[2] Gérard Genette: Discours du récit, in: Ders.: Figures III, Paris 1972, S. 67-273. Dieser Analyse liegt die deutschsprachige Ausgabe zu Grunde: Gérard Genette: Die Erzählung, Aus dem Französischen von Andreas Knop, 2. Auflage, München 1998.

[3] Jonathan Culler trifft diese Aussagen laut Jochen Vogt sinngemäß im Vorwort der englischen Ausgabe von Genettes Discours du récit. Jonathan Culler: Foreword to Genette, in: Gérard Genette: Narrative Discourse, Transl. by. Jane E. Lewin, Forew. by Jonathan Culler, Oxford 1980. Zitiert nach: Jochen Vogt: Nachwort des Herausgebers, in: Genette, Die Erzählung, S. 299-303, hier S. 300.

[4] Vgl. Ebd.

[5] Ebd.

[6] Franz Kafka: In der Strafkolonie, in: Paul Raabe (Hg.): Franz Kafka, Sämtliche Erzählungen, Frankfurt am Main 1990, S. 100-123.

[7] Genette, Die Erzählung, S. 16.

[8] Vgl. Ebd., S. 17.

[9] Vgl. Martinez/Scheffel, Einführung in die Erzähltheorie, S. 31.

[10] Vgl. Genette, Die Erzählung, S. 21f.

[11] Vgl. Genette, Die Erzählung, S. 22f.

[12] Häufig verknüpft der Offizier seine Erläuterungen mit kurzen Rückblicken, die sich meist nur über einen Satzteil erstrecken. Solch eine Analepse findet sich beispielsweise auf Seite 104: „Der neue [Kommandant] hat allerdings schon Lust gezeigt, in mein Gericht sich einzumischen, es ist mir aber bisher gelungen, ihn abzuwehren [= Analepse ], und wird mir auch weiter gelingen“. Kafka, In der Strafkolonie, S. 104. Auch die längeren Analepsen, die im Rahmen der Segmentierung festgelegt wurden, bestehen im Detail aus vielen kurzen Analepsen.

[13] Vgl. Genette, Die Erzählung, S. 31f.

[14] Vgl. Eberhard Lämmert, Bauformen des Erzählens, Stuttgart 1955, S. 143-192.

Details

Seiten
24
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638571890
ISBN (Buch)
9783638598958
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v64345
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Deutsche und Niederländische Philologie
Note
1,0
Schlagworte
Franz Kafkas Strafkolonie Eine Analyse Ansatz Gerard Genette Erzähltheorie

Autor

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Titel: Franz Kafkas "In der Strafkolonie": Eine Analyse nach dem erzähltheoretischen Ansatz von Gérard Genette