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Anna, das scheiternde Ideal - Untersuchung zur Romanfigur in Gottfried Kellers 'Der grüne Heinrich'

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einführung: Ideale

II. Anna – das scheiternde ‚Ideal’
1. Anna: Bild Heinrichs und Ideal des Vaters
1.1 Bild Heinrichs
1.2 Anna: Ideal des Vaters und wahres Selbst
2. Idealisierte Liebesbeziehung
2.1 ‚Heiligung’ statt Liebe
2.2 Spiegelfigur Anna und Kontrastfigur Judith
3. Scheitern der idealisierten Beziehung
4. Krankheit und Tod
4.1 Annas Krankheit und Tod
4.2 Anna und Meret

III. Durch Idealisierung
zum Scheitern verurteilte Figur

IV. Literatur

I. Einführung: Ideale

Unbestreitbar wurde der Charakter Heinrich Lee durch seine Kindheit und die Erziehung seiner Mutter entscheidend für sein späteres Leben geprägt. Obwohl vaterlos aufgewachsen, spielt die Vorstellung, die er von seinem Vater hat, eine bedeutende Rolle in seinem späteren Leben. Anhand des Vaterbildes, das seine Mutter ihm in der Kindheit vermittelt hat, versucht Heinrich ein Ideal anzustreben, das Ideal des Vaters, das für ihn unerreichbar ist.[1]

In dieser Arbeit spielt die Idealvorstellung, die Heinrich von sich selber hat, nur eine untergeordnete Rolle. Vielmehr befasst sich die Arbeit mit dem Ideal, „der Verkörperung von etwas Vollkommenem“[2]. Sie widmet sich der Romangestalt der Anna, die in Konflikt mit einer Idealvorstellung, die ihr von außen auferlegt wird, und dem eigenen Selbst gerät. Es soll untersucht werden, inwiefern die Forderungen, die ihre Umwelt an sie stellt, für Anna von Bedeutung sind. Dazu werden die beiden Figuren des Romans, die in engstem Zusammenhang mit Annas Entwicklung stehen, ihr Vater und Heinrich, miteinbezogen.

Ist das Scheitern Annas auf die ihr auferlegten Idealbilder zurückzuführen? Muss Anna „sterben, weil sie ganz Reinheit sein will und soll“[3] ? Um diese Hauptfrage zu klären, soll zunächst untersucht werden, wie diese Ideale aufgebaut werden. Zu diesem Zweck befasst sich die Arbeit mit der Beschreibung Annas durch Heinrich, die weniger ihren Charakter aufzeigt, sondern vielmehr Heinrichs subjektive Empfindungen von Annas Gestalt wiedergibt. Des Weiteren wird der Einfluss der Vaterfigur auf Anna beleuchtet. Wie erzieht der Vater seine Tochter und inwiefern wird sie durch seine Ansprüche und Normvorstellungen geprägt? Anschließend wird der Blick auf die Liebesbeziehung zwischen Heinrich und Anna geworfen. Hierbei soll geklärt werden, welcher Art die Beziehung zwischen Heinrich und Anna ist und welches Bild der Liebe sich Heinrich entwirft. Weiterhin wird die Szene zwischen Heinrich und Anna in der Heidenstube untersucht, in der Annas Konflikt besonders deutlich zu Tage tritt. Ein letzter Abschnitt widmet sich Annas Krankheit und Tod, zeigt im Besonderen Heinrichs Reaktion darauf und untersucht in einem letzten Teil Ähnlichkeiten und Unterschiede mit der ebenfalls scheiternden Meret.

Anna ist neben Judith die Hauptfigur der Jugendgeschichte Heinrichs. Die Jugendgeschichte lässt Keller eingebettet in den „eigentlichen Roman“ von seinem Protagonisten als „Selbstbiographie des Helden“ erzählen.[4] Dies ist für die folgende Arbeit insofern von Belang, da dem Leser durch dieses Verfahren nur die Eindrücke Heinrichs geschildert werden. Die Geschehnisse und vor allem die Romanfiguren, ihr Handeln und Erscheinen, unterliegen Heinrichs subjektivem Empfinden. Das, was wir über Anna und ihren Charakter erfahren, wird uns durch Heinrich übermittelt und das muss während der Lektüre vor Augen geführt bleiben.

