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Die große Transformation - Fluch der Ökonomie oder Wohlstand bringender Segen (Unter Betrachtung von Karl Marx und Adam Smith)

Essay 2005 9 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Marcus Guhlan

Die Industrielle Revolution und der damit einhergehende Umbruch von der feudalen Agrar- gesellschaft hin zur modernen Industriegesellschaft war in den Meinungen der Apologeten der Beginn von wunderbarer Freiheit und ökonomischer Entfaltung. Die Skeptiker jedoch sind sich einig: diese Revolution ist der Ursprung von Pauperismus und Klassen- gegensätzen, von dem also, was wir heute die “soziale Schere“ nennen. Die wohl zwei wichtigsten Vertreter dieser Antithetik sollen im folgenden genauer betrachtet werden und dies wird dazu dienen, die unterschiedlichen Interpretationen der industriellen Trans- formation aus soziologischer Sicht zu verdeutlichen. Hierzu werden die Theorien von Karl Marx und Adam Smith herangezogen und, nach einer kurzen Darstellung der “Großen Transformation“, gegenübergestellt. Da die formalen Schranken für den folgenden Essay keine universelle Analyse beider Strömungen zulassen, werde ich allein auf die von Marx und Smith in Teilen diametral dargestellten Funktionen und Auswirkungen von Arbeit bzw. Arbeitsteilung eingehen.

Doch gehen wir zunächst einer Frage nach: Was löste die Metamorphose aus, wie entstand die moderne Gesellschaftsform? Wenn wir versuchen diese Frage zu beantworten, sollten wir jedoch strikt beachten, dass diese Große Transformation, die im England des 18. Jahrhunderts ihren Ursprung nimmt, keineswegs ein abgeschlossener, hinter uns liegender Umbruch ist. Noch immer - und schneller denn je - müssen wir Veränderungen globalen Ausmaßes Stand halten. Nun ist es allerdings sicher nicht falsch zu behaupten, dass diese Veränderungen auch die Konsequenzen dessen sind, was sich ökonomisch, politisch und kulturell im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts zu entfalten begann. Da für das Thema des Essays ausschließlich die ökonomische Revolution von Relevanz ist, wird auch nur diese in Grundzügen dargestellt.

Talcott Parsons stellte in seiner Analyse der industriellen Revolution fest, dass es sich dabei nicht um „eine plötzliche Revolution“ handelte, sondern vielmehr „eine lange und stetige Evolution“ voranging (1972: 97). Mit den Enclosure Acts in England im 16. Jahrhundert und der sich ausbreitenden Schafzucht wurde zwar zum einen das Fundament der späteren Baumwoll-Textilindustrie geschaffen, andererseits waren sie jedoch auch der Beginn der Vertreibungen der Bauern, die nun zum Zweck der Erwerbssuche in die Städte pilgerten. In London beispielsweise wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Schallmauer von einer Million Einwohner durchbrochen, die erste Millionenstadt der Welt (zum Vergleich: New York zählte zum gleichen Zeitpunkt knapp 60.000 Einwohner) wirkte wie ein Magnet (Daten aus Ackroyd 2002: 143).

Eine weitere, besonders wichtige Rolle im Theater der Industrialisierung spielte die Entwicklung „von Werkzeugen zur Herstellung von Werkzeugen“ (Parsons 1972, S. 99). Bahnbrechende Erfindungen, wie die Dampfmaschine, die Spinnmaschine, der mecha- nische Webstuhl, später die Lokomotive und das Dampfschiff, ermöglichten die völlige Neugestaltung des Produktionsprozesses sowie des Produkthandels. Die kostengünstigere industrielle Fertigung bewirkte, dass die Textilindustrie sich bald zur größten englischen Einzelindustrie entwickelte. Ihr großer Bedarf an Arbeitsmaschinen regte zugleich den Bergbau wie die Eisen erzeugende und verarbeitende Industrie an. Aber auch diese Wirt- schaftszweige trieben sich gegenseitig zu immer höherer Produktion an: Durch den Einsatz von Dampfmaschinen, z.B. zur Entwässerung in Kohlegruben konnte die Steinkohle- förderung gesteigert werden, was wiederum eine Ausweitung der Eisenerzeugung er- möglichte.

