Lade Inhalt...

Bindungsverhalten und Bindungsstörungen

Eine Darstellung aus Sicht der Bindungstheorie nach John Bowlby

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 21 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG

1. DIE WURZELN DER BINDUNGSTHEORIE

2. DIE BINDUNGSTHEORIE
2.1 Definition von Bindung
2.2 Wichtige Verhaltenssysteme
2.2.1 Das Bindungsverhaltenssystem
2.2.2 Das Explorationsverhaltenssystem
2.2.3 Das Fürsorgeverhalten
2.3 Die Entwicklung der Bindung
2.4 Das Konzept der Feinfühligkeit
2.5 Das Konzept der kindlichen Bindungsqualität
2.5.1 Ablauf der Fremden Situation nach AINSWORTH
2.5.2 Sicher gebundene Kinder
2.5.3 Unsicher-vermeidend gebundene Kinder
2.5.4 Unsicher-ambivalent gebundene Kinder
2.5.5 Desorganisierte Kinder
2.5.6 Verteilung der kindlichen Bindungsqualitäten
2.6 Das Konzept der Bindungspräsentation

3. BINDUNGSSTÖRUNGEN
3.1 Klassifikation der Bindungsstörungen
3.1.1 Keine Anzeichen von Bindungsverhalten
3.1.2 Undifferenziertes Bindungsverhalten
3.1.3 Übersteigertes Bindungsverhalten
3.1.4 Gehemmtes Bindungsverhalten
3.1.5 Aggressives Bindungsverhalten
3.1.6 Bindungsverhalten mit Rollenumkehrung
3.1.7 Psychosomatische Symptomatik
3.2 Auswirkungen von Bindungsstörungen im Schulalltag
3.2.1 Die Schulangst - Beispiel an einem Therapieverlauf
3.2.1.1 Erstvorstellung und Symptomatik
3.2.1.2 Anamnese
3.2.1.3 Bindungsdynamische Überlegungen
3.2.1.4 Therapie und Verlauf
3.2.1.5 Abschließende Bemerkungen und Katamnese
3.2.2 Dissozialität und Delinquenz - Beispiel an einem Therapieverlauf (Kurzfassung)

4. ZUSAMMENFASSUNG

5. LITERATURVERZEICHNIS

EINLEITUNG

Sehr viele Entwicklungs- und Verhaltensauffälligkeiten bzw. -störungen bei Kindern und Jugendlichen lassen sich auf ihr familiäres und soziales Umfeld zurückführen. Diese Auffälligkeiten, die bei Kindern beobachtet werden, lassen sich immer häufiger auf frühe Bindungsstörungen zurückführen. Sie treten dann in Form von Aggressivität, Ängstlichkeit und vielem mehr auf.

Die frühen Bindungsstörungen entstehen daraus, dass die Kinder in ihren ersten Lebensjahren keine sichere Bindung zu einer erwachsenen Person herstellen konnten, so dass ihnen so etwas wie Urvertrauen fehlt. Damit fehlt ihnen die Basis für die Entwicklung einer stabilen selbstbewussten Persönlichkeit.

Frühe Bindungsstörungen lassen sich später nicht gänzlich beheben, allerdings kann man sie meistens soweit kompensieren, dass die Kinder als erwachsene Personen ein eigenständiges Leben führen können.

Diese Hausarbeit beschäftigt sich nun mit der Entwicklung von Bindungsverhalten und Bindungsstörungen aus Sicht der Bindungstheorie nach John Bowlby, dem Urvater dieser Theorie. Im ersten Kapitel dieser Arbeit werde ich kurz die Wurzeln der Bindungstheorie darstellen, da mir dies sinnvoll erscheint, um sich überhaupt erst mit der Thematik auseinandersetzen zu können. Im zweiten Kapitel befasse ich mich mit den Grundannahmen der Bindungstheorien, wie sie von John Bowlby und anderen formuliert worden sind.

Das dritte Kapitel hat als Thema die Theorie der Bindungsstörungen. An zwei ausgewählten Fallbeispielen werde ich zusätzlich noch die Auswirkungen solcher Bindungsstörungen darlegen. Im vierten Abschnitt versuche ich ein Fazit zu ziehen.

