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Die Figur der Ottilie in Goethes Wahlverwandtschaften

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 27 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Die doppelte Wahlverwandtschaft und die dafür notwendige Viererkonstellation

3) Der Charakter der Ottilie
3.1. Ottilie, dargestellt aus der Sicht der Vorsteherin des Pensionats und des Gehilfen, und ihr Konflikt mit der Pädagogik ihrer Zeit
3.2.) Ottilie, Charlotte und Eduard

4) Der liebende (?) Eduard als treibende Kraft des Verhältnisses zu Ottilie

5) Goethes Motivation, die Rolle der Ottilie mit einer Frau zu besetzen - oder: Ist Ottilie notwendigerweise eine Frau?

6) Fazit

7) Literaturverzeichnis

1) Einleitung

Die vorliegende Hauptseminarsarbeit beschäftigt sich mit der Figur der Ottilie in Goethes „Wahlverwandtschaften“. Die Begriffe der einfachen und doppelten Wahlverwandtschaft und der Ersatzverwandtschaft machen einen wesentlichen Teil der Arbeit aus, da die Verwandtschaften chemischen Gesetzmäßigkeiten unterliegen, die letztlich Denken und Handeln der Romanfiguren lenken und sich am deutlichsten in der Liebe zwischen Eduard und Ottilie manifestieren.

Anhand von ausgewählten Textstellen soll analysiert werden, wie Ottilie, als die Verkörperung des Reinen und Unschuldigen, durch verschiedene Charaktere des Romans, das sind Charlotte, Eduard, die Pensionsvorsteherin und ihr Gehilfe, und durch den Erzähler dargestellt wird, wie sie durch die Erziehung ihrer Zeit geprägt ist und durch welche besonderen Wesenszüge sie sich von den anderen Figuren unterscheidet. Bezug nehmend auf das Thema des Seminars "Männerbilder - Frauenbilder" wird sich die Arbeit ferner darauf konzentrie­ren, wie Ottilie als Frau in dem Roman dargestellt wird und welche Funktion sie für das Werk hat. Ottilie besticht durch ihre Schönheit, die Art und Weise ihrer Bildlichkeit und nicht zuletzt durch ihre Verwobenheit mit der Legende von der Heiligen Odilia, die ihre Namensgeberin ist. Ebenso wie Odilia eine Heilige ist, wird Ottilie am Ende des Romans zu einer Heiligen überhöht. Inwieweit unterscheiden sich die Männerfiguren, im besonderen Eduard, von den Frauenfiguren im Roman? Muß die Rolle der Ottilie zwangsläufig von einer weiblichen Figur besetzt werden? Dies werde ich herauszuarbeiten versuchen.

2) Die doppelte Wahlverwandtschaft und die dafür notwendige Viererkonstellation

1807 eigentlich als Novelleneinlage für "Wilhelm Meisters Wanderjahre" ge­plant, entstand mit den Wahlverwandtschaften ein Roman, der, wie Goethe selber sagte, aus seiner tiefen Neigung zu Wilhelmine Herzlieb entsprungen ist.[1] Goethe überträgt die in der chemischen Gleichnisformel beobachteten Kräftespiele von Anziehung und Abstoßung auf menschliche Verhältnisse, um dabei das Problem von Freiheit und Notwendigkeit im sittlichen Bereich darzustellen. Diesen Konflikt zwischen Natur- und Sittengesetz stellt Goethe am Modellfall einer zerbrechenden Ehe dar. Er ordnet die vier Hauptfiguren des Romans, nämlich Eduard, Charlotte, den Hauptmann und Ottilie, dem zugrunde gelegten chemischen Vorgang entsprechend an und nimmt seinerseits ihren Reaktionen gegenüber die distanzierte, beobachtende Haltung eines Naturforschers ein. Den chemischen Vorgang erläutert Eduard in Kapitel 4 des ersten Teils des Romans, indem er sich mit seiner Frau Charlotte und dem Hauptmann über die chemische Gleichnisformel unterhält. Bezeichnend für die Ahnungslosigkeit der Figuren, die das Spiel mit der Chemie nach dem 4. Kapitel für beendet halten und in der Notwendigkeit der chemischen Reaktionen nicht die Vorausspiegelung ihres eigenen Schicksals erkennen, ist das Vergessen der Gleichnisrede. Ihnen fehlt jegliche Ahnung, daß sie selbst in dem ‚Versuch‘, wie Eduard es nennt, die Versuchspersonen sind.

