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Zur Gattungsgeschichte der Ballade und ihrer historischen Entwicklung

Seminararbeit 2001 27 Seiten

Germanistik - Gattungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Was ist eine Gattung? (Modell eines Gestaltungsschemas oder Idealtypus?)

3) Was ist eine Ballade?
3.1) Die Ballade im Gefüge der Gattungen

4) Balladentypen
4.1) historischer Abriss
4.2) Die numinose und historische Ballade (Charakteristika, Interpretation)
4.3) Vergleich der numinosen mit der historischen Ballade und Ausblick auf die soziale Ballade

5) Zusammenfassung / Ausblick

6) Literaturverzeichnis

1) Einleitung

Das Thema meiner Hausarbeit ist die Gattungsgeschichte der Ballade und ihre historische Entwicklung. Außerdem möchte ich versuchen zu zeigen, warum sie über einen so langen Zeitraum hinweg zu den beliebtesten literarischen Gattungen zählen konnte. Um eine der­artige Entwicklung überhaupt darstellen zu können, muss zu Beginn der Frage nachgegangen werden, was eine Gattung ist, da die Ballade selbst eine literarische Gattung verkörpert. Im Anschluss daran soll geklärt werden, wie der Begriff „Ballade“ im Allgemeinen definiert werden kann und was er beinhaltet. Danach habe ich versucht, den Balladenbegriff in das einleitend erwähnte Gattungsgefüge einzuordnen.

Nachdem nun zuerst die allgemeinen Fakten geklärt worden sind, kann mit der eigentlichen Typologisierung begonnen werden. Im Folgenden habe ich den Versuch unternommen zu zeigen, welche Balladenarten es in einer bestimmten Epoche gegeben hat und wer ihre wichtigsten Vertreter waren. Aufgrund ihrer starken Ausprägung folgt hierauf eine Heraus­stellung der numinosen und sozialen Ballade. Dabei möchte ich im Einzelnen auf die ent­sprechenden Charakteristika des jeweiligen Typus hinweisen, die anhand eines kurz inter­pretierten Beispiels belegt werden. Zum Schluss wird ein kurzer Ausblick auf die nachfol­gende Balladenart, die soziale Ballade, gegeben, der sich an eine Zusammenfassung des zuvor Beschriebenen angliedert.

2) Was ist eine Gattung?

„Eine Gattung ist die Gesamtheit von Einzeldingen, Einzelwesen, die in wesentlichen Eigenschaften übereinstimmen!“1

