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Haben Sportvereine eine höhere Chance auf einen Arbeitsplatz?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 27 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

1. Allgemeine Angaben

1.1 Antragssteller: Thomas Jacob

1.2 Antragstitel: Haben Sportvereinsmitglieder eine höhere Chance auf einen Arbeitsplatz?

1.3 geplante Förderungsdauer: 3- 3,5 Jahre

1.4 Einleitung

Sportvereine stellen in Deutschland die beliebteste aller Freiwilligenvereinigungen dar. Innerhalb von Sportvereinen kann man jedoch mehr als nur das reine Sporttreiben beobachten. Durch die Gemeinschaft von Gleichgesinnten im Verein können auf emotionaler Ebene soziale Nähe, persönliche Beziehungen, Bindungen, Vertrauen, sowie ein Gefühl von Bewußtsein und Zugehörigkeit entstehen. Dies sind Faktoren, die nach den Theorien von R.D. Putnam, P. Bourdieu, J. Coleman u. a. soziales Kapital entstehen zu lassen. Soziales Kapital meint im Groben das Profitieren eines Einzelnen durch Gruppenzugehörigkeit jeglicher Art, wobei durch das Zusammen-treffen von Personen Neues hervorgebracht wird. Sportvereinen wird zum einen eine Sozialisationsfunktion und zum anderen eine Rolle als Bewältiger sozialer Problemlagen zugeschrieben. Weiterhin sind Sportvereine optimal geeignet schwache soziale Beziehungen (weak ties) auszubilden. Nach Untersuchungen Granovetters und Wegeners sind es genau diese „weak ties“, die man benötigt um die Chancen auf einen Arbeitsplatz zu erhöhen. Durch das Verlassen des Kreises von Gleichgesinnten erhält man Kontakte zu anderen Personen, wobei dadurch die Chancen steigen einen Arbeitsplatz zu finden. Durch den andauernden chronischen Arbeitsplatz-Mangel und dem immer schwerer werdenden Zugang zu einem Arbeitsplatz stellt sich nun die Frage, ob Personen, die einem Sportverein angehören, dadurch schon einmal einen Job, Jobangebote oder sonstige Angebote zum Einkommenserwerb bekommen haben. Dies soll anhand einer empirischen Analyse in Vereinen unter bestimmten Gesichtspunkten (Region, Alter, Mannschaft- oder Individualsportart etc.) untersucht werden.

2. Forschungsstand

2.1 Theorien zu Sozialem Kapital

2.1.1 Was ist und wann entsteht Soziales Kapital?

Um die Forschungsfrage verständnisvoll bearbeiten zu können, müssen bestimmte theoretische Grundlagen im Vorfeld geklärt werden. Der Kern der Frage bezieht sich auf die Theorie von M.S. Granovetter[1] und B. Wegener[2]. Als ersten Schritt soll jedoch der Grundbegriff meines Forschungsprojektes, nämlich der Begriff des Sozialen Kapitals (SK), in Ansätzen eingeengt und beschrieben werden. Dazu werden im ersten Abschnitt (1.1) einige Versuche von Autoren unternommen, sich dem Phänomen des SK zu nähern.

Pierre Bourdieu erweiterte in den 80er Jahren den Begriff des „Kapitals“ und bezog ihn auf andere Bereiche des Lebens (Kultur: kulturelles Kapital; soziales Kapital, SK: Beziehungs-geflecht zwischen Personen). Der bis dahin nicht bekannte Begriff des sozialen Kapitals schlug in Wissenschaft und Politik förmlich Wellen und wurde alsbald zum Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung und Diskussion[3].

F. Fukuyama stellte fest, dass “behind shared values is trust“[4], also hinter geteilten Meinungen und Einstellungen Vertrauen vorliege. Paldam und Svendsen beschreiben SK als „trust among people“ (Vertrauen zwischen Menschen). Desweiteren entstehe SK dann, wenn „cooperative movements do succeed, they build social capital“[5] (bei gelingender Kooperation wird SK ausgebildet). SK ist also in einer ersten Darstellungsweise eng an die Begriffe “Vertrauen” und “Kooperation” gekoppelt.