1. DIE WURZELN DER BINDUNGSTHEORIE

In den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts erarbeitete BOWLBY die ersten Grundlagen der heutigen Bindungstheorie. Für die Formulierung seiner Theorie zog BOWLBY ethologische, kybernetische und psychoanalytische Erkenntnisse heran (Vgl. BRETHERTON, 1997, S.27).

Eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Bindungstheorie spielten die Erkenntnisse aus dem Dokumentarfilm «A two-year-old goes to hospital», den ROBERTSON, ein Mitarbeiter von BOWLBYS Forschungsgruppe, 1952 drehte und dessen schriftlichen Feldbeobachtungen (Vgl. BRETHERTON, 1997, S. 32).

Einen weiteren Impuls für die Entwicklung seiner Theorie erhielt BOWLBY durch den Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO). BOWLBY sollte einen Bericht über das Schicksal von Kindern ohne Heimat im Nachkriegs-Europa verfassen. Dieser Artikel erschien erstmals 1951 unter dem Titel «Maternal Care and Mental Health» (Vgl. BRETHERTON, 1997, S. 33). Die grundlegende Einsicht dieses Berichtes ist, dass die langandauernde Trennung des Kindes von der Mutter bei ungenügendem Ersatz ein erstrangiger Risikofaktor für die weitere gesunde seelische Entwicklung sein kann. Resultierend aus dieser Einsicht stellte sich BOWLBY schließlich folgende grundlegende Frage: „Wenn die Unterbrechung des Bandes zwischen Mutter und Kind durch Trennung oder Verlust so gravierende Auswirkungen hat - was ist die Natur dieses Bandes?“ (DORNES, 2000, S.21).

Weitere Einsichten für seine Theorieentwicklung bekam BOWLBY aus der Ethologie, auf die er durch einen Freund, der ihn auf den Artikel «Er redet mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen» von LORENZ hinwies, aufmerksam wurde. Dabei lag sein Hauptaugenmerk auf dem Prozess der Prägung. Dieser konnte nämlich die Bildung einer engen Eltern-Kind-Beziehung erklären, ohne auf die Annahmen der Sekundärtriebtheorien zurückzugreifen, so dass das Füttern dabei keine Rolle mehr spielen musste (Vgl. BRETHERTON, 1997, S. 33).

Im Jahr 1957 hielt BOWLBY in London erstmals offiziell einen Vortrag über die von ihm entwickelten Thesen der Bindungstheorie (Vgl. BRETHERTON, 1997, S. 34). Dieser Vortrag stieß allerdings, wie die noch folgenden, nicht nur auf Skepsis, vielmehr löste er, besonders in den Reihen der Psychoanalytiker, pure Entrüstung aus (Vgl. BRETHERTON, 1997, S. 35).

AINSWORTH, einst eine selbst skeptische Mitarbeiterin aus seiner Forschungsgruppe, gelang es allerdings, die Theorie BOWLBYS durch empirische Forschungsergebnisse zu untermauern und sogar zu erweitern (Vgl. BRETHERTON, 1997, S. 27).

Die Veröffentlichung einer ausführlichen Fassung der Bindungstheorie, die dann als die Trilogie Bindung (1969), Trennung (1973) und Verlust (1980) erschien, dauerte noch viele Jahre (Vgl. BRETHERTON, 1997, S. 37).

2. DIE BINDUNGSTHEORIE

2.1 Definition von Bindung

Für BOWLBY stellt das Bindungssystem ein primäres, genetisch verankertes motivationales System dar, das zwischen der primären Bezugsperson und dem Säugling gleich nach der Geburt aktiviert wird und überlebenssichernde Funktion hat (Vgl. BRETHERTON, 1997, S. 35). Das heißt, dass die Bindungstheorie davon ausgeht, dass das Bedürfnis zur Herstellung und Aufrechterhaltung von Nähe und die Neigung, starke, emotionale Bindungen aufzubauen eine grundlegende Komponente der menschlichen Natur ist, die dem Mensch von Geburt an inne wohnt und das Überleben der menschlichen Spezies sichern soll.

AINSWORTH definiert nach der Übersetzung von CAPPENBERG Bindung als „ein gefühlstragendes Band, das eine Person zu einer andern spezifischen Person knüpft, das sie über Raum und Zeit hinweg miteinander verbindet.“ (CAPPENBERG, 1997, S.17).

