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Amerika als Mythos der modernen Welt - Wunsch und Alptraum um 1900

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 28 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Das Motiv der Ankunft

3 Das Amerikabild anfangs des 20. Jahrhunderts
3.1 Politik und Soziologie
3.2 Wunschbilder und Albträume

4 Das deutsche Amerikabild in der Literatur am Beispiel Kafkas
4.1 Das allermodernste New York
4.2 Kafkas Informationen über Amerika
4.3 Kafkas Amerikadarstellung
4.4 Fantasie oder Realität mit welchem Ende?

5 Amerikabilder anderer Autoren des 20. Jhds
5.1 Gustav Frenssens Briefe aus Amerika
5.2 B.Travens Roman Das Totenschiff
5.3 Adolf Halfelds Amerika und der Amerikanismus

6 Unterschiede zu Kafka

7 Schlussbetrachtung

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Amerika, das gelobte Land. So sahen viele Einwanderer im 19. Jahrhundert Nordamerika, das allgemein gültig mit dem Namen Amerika überschrieben wurde. Amerika wurde als die ‚Neue Welt’ gepriesen und als das Land der Hoffnung dargestellt. Die Wurzeln des allgemeinen Interesses für Nordamerika liegen im Europa des 19. Jahrhunderts im erfolgreichen amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, der die Amerikaner frei von der englischen Kolonialherrschaft machte. Auch in den darauf folgenden Jahrhunderten waren die Begriffe des ‚American Dream’ und der ‚Chance für jeden’ geläufig. Jedoch wurde das Amerikabild zunehmend kontrovers diskutiert und es herrschte nicht mehr primär das Bild des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten vor. Die Begriffe Ausbeutung und Elend rückten immer mehr in das Blickfeld der Einwanderer und Amerika erschien nicht mehr als das gepriesene Land, in dem jeder Arbeit finden und erfolgreich sein konnte, wenn er nur wollte. Anonymität, Ersetzbarkeit und Entpersönlichung bestimmten immer mehr den Alltag und die Arbeitsverhältnisse. Diese Verschiebung in der Sichtweise kann, wie in Kapitel vier klar wird, anhand der Literatur der jeweiligen Zeit deutlich gemacht werden. Trotz dieser Veränderung scheint das Land der unbegrenzten Möglichkeiten noch immer im Hintergrund zu lauern, wie beispielsweise in Kafkas Der Verschollene. Das große Theater von Oklahoma verspricht jedem Arbeit und weist auf die Erfüllung des amerikanischen Traums hin. Auch wenn der Roman an sich eher das Gegenteil des amerikanischen Traums zu proklamieren scheint, war Kafka doch davon überzeugt, dass Amerika das „Zauberland der unbeschränkten Möglichkeiten“ ist im Gegensatz zu Europa, das „immer mehr und mehr zum Land der unmöglichen Beschränktheit wird“.[1]

Diese Arbeit orientiert sich vorrangig am literarischen Beispiel des Romans Der Verschollene von Franz Kafka, der auch als ‚Amerikaroman’ bekannt wurde. Unter all den Darstellungen des modernen Amerika in der Literatur ist auf den ersten Blick kaum eine befremdlicher als diejenige von Franz Kafka. Viele Autoren vor Kafka hatten sich auf Amerika als das Land unzähliger Möglichkeiten und Chancen, als ein Asyl für unterdrückte und verfolgte Europäer, bezogen. Kafkas Darstellung ist jedoch weitaus kritischer, denn er wusste unter anderem durch Arthur Holitschers Artikel in der Neuen Rundschau über die Kehrseite des hochgelobten Landes Bescheid. Zum Vergleich mit anderen zeitgenössischen Darstellungen über Amerika werden zusätzliche nicht so bekannte Beispiele aus der Literatur des 20. Jahrhunderts herangezogen. Anfangs wird das Motiv der Ankunft thematisiert, das sich wiederholt in der Literatur findet und das auf prägnante Weise den Amerikamythos mit seinem Freiheitsglauben widerspiegelt. Das erste Stück Amerika, das die Einwanderer zu Gesicht bekommen, ist das Symbol der Freiheit, verkörpert durch die Freiheitsstatue.

2 Das Motiv der Ankunft

Das Motiv der Ankunft zieht sich seit der Landung der Pilgerväter durch die amerikanische Literatur. Die Einwanderer erreichten Ellis Island und das zentrale Element, das die Freiheitsstatue verkörperte, war die Hoffnung. Sie hofften auf Freiheit: religiöse Freiheit und weltliche Freiheit zur Selbstbestimmung. Der Mythos des armen, aber arbeitswilligen Einwanderers, der vie erreichen kann, wenn er sich nur bemüht, ist hier am prägnantesten vertreten. In der Literatur findet sich ein solches Beispiel für die Statue als Hoffnungsträger bei Emma Goldman in Living my Life (1931):