Grootaert[6] greift bei seiner Erklärungsweise von SK ebenfalls den Gemeinschafts- und Kooperationsaspekt von SK auf und beschreibt ihn als wichtiges Merkmal. SK kann somit nur in einer Gruppe von Personen erworben werden, die miteinander in Kooperation stehen.

Im folgenden werden weitere Autoren vorgestellt, die SK als Begriff erforscht und verwendet haben. So beschreibt Loury[7] SK als die Menge an Ressourcen, die in Familienbeziehungen oder in sozialen Organisationen enthalten sind. Auch hier bekommen wir einen weiteren Hinweis, dass der Begriff des Sozialen Kapitals eng mit Gemeinschaften und Gruppen zusammenhängt. Dies ist wichtig, da mein Forschungsprojekt genau auf diese Gruppen (Sportgruppen) abzielt.

Nach diesen Definitionen und Erklärungen für den Begriff des Sozialen Kapitals könnte man annehmen, dass in jeder zu findenden Gemeinschaft oder sozialen Gruppe Soziales Kapital ausgebildet wird. Doch diese Annahme ist falsch, besonders dann, wenn man glaubt SK „liege überall auf der Strasse herum“. Die beiden Ökonomen Hermmann-Pillath und Lies bewiesen, dass SK eben kein öffentliches Gut ist. Sie begründeten dies wie folgt: Es liegt SK vor, wenn Individuen einen Nutzen aus sozialen Netzwerken positiver Externalität bei Transaktionen ziehen[8]. Dies bedeutet, dass ein individueller Nutzen für eine Person in einer Gemeinschaft erst dann entsteht, wenn sie durch diese einen Vorteil jeglicher Art bekommt, den sie ohne das Zusammentreffen mit der Gruppe nicht bekommen hätte (neue Informationen; Stellen-, Wohnungs-, Freizeitangebote; Tauschangebote materieller Art; Beziehungen, Partnerschaft).

Granovetter erweiterte noch diesen Gedanken und bezog diese Vorteile auf das Ausmaß der Beziehungsstruktur einer Person und auf die Tiefgründigkeit der Beziehung (starke und schwache Beziehungen). Dazu jedoch im nächsten Abschnitt mehr.

Festzustellen ist demnach (nach Hermann- Pillath und Lies), dass SK in bestimmten Gruppen entsteht, die in sich eine geschlossene Gemeinschaft bilden. In diesen Gruppen herrschen Regeln und Normen vor, die bei dessen Verletzung zum Ausschluss des Einzelnen führen. Durch diese Regeln, Normen und Sanktionen wird nun ein Rahmen festgelegt, in dem Vertrauen aufgebaut und praktiziert werden kann.

Damit kann begründet werden, dass für die Ausbildung von SK ein struktureller Rahmen notwendig ist. SK wird somit nicht „überall“ und „zwangsweise“ in jeder Gemeinschaft ausgebildet, sondern erst dann, wenn spezielle Prinzipien und Verhaltensgrundsätze (Regeln) in der Gruppe vorherrschen und akzeptiert werden.

2.1.2 Putnams, Bourdieus und Colemans Sozial Kapital- Theorien in Bezug auf Vereine und Organisationen

R.D. Putnam[9], der zusammen mit P. Bourdieu einen Meilenstein in der Begriffsdefinition des Sozialkapitals gesetzt hat, erachtet drei zentrale Elemente als wichtig, wenn es um die Beschreibung des Begriffes SK geht:

Als ersten Punkt beschreibt er, genau wie die anderen Autoren auch, das soziales Vertrauen in erheblichem Maße Kooperation erleichtert. Kooperation sei eine wichtige Voraussetzung für die Entstehung von SK. Im zweiten Punkt sieht er die Norm generalisierter Reziprozität (Prinzip der Gegenseitigkeit zur Lösung sozialer Dilemmata) als wichtig an. Als dritten Punkt benennt er ein Netzwerk zivilgesellschaftlichen Engagements, das darauf hinausläuft Normen zu pflegen, die zum Vertrauensaufbau und –erhalt unabdingbar sind. Grundpfeiler für eine Kooperation sind sogenannte „civic associations“ (zivile, freiwillige Vereinigungen). Diese schaffen Vertrauen, welches wiederum Voraussetzung für die Abschaffung von Kontrollmechanismen innerhalb der Gruppe ist.