2.2 Wichtige Verhaltenssysteme

2.2.1 Das Bindungsverhaltenssystem

Hauptfunktion einer Bindungsperson ist es, in bedrohlichen Situationen Schutz und Sicherheit zu geben. Entsprechend signalisieren das Weinen, Saugen, Festklammern und Anblicken eines Kindes, dass das Bindungsverhaltenssystem aktiviert wurde. Dies bedeutet zugleich, dass sich das Kind in einer Situation befindet, die es emotional belastet. Für die Bindungsperson müssen solche Verhaltensweisen Signalcharakter haben. Die Funktion des Bindungsverhaltens liegt darin „Schutz, Trost und Hilfe bei Gefahr“ (CAPPENBERG, 1997, S. 18) von der Bindungsperson zu erhalten, was durch eine stabile emotionale Bindung zu ihr gewährleistet wird. Nach BOWLBY verlieren diese Funktionen allerdings im weiteren Verlauf des Lebens an Bedeutung (Vgl. BOWLBY, 1984, S. 196).

2.2.2 Das Explorationsverhaltenssystem

Dem Bindungsverhalten komplementär ist das sogenannte Explorationsverhaltenssystem. Zwischen beiden Systemen besteht eine Balance (Vgl. GROSSMANN/GROSSMANN, 2000, S. 20), doch können beide niemals zur gleichen Zeit aktiv sein. Dies sei ausgeschlossen, so CAPPENBERG (Vgl. CAPPENBERG, 1997, S.18). Das Explorationsverhalten dient dem Auskundschaften und Kennenlernen der eigenen Umgebung, was eine wichtige Voraussetzung für das Lernen und die Entwicklung des Kindes darstellt. Das Explorationsverhalten wird aber nur dann aktiviert, wenn sich das Kind in einer sicheren Umgebung befindet und das Bedürfnis nach Bindung befriedigt ist. Ändert sich diese sichere Situation, wird sofort wieder das Bindungsverhalten aktiviert. Das heißt, dass Sicherheit eine der Grundvoraussetzungen für Spielen, Explorieren und Lernen ist.

2.2.3 Das Fürsorgeverhalten

Ein weiteres System, das dem Bindungsverhalten gegenübersteht ist das mütterliche Fürsorgeverhalten. Auch diese beiden Systeme verhalten sich komplementär zueinander (CAPPENBERG, 1997, S. 19). Sobald das Kind das Bindungsverhalten aktiviert und dies zum Beispiel durch Schreien, Weinen oder Entgegenstrecken der Arme signalisiert, reagiert die Bindungsperson mit ihrem Fürsorgeverhalten, indem sie das Kind zum Beispiel auf den Arm nimmt und versucht zu trösten. Auf das Beruhigen reagiert das Kind mit Einstellung des Bindungsverhalten. Deswegen kann man im Fürsorgeverhalten auch Verhaltensweisen sehen, denen es möglich ist, das Bindungsverhalten zu deaktivieren (Vgl. CAPPENBERG, 1997, S. 18f).

2.3 Die Entwicklung der Bindung

Für RAUH ist die Entstehung einer Bindung ein Lernprozess (Vgl. RAUH, 2002, S. 142), der durch „frühen Erstkontakt, häufige intensive und ungestörte Beobachtungs- und Interaktionsmöglichkeiten in den ersten Lebenstagen“ (RAUH, 2002, S. 142) erleichtert werden kann.

Nach BOWLBY stehen dem Kind seit seiner Geburt viele unterschiedliche Verhaltensweisen zur Verfügung, um die Bindung zu seinen Eltern (attachment) auszubilden und zu strukturieren (Vgl. BOWLBY, 1984, S. 247). Die Entwicklung der Bindung erfolgt nach BOWLBY in vier Phasen, die CAPPENBERG in einer Tabelle wie folgt darstellt (CAPPENBERG, 1997, S. 17):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die Phasen der Bindungsentstehung

Im Verlauf der vier Phasen richtet das Kind sein Verhalten immer mehr auf eine bestimmte Bindungsperson hin aus. In den ersten drei Phasen spricht man von dem sogenannten „ziel- orientierten Verhalten“ (GROSSMANN/GROSSMANN, 2000, S. 21), das das Kind zeigt. Ab dem dritten Lebensjahr etwa wandelt sich dieses Verhalten und es entwickelt sich eine „zielkorrigierte Partnerschaft“ (GROSSMANN/GROSSMANN, 2000, S. 21), so dass das Kind immer mehr die Bedürfnisse seiner Bezugsperson in seine Verhaltenssteuerung mit einbeziehen kann.

