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Die Hochindustrialisierung im Kaiserreich - Herrschaftslegitimation durch Organisierten Kapitalismus ?

Essay 2002 10 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Die Hochindustrialisierung im Kaiserreich

-Herrschaftslegitimation durch „Organisierten Kapitalismus“?

Der Begriff des „organisierten Kapitalismus“, den Rudolf Hilferding 1915 in einem Aufsatz in der sozialistischen Zeitschrift „Der Kampf“ gebrauchte und der die „Ablö- sung einer von Einzelunternehmern getragenen [...] Wettbewerbswirtschaft durch eine hochgradig konzentrierte, innerlich bürokratisierte und verbandsmäßig organisierte Wirtschaftsordnung“1 meint, wurde von Historikern kontrovers diskutiert. Selbst Hans-Ulrich Wehler, der sich zu Beginn der Diskussion um den Begriff des „organisierten Kapitalismus“ und seine Anwendbarkeit auf die Zeit des Kaiserreichs als Verfechter dieser Theorie hervortat, bezeichnete ihn in späteren Werken als „vielfach unbefriedigend“2. Er nennt den Begriff der „Wachstumsgesellschaft“3 bzw. den des „Korporativismus“ als alternative Bezeichnung zur Beschreibung der Phänomene des Konzentrationsprozesses und der zunehmenden Interventionen von staatlicher Seite. Der Wachstumsgesellschaft bzw. dem organisierten Kapitalismus schreibt Wehler eine legitimationsstiftende, systemerhaltende Funktion zu.

Im Folgenden soll untersucht werden, wie in der Zeit der Hochindustrialisierung im Kaiserreich versucht wurde, Herrschaft durch die Steuerung von wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen zu legitimieren und welche weiteren Funktionen und Erschei- nungsformen der aufstrebende organisierte Kapitalismus bzw. die industrielle Wachs- tumsgesellschaft und der Interventionsstaat hatten. Parallel hierzu soll die Debatte um die historische Aussagekraft des Begriffs „Organisierter Kapitalismus“ analysiert werden, um diese Aspekte in der wissenschaftlichen Diskussion einordnen zu können.

Zunächst soll der Begriff „organisierter Kapitalismus“ eingegrenzt und inhaltlich defi- niert werden. Der Idealzustand des organisierten Kapitalismus ist wirtschaftlich gese- hen eine „azyklische Dauerkonjunktur“4, d.h. es gibt keine Konjunkturschwankungen mehr und die wirtschaftliche Entwicklung wird berechenbar bzw. planbar. Die Indust- riewirtschaft, die industrielle Arbeiterschaft und der Staat waren die drei

Hauptgruppen, die Interesse an der Umsetzung des organisierten Kapitalismus hatten.

Die Gründe hierfür werden im Folgenden zu untersuchen sein. Die zunehmende Organisierung lässt sich an verschiedenen Faktoren messen. Hierzu zählen u.a. die Bildung von Syndikaten, Kartellen und Interessensverbänden und die zunehmende Bürokratisierung.5 Staatliche Interventionen zeigten sich vor allem an den schnell steigenden Schutzzöllen, die die inländische Wirtschaft gegen die ausländische Konkurrenz abschirmten.

Besonders deutlich sind die genannten Entwicklungen in der Zeit der Hochindustrialisierung am Strukturwandel des Industriesystems zu erkennen, bei dem es sich um eine „fundamentale Änderung des Institutionen- und Ordnungsgefüges“6 handelte. Die Ursachen für diesen Strukturwandel liegen in der schnellen Industrialisierung mit den steigenden Auswirkungen des ungleichmäßigen Wachstums.7 Auch die Depression von 1873 war eine Auswirkung ungleichmäßigen Wachstums und liefert ein Indiz dafür, dass die zügig voranschreitende Industrialisierung auch Schattenseiten hatte. Also kann als eine erste Ursache des Strukturwandels in Richtung einer zunehmenden Organisiertheit des ökonomischen und politischen Systems das Voranschreiten des industriellen Wachstums festgehalten werden. Hinzu kam der fortschreitende Konzentrationsprozess auf dem In- dustriesektor, der sich in der Abnahme der Anzahl der Betriebe im Zusammenhang mit der Zunahme ihrer Größe äußerte. Als Musterbeispiel hierfür kann der Rückgang der bedeutenden Bergwerke im rheinisch-westfälischen Industrierevier von 268 auf 164 in der Zeit von 1873 bis 1894 und der gleichzeitige Anstieg ihrer Produktion von 11,8 Mill. t auf 35,5 Mill. t angeführt werden.8 Diese Konzentration war nicht nur in der Industrie festzustellen, sondern auch „im Bankwesen und ansatzweise auch im Sektor Handel und Versicherungen“9.