Als Beispiele für „traditional civic associations“ nennt Putnam lokale Gemeinschaften wie Sportvereine oder kirchliche Gruppen. Diese zivilen Vereinigungen (civic associations) bilden für ihn „das strukturierende Element moderner Gesellschaften“[10]. Nach Putnams Überzeugung kann also weder in Massenorganisationen noch in Selbsthilfegruppen SK gebildet werden.[11] Denn vertrauensbildende „face- to- face“ Interaktionen produzieren Identifikation und solidargemeinschaftliche Beziehungen[12]. Und diese finden sich laut Putnam ausschließlich in den genannten klassischen Vereinigungen wie Sportvereinen oder Kichgemeinden.

Durch Putnams Feststellung, dass Sportvereine an der Ausbildung von Vertrauen (und somit letztendlich auch von Sozialem Kapital) beteiligt sein sollen ist für mein Projekt in so fern wichtig, als das nun die theoretische Begründung dafür vorliegt. Denn dies ist genau die grundlegende Fragestellung, die ich in einer erweiterten Form in meiner Arbeit beantworten möchte (ob SK vorhanden ist um damit Jobangebote zu bekommen).

Als naheliegende Fragestellung ergibt sich nun, ob Putnams zentrale Elemente (Kooperation; Gegenseitigkeit; Regeln und Normen für Vertrauensaufbau) für Sportvereine zutreffen. Dem ersten Punkt kann man klar zustimmen, denn in Mannschaftssportarten wie Fussball, Volleyball, Handball oder Basketball ist kooperatives Handeln eine Grundvoraussetzung. Kooperiert wird sowohl im eigentlichen Spiel (Angriff, Verteidigen etc.), wie auch außerhalb des Spieles (Taktikbesprechung, Hilfe bei Verletzungen, Teilen von verschiedensten Dingen- Trinkflasche, Mitfahrgelegenheit, Shampo etc.). Der zweite Punkt (Gegenseitigkeit zur Lösung sozialer Dilemmata) trifft nicht ganz auf Sportvereine zu, da die Dilemmasituationen lediglich „künstlich“ erschaffen wurden (das Spiel ist im Grunde eine Erfindung zur sozialen Erwünschtheit). Gegenseitigkeit wird z.B. im Spiel in typischen „Helfersituationen“ angeboten (Bsp. Freilaufen und sich anbieten um Mitspieler zu helfen). Allerdings kann man dies nicht als soziales Dilemma bezeichnen. Dagegen trifft Putnams letzter Punkt für einen Sportverein klar zu. In Form von Engagement aller Beteiligten (Spielführer, Trainer, Kassenwart, Person für Reinigung der Spielkleidungen, PKW- Bereitstellung, Schiedsrichter, Vereinsadministrator etc.) werden Normen gepflegt, die für das Vertrauen der Gruppe (Mannschaft) wichtig sind. Nicht zuletzt kann man beispielsweise eine spezielle Spielsituation herausgreifen und daran erklären, dass ein Netzwerk an Vertrauen in einer Mannschaft vorherrschen sollte, um zum Erfolg zu gelangen (Mannschaftszusammenhalt, Verlässlichkeit jedes Spielers für den Erfolg zu spielen).

Im weiteren Verlauf seiner Definition untermauert Putnam seine These, dass für die Entstehung von SK eine hohe interaktive Konnektivität zwischen Mitgliedern vorausgesetzt wird. Diese Konnektivität erhöhe wiederum die Kommunikation und Kooperation und stärke das soziales Vertrauen in den genannten Associations.[13]

Mit diesen eben definierten Gegebenheiten ist jedoch noch längst kein SK entstanden. Die drei zentralen Elemente sind lediglich beim Vorhandensein von SK von Putnam beobachtet worden und dienen für ihn als unabdingbare Voraussetzung.