2.4 Das Konzept der Feinfühligkeit

Das Konzept der Feinfühligkeit besagt, dass „die Feinfühligkeit der Pflegeperson eine wesentliche Grundlage für die Qualität der Bindung, die der Säugling im Laufe seines ersten Lebensjahres entwickelt.“ (BRISCH, 1999, S.40) ist.

Feinfühlig handelt dann eine Person, wenn sie innerhalb der Interaktion mit dem Kleinkind die Signale des Kindes wahrzunehmen, richtig zu interpretieren und angemessen zu reagieren weiß. So zeigten Kinder von Müttern mit feinfühligem Verhalten in der Fremden Situation öfters ein sicheres Bindungsverhalten, während Kinder von Müttern, die nicht in der Lage waren feinfühlig zu agieren, eher ängstlich oder aggressiv reagierten (Vgl. BRISCH, 1999, S.40).

An dieser Stelle sei aber noch angemerkt, dass feinfühliges Verhalten nicht im geringsten etwas mit Verwöhnen oder Überbehüten zu tun hat und schon gar nicht miteinander gleichzusetzen ist.

2.5 Das Konzept der kindlichen Bindungsqualität

Jedes Kind entwickelt also eine Bindung. Es gibt aber individuelle Unterschiede in der Bindungssicherheit, die von den jeweils gemachten Interaktionserfahrungen abhängig sind. AINSWORTH entwickelte hierfür ein Experiment zur Erfassung der Bindungsqualität zwischen Mutter und Kind (im ersten Lebensjahr), die sogenannte Fremde Situation. Dabei handelt es sich um eine standardisierte Laborsituation, die eine Abfolge von je 3-minütigen Episoden darstellt, wobei Mutter, Kind und eine fremde Person mit einbezogen werden.

GROSSMANN/GROSSMANN bezeichnen die Fremde Situation als „ein standardisiertes Minidrama zur Erfassung des Bindungsverhaltens eines Kleinkindes“ (GROSSMANN/GROSSMANN, 2000, S. 19).

2.5.1 Ablauf der Fremden Situation nach AINSWORTH

In einem Beobachtungsraum mit Spielzeug und zwei Stühlen finden nacheinander die folgenden acht 3-minütigen Episoden statt (Vgl. BRISCH, 1999 S. 45f):

1. Beobachter führt Mutter und Kind in den Raum. Mutter setzt Kind auf den Boden.
2. Mutter und Kind sind alleine in dem Beobachtungsraum. Mutter liest Zeitschrift oder Buch, während das Kind die Umgebung erkunden und spielen kann.
3. Es tritt eine fremde Person in den Beobachtungsraum, setzt sich, führt eine Unterhaltung mit der Mutter und beschäftigt sich auch mit dem Kind.
4. Mutter verlässt den Raum und die fremde Person bleibt alleine mit dem Kind zurück. Sie beschäftigt sich mit dem Kind und tröstet es, falls notwendig.
5. Mutter kehrt zurück und die fremde Person verlässt den Raum. Mutter und Kind sind alleine. Mutter zeigt Interesse an dem Kind und versucht es wieder für das Spielzeug zu interessieren.
6. Mutter verlässt den Beobachtungsraum erneut und lässt das Kind alleine zurück.
7. Fremde Person tritt wieder in den Raum und versucht das Kind zu trösten, falls notwendig.
8. Mutter kehrt in den Beobachtungsraum zurück und die fremde Person verlässt den Raum.

[...]

Details

Seiten
21
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638563505
ISBN (Buch)
9783640149599
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v63263
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Note
1
Schlagworte
Bindungsverhalten Bindungsstörungen

Autor

Zurück

Titel: Bindungsverhalten und Bindungsstörungen