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Drogensucht: Ein reales Konfliktfeld in der problemorientierten Kinder- und Jugendliteratur - Alkoholabhängigkeit in der Adoleszenz, In: Ann Ladiges:"Hau ab, du Flasche!"

Hausarbeit 2006 25 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die legale Droge Alkohol
2.1. Alkohol in der Gesellschaft
2.2. Alkohol im Entwicklungsalter
2.2.1. Die Parallelität zum allgemeinen Konsumverhalten der Gesellschaft
2.2.2. Der Einfluss des Elternhauses
2.2.3. Der Einfluss von Schule und Peer-Gruppe
2.2.4. Trinkmotivation und Trinkmotive
2.3.Alkoholsucht bei Adoleszenten

3. Die problemorientierte Kinder- und Jugendliteratur
3.1. Vorbemerkungen
3.2. Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur
3.2.1. Allgemeine Geschichte
3.2.2. Entstehung des Genres und aktuelle Tendenzen der problemorientierten Kinder- und Jugendliteratur
3.3. Problemkreise und pädagogische Kontroversen der problemorientierten Kinder- und Jugendliteratur

4. Ann Ladiges: Hau ab, du Flasche!
4.1. Einleitende Bemerkungen
4.2. Inhaltliche Zusammenfassung
4.3. Literarische Gestaltung
4.4. Fiktion und Realität des literarischen Subjekts
4.5. Problemdarstellung vs. Problemlösung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wenn ein Roman, in dem Alkoholsucht im Handlungsmittelpunkt steht, für Kinder ab 12 Jahren ausgewiesen wird, wirft das Fragen auf. Wollte man einem Zwölfjährigen ein Buch schenken, fiel die Wahl sicher eher auf „Harry Potter“ oder „Das fliegende Klassenzimmer“. Warum sollten sich also Kinder mit Problemen auseinandersetzen, die für sie scheinbar irrelevant sind?

Die realistische Jugendliteratur ist zwar nicht neu, hat sich aber in den vergangenen 35 Jahren stark verändert. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Gattung sind die problemorientierten Kinder- bzw. Jugendbücher geworden. Die Inhalte und vor allem die Gestaltungsmerkmale dieser Texte haben sich naturgemäß im Zuge der gesellschaftlichen Veränderungen evolviert. Die Autoren versuchten stets, reale Konflikte der Heranwachsenden aufzugreifen und den jugendlichen Lesern anzubieten. Wenn nun Drogenprobleme von Kindern und Jugendlichen literarisch verarbeitet werden, dann aus dem einfachen Grund, dass sich ein Konfliktpotenzial verbirgt, welches relativ viele Adoleszenten betrifft.

Zunächst soll die Dringlichkeit dieser Thematik überprüft werden. Da Alkohol von allen Drogen am weitesten verbreitet ist, wird daran die Suchtgefahr, speziell für Jugendliche, erörtert. Hinterfragt wird auch der Grund für den kulturellen Stellenwert und den oftmals unkritischen Umgang mit dieser Droge.

Im zweiten Teil der Arbeit wird die literarische Aufbereitung beleuchtet. Im Mittelpunkt steht das gesamte Genre der problemorientierten Jugendliteratur. Es ist zu klären, welche Themen wie und warum von den Verfassern aufgegriffen wurden.

Schließlich wird am konkreten Beispiel des Jugendbuches „Hau ab, du Flasche!“ von Ann Ladiges gezeigt, wie ein realistisches Problemfeld literarisch umgesetzt wurde. Interessant ist ferner, inwieweit das Werk seinem Anspruch gerecht wird und seine Lektüre für Jugendliche bedeutsam sein kann.

2. Die legale Droge Alkohol

2.1. Alkohol in der Gesellschaft

Keine Droge genießt im gesellschaftlichen Leben eine größere Akzeptanz als Alkohol. In Zeitungskiosken und Supermärkten, Tankstellen und Kaufhäusern ist die Auswahl groß und Alkohol legal und preiswert erhältlich. Ob Bier zum Fernsehen, guter Wein zum Essen, Piccolo zum Frühstück, Sektempfang in der Firma oder Champagnerdusche bei der Siegerehrung, Alkohol begegnet den Menschen im Alltag in verschiedenen Formen, ohne dass dabei vom exzessiven oder regelmäßigen Konsum gesprochen wird. Das eigene Trinkverhalten wird selten kritisch betrachtet. Da Menge und Regelmäßigkeit des Trinkens aber meist sukzessive erhöht werden, ist der Übergang zur Abhängigkeit fließend, sowohl für die Betroffenen als auch für das soziale Umfeld.