Mit der Glorius Revolution von 1688 kam eine neue politisch tonangebende Klasse auf - eine Grund und Kapital besitzende Schicht, ein Konglomerat aus kleinem Landadel und aufstrebenden städtischen Handelsbürgern (Craig 1983: 87f). Unter ihrem Einfluss hielt sich der Staat weitgehend aus dem Wirtschaftsgeschehen heraus, d.h. der einzelne Industrielle konnte sich frei entfalten, eine Unternehmerschicht entstand. Privates Kapital konnte, unterstützt durch das bereits gut entwickelte Banken- und Kreditwesen, ungehindert in Gewinn versprechende Industrien investiert werden. (Rutherford 2002: 428ff)

Die andere, weitaus breitere Schicht, die sich im Zuge der Verstädterung und der immer weiter wachsenden industriellen Produktion bildete, war die Arbeiterschicht. Sie waren die Landvertriebenen, die nun in Fabrikhallen bei miserablen Arbeitsbedingungen teilweise bis zu 17 Stunden täglich ihr Brot verdienen mussten. Produziert wurde jetzt nicht mehr in Heimarbeit oder kleinen Gruppen sondern in Großbetrieben, Massenproduktion war die Intention der Fabrikbesitzer. Ein von Gustav Mevissen geäußerter Satz mag den Arbeitern in England, Deutschland, Frankreich oder den USA wenig Trost geboten haben, doch drückt er das Elend in drastisch gewählten Worten aus: „Wie schön muss einst die Zukunft werden, wenn die Enkel dieser lumpenumhüllten Arbeiter für das Elend der Gegenwart entschädigt werden!“

Die auf dem Land üblichen Traditionen, wie familiäre Fürsorgepflicht oder nach- barschaftliche Hilfe, verloren an Bedeutung. Die fehlende Vorsorge für Krankheit, In- validität oder Alter wirkte sich nun immer verheerender aus. Das häusliche, vom Arbeitsplatz getrennte Leben großstädtischer Arbeiter spielte sich in lichtlosen und un- gesunden Mietskasernen und Hinterhöfen ab, die in der Umgebung der Fabriken angesiedelt waren (Fritz-Vannahme 2003 in: Die Zeit). Sie boten auf dem neuen Markt die einzige Ware an, die ihnen zur Verfügung stand - ihre Arbeitskraft. War es also vor der Industrialisierung der Lehnsherr bei dem der Bauer in Abhängigkeit stand, so war es nun der Fabrikant der das Leben des Arbeiters bestimmte, d.h. also nichts anderes, als dass die ökonomische Revolution auch die viel diskutierte Transformation von der „Stände- zur Klassengesellschaft“ (Reif 1995: 79ff) bewirkte.

Über das Kapital in Form von Geld und Produktionsmitteln verfügte eine kleine Klasse der Bevölkerung und sie bestimmte auch den Grad der Produktion. Adam Smith analysierte, dass „der Zweck jeder Kapitalanlage Gewinnerzielung ist, so wenden sich die Kapitalien den rentabelsten Anlagen zu, ...“. (Smith 1999: 146) Letztendlich bestimmte also das Kapital die Produktion und die Arbeitsmenge. Um die Produktivität zu erhöhen wurde nunmehr die Arbeit geteilt - in unseren Tagen ein Prozess eo ipso - und dies führte zu größeren Fabriken und der Spezialisierung der einzelnen Arbeitsgänge; zur Illustration rufen wir uns nur Smith´s berühmtes Beispiel der Nadelherstellung in Erinnerung (Smith 1999: 9f). Aus dem Prozess der Arbeitsteilung und der gesteigerten Produktion folgert Smith sodann: „Und dies ungeheure Anwachsen der Produktion in allen Gewerben, als Folge der Arbeitsteilung, führt in einem gut regierten Staat zu allgemeinem Wohlstand, der selbst in den untersten Schichten der Bevölkerung spürbar wird. Wer arbeitet, verfügt über ein Leistungspotential, das größer ist als das, welches er zum eigenen Leben benötigt, und da alle anderen in genau der gleichen Lage sind, kann er einen großen Teil der eigenen Ar- beitsleistung gegen eine ebenso große Menge Güter der anderen oder, was auf das gleiche hinauskommt, gegen den Preis dieser Güter eintauschen.“(Smith 1999: 14) Es entsteht laut Smith also ein Spirale, an deren Ende „sich von selbst allgemeiner Wohlstand in allen Schichten der Bevölkerung ausbreitet“. (Smith 1999: 14) Wir können hier einen Schnitt machen doch bevor wir das von Smith Erläuterte analysieren, ist noch anzufügen, dass Smith später anführt, der Anteil des Arbeiters am Reichtum hängt davon ab, zu welchem Lohn er Arbeit findet und weiter, dass der Lohn wiederum in Relation zum Wirt- schaftswachstum steigt (Smith 1999: 61 ff). Nun ist die Arbeitsteilung, wie oben gezeigt wurde, der Motor der Produktionssteigerung und somit des ökonomischen Wachstums. Schlussfolgern wir also die Aussagen Smith´s, müsste die Arbeit als solche, die ja mehr und mehr geteilt wurde, den Arbeitern selbst in Form steigender Löhne zum Wohlstand ver- helfen, schließlich ist die Arbeit das einzige Gut, welches er, in diesem Fall gegen den Preis, eintauschen kann. Einen Teil des Gewinns, den der Unternehmer aus dem Tausch der in Arbeit entstandenen Ware erzielt, sollte er laut Smith dazu verwenden, neue Ar- beitskräfte einzustellen (Smith 1999: 60), die dann ihrerseits wieder von den steigenden Löhnen profitieren. Das Interesse des Unternehmers nach hohen Gewinnen ist somit die Wohlstandsquelle der Arbeiterschicht, da sie bei Prosperität Arbeit finden und der steigende Lohn ihre Lebenssituation verbessert. Nun kann man es sich einfach machen und Smith mit den Erfahrungen der Geschichte von fast 200 Jahren Industriegesellschaft in gewissen Punkten widersprechen, doch das sollte nicht der Anspruch sein.