II. Anna - Das scheiternde ‚Ideal’

1. Anna: Bild Heinrichs und Ideal des Vaters

1.1 Bild Heinrichs

Anna, die Tochter des ehemaligen Dorfschulmeisters, ist eine gleichaltrige Verwandte Heinrichs und bei ihrem ersten Aufeinandertreffen ist sie etwa 14 Jahre alt. Heinrich beschreibt Anna bei ihrer ersten Begegnung:

und aus der Hausthür heraus trat, ein zierliches Treppchen herunter, das junge Bäschen, schlank und zart wie eine Narzisse, in einem weißen Röckchen und mit einem himmelblauen Bande gegürtet, mit goldbraunen Haaren, blauen Äuglein, einer etwas eigensinnigen Stirne und einem kleinen lächelnden Mündchen. Auf den schmalen Wangen wallte ein Erröthen über das andere hin, das feine Glockenstimmchen klang kaum vernehmbar und verhallte alle Augenblicke wieder. Durch ein duftendes Rosen- und Nelkengärtchen führte uns Anna [...].[5]

Durch die Aneinanderreihung von Diminutiven bei ‚Treppchen’, ‚Röckchen’, ‚Äuglein’, ‚Mündchen’ und ‚Stimmchen’ lässt der Autor Keller Anna als besonders niedliche und zarte Gestalt in Heinrichs Beschreibung einführen. Anna, gekennzeichnet durch Reinheit und Schönheit, erscheint bei ihrem ersten Auftreten zunächst als der Innbegriff eines Ideals. Jedoch bei näherer Betrachtung verweisen die Diminutive, die immer wieder in Verbindung mit Anna auftauchen, schon vorausdeutend auf ihre Lebensunfähigkeit und Schwäche.[6] Auch der Vergleich mit einer „Narzisse“ lässt die Zerbrechlichkeit des Mädchens erahnen.[7] Oft wird sie im Zusammenhang mit Blumen erwähnt (278, 300f., 468, 548) oder von Heinrich wie hier als eine Blume beschrieben, die sich durch ein wunderschönes Äußeres auszeichnet. Anna führt bei diesem Auftritt „durch ein duftendes Rosen- und Nelkengärtchen“. Wenn Anna auftaucht, blüht es um sie herum und ihr Name ziert das „blühende Bild des Lebens“, das Blumenbild Heinrichs (288). Die ständig wiederkehrende Verbindung in Heinrichs Beschreibung lässt die „zarte Knospe“ (275) Anna voller Schönheit und Reinheit erscheinen. Da jede Blume verblühen muss, zeigt sich darin zusätzlich vorausdeutend die begrenzte Lebenszeit Annas. Wie eine schöne Zierpflanze erscheint sie in seiner Erzählung „ihrer Gesellschaft zum Schmucke gereicht“ (347). Die Farbverbindungen ‚weiß’ und ‚himmelblau’ wecken Assoziationen an einen reinen, unschuldigen „jungen Engel“ (277). Im weiteren Verlauf der Beschreibung wird deutlich, dass Heinrich in der „zierlichen Anna“ (262) tatsächlich ein übermenschliches Wesen sieht. Er ist angetan von ihrem „Glockenstimmchen“, vergleicht sie während ihres Orgelspiels mit der Kirchenheiligen Cäcilie (357) und glaubt „neben ihr [...] den lieben Gott lächeln zu sehen“ (264).

