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Der Brief Gregors an Abt Hugo von Cluny vom 22. Januar 1075

Seminararbeit 2003 22 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Vorstellung der Quelle
1.1 Quellenart
1.2 Überlieferung
1.3 Inhaltliche Betrachtung des Briefes

2. Historischer Kontext
2.1 Problemkreis Ostkirche
2.2 Problemkreis Episkopat
2.3 Problemkreis weltliche Fürsten

3. Der Brief Gregors an Hugo im Lichte des historischen Kontextes

Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Vorwort

1075 ist als ein bedeutendes Jahr für die Eskalation des Streites zwischen König Heinrich IV und Papst Gregor VII. anzusehen. Heinrichs Sieg gegen die Sachsen stärkte seine Macht im Reich. Gleichermaßen ging er nun kraftvoll in der schon lange schwelenden Mailänder Frage zu Werke und reizte damit den Papst. Der Konflikt brach in der Folgezeit ungebremst hervor – der Investiturstreit wurde mit allen Härten ausgetragen.

In dieser Arbeit wenden wir den Blick in das Jahr 1074 und die Anfänge des Jahres 1075 zurück. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht klar, wie sich der weitere Weg des Reformpapstes mit dem des salischen Herrschers gestalten würde. Zwar war der Konflikt zwischen regnum und sacerdotium schon seit Alexander II virulent. Und auch Hildebrand – Gregor war daran beteiligt. In der ersten Zeit des Papstes Gregor VII sendeten aber beide Seiten Zeichen des Vertrauens und zukünftiger gegenseitiger Achtung aus. Vielmehr gibt es in dieser Zeit andere Probleme, welche Gregor VII wichtiger erscheinen mussten, als das Verhalten Heinrichs. Besonders der deutsche Episkopat zeigte sich gegenüber dem zunehmenden römischen Zentralismus ablehnend.

In diese Zeit fällt auch ein Schreiben von Gregor VII an den Abt Hugo von Cluny.

Diesem Brief wollen wir uns in dieser Arbeit widmen[1] und dabei versuchen, mehrere Fragen zu klären. Denn interessant wird der Empfänger hinsichtlich seiner Stellung. Hugo ist nicht nur der Abt des bedeutenden Reformklosters Cluny, sondern er ist auch der Taufpate von Heinrich IV. Daraus könnte schon hier auf eine Vermittlerrolle zwischen regnum und sacerdotium geschlossen werden, wie sie Abt Hugo ja dann auch beim Canossagang ausgeübt hat.

Die Arbeit soll am Ende die Antwort auf die Frage geben, welche Motivation hinter Gregors Brief an Hugo von Cluny stand.

Welche Ziele verfolgte der Papst also hinsichtlich seiner Kontaktaufnahme mit Heinrichs Taufpaten? Spielt dessen Verbindung ins deutsche Königshaus für diesen Brief Gregors eine Rolle? Weist Gregor hier schon auf mögliche Reibungspunkte zwischen regnum und sacerdotium hin, in der Hoffnung um Vermittlung durch Hugo? Oder sucht Gregor nur Rat und „seelischen“ Beistand bei einem treuen Diener der Reform?

In diesem Zusammenhang ist es unumgänglich zu klären, was in den Monaten vor dem Brief in Bezug auf die dort angesprochenen Punkte vorgefallen war. Was ereignete sich also hinsichtlich des Dualismus zwischen der oströmischen und der weströmischen Kirche[2]. Ebenso müssen wir fragen, welche bedeutenden Vorfälle und Vorwürfe simonistischer Praxis es in der katholischen Kirche zu dieser Zeit gab. Denn auch dieses Problem spricht Gregor an und es scheint ihn sehr zu verbittern[3]. Und schließlich der dritte große Problemkreis, den Gregor schildert: Die unchristliche Herrschaftsweise der weltlichen Fürsten[4]. Gab es konkrete Anlässe, diese Verbitterung gerade jetzt erkennen zu lassen? Oder übertreibt der Papst bei seiner Einschätzung?

Wie man erkennt, ist der historische Kontext bei der Analyse der Quelle von enormer Bedeutung. Er wird deshalb in dieser Arbeit einen hohen Stellenwert erhalten. Die äußere Quellenkritik wird auf ein notwendiges Minimum beschränkt, da die Quelle einer Quellensammlung[5] entnommen wurde, durch welche die ansonsten notwendigen Betrachtungen schon vorgenommen wurden. Der äußeren Quellenkritik wird dann die inhaltliche Betrachtung folgen. Anschließend wird der historische Kontext näher beleuchtet um dann in dessen Lichte eine Antwort auf die oben gestellte Frage zu wagen.

Die folgende Arbeit wird sich hauptsächlich auf die angesprochene Quellensammlung stützen. Gerade für den relevanten Betrachtungszeitraum kann die Situation hinsichtlich der in der Quelle genannten Probleme gut nachgezeichnet werden.