Der Konzentrationsprozess verbesserte durch die geringere Anzahl von Unternehmen die Möglichkeiten der Kartell- bzw. Syndikatbildung. Ziel der Kartell- und Syndikat- bildung war es, die wirtschaftliche Entwicklung der Betriebe gezielter steuern zu kön- nen und nach Möglichkeit Überproduktionskrisen zu vermeiden. Ein weiteres Ziel der Kartelle, Syndikate und Interessensverbände war es, wirtschaftspolitische Entscheidungen zu ihren Gunsten zu beeinflussen. „Kartelle und Verbände wurden zu Indikatoren für den wachsenden Organisationsgrad der Industriewirtschaft“10, stellt Wehler fest und verdeutlicht hiermit, welchen Stellenwert diese Organe einnahmen.

Der Konzentrationsprozess zeigte sich also zunächst durch die Bildung von Kartellen, Syndikaten und Interessensverbänden. Die Interessensverbände lassen sich in „Wirt- schaftsverbände mit sozialpolitisch, oder besser sozialreaktionärer Zielsetzung“11, wie z.B. Arbeitgeberverbände, und in sog. „politisch motivierte pressure groups“12, wie der Centralverband deutscher Industrieller (CdI) und der Bund der Industriellen (BdI) unterteilen. Aber auch die Arbeiter im Kaiserreich, die sich von der zunehmenden Organisierung eine „Humanisierung der Arbeitswelt“13 versprachen, begannen sich seit Ende der industriellen Revolution mit der Gründung einer Sammelpartei, die ihre Interessen vertrat, in das System der verschiedenen Interessensgruppen einzufügen.

Es kann also festgehalten werden, dass der Konzentrationsprozess und die Organisie- rung von Interessen keineswegs nur von einer einzelnen Kraft vorangetrieben wurde. Es fand vielmehr eine Interaktion zwischen den beiden bisher genannten Gruppen, also der Industriewirtschaft sowie der industriellen Arbeiterschaft und dem Staat statt, der mit dem aufkommenden organisierten Kapitalismus und den zunehmenden Interventionen auch eine bestimmte Strategie verfolgte, auf die im Folgenden näher eingegangen werden soll.

Der Begriff des Interventionsstaates kann auf alle gesellschaftlichen Bereiche ange- wandt werden. Dabei konzentrierten sich die Eingriffe von staatlicher Seite hauptsäch- lich auf die Finanz-, Währungs-, Wirtschafts- und Sozialpolitik14. Wie bereits erwähnt, fand eine Interaktion zwischen den Interessensgruppen (sowohl Kartelle und Syndikate, als auch Interessensverbände) und dem Staat statt. Es stellt sich die Frage, wie groß der Einfluss der verschiedenen Interessensgruppen auf die Entscheidungen des Staates war und welche Motive diesen veranlassten, auf die Forderungen dieser Gruppen einzugehen.

Die Interessensverbände versuchten in Zusammenarbeit mit der Ministerialbürokratie den Markt mit Hilfe des Staates aktiv zu regulieren.15 Die Umsetzung solcher oder ähnlicher Vorgänge, die der Vorstellung von einer freien Marktwirtschaft komplett widersprachen, zeigten den zunehmenden Organisationsgrad und den nicht unerhebli- chen Einfluss der Interessenverbände auf das wirtschaftliche Geschehen. Aber auch die Einführung der Schutzzölle, welche die Landwirte, die seit der industriellen Revolution in einer Agrarkrise steckten und vor allem die Schwerindustrie, schützen sollte, macht die Abkehr von wirtschaftsliberalen Prinzipien deutlich.

