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Schweigen - Begründung und Folgen eines Kommunikationsverhaltens in Margriet de Moors Roman 'Erst grau dann weiß dann blau'

Hausarbeit 2006 15 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1. Inhalt

2. Schweigen in der Beziehung von Robert und Magda
2.1. Kanada
2.2. Frankreich
2.3. Holland

3. Schweigen außerhalb der Beziehung von Robert und Magda

4. Zusammenfassende Beobachtungen zum Schweigen im Roman

5. Quellen/Literatur

1 Schweigen als Kommunikationsverhalten

Zu Beginn der Auseinandersetzung mit der Aufgabenstellung „Schweigen - Begründung und Folgen eines Kommunikationsverhaltens in Margriet de Moors Roman ‚Erst grau dann weiß dann blau‘ “ stellte sich mir die Frage wie Schweigen zu fassen sei. Nicht-Reden kann grund­sätzlich als Schweigen gesehen werden. Aber Schweigen kann wohl nicht ebenso selbst­verständ­lich als Kommunikation, als Mitteilung verstanden werden. Dennoch schließt Schweigen, als Nicht-Reden Kommunikation nicht grundsätzlich aus, so kann z.B. auch über Körpersprache eine Bedeutung vermittelt werden.

Sobald Schweigen als Mitteilung aufgefasst wird, wird ihm linguistisch betrachtet die Funktion eines Zeichens zugeschrieben (vgl. Harendarski, S. 2). Da Schweigen als solches keine feste Bedeutung hat, kann es „als Aussage genommen […] alles bedeuten.“ (S. 3). Die verstandene Mitteilung entsteht folglich aus der Interpretation des „Empfängers“. Diese mag zwar auf Erfahrungen und Konventionen beruhend zutreffend sein, muss sie aber nicht. Ohne Nachfrage ist Schweigen nicht zu verstehen. „Kommunikation ist praktisch immer ein Mißverstehen ohne ein Verstehen des Miß.“ (Berghaus 2004, S. 91), dieser Satz Luhmanns trifft auf Schweigen als Kommunikationsform ganz besonders zu, mehr noch als auf die „übliche“ Kommunikation.

Aus den beschriebenen Überlegungen geht hervor, dass es wichtig ist für die Arbeit am Roman Belege für die Gründe und Folgen des Schweigens zu suchen So wird verhindert, dass man eigenen Interpretationen der vorgefundenen Kommunikation zum Opfer fällt.

2. Schweigen in der Beziehung von Robert und Magda

Im folgenden Abschnitt werden Textstellen analysiert, in denen in der Beziehung von Magda und Robert geschwiegen wird. Um die Vielzahl von Beispielen, die im Roman aus der Perspektive verschiedener Charaktere in unchronologischer Folge geschildert werden zu ordnen, wurde eine Strukturierung nach den Schauplätzen vorgenommen.

2.1. Kanada

Robert erinnert sich, nachdem Magda ihn verlassen hat, an den Beginn ihrer Beziehung. Schon damals fiel ihm ihr Schweigen auf.

„Er sah sie empört an. ‚Die Walfische warn am nächsten Morgen schon wieder weg!’ Sie lachte schuldbewußt und schlug vor, hinaus zum Schwimmen zu gehen. Aber sie blieb schweigsam. Sie blieb an den Tagen, die folgten zu den unmöglichsten Gelegenheiten schweigsam. Ist es denn so ungewöhnlich, sich über die Gefühle seiner Geliebten aufzuregen? Genau in dem Moment, in dem er eine nähere Erklärung erwartete, drehte sie den Kopf zur Seite und fing an, ihre Zigaretten zu suchen.“ (de Moor 1995, S. 137)

Es ist kaum möglich an dieser Passage zu erkennen, aus welchem Grund Magda geschwiegen hat oder ob Robert sich nur allgemein daran erinnert, dass sie „schweigsam“ gewesen sei. Es wird jedoch deutlich, dass ihn ihr Verhalten schon damals störte. Außerdem veranschaulicht die Textstelle, dass er ihr Nicht-Reden als Schweigen auffasst, da er im jeweiligen Moment eine Mitteilung erwartet hat. Dieser Aspekt zeigt sich in vielen weiteren Beispielen als kennzeichnend für eine Form von Schweigen. Nicht-Reden wird nur dann als Schweigen aufgefasst, wenn implizierte Erwartungen vorliegen (vgl. Harendarski, S. 3)

Robert zählt auf den folgenden Seiten weitere Situationen auf, in denen sie schweigt:

„Kurz darauf fragte er sie, warum ihre Mutter so jung geblieben war, so jung, und so traurig und so zerbrechlich, in ihrem Rattansessel. Sie gab keine Antwort, sondern fragte ihn, ob er mit zum Hafen gehen wolle, um Tintenfisch zu kaufen.“ (de Moor 1995, S. 137)