Eine weitere Gegebenheit bei der Umschreibung des Begriffes ist die Beobachtung von Putnam, dass SK eher als „Nebenprodukt“ des gemeinschaftlichen Handelns auftritt. Anders als bei Sachkapital, welches sich nach einer bestimmten Zeit verbraucht, erhöht sich SK bei gemeinschaftlichem Handeln.[14] Auf Grund dieser Beobachtungen und Zuordnungen bezeichnet Putnam das SK als kollektives Gut. Ein weiterer wichtiger Aspekt Putnams hinsichtlich des Begriffes SK und Sportverein soll unter Punkt 3.1.1 behandelt werden.

Der Franzose Pierre Bourdieu, berühmtester Wissenschaftler im Bereich des SK, teilte 1983 das Kapital in drei Bereiche ein: in ein ökonomisches, in ein kulturelles und in ein soziales Kapital (SK). Bourdieu veränderte die bis dahin gängige Definition von Kapital, die damals hauptsächlich in der Ökonomie ihre Anwendung fand. Er führt sie zurück in ihren Ursprung als akkumulierte Arbeit und verwies darauf, dass auch in nicht wirtschaftlichen, also nicht eindeutig wertmäßig erfassbaren Lebensbereichen, der Begriff des Kapitals sinnvoll ist. Denn die alleinige Nutzung des Kapitalbegriffs in der Wirtschaftstheorie würde bedeuten, dass sie im Grunde nur eine einzige Eigennützigkeit verkörpere und die restlichen sozialen Austauschverhältnisse in der Gesellschaft auf reine Uneigennützigkeit abwerten würde. Kritik an dieser Feststellung kann man nur in der Tatsache finden, dass sich gesellschaftliche Austauschverhältnisse nicht immer 1:1 in Geldbeträgen eindeutig aufschlüsseln lassen und somit für den Betrachter auf den ersten Blick unsinnig erscheinen.

[...]


[1] Vgl. Granovetter, M.S., The Strength of Weak Ties, in: American Journal of Sociology 78 (1978), H.6, S. 1360-1380 .

[2] Vgl. Wegener, B., Vom Nutzen entfernter Bekannter, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (1987), H.39, S. 278-301.

[3] Vgl. Beck, U., Schöne neue Arbeitswelt. Vision: Weltbürgerschaft, Frankfurt a.M. 1999.

[4] Paldam,M., Svendsen,G., An essay on social capital:Looking for the fire behind the smoke, in: European Journal of Political Economy 16 (2000), S. 340.

[5] Vgl. Herrmann- Pillath,C., Lies,J., Sozialkapital. Begriffsbestimmung, Messung, Bereitstellung, in: WiSt, 30. Jahrgang, München, Frankfurt 2001, S. 365.

[6] Vgl. Grootaert, Ch., Social Capital: The Missing Link?, in: Washington World Bank Social Capital Initiative Working Paper No.3, 1998.

[7] 1977, 1987

[8] Vgl. Herrmann- Pillath,C., Lies,J., Sozialkapital. Begriffsbestimmung, Messung, Bereitstellung, in: WiSt, 30. Jahrgang, München, Frankfurt 2001, S. 365.

[9] Vgl. Putnam, R.D., Making democracy work. Civic traditions in modern Italy, Princeton 1993.

[10] Zimmer, A., Vereine. Basiselemente der Demokratie, Opladen 1996, S.59.

[11] Vgl. Wiesner, M., Vereine als Re-Produzenten sozialen Kapitals?, in: Grin-Verlag, München 2003, S. 12.

[12] Vgl. Putnam, R.D., Demokratie in Amerika am Ende des 20. Jhd., in: Graf, F.W., Platthaus, A., Schleissing, S. (Hrsg.), Soziales Kapital in der Bürgergesellschaft, Stuttgart 1999, S.21-70.

[13] Vgl. Baur, J., Burrmann, U., Nagel, M., Mitgliedschaftsbeziehungen in Sportvereinen, in: Baur, J., Braun, S. (Hrsg.), Integrationsleistungen von Sportvereinen als Freiwilligenorganisationen, Aachen 2003, S. 167.

[14] Vgl. ebd., S. 174.

Details

Seiten
27
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638566728
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v63685
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Soziologie
Note
1,7
Schlagworte
Haben Sportvereine Chance Arbeitsplatz Soziales Kapital

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