Ah, da war sie, Symbol der Hoffnung, der Freiheit, der (unbegrenzten) Möglichkeiten. Sie hob die Fackel in die Höhe, um den Weg in ein freies Land zu leuchten, das Asyl für die Unterdrückten aller Länder.[2]

Eine andere Sicht der Dinge weist die fiktive Figur des Seemanns Gale aus dem Totenschiff auf:

Und wenn ich bei einer Einfahrt in den Hafen eines großen Landes eine Riesenstatue der Freiheit sehe, so braucht mir niemand zu erzählen, was hinter der Statue los ist. Wo man so laut schreien muss: Wir sind ein Volk von freien Menschen!, da will man nur die Tatsachen verdecken, dass die Freiheit vor die Hunde gegangen ist [...].[3]

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts geht der Siedlungsraum in Amerika allmählich zur Neige und die Freiheitsgöttin symbolisiert nicht länger die Mutter aller Verbannten und Ausgestoßenen, denn jetzt kann nicht mehr jeder ohne Formalitäten nach Amerika einreisen. Es wird ausgemustert, wer das Geschenk der Freiheit verdient und wer nicht. Auch bei Kafka erscheint die Freiheitsstatue im Verschollenen als eine Art Göttin, die jedoch anstatt der Fackel ein Schwert in der Hand hält. Das Schwert steht für die Gerechtigkeit, nach der Karl Roßmann im Roman durchgehend trachtet, die ihm jedoch bis zuletzt vorenthalten wird. Erst als er dem Theater von Oklahoma beitritt, scheint sich seine Lage zu verbessern, wobei allerdings der Ausgang dieser Anstellung ungewiss bleibt. Die Freiheitsstatue verkörpert, wie ihr Name schon sagt, für viele die Freiheit in einem neuen Land, in dem ihre Anstrengungen honoriert werden. Andere jedoch erkennen in ihr eine unübersehbar zur Schau getragene Illusion, die das verkörpert, das sein sollte, in der Realität aber nicht vorhanden ist.

3 Das Amerikabild anfangs des 20. Jahrhunderts

3.1 Politik und Soziologie

Der Mythos Amerika verspricht jedem eine Chance erfolgreich zu werden. Von der Legende des Tellerwäschers, der zum Millionär wurde, haben die meisten Passagiere auf den Einwanderungsschiffen anfangs des 20. Jahrhundert schon einmal gehört. Wer es nicht zu etwas bringt, ist selbst schuld. Beispiele dafür, dass der amerikanische Traum funktioniert, gibt es genug: Der Stahlmagnat Andrew Carnegie begann als Telegrafist, King Camp Gillette erfand die Rasierklinge, während er als kleiner Vertreter durch das Land reiste und John D. Rockefeller war zu Beginn seiner Karriere ein Buchhalter. Obwohl diese Männer nur Einzelbeispiele sind, wurden sie von der Allgemeinheit als Vorbild und Beweis des ‚American Dream’ angesehen. Ein Großteil der hoffnungsfrohen Einwanderer waren Europäer. Eine enge Verknüpfung der nordamerikanischen Gesellschaft mit Europa entstand einerseits durch die Auswanderung von jährlich ca. einer Million Europäer und durch den intensiven transatlantischen Handel. Andererseits hat sie ihren Ursprung in der Investition europäischen Kapitals in amerikanische Aktiengesellschaften und in der Rivalität um Kolonialherrschaft in Lateinamerika und im Pazifik. Es spielten jedoch auch die Kontakte der kulturellen Eliten eine Rolle. Sie bewirkten in New York, London, Paris, Rom und Berlin den großen kultur- und geistesgeschichtlichen Umbruch. Rückblickend wird dieser Umbruch heute als Durchbruch zur Moderne bezeichnet. Die Bevölkerung der USA wuchs zwischen 1900 (76 Mio.) und 1920 (105 Mio) um ungefähr die Hälfte. Die Anzahl der Großstädte stieg von 38 im Jahr 1900 auf 68 im Jahr 1920. Diese Konzentration von ansteigenden Menschenmassen bewirkte vielfältigen Wandel in allen möglichen Lebensbereichen. Ein Preis für das schnelle Wachstum waren die Elendsviertel, die als ‚slums’ bezeichnet werden. New Yorks Elendsviertel beherbergten im Jahr 1900 über 1,5 Mio. Menschen, die auf engsten Räumen mit minimal ausgestatteten sanitären Anlagen zusammenlebten. Trotzdem lockten die insgesamt besseren Erwerbsmöglichkeiten in Amerika ca. 14,5, Millionen Einwanderer zwischen 1900 und 1920 ins Land.[4] Die verschiedenen Einwanderergruppen siedelten sich gemäß ihrer Herkunft in verschiedenen Städten und Regionen an. Es gab Tageszeitungen in den verschiedenen Sprachen wie beispielsweise in deutscher Sprache die Chicagoer Abendzeitung (1879-1919) oder die größte deutschsprachige Zeitung, die New Yorker Staatszeitung (1843-1954).[5] Die Einwanderer mussten jedoch bald erfahren, dass die Erwerbsmöglichkeiten keineswegs immer besser, die Bedingungen etwas zu erreichen jedoch wesentlich härter waren. Die moderne Industriegesellschaft, zu der sich Amerika hochgearbeitet hatte, unterwarf den Menschen und ließ ihm keine Zeit sich selbst zu entfalten. Im Verschollenen scheint die Industriegesellschaft vergleichbar mit einer „frühmenschliche[n] Welt kollektiver Horden, tiermythischer Atavismen und monoton kreislaufartiger Wiederkehr des Immergleichen"[6]. Kafkas beschriebene Industriegesellschaft scheint uns in der heutigen Zeit näher denn je, denn die Entpersönlichung durch die Industrie rückt immer weiter voran. Der Mensch wird zurückversetzt in eine primitive Welt, der eine Geschichte, ein Zeitbewusstsein und die personale Verantwortung fehlt. Die pausenlose Hektik und Eile der Arbeitswelt verdrängt das Menschliche. Nichtsdestotrotz existieren die Wunschbilder weiterhin. Wunschbilder von einer Gesellschaft, die jedem Einzelnen eine Chance gibt.