Dieses Bild von Anna bestätigt sich in dem Portrait, das Heinrich von ihr anfertigt. Darauf erscheint sie wie das Abbild einer „märchenhaften Kirchenheiligen“: „Die fromme [...] Ausarbeitung ihrer Haare und ihrer weißen Halskrause“ werden darauf hervorgehoben. Ebenso arbeitet Heinrich detailgetreu ihre „schönblauen Augen“, die „rosenrothen Wangen“ und den „tiefrothe(n) Mund“ heraus (376f.). Auf weitere Gesichtskonturen verzichtet er, schmückt Anna im Gegenzug mit Blumen, Vögeln, Goldspangen und Edelsteinen. Wenn auch sein künstlerisches Unvermögen der Grund für Annas umrisshafte Darstellung ist, spiegelt das Portrait dennoch die idealisierte Vorstellung Heinrichs wider. Besonders auffallend an Heinrichs Beschreibungen ist Annas weiße Kleidung. Zu dem „weißen Röckchen“ (251), das Anna bei ihrer ersten Begegnung trägt, wird sie hier mit einer ‚weißen Halskrause’ dargestellt. An der Orgel spielt sie in einem „weißen Kleide“, wobei sich die „weißen Finger“ auf den Tasten bewegen (357). Der Sarg, in dem Anna begraben wird, ist ebenfalls „weiß[,] wie Schnee“ (553). Die Farbe ‚weiß’, die Unschuld und Reinheit symbolisiert, ist ein Leitmotiv im ‚Grünen Heinrich’ und wird besonders oft mit Anna in Verbindung gebracht.[8] Das Christentum und dessen gute Seite zeigen sich für Heinrich in Anna.[9] Für Heinrich ist Anna daher eher ein Pfarrerskind als eine Landmannstochter (251), womit er eine Parallele zu seiner Mutter sucht, die als Pfarrerstochter ähnlich wie Anna religiös geprägt ist.

Heinrich entrückt Anna der Realität, indem er sie in seinen Beschreibungen als eine Märchengestalt erscheinen lässt oder sie zeitlich und räumlich vom tatsächlichen Geschehen abgrenzt. So ist sie einmal „eine junge Engländerin aus den neunziger Jahren“ (278), ein andermal „eine Elfe“ (282). In ihrem Kostüm der Berta von Brunneck gleicht sie einem „Ritterfräulein“ und einer „Feenkönigin“ mit einem „funkelnden Krönchen“ (413, 443). Die Beschreibungen durch Heinrich dienen einerseits der Idealisierung, andererseits sind sie ein Verweis auf die Schwierigkeit Annas, sich in der Realität zurechtzufinden, was dem Leser dadurch suggeriert wird.[10]

1.2 Anna: Ideal des Vaters und wahres Selbst

Anna ist ein religiöses, an Gott gefestigtes Mädchen, das den Namen der biblischen Christus-Mutter Maria trägt.[11] Mutterlos aufgewachsen, wird sie von ihrem Vater, der „eine große Artigkeit zu entfalten bestrebt war“, anders erzogen als ihre drei Basen (251). Ihre Religiosität und Geistigkeit sind auf die Wünsche und Vorstellungen ihres Vaters zurückzuführen, der sie dementsprechend lenkt. Da Anna seiner Meinung nach „für eine Bäuerin zu zart“ ist, schickt er sie in eine Bildungsanstalt in die französische Schweiz, um sich dort geistig weiterzubilden (327). Durch vornehme religiöse Erziehung soll sie sich fern von zu Hause bilden, da dies im ländlichen Dorf nicht möglich ist. An dieser Stelle macht Keller besonders deutlich, dass der Vater auf die Bedürfnisse seiner Tochter keinerlei Rücksicht nimmt: „Er ließ sich [...] durch ihre Thränen nicht erweichen, allein auf die Befriedigung seiner Wünsche bedacht“ (327). Bei ihrer Rückkehr aus der Schweiz ist sie die Erfüllung des Ideals ihres Vaters geworden, „schön, fein, gebildet und von andächtigem, edlem Gemüthe“ (356). Anna, „von einem schwarzen Seidenkleide umwallt“, ist nunmehr „eine ganz andere Gestalt“ und ihre „armen, schönen blauen Augen hatten ihre Freiheit verloren“ (348).