Kulturgut oder soziales Problem? Seit es alkoholische Getränke gibt, „wird das Thema Alkohol ebenso intensiv wie kontrovers diskutiert“ (Bergler u.a. 2000, S.7). Zahlreiche Wissenschaftsdisziplinen untersuchen den Alkohol und seine Wirkung aus unterschiedlichen Blickwinkeln (vgl. Bergler u.a. 2000, S.7). In erster Linie wird Alkohol den Genussmitteln zugeschrieben, wobei die gesellschaftliche Bedeutung enorm ist. Der Konsum von alkoholischen Getränken oder Speisen ist normal, Abstinenz etwas Abweichendes, bei dem die Betroffenen oftmals das Gefühl haben, sich dafür rechtfertigen zu müssen (vgl. Berger u.a. 1980, S.7). Wie bereits erwähnt, ist die Erscheinungsform vielfältig. Alkohol ist nicht nur Nahrungs- oder Genussmittel, welches Speisen und Getränken Geschmack verleiht, er ist vor allem auch eine psychoaktive Substanz, die als Rauschmittel, zum Abbau von Hemmschwellen oder auch zur Förderung sozialer Kontakte bewusst eingesetzt wird (vgl. Bergler u.a. 2000, S.7).

Alkohol wird in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens konsumiert und gilt neben Tabak als größtes Suchtproblem, nicht zuletzt wegen seiner Legalität. Auch in der Werbung wird er als Lebensart dargestellt und suggeriert, dass Alkoholgenuss eine Art unbeschwerte Freiheit beschert. Demgegenüber wird Alkohol aus pathologischer Sicht als gefährlichste psychoaktive Substanz bewertet und von verschiedenen Institutionen auf seine Gefährlichkeit aufmerksam gemacht (vgl. Bergler u.a. 2000, S.11). Obwohl sicher niemand zum ersten Mal Alkohol trinkt, um sich zu betäuben, wird gerade die Flucht aus der Realität nicht selten als wichtige Trinkmotivation genannt (vgl. sgipt.org 2006). Abhängigkeit entsteht letztlich aus der Gewohnheit des Alkoholkonsums. Aus einer Studie für das Jahr 1998 der Deutschen Hauptstelle gegen Suchtgefahren geht hervor, dass 9,5% der Bundesbürger einem riskanten bzw. missbräuchlichen Alkoholkonsum unterliegen, 2,1% werden als Abhängige bezeichnet und bei 88,4% wird der Alkoholkonsum als unproblematisch angesehen (vgl. Bergler u.a. 2000, S.11). Unklar bleibt dabei jedoch, nach welchen Kriterien eine derartige Kategorisierung vorgenommen wird, denn es muss beachtet werden, „dass je nach individueller Disposition, aktueller Lebenssituation und persönlichem Gesundheitsstatus auch als harmlos eingestufte Alkoholtrinkmengen durchaus problematisch sein können“ ( Bergler u.a. 2000, S.10).

Zwar führte nicht zuletzt die fortschreitende, bewusste Gesunderhaltung der Bevölkerung zu einem Rückgang der Verbrauchszahlen (vgl. Bergler u.a. 2000, S.9), dennoch ist Alkoholkonsum nach wie vor einer der Hauptgründe für gesundheitliche Probleme. Neben der psychisch-seelischen Abhängigkeit durch regelmäßigen Konsum gibt es die sogenannten „klassischen“ Alkoholkrankheiten, die mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Alkoholkonsum folgen. Dazu zählen beispielsweise alkoholische Fettleber, alkoholische Hepatitis, die alkoholische Leberzirrhose oder die alkoholische Polyneuropathie, aber auch (körperliche) Alkoholabhängigkeit und Alkoholpsychosen. Krankheiten, zu deren Entstehen der Alkoholkonsum beiträgt, sind verschiedene Krebsarten (z.B. Magen, Bauchspeicheldrüse, Leber), Krankheiten des Herzens und des Kreislaufs (z.B. Bluthochdruck) (vgl. sgipt.org 2006). Im Jahre 1995 entfielen beispielsweise 1,1% aller stationären Behandlungsfälle in deutschen Krankenhäusern auf unmittelbare Folgeerscheinungen von Alkoholabhängigkeit oder –missbrauch (vgl. sgipt.org 2006).

