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Die Glen Mills Schools in den USA - Versuch einer Veranschaulichung anhand ausgesuchter Überlegungen Foucaults

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 18 Seiten

Sport - Sportpädagogik, Didaktik

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2.1 Kurze Vorworte zur Glenn Mills Problematik
2.2 Die Glen Mills Schools

3. Foucault: Macht und Disziplin

4. Anwendung ausgesuchter foucaultscher Begriffe und Überlegungen auf die Glen Mills Schools

5. Fazit

1. Einleitung

Diese Arbeit stellt das Ergebnis meiner fortgesetzten Auseinandersetzung mit der in einem Referat von mir vorgestellten Glen Mills Schools dar. Dieses fand im Rahmen des Seminars „Kollektives Lernen und Selbstsozialisation im Sport - Fallstudien zum Lernen in Sportszenen“ statt. Ich habe im Anschluss an das Referat versucht, meine noch relativ unsystematischen Überlegungen zur „Funktionsweise“ dieser besonderen Institution in einen Rahmen zu setzen, der eine Auskunft über die zu Grunde liegenden Mechanismen geben kann. Bei der Suche nach geeigneten Werkzeugen zur Betrachtung stieß ich relativ schnell auf das Buch „Überwachen und Strafen“ (1976) von Michel Foucault und in der weiteren Auseinandersetzung auf große Mengen an Sekundärliteratur hierzu. Ich glaube, dass Foucaults Überlegungen zu Macht und Disziplin – und hier insbesondere seine Fokussierung auf den menschlichen Körper – mir helfen können die Art und Weise, auf die die Glen Mills Schools arbeiten, besser zu verstehen und die vorliegenden Mechanismen zu benennen und in Teilen zu erklären. An dieser Stelle hervorzuheben bleibt, dass diese Arbeit in Anlehnung an Foucault versucht, Mechanismen zu benennen und eventuell zu erklären, jedoch nicht die Gesamtinstitution Glen Mills und ihre Philosophie kritisch darstellt, erklärt oder die verwandten Sachverhalte aufzuklären versucht. Warum dies so ist und ich mich auf einen kleinen Ausschnitt konzentriere, wird im Weiteren klar werden.

2.1 Kurze Vorworte zur Glenn Mills Problematik

Eine Vorstellung der Glen Mills School stellte sich als weitaus schwerer heraus, als es auf den ersten Blick den Anschein hatte. Ich stütze mich bei meinen Aussagen im nächsten Teil einerseits auf die Internetseite der Glen Mills Schools, in weiten Teilen aber insbesondere auch auf eine sehr umfangreiche Expertise des Deutschen Jugendinstitutes (DJI) aus dem Jahre 2002. Mit dieser Expertise ist indirekt dann auch einer der oben kurz erwähnten Gründe genannt, meinen Fokus auf die mögliche Nutzung foucaultscher Denkansätze im Bezug zur Institution zu beschränken. Die Expertise stellte, stark verkürzt ausgedrückt, den Versuch dar, „mit Hilfe ausgewiesener Expertinnen und Experten ein Fachgutachten zu den Voraussetzungen, Bedingungen, fachlichen Möglichkeiten und Grenzen des Konzeptes der Glen Mills Schools erstellen zu lassen“.[1] Das Thema „Glenn Mills Schools“ wird und wurde, wie auch in dieser Expertise erwähnt wird, in der Bundesrepublik heftig und kontrovers diskutiert. Die Meinungen tendieren, angefeuert durch Medieninszenierungen und diverse Berichte in Zeitungen und TV[2], von Befürwortungen des Konzeptes bis zu völliger Ablehnung und Vergleichen zu so genannten „Boot-Camps“.

Was das Konzept ausmacht, ob es nutzbar, „gut“ oder „schlecht“ ist, und was es für die jugendlichen Delinquenten bedeutet, soll hier aber nicht oder nur sehr indirekt behandelt werden. Die sich ergebenden Themen und Diskussionspunkte sind einfach zu umfangreich und entziehen sich in weiten Teilen auch meiner Fachkompetenz.

Ich möchte mich also im Folgenden auf Punkte beschränken, die meinem Interesse nützlich sind, ohne dabei jedoch Wichtiges zu verschweigen oder auszulassen. Vielmehr stelle ich hier erst die Schule allgemein dar und nehme dann in Punkt 4 die Bereiche in den Fokus, in denen sich foucaultsche Ideen in besonderem Maße wieder finden lassen. Das der Versuch der Darstellung, im Rückgriff auf die Expertise nicht immer völlig neutral bleiben kann, ist leider nicht zu vermeiden.

