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Das Genus der Italianismen im Deutschen unter besonderer Berücksichtigung des lexikalischen Einflusses des Italienischen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 25 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

INHALT

1. Einleitung
1.1 Thema
1.2 Forschungsstand

2. Der lexikalische Einfluss der italienischen Sprache auf das Deutsche
2.1 Sprachgeographie
2.2 Deutsch-italienischer Sprachkontakt
2.2.1 Historischer Abriss
2.2.2 Mundartliche und hochsprachliche Entlehnungen
2.2.3 Sachgebiete
2.3 Zur Problematik der Vermittlersprachen
2.3.1 Gallizismen
2.3.2 Italienisch als Vermittlersprache von Arabismen

3. Das Genus der Italianismen im Deutschen
3.1 Das deutsche und italienische Genussystem im Vergleich
3.1.1 Numerus
3.1.2 Artikel
3.2 Genuszuordnung beim Entlehnungsprozess
3.2.1 Allgemeine Betrachtungen
3.2.2 Kriterien für die Genuszuweisung
3.2.3 Varietätenlinguistische Aspekte und außersprachliche Faktoren
3.2.3.1 Diachrone Aspekte
3.2.3.2 Diamesische und diaphasische Aspekte
3.2.3.3 Diastratische Aspekte
3.3 Genusschwankungen

4. Bibliographie

Anhang

1. Einleitung

1.1 Thema

Gegenstand der Hausarbeit sind die in der deutschen Sprache vorkommenden nominalen Italianismen. Unter Italianismen sollen alle aus dem Italienischen und seiner Varietäten stammenden Fremd- und Lehnwörter[1] verstanden werden.

Im lexikologischen Teil der Arbeit soll der Untersuchungsgegenstand exemplarisch näher bestimmt werden: im Kapitel 2 "Der lexikalische Einfluss der italienischen Sprache auf das Deutsche" werden eine Reihe von Italianismen vorgestellt. Schwerpunkte sind ihre geographische und kulturgeschichtliche Herkunft als Ergebnis deutsch-italienischen Sprachkontaktes unter lexikalischen Gesichtspunkten und die oft komplizierten Entlehnungswege über Vermittlersprachen. Das Kapitel 3 "Das Genus der Italianismen im Deutschen" befasst sich mit dem Aspekt der Genuszuordnung beim Integrationsprozess der Transferenzen. Die Genussysteme der beiden Sprachen sollen kurz vorgestellt werden und der Vorgang der Genuszuordnung in seinen sprachlichen und außersprachlichen Dimensionen analysiert werden. Im Anschluss soll den Formen mit schwankendem Genus besondere Aufmerksamkeit zuteil werden, da hier bestimmte sprachwissenschaftliche Prinzipien besonders deutlich in ihrer Wirkungsweise erkennbar werden.

Die Hausarbeit kann in ihrem Rahmen keine vollständige systematische Untersuchung der Italianismen liefern, die Teilbereiche Lexik und Genus sollen exemplarisch abgehandelt werden.

1.2 Forschungsstand

Grundlage der Arbeit ist die einzige (mir bekannte) Monographie zum Thema Italianismen, die in der neüren Forschungsliteratur vertreten ist: "Italianismen im Gegenwartsdeutschen" von Frederike Schmöe ist ein 1998 in Bamberg erschienener 550 Seiten starker Band, der als Dissertation an der Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaft der Otto-Friedrich-Universität Bamberg angenommen wurde. Die hervorragende Arbeit behandelt alle sprachwissenschaftlichen Aspekte der Italianismen und ist die derzeit aktuellste und vollständigste Abhandlung des Themas.

Zu den einzelnen Teilbereichen der Hausarbeit wurden zahlreiche Aufsätze herangezogen, die, von den neueren Arbeiten zur Sprachgeschichte (von Polenz) abgesehen, für den Bereich der Lexik eher älteren Datums sind, da die Italianismen als eigenständiges Thema bis zum Vorstoß von F. Schmöe kaum Beachtung fand. Für den Bereich der Genusforschung, speziell der Genuszuordnung, liegen einige grundlegende Arbeiten in Form von Aufsätzen aus den 80er Jahren vor, die sich im Wesentlichen an den Anglizismen orientieren (Köpcke/Zubin, Carstensen, Gregor), begleitet von einer lebhaften Diskussion zur Problematik Genus-Sexus (Kalverkämper, Ulrich).