So lautet die Aussage eines Ethymologischen Lexikons auf der Suche nach einer Definition. Tatsächlich ist das Gattungsproblem ist eines der ältesten und bis heute eines der am hef­tigsten umstrittenen Probleme der Literaturwissenschaft, mit dem nicht zuletzt auch die Frage nach ihrer Wissenschaftlichkeit berührt wird. Erst nachdem mit der Geniebewegung des 18. Jahrhunderts und dem beginnenden Historismus die Gattungen ihre Mustergültigkeit verloren hatten, wurde die Auseinandersetzung auf das Feld der Poetik übertragen, wo sie bis heute mit unterschiedlich starken Ausprägungen fortbesteht. Versucht man eine geeig­nete Definition für diesen Begriff zu bekommen, zum Beispiel aus dem Duden oder einem Lexikon, so erhält man wiederum keine eindeutige Antwort auf die zu Beginn gestellte Frage. Nachweisen kann man jedoch bei allen folgende Übereinstimmungen: erste nach­weisbare Erklärungs- und Definitionsversuche gab es bereits bei Aristoteles. Im 18. Jahr­hundert kristallisieren sich nach heftigen Diskussionen drei Grundgattungen heraus, und zwar die Lyrik, die Epik und die Dramatik. Diese wurden von Goethe als Naturformen der Poesie bezeichnet beziehungsweise unterschieden2 und waren gemäß seiner Auslegung bis in das 19. Jahrhundert hinein prägend. Weil jene drei Formen aber in unterschiedlich starker Ausprägung vorkommen, je nach Haltung des Dichters, besitzt die entsprechende Gattung keine konventionellen oder starren Formen. Immer wieder wird aufs Neue hinterfragt, so dass (unter der Prämisse, dass die Gattungstypologie sachlich bleiben soll) die Gattung nicht mehr als ein Ordnungsschema beziehungsweise eine Orientierungshilfe sein kann, die zur Klassifikation vorliegender Werke dient. Auch hierbei treten erneut Grenzfälle oder Misch­formen auf. Des weiteren kam man überein, dass man auch Untergruppen der oben genann­ten Grundformen als Gattung bezeichnen kann, wobei sowohl formale (Vers, Prosa, So­nett,...) als auch inhaltlich-tendenzielle (Abenteuer- / Kriminalromane, Gespensterge-schichten,...) Aspekte eine Rolle spielen.3 Zu diesen Untergattungen zählen unter anderem Oden, Hymen, Elegien oder auch die Balladen. Da äußere Gegebenheiten, historische Ereig­nisse, literarische Mischformen etc., immer wieder die Zuordnung erschweren, ist es auch verständlich, dass es bis heute keine eindeutige Antwort auf die Frage „Was ist eine Gat­tung?“ gibt. Zusammengefasst heißt das, dass der übliche Begriff für die diversen literari­schen Phänomene der der Gattung ist. Hierbei war und ist vor allem zu bedenken, dass die aufgenommenen Bezeichnungen zum Teil auf unterschiedlichen Abstraktionsebenen lie­gen (zum Beispiel Bildungsroman / Roman, Schauspiel / Drama) und schon deshalb einen mög­lichst allgemeinen Oberbegriff erforderlich machen. Auch sollten nach Meinung der Lite­raturwissenschaftler Grenzfälle des konventionellen Gattungssystems wie Groteske, Parodie oder Satire miteinbezogen werden.4 Eine deutlichere Abgrenzung hingegen erfolgt zwischen der Definition des Gattungsbegriffs und des Ausdrucks „Textsorte“. Er wurde als Bezeich­nung für alle literarisch fixierten Texte eingeführt.5 Diese Form der Texttypologie versucht Werke unter anderem nach funktionalen oder sozialen Kriterien zu kategorisieren. In diesem Punkt grenzt sich auch die Textsorte von der Gattung ab. Denn die zuvor genannten Kriterien stehen in Kontrast zur formalen und intentionalen Bezeichnung der an der prinzipiellen Drei­teilung (Lyrik, Dramatik, Epik) orientierten, auf poetische und fiktionale Texte zugeschnitte­nen Einteilung der älteren Literaturwissenschaft.6 Somit kann auch hier wiederum festgehal­ten werden, dass die Gattung kein Idealtypus für eine Kategorisierung, sondern lediglich ein Modell beziehungsweise ein Gestaltungsschema ist.

3) Was ist eine Ballade?

Nachdem nun einigermaßen deutlich dargestellt werden konnte, was eine Gattung ist, möchte ich im Folgenden dem Begriff der Ballade widmen. Denn schließlich bilden die Ballade und ihre Entwicklungsgeschichte das Zentrum dieser Arbeit. Der Begriff selbst hat seinen Ursprung im lateinischen Wort „ballare“ (= tanzen) beziehungsweise im italienischen Wort (ballata“). Seit dem 12. Jahrhundert ist dieser Ausdruck bei den südromanischen Völ­kern in der Bedeutung „Tanzlied“ gebräuchlich. Die Ballade tritt zu dieser Zeit als lied­förmige Erzählung, die von einer merkwürdigen Begebenheit berichtet, in Erscheinung. Im Frankreich des 14. und 15. Jahrhunderts verbreitet sich die Ballade relativ schnell, allerdings in einer streng gebauten Gedichtform, in der sich der Kehrreim nach jeder Strophe wieder­holt.7 Im Deutschen dagegen wird der Begriff „Ballade“ erstmalig im 16. Jahrhundert belegt. Allerdings stammt die Bedeutung „Tanzlied“ in diesem Fall von dem französischen Wort “ballade“ ab, welches wiederum seinen Ursprung in dem zuvor genannten lateinischen beziehungsweise italienischen Wort hat. Endgültig durchgesetzt hat sich die Ballade aller­dings erst im 18. Jahrhundert. beeinflusst von der englischen Balladendichtung wurde der Name zuerst aus dem schottischen als alte erzählende Volkslieder übertragen. Die englisch-schottische „ballade“, die nun in Deutschland, unter anderem mit Hilfe G.A. Bürgers oder Goethes, immer weiter Einzug erhält, leitet um 1770 die Kunstballadendichtung ein. Als das „klassische Balladenjahr“ wurde das Jahr 1779 bezeichnet. Das klassische Vorbild, welches Goethe und besonders Schiller waren, wirkte über die Romantik bis weit in das 19. Jahrhun­dert. Inhaltlich gibt die Ballade eine einheitliche Grundstimmung wieder, die meistens düs­tere oder tragische Züge besitzt. Sie bietet eine Gegendarstellung von der „inneren“ und „äußeren“ Natur einer Person. Diese enthält außerdem häufig irrationale Züge.8 Formal gesehen weist die Ballade teilweise sehr starke Parallelen, aber auch Unterschiede zu den drei Naturformen Epik, Lyrik, Dramatik auf. Zum Beispiel ist die Epik in der Ballade stark verkürzt, womit eine deutliche Parallele zum Drama vorhanden ist. Dagegen tritt die Beschreibung völlig in den Hintergrund und der Bericht ist ebenfalls auf das Notwendigste begrenzt. Im Gegensatz dazu spielt die Szene eine wichtige Rolle. Erzählungen sind fast immer in Dialog- oder Monologform vorhanden und nehmen eine beherrschende Stellung ein. Auch lyrische Grundelemente treten vielfach in Erscheinung, nämlich immer dann, wenn eine Stimmung ausgedrückt oder besonders hervorgehoben werden soll. Dies geschieht zum Beispiel durch stimmungsvolle Symbole, Lautmalerei oder ähnliches. Eine feste Strophenform oder Metrik besitzt die Ballade jedoch nicht. die einzig vorkommende Strophenform ist die „Chevy – Chase -Strophe“. Sie ist eine spezielle Form der Volkslied­strophe sowie die häufigste Strophenform in der schottischen Volksballade. Diese wurde von Addison geprägt und vielfach im 18., 19. und 20. Jahrhundert verwendet.9 Außerdem weist die Ballade unterschiedliche Verszahlen auf. Am häufigsten lässt sich dieses Merkmal bei den Balladen Friedrich Schillers nachweisen, der sowohl komplizierte Formen als auch Abwechslungen liebte. Somit kann man abschließend festhalten, dass die Ballade nicht auf einen Formtyp festgelegt werden kann.