2.2 Die Glen Mills Schools

Die Glen Mills Schools besteht in ihrer heutigen Form seit 1975 und ist mit einer Geschichte, die bis in das Jahr 1826 zurückreicht, die älteste „residential school for court referred young men“[3] in den Vereinigten Staaten. Sie befindet sich in einer kleinen Gemeinde im Bundesstaat Pennsylvania ca. 35 km entfernt von Philadelphia. Das Programm beschreibt Herbert E. Colla in seinem Aufsatz in der Expertise des DJI[4] kurz gefasst folgendermaßen:

Die Einrichtung hat seit ihrer Übernahme durch den jetzigen Leiter Ferrainola im Jahr 1975 ein Interventionskonzept mit einem ausgeprägten Beharrungsvermögen entfaltet, das sich als Wissen stilisiert hat. Strukturen, Methoden und Sprache werden eingesetzt, um die ungekonnten Problembewältigungsstrategien der Jugendlichen zunächst als solche kenntlich zu machen und dann zum anderen bei der Veränderung dysfunktionaler Verhaltens- und Denkstrukturen hilfreich zu sein. Orientiert an lerntheoretischen Modellen sollen zunächst situationsspezifische Handlungsmuster und -rollen an den Jugendlichen herangetragen werden. Der junge Mensch hat diese Rollen zu übernehmen, soll das Training gelingen und zu einer stabilen Verhaltensveränderung führen. Ein Aushandlungsprozess im Sinne einer alltagsorientierten Sozialpädagogik ist nicht vorgesehen.[5]

Die Schule – „eine private, unabhängige und gemeinnützige Stiftung in der Form eines Internates“[6] – versteht sich selbst als Dienstleistungsunternehmen, in dem zurzeit ungefähr 900 gerichtsüberwiesene Jugendliche untergebracht sind.[7] Der Besuch der Einrichtung fungiert dabei als Alternative zum Gefängnisaufenthalt, auch wenn die Schule laut eigener Aussage Wert auf die „freiwillige Entscheidung“ für den Besuch legt.[8]

Die Schule befindet sich auf einem Gelände von mehr als 600 Morgen (das sind ca. 240 Hektar) und setzt sich aus verschiedenen Gebäuden zusammen. So gibt es mehrere Schul- und Werkstattgebäude, eine Bibliothek, sowie eine Kantine und weiterhin mehrere, umfangreiche Sportanlagen. Außerdem befinden sich auf dem Gelände die „Cottages“, Wohneinheiten für Schüler und etwas abgelegen, die Wohnungen für Mitarbeiter. Die Schule selbst rühmt sich eines Erscheinungsbildes, das eher zu Eliteschulen passt, was von einem Großteil der Besucher auch bestätigt wird.[9] Das gesamte Gelände und die Gebäude werden als sehr gepflegt und auffällig sauber bezeichnet,[10] besonders auf die herausragenden Innen- und Außen-Sportanlagen wird auf der Internetseite der Organisation immer wieder hingewiesen. Obwohl in Glen Mills straffällige Jugendliche untergebracht sind, gibt es weder Schlösser an den Türen, noch einen Zaun um das Gelände, was unterschiedliche Gründe hat. Zum einen befindet sich die Schule in einer relativ abgelegenen Gegend, zum anderen wissen die Schüler, dass die Alternative zum Besuch der Einrichtung der Aufenthalt in einem Gefängnis wäre. Mechanismen zur Kontrolle gibt es trotzdem diverse, der vordergründigste und offizielle sind die mehrmals täglich stattfindenden Anwesenheitskontrollen in den Gruppen.

Die Schüler sind in Glen Mills einer Vielzahl an Verhaltensregeln und Vorschriften unterworfen. Sowohl die zu tragendene Kleidung („keine Gang-Symbole“), die Einrichtung der Wohnbereiche (keine persönlichen Gegenstände außer Bildern der Familie und Sporttrophäen), die Sprache (kein Fluchen, keine „gangtypischen Slangausdrücke“), das generelle Auftreten („ruhig und höflich“), sowie die genaue Planung des Tagesablaufes, sind festen Regeln unterworfen, die befolgt werden müssen. Auch die Einrichtung der „Bulls“, einer Art Schülervertretung, die hauptsächlich eine hierarchisierende Funktion innerhalb der Schülerstruktur einnimmt und zu der ich später noch ausführlich Stellung nehmen werde, kann im Kontext von Einhaltung von Regeln und Vorschriften gefasst werden.