Die Motive des Staates, die Mitbestimmung der Interessensverbände zuzulassen, sind, wie zu Beginn bereits erwähnt, legitimatorischer Natur. Das heißt, der Erfolg einer Regierung wird von der Bevölkerung hauptsächlich am wirtschaftlichen Wachstum gemessen, und durch den wirtschaftlichen Erfolg legitimiert sich die Herrschaft eines Regimes.16 Die Herrschaftslegitimation wird aber nur dann anhand des wirtschaftlichen Wachstums ausgemacht, wenn die Legitimation durch Tradition, parlamentarisches Verfahren oder charismatische Handlungserfolge ausbleibt.17

Hieraus ergibt sich die Abhängigkeit der Regierung von wirtschaftlichen Erfolgen und hierdurch kann auch das Streben der Regierung nach einem möglichst gleichmäßigen Wirtschaftswachstum erklärt werden. Die Staatsinterventionen bleiben so lange weitgehend aus, wie der sog. selbstgeregelte Markt nicht versagt. Wenn er aber versagt, wie er „das während der fünf Depressionen zwischen 1873 und 1908 immer wieder getan hat“18, gerät die Regierung in Zugzwang und muss beweisen, dass sie wirtschaftliche Stabilität schaffen kann.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Staat den organisierten Kapitalismus begrüßte und vorantrieb, da er seiner Erhaltung diente.

[...]


1 Winkler, Heinrich August, Vorbemerkung, in: Organisierter Kapitalismus. Voraussetzungen und Anfänge, hrsg. von Heinrich August Winkler, Göttingen 1974, S.7-8, hier S.7.

2 Wehler, Hans-Ulrich, Deutsche Gesellschaftsgeschichte Bd.3. Von der ‚Deutschen Doppelrevolution’ bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1849-1914, München 1995, S.663.

3 Ebenda, S.671.

4 Wehler, Hans-Ulrich, Der Aufstieg des Organisierten Kapitalismus und Interventionsstaates in Deutschland, in: Organisierter Kapitalismus. Voraussetzungen und Anfänge, hrsg. von Heinrich August Winkler, Göttingen 1974, S.36-57, hier S.43.

5 Ebenda, S.40.

6 Ebenda, S.39.

7 Vgl. Wehler, Hans-Ulrich, Gesellschaftsgeschichte Bd.3, S.665.

8 Vgl. Wehler, Hans-Ulrich, Der Aufstieg des Organisierten Kapitalismus, S.40.

9 Kocka, Jürgen, Organisierter Kapitalismus oder Staatsmonopolistischer Kapitalismus?, in: Organisierter Kapitalismus. Voraussetzungen und Anfänge, hrsg. von Heinrich August Winkler, Göttingen 1974, S.19-35, hier S.20.

10 Wehler, Hans-Ulrich, Der Aufstieg des Organisierten Kapitalismus, S.41.

11 Hentschel, Volker, Wirtschaft und Wirtschaftspolitik im wilhelminischen Deutschland: Organisierter Kapitalismus und Interventionsstaat?, Stuttgart 1978, S.14.

12 Ebenda.

13 Wehler, Hans-Ulrich, Der Aufstieg des Organisierten Kapitalismus, S.38.

14 Vgl. Ullmann, Hans-Peter, Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918, Frankfurt a.M. 1995, S.175.

15 Vgl. Wehler, Hans-Ulrich, Gesellschaftsgeschichte Bd.3, S.673.

16 Ebenda.

17 Ebenda.

18 Wehler, Hans-Ulrich, Gesellschaftsgeschichte Bd.3, S.671.

Details

Seiten
10
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638139328
ISBN (Buch)
9783640521425
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6340
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Fakultät für Wirtschaftswissenschaften (Lehr- und Forschungsgebiet Wirtschafts- und Sozialgeschichte)
Note
1,3
Schlagworte
organisierter Kapitalismus Hochindustrialisierung Kaiserreich Wachstumsgesellschaft Kapitalismus industrielle Wachstumsgesellschaft Industrialisierung Bismarck Rudolf Hilferding Hans-Ulrich W

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