3.2 Wunschbilder und Albträume

Durch die Einzelschicksale der Erfolgreichen, die alle klein angefangen haben, wurden die Wunschvorstellungen über das Land der unbegrenzten Möglichkeiten erst richtig angeregt. Viele Einwanderer, die in ihrem Heimatland keine Chancen mehr sahen, wandten sich dem vielversprechenden Amerikamythos zu. Doch für den Großteil dieser Menschen endete der Wunschtraum in einem Albtraum. Sie fanden keine Arbeit, sie sprachen nicht die Sprache des Landes und lebten in Gettos ohne große Chancen dort je wieder herauszufinden. Durch das amerikanische Wirtschaftswunder wurde die Ausbeutung vieler Arbeiter erst möglich. 95 Prozent gehörten keiner Gewerkschaft an, es gab keine Gesetze gegen Kinderarbeit, keinen Mindestlohn, keine Sozialversicherung und keine Entschädigung bei Arbeitsunfällen. Trotzdem hatte Amerika mit über 30.000 Toten pro Jahr die höchste Unfallrate aller Industrienationen.[7] Die Arbeiter hatten es schwer, sich gegen das Unrecht zu wehren. Anders als in Europa waren die Belegschaften ein Haufen zusammengewürfelter Minderheiten, getrennt durch Sprache, Religion, Rasse oder Abstammung. Der Traum vom großen Geld und Glück wurde für viele Einwanderer zur Elendsfalle, aus der sie sich nur schwer wieder befreien konnten.

Der Grundgedanke des ‚American Dream’ ist auch in der Unabhängigkeitserklärung der USA zu finden. Dort heißt es, dass die Bevölkerung ungerechte Herrscher absetzen und sich selbst eine politische Ordnung geben dürfe. Nur so könne das Streben nach Glück, eines der unveräußerlichen Grundrechte des Menschen, gewährleistet werden. Auch heute noch sind viele Menschen davon überzeugt, dass der ‚American Dream’, der amerikanische Traum immer noch lebendig ist oder zumindest im Idealfall jedem Individuum das Streben nach Glück ermöglicht. Ein großes Problem, das der Traum vom Glück hervorruft, ist, dass allgemein angenommen wird, dass jede Armut durch Faulheit des Betreffenden zustande kommt. Dies fördert die Ausgrenzung ärmerer Schichten einer Gesellschaft, was sich in den Vereinigten Staaten, im Gegensatz zu europäischen Ländern, im sehr schwachen sozialen Netz widerspiegelt.

[...]


[1] Janouch, Gustav: Gespräche mit Kafka. Erinnerungen und Aufzeichnungen. Frankfurt: S. Fischer 1951. S. 89.

[2] Zitiert nach: Bischoff, Volker /Maria Mania: Melting Pot-Mythen als Szenarien amerikanischer Identität zur Zeit der New Immigration. In: Bernhard Giesen (Hrsg.): nationale und kulturelle Identität. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewusstseins in der Neuzeit. Frankfurt am Main: 1993. S. 513.

[3] Traven, B.: Das Totenschiff. S. 99.

[4] Vgl. Adams, Willi Paul: Die USA im 20. Jahrhundert. Band 29. München: Oldenbourg 2000. S. 18-23.

[5] Vgl. Ebenda.

[6] Wolf, Franz: Franz Kafka. Frankfurt am Main: Athenäum 1970. S. 228.

[7] Vgl. Sendker, Jan-Philipp: Als der amerikanische Traum wahr wurde. URL :

http://www.stern.de/politik/ausland/94193.html?p=3&nv=ct_cb&eid=501298. (31.5.06)

Details

Seiten
28
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638571302
ISBN (Buch)
9783638735735
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v64261
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für deutsche Sprache und Literatur
Note
2,5
Schlagworte
Amerika Mythos Welt Wunsch Alptraum Kafkas Romane Beispiele Moderne

Autor

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