3.1) Die Ballade im Gefüge der Gattungen

Waren die Literaturwissenschaftler einst mit dem Problem konfrontiert worden, den Begriff der Gattung zu definieren, so stellte sich das gleiche Problem zunächst auch mit dem Aus­druck „Ballade“. Nachdem zuvor dargestellt wurde, was eine Ballade überhaupt ist, stellt sich nun der Frage, wie denn die Ballade nun in das komplexe Gattungsgefüge hineinpasst und welcher Gattung sie denn eigentlich am besten zuzuordnen ist. Goethe war der Ansicht, er könne in der Ballade die drei Grundgattungen Epik, Lyrik und Dramatik wiedererkennen. Somit hielt er die Ballade für das „Ur-Ei“ der Dichtung, da sie in ihr vereint sind.10 Weil Goethe außerdem zu dieser Zeit stark von den Herderschen Ideen beeinflusst war, vertrat er, genau wie Herder, die Meinung, dass in den balladenhaften Formen der Volkspoesie Urfor­men der menschlichen Poesie enthalten sind.11 Allerdings ging es Goethe bei seinem Ver­such, die Ballade zuzuordnen nicht in erster Linie um eine Definition derselben. Damit um­ging er zunächst die Schwierigkeiten, vor die sich alle anderen gestellt sahen. Denn dadurch, dass in der Ballade sowohl Epik als auch Lyrik und Dramatik miteinander vereint sind, bedarf es keiner genaueren Analyse welcher Grundgattung die Ballade denn nun genau bei­zustellen ist.

[...]

1 Ethymologisches Lexikon

2 Bertelsmann Universal Lexikon 2001. Bielefeld, 2001.

3 ebd.

4 Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus: Der Brockhaus multimedial 2001. Mannheim, 2000.

5 Sammlung Metzler: Ballade. Hg. v. Gottfried Weißert. 2., überarbeitete Auflage. Stuttgart: Carl Ernst Poeschel Verlag, 1993.

6 ebd.

7 Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus: Der Brockhaus multimedial 2001. Mannheim, 2000.

8 Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 7., verbesserte und erweiterte Auflage. Stuttgart: Alfred Körner Verlag. 1989.

9 Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 7., verbesserte und erweiterte Auflage. Stuttgart: Alfred Körner Verlag. 1989.

10 Sammlung Metzler: Ballade. Hg. v. Gottfried Weißert. 2., überarbeitete Auflage. Stuttgart: Carl Ernst Poeschel Verlag, 1993.

11 Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 7., verbesserte und erweiterte Auflage. Stuttgart: Alfred Körner Verlag. 1989

Details

Seiten
27
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638139939
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6425
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Literatur- und Sprachwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Gattungsgeschichte Ballade Entwicklung Ursprung Geschichte Kunstballade Kontext

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