Anna hat zudem ein Bild von sich selbst, das wahrscheinlich stark durch die Vorstellungen ihres Vaters geprägt wurde. Ist sie in Gesellschaft, möchte sie tugendhaft erscheinen und lebt ihrer Umgebung ein idealisiertes Bild von sich selbst vor.[12] In Gegenwart ihres Vaters hält sie sich stets zurück, isst „zierlich und mäßig“, „nippte wie eine Elfe, [...] als ob sie keine irdischen Bedürfnisse hätte“ (282). Kurz darauf, allein mit Heinrich, kann sie ihren Hunger nicht mehr zurückhalten. Das „begierige Essen im Gehen und Plaudern“ (282) passt nicht in das Bild, das sie gewöhnlich ihren Mitmenschen gegenüber vorlebt. Ähnlich verhält sie sich eines Nachts, als ihr Vater zu Bett geht. Anna „sprang so ausgelassen im Zimmer umher, wie man es gar nicht hinter ihr vermuthet hätte“ (286). Während sie gewöhnlich immer „still und freundlich“ (288) erscheinen will, neckt sie Heinrich in dieser Nacht, umarmt ihn und es kommt beinahe zum Kuss zwischen den beiden. Am Grab der Großmutter ist es wiederum Anna, die die Initiative übernimmt und Heinrich den versprochen Kuss gibt (301). Menschliche Triebe, wie die nach Hunger oder Sexualität, sind bei Anna demnach vorhanden, wenn sie auch ihrer Umwelt das Gegenteil vorzutäuschen versucht.[13] Hat sie, wie in diesem Fall, ihr wahres Selbst erkennen lassen, schämt sie sich, diese menschliche Seite offenbart zu haben (289).

Die Erwartungen ihres Vaters erfüllend, kann Anna sich nicht entfalten, weswegen ihr Charakter von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist. Zwangsläufig führt ihr Triebverzicht in innere Zerrissenheit und inneren Konflikt, der noch zu Tage treten wird. Anna ist eine nach dem Ideal der Vatervorstellung geprägte Figur, die ein „Opfer bürgerlicher Lebensordnung“[14] ist. Rosemarie Adamczyk sieht in der Figur der Anna die Kritik Kellers an der an Normen und Religion orientierten Erziehung und deren Problematik. Von klein auf muss sie sich den Idealvorstellungen des Vaters beugen und büßt dadurch einen Teil ihres Selbst und ihre Selbstverwirklichung ein.[15] Ihr idealisiertes Vorstellungsbild entspricht einzig und allein den Wünschen ihres Vaters, beinhaltet aber gleichzeitig einem Teil der Muttervorstellung Heinrichs. Sie verkörpert für ihn zunächst die Ideale, die er sich von einer Mutter wünscht. In Anna findet Heinrich Zärtlichkeit und Respekt, weswegen sie von Beginn an seine Anziehung und Verehrung auf sich zieht.[16]

[...]


[1] Vgl. Kessel: Sprechen – Schreiben – Schweigen, S. 22-29, Adamczyk: Die realitätsbezogene Konstruktion des Entwicklungsromans, S. 108.

[2] Duden: Das Fremdwörterbuch7, 2001.

[3] Kaiser: Gottfried Keller, S. 103.

[4] Vorwort des Verfassers, Gottfried Keller: Der grüne Heinrich.

[5] Keller: Der grüne Heinrich. Nach der ersten Fassung von 1854/55. Hg. v. Jörg Drews, S. 255. Im Folgenden: (255).

[6] Vgl. Neumann: Gottfried Keller, S. 86.

[7] Vgl. Adamczyk, S. 81.

[8] Vgl. Menninghaus: Artistische Schrift, S. 24.

[9] Vgl. Kaiser, S. 98.

[10] Vgl. Adamzcyk, S. 82.

[11] Vgl. Neumann, S. 86: „Anna lautet in der christlichen Überlieferung der Name der jungfräulichen Mutter Maria“ und Enayat: Der grüne Heinrich, S. 170.

[12] Vgl. Enayat, S. 172.

[13] Vgl. Ebd. S. 172.

[14] Stumpp: Müßige Helden, S. 166.

[15] Vgl. Adamczyk, S. 87.

[16] Vgl. Enayat, S. 174.

Details

Seiten
20
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638565301
ISBN (Buch)
9783640386222
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v63479
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,0
Schlagworte
Anna Ideal Untersuchung Romanfigur Gottfried Kellers Heinrich

Autor

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