Zur Analyse der Quelle wird auch auf eine Reihe Sekundärliteratur zurückgegriffen. Neben einer Reihe Überblickswerke sei hier auf das Werk von BOSHOF[6] hingewiesen, welches u.a. einen guten Überblick über das Vorspiel zum Investiturstreit gibt. Ebenfalls sei auf die Monographie von SCHNEIDER[7] aufmerksam gemacht. SCHNEIDER analysiert genau die Konflikte zwischen Reich und Kurie im relevanten Zeitraum. Besonders seine Betrachtungen des Jahres 1074 sind für diese Arbeit von unverzichtbaren Wert. In dem von RICHTER[8] herausgegebenen Werk finden sich dagegen zwei Aufsätze, welche die Rolle Clunys im Investiturstreit näher beleuchten. Für die Betrachtung der Kommunikation zwischen Gregor und Hugo ist dabei der Aufsatz von SMITH[9] sehr hilfreich. Zum Verhältnis zwischen Gregor und Hugo hat KOHNLE[10] in seiner Hugo-Biographie, welche erst 1993 erschienen ist, grundlegendes dargelegt. Der Durchsetzung des römischen Primats widmet LAUDAGE[11] in seiner Monographie ein Kapitel und bei ihm findet sich auch eine gute Überblicksdarstellung über die Gründe und den Verlauf der Reformen und des Investiturstreites.

Ferner sei noch GOEZ[12] erwähnt, der sich intensiver wie BOSHOF mit der Kreuzzugsidee des Papstes beschäftigt hat.

1. Vorstellung der Quelle

1.1 Quellenart

Briefe erkennt man an der unmittelbaren Anrede und an der Anfangs- und Schlussgrußformel[13]. Gregor verwendet die für ihn typische Anfangsgrußformel:

Gregor, Knecht der Knechte Gottes, sendet Abt Hugo von Cluny Gruß und apostolischen Segen[14]

Darin enthalten ist gleichsam schon das zweite genannte Merkmal – die direkte Anrede. Gregor sendet dem Abt Hugo von Cluny seinen Gruß und niemand anderen. Gleichzeitig könnte man dies auch als eine Art der Adressierung verstehen. Die direkte Anrede zieht sich weiterhin durch den gesamten Brief. Der erste Satz ist dafür ein gutes Beispiel:

Wenn es möglich wäre, möchte ich, daß du genau wüßtest,(...), damit dein brüderliches Mitleiden sich mir entsprechend der Heimsuchungen meines Herzens zuneige und sich dein Herz unter Tränen vor Gott niederwerfe, (...).

Eine Schlussgrußformel fehlt derweil. Am Ende des Briefes findet sich stattdessen die Angabe des Datums und des Ortes, an dem der Brief wahrscheinlich angefertigt wurde. Der Brief datiert auf den 22. Januar 1075, gegeben in Rom.

1.2 Überlieferung

Die Briefe des Papstes Gregor VII sind in einem Auslaufregisters im Vatikan erhalten geblieben. Dieses ist zugleich auch das älteste überlieferte päpstliche Originalregister[16]. Es überliefert 400 Briefe des Papstes. Allerdings ist dies nicht die vollständige Anzahl der Briefe Gregors, andere sind teilweise aus Empfängerüberlieferungen bekannt. SCHMALE spricht von über fünfzig auf andere Art erhaltene Briefe oder Briefteile. Andere Briefe Gregors sind nicht erhalten. Daraus ist in der Forschung der Schluss gezogen worden, bei dem überlieferten Register handle es sich um ein Sonderregister des Papstes. Diese Position konnte aber nicht wirksam untermauert werden[17][15]

SCHMALE weist auch darauf hin, dass das Papstregister seit 1083 Veränderungen erfahren hat. Allerdings kann man aufgrund einer Handschrift auf das unverfälschte Register des Gregor schließen, sodass es möglich ist, jüngere Veränderungen daran zu erkennen.

Editiert wurde das Register von CASPAR[18] in der Reihe der „Monumenta Germananiae Historica“.

1.3 Inhaltliche Betrachtung des Briefes

Der Brief beginnt, wie bereits oben festgestellt, mit dem Gruß und Segen des Papstes für Hugo. Danach beginnt der eigentliche Inhalt. In den ersten drei Sätzen (Zeile 3 – 15) klagt Gregor dem Abt von Cluny sein persönliches Leid(en). Essentiell für diesen ersten Abschnitt des Briefes ist der dritte Satz:

Und dennoch hat er mich bisher weder der großen Bedrängnis entrissen, noch hat mein Leben der genannten Mutter, an die er mich mit Ketten schmiedete, so, wie ich hoffte, genützt.