"Nimm dir Ottilien, laß mir den Hauptmann, und in Gottes Namen sei der Versuch gemacht", heißt es auf die Formel hindeutend bereits im zweiten Kapitel. Die Voraussetzung für den ‚Versuch‘, und damit einhergehend für die Erfüllung der chemischen Gleichnisformel, ist das folgende:

Zwei weitere Personen, der Hauptmann und Ottilie, müssen auf dem Gut erscheinen. Nachdem die beiden Gutsbesitzer Eduard, "so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter"[2], und seine Ehefrau Charlotte dem Leser vorgestellt wurden, erfährt man ziemlich schnell von Eduards nachdrücklichem Wunsch, seinen langjährigen Freund Otto, der im Verlauf des Textes zuerst Hauptmann, dann Major genannt wird, einige Zeit zu sich zu nehmen und mit ihm zusammen Veränderungen an seinem Anwesen vorzunehmen. Er fühlt sich dem Hauptmann freundschaftlich verpflichtet, weiß aus seiner Anwesenheit aber auch Nutzen zu ziehen.

„Ganz recht“, versetzte Eduard; „aber selbst diese verschiedenen Gelegenheiten, diese Anerbietungen machen ihm neue Qual, neue Unruhe. Keines von den Verhältnissen ist ihm gemäß. Er soll nicht wirken; er soll sich aufopfern, seine Zeit, seine Gesinnung, seine Art zu sein, und das ist ihm unmöglich.[...] Wir können von seiner Nähe uns nur Vorteil und Annehmlichkeiten versprechen.[...] Ich hätte mir längst eine Ausmessung des Gutes und der Gegend gewünscht; er wird sie besorgen und leiten.“[3]

Anfänglich zögert Charlotte, als hätte sie bereits eine Vorahnung über die bevorstehende Entwicklung. Sie begründet ihre Ängste so:

„So laß mich denn dir aufrichtig gestehen“, entgegnete Charlotte mit einiger Ungeduld, „daß diesem Vorhaben mein Gefühl widerspricht, daß eine Ahnung mir nichts Gutes weissagt. [...] Ich bin nicht abergläubisch“, versetzte Charlotte, „und gebe nichts auf diese dunklen Anregungen, insofern sie nur solche wären; aber es sind meistenteils unbewußte Erinnerungen glücklicher und unglücklicher Folgen, dir wir an unseren oder fremden Handlungen erlebt haben. Nichts ist bedeutender in jedem Zustand, als die Dazwischenkunft eines Dritten. Ich habe Freunde gesehen, Geschwister, Liebende, Gatten, deren Verhältnis durch den zufälligen oder gewählten Hinzutritt einer neuen Person ganz und gar verändert, deren Lage völlig umgekehret wurde.[...] Gönne mir noch einige Tage, entscheide nicht!“[4]

Charlottes Abneigung gegen die Aufnahme des Hauptmanns weicht der Freu­de, einige Tage später ihre Nichte und Schutzbefohlene Ottilie zu sich auf das Schloß zu holen. Als sie dies Eduard mitteilt, hat sie zwar Bedenken, der Hauptmann könnte sich zu Ottilie hingezogen fühlen, was der Erfüllung der Gleichnisformel gelegen käme. Aber letztlich ist es Eduard, der diese Zweifel verwirft. So entsteht aus der anfänglichen Zweier- kurzzeitig eine Dreierkonstellation. Nach dem Erscheinen des Hauptmanns kommt es zu einem richtungsweisenden Gespräch über die chemisch-menschliche Gleichnisrede. Beim abendlichen Tischgespräch von Charlotte, Eduard und dem Hauptmann geht es scheinbar um die lustig-spielerische Übertragung naturwissenschaftlicher Gesetze auf die anwesenden Personen und die noch erwartete Ottilie. Das Gesetz, welches zum Thema gemacht wird, besagt, daß, wenn drei Stoffe, A, B, C, aufeinandertreffen, naturgemäß zwei dieser Stoffe eine Verbindung, nämlich eine Wahlverwandtschaft, eingehen. Bei der kurzzeitigen Dreierkonstellation bliebe also, neben der einfachen Wahlverwandtschaft, einer der Stoffe ohne Verbindung. Charlotte greift das Problem auf und bezieht es zuerst auf Stoffe, dann, leichter verständlich, auf Personen, ohne sich darüber Gedanken zu machen, daß sie selber der Gegenstand dieser Gleichung sein könnte.