Hier hat Magdas Verhalten eine andere Qualität, sie verweigert hier bewusst die Aussage. Es scheint, als wolle sie nicht über das Thema sprechen. Dieser Eindruck wird später noch eindeutiger beschrieben, als Robert an anderer Stelle weiter fragt. Zunächst gibt er jedoch nach und begleitet sie zum Hafen, wo es zu einem Streit kommt. Die Versöhnung soll über ein nächtliches Telefonat kommen, welches sie aus dem Schlaf reist. Dieses unterbricht Robert schließlich, als sie auf seine Frage, was sie gerade gedacht habe, antwortet „aber ich habe doch geschlafen“ (S. 138). Offenbar ist er unzufrieden mit ihrer Antwort, wieder hatte er offenbar andere Erwartungen an Magda gestellt. Nach diesem unglücklichen Versuch der Aussöhnung erinnert sich Robert weiter: „Sie lenkte ein. (…) Und erzählte willig….“ (ebd.) von ihrer Kindheit.

Obwohl Magda also seinen Ansprüchen nach mehr Austausch entgegen kommt, hakt er im Anschluss noch mal bezüglich ihrer Mutter nach: „Er fragte, weil er bemerkt hatte, daß sich ihr Rücken versteifte, sobald das Thema darauf kam.“ (S.138). Auf diese wiederholte Nachfrage, die auf Magda einen drängenden Eindruck machen muss, erzählt sie ihm schließlich von dem Tod ihres Vaters, der ihre Mutter und sie stark belastet. Magda hat Schuldgefühle, als Kind den Mördern ihres Vaters die Tür geöffnet zu haben und leidet aus diesem Grund auch unter Alpträumen. Unter diesen Vorraussetzungen ist es verständlich, dass Magda ungern über dieses Thema spricht und Robert, den sie damals erst sehr kurz kennt, auszuweichen versucht. Gleichzeitig erscheint es unsensibel von Robert nachzufragen, da er sich ihrem Unbehagen, wie das Zitat zeigt, bewusst war.

Interessant ist, dass Magdas Erinnerungen aus der Zeit, als sie Robert kennen lernte bzw. das, was sie darüber erwähnt einen anderen Eindruck erwecken. Sie beschreibt was ihre Motivation war ihr Schweigen zu brechen:

„…außer mir setzte ich meine Unterschrift unter den schamlosen Vertrag der großen Liebe. Nun mußte ich mich vollständig hingeben, falls das noch nicht deutlich geworden sein sollte. Noch ganz unter dem Eindruck des Zustandes in dem ich mich befand, erzählte ich von meinen Vorlieben und Abneigungen, meinen Urlaubs­erlebnissen, Krankheiten und geheimen Mädchenwünschen, und als ich richtig in Fahrt gekommen war, kam ich dann auch noch auf meine Jugendfreunde und –freundinnen, die vergangenen Lieben, den Hund, meine Mutter und meinen Vater zu sprechen.“ (S. 223 f.)

Ihr heftiges Verliebtsein brachte sie also dazu sich Robert zu öffnen. Es klingt jedoch an, dass sie im „Normalzustand“ nicht soviel erzählt hätte. Von ihrer Seite wirkt es nicht als ob sie zum Sprechen aufgefordert wurde, sondern als habe sie von sich heraus ihr Leben ausgebreitet. Dieses steht im Widerspruch zu Roberts Schilderungen. Es deutet sich im weiteren Verlauf an, dass sie sich Robert anpasst. So reagiert sie in bekannt wirkenden Situationen verändert: „ ‚Woran denkst du?’ flüsterte er nachts […] ‚An dich!’ flüsterst du felsenfest zurück.“ (S. 171)

2.2. Frankreich

Als Robert und Magda gemeinsam in Frankreich leben und wahrscheinlich bereits miteinander verheiratet sind, erinnert sich Robert an einen anderen Dialog.

„Magda. Ich hatte vor, sie zu bezaubern, mit allem, was ich entdeckt hatte. (…)

Aber eines Mittags sagte sie: ‚Das blaue Hemd steht dir gut.’ (…) ich betrachtete heimlich den doppeldeutigen Ausdruck ihres Mundes. ‚Warum sagst du das?’ (…) ‚Einfach so. Das Hemd hat die Farbe deiner Augen.’ Sie richtete ihren Blick auf ihn. Ihm stockte der Atem. Zur heißesten Zeit des Tages, unter einem erdrückend blauen, monströsen Himmelsgewölbe sah er in das Gesicht einer Frau, die nicht die geringste Ahnung von der Art Liebe hatte, die ihr entgegengebracht wurde. ‚Was zieht dich an?’ fragte er leise. ‚Mein Hemd oder meine Augen?’ ‚Deine Augen, Liebling, deine Augen.’ Das Lachen in ihrer Stimme war ihm unerträglich. ’Meine Augen. Und das soll alles sein? Der Rest ist unwichtig?’ ‚Sei nicht so albern!’ ‚Ich bin nicht albern, ich frage dich nur etwas.’ ‚Komm…Robert…hör auf damit.’ (…) ‚Ich frag dich etwas’ Doch statt einer Antwort preßte sie die Lippen aufeinander.“ (S.81)