2. Der lexikalische Einfluss der italienischen Sprache auf das Deutsche

2.1 Sprachgeographie

Den deutschen und den italienischen Sprachraum trennt seit jeher, vereinfacht gesprochen, die natürliche Barriere der Alpen. Im unmittelbaren Kontaktgebiet herrscht und herrschte oft regionale Zweisprachigkeit (Tessin, Graubünden, Südtirol, Trentino, Friaul, Pustertal) und es gibt noch heute zahlreiche Enklaven von Sprachminderheiten im jeweils anderen Sprachgebiet. Das dem Italienischen nahverwandte Rätoromanische befindet sich ebenfalls im unmittelbaren Kontaktgebiet: in Graubünden (Bündnerromanisch), Südtirol (Ladinisch) und Nordostitalien (Friaulisch).

Das heutige Standarditalienisch geht aus einer Literatursprache hervor, die vor allem durch die toskanischen Dialekte des 14./15. Jh. von Dante, Petrarca und Boccaccio geprägt wurde und hat sich als allgemein anerkannte und gesprochene Sprache erst im 19. Jahrhundert gefestigt:

„Das Italienische blieb jahrhundertelang eine reine - nur der gebildeten Bevölkerung (18-20%) zugängliche - Literatursprache. Erst durch Alessandro Manzoni (1785-1873) vollzog sich im Ringen um eine geeignete Literatursprache eine entscheidende Richtungsänderung.“ (Geckeler/Kattenbusch 1992: 195)

Der italienische Sprachraum ist unter sprachwissenschaftlichen Gesichtspunkten in Nord- und Südhälfte zweigeteilt[2]: nördlich der ungefähren Linie La Spezia -Rimini spricht man ober-(nord-)italienische Dialekt. Südlich davon mittel- und süditalienische Dialekte. Die oberitalienischen Dialekte zählt man zum Westromanischen (dem u.a. das Französische angehört), während die Übrigen zum Ostromanischen gezählt werden (Geckeler/Kattenbusch 1992: 22ff.). Die Leitvarietät des Standarditalienischen, das Toskanische, ist ein mittelitalienischer Dialekt. Es bleibt also festzuhalten, dass die italienische Literatursprache sich unter vielerei Gesichtspunkten von den Idiomen Oberitaliens unterscheidet. Diese Tatsache ist von Bedeutung, wenn man den regionalen Sprachkontakt des oberdeutschen und oberitalienischen Gebietes vom gemein- und hochsprachlichen Einfluß des Italienischen unterscheidet (Vgl. Kapitel 2.2 und 2.3.1).

2.2 Deutsch-italienischer Sprachkontakt

2.2.1 Begriffsbestimmung: Entlehnung, Transferenz, Fremdwort

Die Unterscheidung von Fremdwort und Lehnwort bezüglich des Maßes der Integration ist in der heutigen Forschung stark umstritten (vgl. Schmöe 1998:17ff.). Aufgrund der unterschiedlichen Ausprägungen von Integration (phonemisch, graphemisch, flexivisch usw.) können fremdsprachige Elemente durch die dichotomische Einteilung in Fremd- und Lehnwörter nicht angemessen beschrieben werden. Schmöe (1998:17) weißt darüber hinaus auf methodisch-theoretische Widersprüchlichkeiten in der einschlägigen Literatur zum Thema hin. Von Polenz (1991:44) differenziert im Bereich der Entlehnung verschiedene formale Entlehnungsklassen (Lehnwörter, -suffixe, -wendungen, -prägungen usw.). Aus dem Bereich der Sprachkontakt und Mehrsprachigkeitsforschung stammen die Begriffe Interferenz und Transferenz. Als Interferenz bezeichnet von Polenz (1991:45) Gelegenheitsentlehnungen, während Transferenz gewohnheitsmäßig wiederverwendete Elemente bezeichnet, die dann auf ihren Integrationsgrad hin, in den oben erwähnten Ausprägungen, beschrieben werden können.

Eine strenge Unterscheidung von Fremd- und Lehnwort ist für die Fragestellung dieser Hausarbeit nicht hilfreich und soll im Folgenden auch nicht übernommen werden. Der Begriff Entlehnung soll in diesem Rahmen ungeachtet des Integrationsgrades im Sinne von Transferenz verwendet werden.