Smith stellt also klar, dass der Mensch durch Arbeitsteilung mehr herstellen kann, als er zum Leben benötigt. Jeder einzelne tut dies aus einem sowohl moralisch als auch ökonomisch legitimen Selbstinteresse heraus in der Absicht, seine eigene Lebenssituation zu verbessern. Ohne es zu beabsichtigen, führt die durch die Arbeitsteilung eingeleitete Mehrproduktion nach oben dargelegter Formel zu einem Anwachsen des Wohlstands im ganzen Land. Der Markt, der von den produzierten Gütern gespeist wird, erzeugt praktisch von selbst diesen Wohlstand. Noch einmal: Nutzen aus einem Wachstum der Wirtschaft zieht also sowohl der Arbeiter in Form steigender Löhne und der Unternehmer in Form steigender Gewinne - diese sind der Lohn des Unternehmers, „der sein Kapital mit diesem Einsatz aufs Spiel [ge]setzt [hat]“ (Smith 1999: 43). Die Grundlage dieses “Spiels“ erklärt Smith wie folgt: „Sobald sich aber nun Kapital in den Händen einzelner gebildet hat, werden es einige von ihnen natürlich dazu verwenden, um arbeitsame Leute zu beschäftigen, denen sie Rohmaterialien und Unterhalt bieten, um einen Gewinn aus dem Verkauf ihres Produktes zu erzielen, genauer gesagt, aus dem Verkauf dessen, was deren Arbeit dem Material an Wert zufügt.“ (1999: 43). Der Arbeiter ist also der Wertschöpfer, der dem Unternehmer dazu verhilft, ein Produkt gewinnbringend zu verkaufen. Doch bei Smith bedeutet dieser Umstand nicht, dass das Produkt in den Eigentum des Arbeiters übergeht, vielmehr muss er das Produkt und dessen Ertrag „mit dem Eigentümer des Kapitals, der ihn beschäftigt, teilen“ (1999: 44). Der Philosoph sieht in der Interdependenz von Arbeiter und Unternehmer kein Konfliktpotential und stellt dieses Verhältnis gar als „natürlich“ und letztendlich den allgemeinen Wohlstand fördernd dar. Klassenkämpfe finden bei Smith keine Erwähnung und sind nach seiner Theorie auch nicht zu erwarten - „die unsichtbare Hand“ des Marktes sorgt dafür (Smith 1999: 371). Im Gegenteil Kapitalakkumulation, Selbstinteresse, Lohnarbeit und das freie Spiel der Marktkräfte sind die legitime Voraussetzung für ökonomisches Wachstum und Reichtum. Im Smithschen System sind die Rollen klar verteilt, der Lohnarbeiter tauscht seine Arbeitskraft gegen den Preis derselben und profitiert von Arbeit sowie Arbeitsteilung in Form des sich aus- breitenden Wohlstands, der Unternehmer andererseits stellt Kapital zur Verfügung, entlohnt den Arbeiter, der ihm die Ware veredelt, und zieht Gewinn aus dem Wert des fertigen Produkts. Formell entsteht also ein Prinzip in dem beide Schichten voneinander abhängen und proportional mit den gleichen Anteilen profitieren.

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Details

Seiten
9
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638571173
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v64246
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Transformation Fluch Wohlstand Segen Betrachtung Karl Marx Adam Smith) Grundkurs Soziologische Theorie

Autor

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