Gips [bestehend aus Kalkerde (A) und Luftsäure (B), Anmerkung K.S.] hat gut reden“, sagte Charlotte; „der ist fertig, ist ein Körper [nämlich Gips, eine Verbindung von Kalkerde und Schwefelsäure, Anmerkung K.S.], ist versorgt, anstatt daß jedes ausgetriebene Wesen [Luftsäure (B), Anmerkung K.S.] noch manche Not haben kann, bis es wieder unterkommt.[...] Mir sind leider Fälle genug bekannt, wo eine innige, unauflöslich scheinende Verbindung zweier Wesen durch gelegentliche Zugesellung eines dritten aufgehoben und eins der erst so schön verbundenen ins lose Weite hinausgetragen ward.“[5]

Eine Formel faßt das Gesagte zusammen:[6]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Sofort beruhigt Eduard seine Frau, indem er versichert: "'Da sind die Chemiker viel galanter, [...] sie gesellen ein viertes hinzu, damit keines leer ausgehe.'"[7]

Um auch diesen Fall durchzuspielen, stelle man sich vor, daß, wenn ein vierter Stoff D hinzukommt, dieser mit einem der anderen Stoffe eine neue Verbindung eingeht und sich somit eine weitere Verwandtschaft formiert. Falls Eduards Rechnung aufgeht, wären zwei Verwandtschaften entstanden. Was in den Überlegungen der Männer nicht bedacht wird, ist die Möglichkeit, daß der vierte Stoff D das bereits formierte Paar zerschlagen könnte, um sich seinerseits mit einem dieser Elemente zu verbinden. Im Idealfall aber sollten sich zwei Wahlverwandtschaften durch Vorhandensein von zwei Paaren bilden. Der Hauptmann ignoriert, daß erst drei Elemente da sind und ein viertes erst noch hinzukommt. Statt dessen deutet er Eduards Worte „sie gesellen ein viertes dazu“[8] dann so, als ob er eine doppelte Wahlverwandtschaft einleiten wolle.[9] Dies würde, wie gesagt, voraussetzen, daß von Beginn an vier Personen anwesend sind.

„Jawohl“, versetzte der Hauptmann, „diese Fälle sind allerdings die bedeutendsten und merkwürdigsten, wo man das Anziehen, das Verwandtsein, dieses Verlassen, dieses Vereinigen gleichsam übers Kreuz wirklich darstellen kann, wo vier bisher je zwei zu zwei verbundene Wesen, in Berührung gebracht, ihre bisherige Verbindung verlassen und sich aufs neue vereinen.“[10]

[...]


[1] Vgl. Seele, Astrid: Frauen um Goethe, Reinbek bei Hamburg 1997, S.90-98

[2] Goethe, Johann Wolfgang von: Die Wahlverwandtschaften. In: Goethes Werke, Bd. 6. Romane und Novellen I, Hrsg. v. E. Trunz und B. von Wiese. München 1981 (zit.: HA 6 = Hamburger Ausgabe),Teil 1, Kap. 1

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] HA 6, Teil 1, Kap. 4

[6] Adler, Jeremy : Eine fast magische Anziehungskraft. Goethes Wahlverwandtschaften und die Chemie seiner Zeit, München 1987 (zit. JA), S.106

[7] HA 6, Teil 1, Kap. 4

[8] Ebd.

[9] JA, S.107

[10] HA 6, Teil 1, Kap. 4

Details

Seiten
27
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638139441
ISBN (Buch)
9783656710219
Dateigröße
609 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6352
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Germanistisches Seminar, Abteilung für Neuere Deutsche Literatur
Note
1,75
Schlagworte
Figur Ottilie Goethes Wahlverwandtschaften Hauptseminar Männerbilder Frauenbilder

Autor

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Titel: Die Figur der Ottilie in Goethes Wahlverwandtschaften