2.2.2 Historischer Abriss

Der Einfluss des Italienischen auf das Deutsche ist fast so alt wie die italienische Sprache selbst, deren Entwicklung zu einer eigenständigen romanischen Sprache aus dem Vulgärlateinischen von den Sprachwissenschaftlern grob auf das 9./10. Jh. n. Chr. festgelegt ist. Die Nomen Lavendel und Zypresse sind im Deutschen schon seit dem 9. Jahrhundert bezeugt (mhd. lavendel(e) f./m. < it. lavandula; ahd. cipres < it. cipressa). Die Nähe des Italienischen zum Lateinischen bzw. Mittellateinischen, die im Mittelalter besonders ausgeprägt war, macht es oft schwierig den Einfluss des Mittellateinischen von dem des Italienischen auf die deutsche Sprache zu unterscheiden. Dies kann im Einzelfall dazu führen, dass man nicht sagen kann ob eine mittellateinische oder italienische Form Grundlage einer Entlehnung ins Deutsche war (mittellateinische und italienische Formen sind oft ähnlich oder identisch). Ähnliches gilt für andere nahverwandte Sprachen wie das Rätoromanische und das Französische.

Das Italienische hat den deutschen Wortschatz im Laufe der Jahrhunderte nachhaltig bereichert. Unter den lebendigen Fremdsprachen stellt es, zusammen mit dem Französischen, für viele Jahrhunderte die Hauptgebersprache dar. Erst im Übergang von Renaissance- zur Barockzeit beginnt der französische Einfluss den italienischen deutlich zu dominieren. In dieser Zeit wurden auch viele Italianismen durch Gallizismen verdrängt.

2.2.3 Mundartliche und hochsprachliche Entlehnungen

Im Mittelalter nahm der größte Bestandteil der Italianismen im Deutschen seinen Entlehnungsweg über den direkten Kontakt der Sprecher der jeweiligen Sprachen, der vorwiegend im süddeutschen bzw. norditalienischen Raum stattfand. Solche Entlehnungen sind mundartlich oder umgangssprachlich geprägt und gelangen dann in einigen Fällen aus den Mundarten in die oberdeutsche Umgangssprache (Kühebacher 1968:510). Besonders häufig sind Entlehnungen im direkten Sprachkontaktgebiet, d.h. in Regionen des Alpenraums in denen Zweisprachigkeit herrscht oder zumindest beide Sprechergruppen aufeinander treffen[3]. Solche Entlehnungen aus dem Italienischen in besagten Gebieten sind allerdings für die deutsche Standardsprache meist ohne Bedeutung geblieben, da der kulturelle, politische und sprachliche Einfluß der entprechenden Gebiete für die Entwicklung der deutschen Sprache nur marginal ist. Die überwiegende Mehrheit solcher Wörter existieren nur in den lokalen Dialekten[4]. Neuzeitliche Entlehnungen unterscheiden sich von den mittelalterlichen grundlegend: von Polenz beschreibt den deutsch-italienischen Sprachkontakt bis ins 16. Jh. als vorwiegend mündlich und unterschichtlich, "d.h. bäuerlich und bürgerlich, zumal es bis dahin auf beiden Seiten noch keine standardisierte Literatur- und Oberschichtssprache gab." Der neuzeitliche Einfluss hingegen ist von anderer Qualität:

"Eine mehr gemein- und hochsprachliche italienische Entlehnungsschicht ist den politischen Beziehungen von Reich und Kirche zu verdanken, den häufigen Kriegs- und Pilgerzügen nach Italien und dem Orient, dem Studium Deutscher an italienischen Universitäten und vor allem den Fernhandels- und Bankbeziehungen von Oberitalien nach Deutschland. Im 16. und 17. Jh. kam der Einfluß der vorbildlichen italienischen Hofkultur, Literatur und Musik hinzu, vermittelt durch die Fürstenhöfe von Wien und München." (Polenz 2000: 221)