Somit ist die vom Bundesgesundheitsministerium publizierte, langfristig rückläufige Tendenz des Pro-Kopf-Verbrauches reinen Alkohols erfreulich, aber keineswegs beruhigend, denn weltweit gehört Deutschland trotzdem zu den Ländern mit den höchsten durchschnittlichen Verbrauchszahlen (vgl. Kolip 2000, S.33). Unter diesen Hintergründen erscheint es nahezu paradox, dass Alkoholismus oftmals zu sozialer Einsamkeit führt und eine wesentliche Determinante für Asozialität darstellt.

Man kann konstatieren, dass trotz des gesteigerten Bewusstseins der Bevölkerung zur Gesundheit und tendenziellen Sinkens des durchschnittlichen Verbrauchs der Alkoholkonsum in der Gesellschaft als Norm gilt (vgl. Reuband 1980, S.37). Außerdem erscheint Reuband „der normativ geprägte gesamtgesellschaftliche Bezug“ für das Konsumverhalten der Jugendlichen relevant (vgl. Reuband 1980, S.37), „-da Jugendliche auf die Übernahme von Erwachsenenrollen orientiert sind“ (Reuband 1980, S.38).

2.2. Alkohol im Entwicklungsalter

2.2.1. Die Parallelität zum allgemeinen Konsumverhalten der Gesellschaft

Trotz verschiedener Sichtweisen und Bewertungen in der psychologischen Literatur herrscht Einigkeit darüber, dass sich der Alkoholkonsum von Jugendlichen proportional zu dem der Erwachsenen bewegt. So wiesen Bergler u.a. beispielsweise darauf hin, dass der rückläufige Trend im Konsumverhalten der Erwachsenen in den letzten 20 Jahren auch für den Umgang mit Alkohol im Jugendalter gilt (vgl. Bergler u.a. 2000, S.12).

Medizinisch fundiert sind die Erkenntnisse, dass Alkohol gerade im Kindes- und Jugendalter zu gesundheitlichen Schäden, bis hin zu schweren Entwicklungsstörungen, führen kann. In der Regel reagieren Jugendliche wesentlich stärker als Erwachsene auf die Droge, d.h. physiologische Effekte und organische Schäden treten schneller ein, ebenso die Abhängigkeit des Organismus’ (vgl. Leppin 2000, S.65). Dennoch fehlen zumeist empirisch belegte Daten zum tatsächlichen Konsum der Jugendlichen, so dass die Werte einzelner Statistiken oftmals divergieren. Zu Recht kritisierte Reuband schon 1987, dass die Forschung dieses Phänomen stark vernachlässigt hat (vgl. Bergler u.a. 2000, S.14). Das führt dazu, dass „Erkenntnisse zur Alkoholproblematik bei Jugendlichen [...] eher auf plausiblen Annahmen als auf empirisch gesicherten Ergebnissen“ basieren (Bergler u.a. 2000, S.14).

Wie bereits erwähnt, wird fast immer auf die Parallelität zum Trinkverhalten der Erwachsenen hingewiesen. Im ersten Kapitel dieser Arbeit wurde auch die gesellschaftliche Norm des Alkoholkonsums angesprochen und so ergibt die logische Konsequenz, dass ein Zusammenstoß von Jugendlichen mit Alkohol zwangsläufig erfolgt. Leppin sprach dabei von einer „Abgrenzung gegen die Welt der Erwachsenen bei gleichzeitiger Imitation des Erwachsenenstatus“ (Leppin 2000, S.64). Reuband bezeichnete den Alkoholkonsum der Jugendlichen sogar als „Rebellion gegenüber den altersspezifischen Trinknormen und als Konformität gegenüber den Verhaltensweisen Erwachsener“ (Reuband 1980, S.77). Hervorgerufen wird dieses Paradoxem durch die Forderung, das jugendliche Verhalten dem der Erwachsenen einerseits anzupassen und andererseits bestimmte Verhaltensmuster, wie das Alkoholtrinken oder Rauchen, nicht zuzugestehen (vgl. Reuband 1980, S.77). Für die Jugendlichen ist aber „Alkoholkonsum ein als selbstverständlich angesehener Bestandteil des Erwachsenenseins“ (Berger/Legnaro 1980, S.118).