Das Konzept der Glen Mills Schools ist in sofern besonders, wird in Deutschland aber auch gerade deshalb stark hinterfragt, weil es von der Grundannahme geprägt ist, die Probleme der Jugendlichen seien keinesfalls die von „psychisch gestörten Persönlichkeiten“, die dementsprechend behandelt werden müssen, sondern es handele sich vielmehr nur um „behavioral problems“, die im hier vorliegenden geeigneten Rahmen behoben werden können.[11]

„Die Jugendlichen befinden sich nicht in einer Form von defizitorientierter genereller Programmatik von „Behandlung“, um eine „Persönlichkeitsstörung“ zu beheben. Sie sind – obwohl sie faktisch delinquente Taten verübt haben – keine „bad boys“, deren Charakterfehler mittels Strafe ausgeglichen werden sollen. In der bildungsoptimistischen „Philosophie“ von Glen Mills geht es nicht darum, moralisch oder psychisch gestörte Persönlichkeiten zu rehabilitieren, vielmehr sollen die jungen Menschen habilitiert werden, d.h. sie sollen zu dem befähigt werden, was in ihnen angelegt ist, was aber durch das Vorenthalten der „equality of opportunity“ und als „ghetto poor“ mit gesellschaftlich zugemuteter und individuell erfahrener Ohnmacht nicht entfaltet werden konnte. […] Die Jugendlichen werden nicht als Träger von Defiziten und Opfer von Verhältnissen wahrgenommen, sondern als Subjekte, die über weitaus komplexere Verhaltens- und Persönlichkeitsqualifikationen verfügen als dies gängige (amerikanische) devianzpädagogische Deutungen nahe legen. Die dissozialen jungen Männer sollen durch das Programm von entwürdigenden Rollenerwartungen und ihrer darauf bezogenen Reaktionsmechanismen befreit werden. Es sollen Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass der junge Mensch sich zukünftig gesetzeskonform verhalten kann.“[12]

Und weiter:

„Für Ferrainola ist die „Glen Mills Schools“ eine Sozialisationsorganisation im Sinne von Wheeler (1974: 54), in der „bestimmte Leute mit der Aufgabe betraut werden, andere in der Weise zu beeinflussen, dass sie hinterher andere Fertigkeiten, Werte oder ähnliche Qualitäten besitzen als vor ihrer Aufnahme.“ Er modifiziert das Konzept aber dahingehend, dass nicht die Pädagogen/Ausbilder allein für den Alltag der Einrichtung verantwortlich sind, sondern er arbeitet mit der positiven peer-group-culture, d.h. ein wesentlicher Anteil am Prozess der Verhaltensveränderung und dem Aufbau der normativen Kultur wird durch die Gleichaltrigen herbeigeführt und vermittelt (vgl. Allen 1970; Vorrath/Brendtro 1985).“[13]

Ferrainolas Ansichten zur Delinquenz und damit eine der Grundlagen der Arbeit der Glen Mills Schools, sowie die Theorien, die herangezogen werden um die Methoden zu begründen, werden in der Expertise wiederholt kontrovers diskutiert.[14] Herbert E. Colla fasst die Kritik meines Erachtens nach am verständlichsten und sehr übersichtlich zusammen, wenn er im Hinblick auf das folgende Fazit von Ferrainola weiter ausführt:

„Delinquenz ist kein psychiatrisches Syndrom, sondern ein soziales Faktum, genauso wie Armut und Scheidung soziale Faktoren sind“ (Ferrainola).

[...]


[1] Zitat: Deutsches Jugendinstitut e. V. (Hrsg.), 2002, S.2

[2] Beispielsweise: Schran, Peter: „Glen Mills-Gang. Gefangen ohne Schloss und Riegel“. 2000

(ausgestrahlt bei ARD; bei ARTE unter Titel: „Eldin im Wunderland – Ein Jahr Strafinternat Glen Mills“)

[3] Dies ist die Selbstbezeichnung der Schule, die auf der Internetseite zu finden ist

[4] Herbert E. Colla in : Deutsches Jugendinstitut e. V. (Hrsg.), 2002, S.9-29

[5] Zitat: Deutsches Jugendinstitut e. V. (Hrsg.), 2002, S.10

[6] Zitat: ebd., S.9

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. Deutsches Jugendinstitut e. V. (Hrsg.), 2002, S.9

[9] Etwa: Deutsches Jugendinstitut e. V. (Hrsg.), 2002, S.31

[10] ebd.

[11] Vgl. Internetseite Glen Mills Schools, Unterpunkt „About Glen Mills“

[12] Deutsches Jugendinstitut e. V. (Hrsg.), 2002, S.14

[13] ebd. S.15

[14] Vgl. unter anderem die Berichte von Herbert Colla, S.9f oder von Jürgen Körner, S.50f

Details

Seiten
18
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638569019
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v63978
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
Schlagworte
Glen Mills Schools Versuch Veranschaulichung Foucaults Kollektives Lernen Selbstsozialisation Sport Fallstudien Sportszenen

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