2.2.4 Sachgebiete

Als Hauptsachbereiche der frühneuzeitlichen Entlehnungen gibt von Polenz (2000:222) Handel und Geldwirtschaft, Verkehr und Schiffahrt, Kriegswesen, Hauskultur, Musik und Literatur an. Von großer Bedeutung sind Begriffe, die das Deutsche durch die italienischen Kaufleute und Handwerker erreichte, die seit dem Mittelalter den süddeutschen Raum befuhren[5]. Solche Begriffe sind etwa die italienischen Bezeichnungen für Handelswaren welche die deutschen Märkte erreichten: viele Obst- und Gemüsebezeichnungen sind Italianismen (z.B. Dattel, Limone, Zitrone, Borretsch, Melone, Artischocke, Olive, Pomeranze, Rhabarber, Salat, Tamarinde, Kartoffel, Kohlrabi, Wirsing, Brokkoli, Peperoni, Zucchini, Rucola (Schmöe 1998: 44ff.), ebenso italienische Spezialitäten (Malvasier, Muskateller, Polenta, Sardine, Makkaroni, Marzipan, Sardelle, Torte, (Zucker)-Kandit, Limonade, Zervelat(wurst), Pikkolo, Salami, Chianti, Gorgonzola, Pastasciutta, Pizza, Mortadella, Spaghetti, Pasta). Der größte Teil dieser Entlehnungen fand noch im Mittelalter statt und gehören heute zum deutschen Kernwortschatz. Viele italienische Lehnwörter aus allen Sachbereichen sind im Laufe der Jahrhunderte in Lautung und Schreibung dem Deutschen so angepasst worden, dass man zunächst nicht vermuten würde, es liege ein Italanismus vor (z. B. Zucker, Kartoffel, Wirsing, Schachtel, Bank). Es ist ferner zu beobachten, dass vor allem die frühen Entlehnungen, sofern sie nicht durch Gallizismen verdrängt oder obsolet wurden, sich im deutschem Kernwortschatz verankern konnten. Viele zivilistatorisch wichtige Begriffe hat die deutsche Sprachen aus dem Italienischen übernommen, die zunächst eher fachsprachlich ausgerichtet waren, aber dann durch die Verbreitung des Wissens vieler Sachbereiche wie des Bank- und Handelswesen, Baukunst oder der bildenden Kunst und Musik in breiteren Schichten der Bevölkerung Fuß fassen konnten (z.B.: Bank, Konto, Rest, Spesen, Post, Polizei[6], Kuppel, Grotte, Profil, Stuck, Baß, Arie, Oper). Solche Wörter des gehobenen (fach-)sprachlichen Lexikons wurden oft durch Sprachkontakt von Kaufleuten, Handwerkern und Künstlern vermittelt. Seit dem Spätmittelalter war die italienische Kultur in Europa tonangebend, was Baukunst, Städtentwicklung, Bankwesen, bildende Kunst, Musik betrifft. Deutsche Adelshöfe beschäftigten italienische Lehrmeister aus allen kulturellen Sparten und schickten ihrerseits ihre Söhne auf Italienreisen und an italienische Adelshöfe. Schon in der Renaissancezeit etablierte sich dann die obligatorische italienische Bildungsreise bei den Völkern nördlich der Alpen, die nicht erst seit Winckelmann und Goethe fester Bestandteil des Bildungsweges der gebildeten Schichten ist. In einem solchen Rahmen konnte eine Vielzahl von italienischen Wörtern den Weg in den deutschen Wortschatz finden. Bei den genannten Beispielen handelt es sich nur um eine minimale Auswahl an Italianismen, die (falls nicht anders angegeben) bei Schmöe (1998) im Kapitel 2 „Italienisch-deutscher Sprachkontakt“ aufgezählt sind. Die Liste veranschaulicht eindrucksvoll, wie zentral der Großteil der wenig untersuchten Italianismen auf den deutschen Wortschatz eingewirkt hat.

[...]


[1] Zu den Begriffen Fremd- und Lehnwort siehe Kapitel 2.2.1

[2] Eine solche Zwei- bzw. Dreiteilung (Nord-, Mittel- und Süditalien) zeigt sich übrigens auch in historischen, soziokulturellen und -ökonomischen Bereichen. (Vgl. Große/Trautmann 1997: 117ff.)

[3] Gebiete, wo romanische, insbesondere italienische Mundarten auf deutsche Mundarten stoßen sind u.a. das Tessin, Graubünden, Südtirol, Friaul und das Pustertal. (Polenz 1991: 234)

[4] Zahlreiche Beispiele liefert der südtiroler Germanist Dr. Egon Kühebacher für die südbairischen Dialekte Südtirols (Kühebacher 1968: 496ff.). Vgl. auch Schmöe (1998:62-63).

[5] Zum Sprachkontakt im schweizer Alpenraum: Rash, Felicity J., French and Italian lexical inflünces in German-speaking Switzerland (1550-1650), Berlin/New York, 1989.

[6] Die Herkunft von Polizei ist umstritten. Nach Kühebacher (1968: 492) liegt ein Italianismus vor.

Details

Seiten
25
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638139854
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6416
Institution / Hochschule
Universität Mannheim – Seminar für deutsche Philologie
Note
1
Schlagworte
Italianismen Fremdwort Lehnwort Genus

Autor

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Titel: Das Genus der Italianismen im Deutschen unter besonderer Berücksichtigung des lexikalischen Einflusses des Italienischen