Diese Aussageverweigerung unterscheidet sich wesentlich von der im vorangegangenen Abschnitt. Magda schweigt aus Hilflosigkeit, sie hat erkannt, dass sie auf seine fordernde Frage keine richtige Antwort geben kann. Wenige Zeilen zuvor hatte sie dies noch mit der Versicherung „Deine Augen, Liebling, deine Augen.“ versucht. Mit der Beteuerung, dass es seine Augen seien, die sie anziehen, hat sie ihre Aufrichtigkeit betonen wollen und ist damit einer Paradoxie der Kommunikation zum Opfer gefallen. Aufrichtigkeit kann nicht mitgeteilt werden. Diese muss von dem Gesprächspartner im Gesagten „entschlüsselt“ werden. Durch die Betonung von Aufrichtigkeit wird erst recht die Möglichkeit ihres Gegen­teils impliziert (vgl. Berghaus 2004, S. 92 o. Luhmann 1989, S.128).

Neben der Verweigerung auf seine Frage zu Antworten, die für sie eine Zwickmühle ist, schweigt sie auch über sein unfaires Verhalten. Durch die schweigende Akzeptanz, sich von ihm wegen eines wahrscheinlich gut gemeinten Komplimentes so in die Enge treiben zu lassen, zeichnet sie als die schwächere Person in der Beziehung aus. Tatsächlich ist es sogar sie, die die Wogen, wie im Anschluss geschildert wird glättet, um den Frieden wieder herzustellen (vgl. de Moor 1995, S. 81)

In der folgenden Szene schildert Robert wie er Magda vom Flughafen abholt, nach dem sie wegen des Tods ihrer Mutter für einige Tage in Kanada gewesen ist.

‚Wie war es?’ Als ob sie nicht genauso vor sich hin starrte, wie er es sich in der letzten Woche vorgestellt hatte. ’Magda…?’ […]

Sie machte eine erschöpfte Gebärde. Was sollte sie sagen… ‚Was soll ich sagen…’ Die Situation lud nicht gerade zu einem Gespräch ein. […]

Fragen schwirrten ihm durch den Kopf. Wie hast du es geregelt, eine Einäscherung, ein Begräbnis, woran ist sie gestorben, hast du die Leiche noch sehen können? […]

Er hatte die ganze Woche schlecht geschlafen. […] Um die Stunden irgendwie herumzubringen, hatte er angefangen, ihr zu schreiben. Sie mußte damit aufhören ihn zu betrügen. Schwarz auf weiß wies er sie auf die Notwendigkeit hin, ihre Gefühle demnächst mit etwas weniger Zurückhaltung auf die seinen abzustimmen. Ein einziges Mal war seine Schrift verliebt, ein einziges Mal flogen großartige Worte übers Papier. Du bist der Glanz in meinem Leben. Leider gab ihm ihre Person mehr Anlaß zur Verbitterung. So kam es, daß er ihr mitteilte, daß er sich mit Leib und Seele nach der Zeit zurücksehnt, als sie einander noch nicht gekannt hatten… […]

Er warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel und danach auf seine Frau. Sie schien erschüttert nach Worten zu suchen. ’Erzähl doch…’, drängte er sie.

Ihre Augen sahen so weltfremd aus, daß sie sich von denen eines Idioten nicht unterschieden. […] Warum schwieg Magda immer noch? […]

[Magda:] ’Weißt du was, laß uns doch kurz anhalten.’ […] Sie setzten sich auf einen Stein: Mit dem Ernst eines Kameraden hörte er zu, was sie zu erzählen hatte. […]

Die Frauenstimme hatte ausgeredet. Mit einem unerklärlichen Widerwillen drehte er seinen Kopf zu Seite, aber sie starrte weiter vor sich hin und schien nichts Besonderes von ihm zu erwarten. […] und der Gedanke durchfuhr ihn: Diese Frau wird immer etwas vor mir geheim halten! (S. 116 f.)

Magdas Schweigen bzw. ihre Sprachlosigkeit nach der langen und anstrengenden Flugreise ist verständlich. Es ist zu vermuten, dass sich ihre Gedanken um ihre plötzlich verstorbene Mutter drehen. Robert bringt seiner Frau jedoch wenig Verständnis entgegen, drängt sie mit einem „Wie war es?“, zum Reden, das angesichts des Anlasses der Reise unpassend wirkt.

[...]

Details

Seiten
15
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638563925
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v63319
Institution / Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Note
2,3
Schlagworte
Schweigen Begründung Folgen Kommunikationsverhaltens Margriet Moors Roman Erst Analyse Gesprächen Literatur Jahrhunderts

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Titel: Schweigen - Begründung und Folgen eines Kommunikationsverhaltens in Margriet de Moors Roman 'Erst grau dann weiß dann blau'