2.2.2. Der Einfluss des Elternhauses

Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang natürlich die Analyse der Eltern-Kind-Beziehung bezüglich ihrer Qualität. Ferner ist auch die Vorbildwirkung im Hinblick auf den Alkoholkonsum und dessen Reflexion auf die Kinder von Interesse. Eine ausführliche Studie mit detaillierter Beschreibung wurde von Bergler u.a. veröffentlicht: Bei den untersuchten Jugendgruppen – Nichttrinker, Gelegenheitstrinker und regelmäßige Trinker – zeigten sich signifikante Unterschiede in der Beziehungsqualität. Bei den Nichttrinkern wird demnach die Beziehung wesentlich häufiger als freundschaftlich-partnerschaftliches Verhältnis beschrieben. Dazu zählt auch die Bewältigung interpersoneller Konfliktsituationen der Familie. Wichtige Merkmale solcher Beziehungen sind Verständnis, Toleranz, Gesprächs- und Diskussionsbereitschaft sowie wechselseitige Akzeptanz. „Jugendliche, die im Gegensatz dazu schon regelmäßig Alkohol konsumieren, leben verstärkt in einem mehrschichtigen Spannungssystem; sowohl zwischen den Eltern wie auch zwischen den Kindern und ihren Eltern ist die Konflikthäufigkeit hoch; die Wünsche und Wertorientierungen innerhalb der Familie sind vielfach konträr“ (Bergler u.a. 2000, S.132). Bei den gelegentlich trinkenden Jugendlichen nähern sich die Werte der einzelnen Parameter unterschiedlich denen der beiden anderen Gruppen. Dabei muss sicherlich beachtet werden, dass diese Gruppe am schwersten zu kategorisieren ist, weil Tendenzen sowohl zu den Nichttrinkern als zu den regelmäßig Trinkenden möglich sein werden. Ähnlich deutlich sind die Unterschiede der Elternhäuser bezogen auf den dort herrschenden Alkoholkonsum. „Jugendliche, die schon regelmäßig Alkohol konsumieren, leben in einem familiären Umfeld, in dem von Eltern und auch den Geschwistern mehr Alkohol getrunken wird, als dies bei nichttrinkenden Jugendlichen der Fall ist“ (Bergler u.a. 2000, S.133). Auffallend ist, dass auch in den Elternhäusern der jugendlichen Gelegenheitstrinker relativ regelmäßig Alkohol konsumiert wird, die Werte stark zu denen der regelmäßigen Trinker tendieren.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die unmittelbare soziale Umgebung der Kinder und Jugendlichen einen sehr großen Einfluss auf die Entwicklung des Umgangs mit Alkohol (und anderen Drogen) hat. Bergler u.a. untersuchten noch weitere Parameter, wie Trinkatmosphäre im Elternhaus, Konflikte in Verbindung mit Alkohol, Einfluss des erweiterten sozialen Umfelds u.ä. Dabei konnten ähnliche Tendenzen beobachtet werden, die auf eine wichtige Vorbildwirkung von Elternhaus und sozialem Umfeld schließen lassen (vgl. Bergler u.a. 2000, S.127 ff.).

2.2.3. Der Einfluss von Schule und Peer-Gruppe

In einer von permanentem Leistungsdruck determinierten Gesellschaft erscheint es sinnvoll, die Auswirkungen der Leistungsorientierung bezüglich des Alkoholkonsums zu untersuchen. Das bezieht sich hauptsächlich auf den schulischen Bereich. Dabei wurde ein Zusammenhang von Leistungsorientierung und Trinkverhalten bei Jugendlichen bestätigt. Schüler mit einer hohen Lernmotivation und meist geringen Problemen im Verhältnis zu den Lehrern gehören zu den Nichttrinkern oder umgekehrt: Nichttrinkende Jugendliche besuchen die Schule motiviert und haben ein harmonisches Verhältnis zu ihren Lehrern. Mit steigendem Alkoholkonsum nimmt auch die Leistungsorientierung ab und die Konflikte mit Lehrern zu (vgl. Bergler u.a. 2000, S.176). Die Autoren weisen darauf hin, dass die Ergebnisse „auf korrelativen Zusammenhängen“ beruhen und die kausale Richtung „zwischen Einstellung und Verhalten“ nicht eindeutig geklärt werden kann (vgl. Bergler u.a. 2000, S.176). Es ist also möglich, dass die Leistungsorientierung der Schüler ihr Trinkverhalten bestimmt. Andererseits kann das Trinkverhalten auch die Schulerfolge beeinflussen. Interpretationsmöglichkeiten sind für beide Varianten naheliegend (vgl. Bergler u.a. 2000, S.176), sollen aber nicht explizit erörtert werden.

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Details

Seiten
25
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638570343
ISBN (Buch)
9783656700937
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v64149
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Schulpädagogik und Grundschuldidaktik
Note
1,4
Schlagworte
Drogensucht Konfliktfeld Kinder- Jugendliteratur Alkoholabhängigkeit Adoleszenz Ladiges Flasche Aktuelle Erscheinungen

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