Gregor zieht hier also ein erstes Fazit seiner nunmehr über anderthalb Jahre an der Spitze der Kurie. Er ist nicht zufrieden mit dem, was er bis jetzt erreicht hat. Die Gründe dafür nennt er später. Sie werden uns an anderer Stelle noch genauer beschäftigen. Auffällig in den ersten drei Sätzen des Briefes ist das düstere Bild, welches Gregor von seinem Leben zeichnet. Not, Mühsal und große Bedrängnis – so charakterisiert er seine Existenz. Mehrere Gründe könnten hier für diese Einschätzung maßgeblich sein. Zum einen könnte Gregor tatsächlich zu diesem Zeitpunkt sein Leben als schwere Bürde verstehen. Zum anderen könnte dies immer noch mit legitimatorischen Gesichtspunkten zusammenhängen. Gregor hatte sich seit seiner spontanen Erhebung zum Papst durch das Volk mit den Vorwürfen auseinander zu setzen, er hätte sich ins Amt gedrängt[19]. Dies versucht er nun zu entkräften, indem er darauf hinweist, wie schwer im dieses Amt ist, und dass er dies nicht freiwillig annehmen wollte. Zum Anderen kann es natürlich sein, dass Gregor am Anfang des Briefes das Herz von Abt Hugo „erweichen“ möchte, um so eher Unterstützung durch diesen zu erfahren.

Wenden wir uns dem nachfolgenden Teil des Briefes[20] zu. In diesem schildert Gregor die großen Probleme, welche ihn beschäftigen. Er nennt dabei als ersten großen Punkt die Kirchenspaltung. Zweiter angesprochener Problemkreis ist die Simonie unter den Bischöfen und auch deren Lebenswandel, welcher nicht im Einklang mit dem christlichen Gesetz steht. Dritter Punkt der päpstlichen Sorge und Kritik sind die weltlichen Fürsten. Auch diese missachten die göttliche Ehre und sind eher auf ihren Vorteil bedacht. Als Allerschlimmste bezeichnet er aber die Römer, Lombarden und Normannen.

Schauen wir uns nun die Vorwürfe gegen die Bischöfe und die Fürsten noch etwas genauer an.

[...]


[1] In: Schmale; 1978: Quellen zum Investiturstreit. Band 1: Ausgewählte Briefe Papst Gregor VII. Darmstadt. S. 138. Der Brief ist dieser Arbeit im Anhang beigelegt.

[2] In: Schmale; 1978: Quellen zum Investiturstreit. Band 1: Ausgewählte Briefe Papst Gregor VII. Darmstadt. S. 138: hier Zeile16 ff (im Folgenden wird bei der Benutzung dieser Quelle nur noch die Zeilenzahl genannt).

[3] Siehe Zeile 21 ff.

[4] Siehe Zeile 25 ff.

[5] Schmale; 1978: Quellen zum Investiturstreit. Band 1: Ausgewählte Briefe Papst Gregor VII. Darmstadt. Erschienen in der Reihe „Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters.“ Band 12 a.

[6] Boshof, 2000: Die Salier. Stuttgart.

[7] Schneider, 1972: Prophetisches Sacerdotium und Heilsgeschichtliches Regnum im Dialog 1073 – 1077. München.

[8] Richter; 1975: Cluny. Darmstadt

[9] Smith, 1911: Cluny und Gregor VII. In: Richter; 1975: Cluny. Darmstadt.

[10] Kohnle, 1993: Abt Hugo von Cluny (1049 – 1109). Sigmaringen.

[11] Laudage; 1993: Gregorianische Reform und Investiturstreit. Darmstadt.

[12] Goez; 2000: Kirchenreform und Investiturstreit 910 – 1122. Stuttgart.

[13] Vgl. Brandt; 1998: Werkzeuge des Historikers. Stuttgart. : S. 116

[14] Schon aus dieser Grußformel kann man einen ersten Rückschluss auf das Verhältnis zwischen beiden ziehen. Gruß und vor allem den apostolischen Segen verweigert Gregor, wenn es ernsthaften (irreparablen) Konflikt zwischen Gregor und dem Empfänger eines Briefes gibt. Vgl hier zum Beispiel den Brief an Erzbischof Liemar von Bremen vom 12.12.1974. in: Schmale;1978: S: 117; Nr. 36

[15] Ich beziehe mich hier im Wesentlichen auf die Einleitung in: Schmale, 1978: S. 5ff.

[16] Ebenda: S.5.

[17] Ebenda: S. 6

[18] Gregorii VII Registrum, Das Register Gregor VII., hrsg. v. E. Caspar, MG. Epistolae selectae 2 (1920-1923, Neudruck 1955)

[19] Vgl. u.a. Boshof, 2000: S. 206

[20] Zeile 15 bis 29

Details

Seiten
22
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638563406
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v63251
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Geschichte
Note
1,3
Schlagworte
Brief Gregors Hugo Cluny Januar Proseminar Herrschaftsvorstellungen Zeit Salier

Autor

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Titel: Der Brief Gregors an Abt Hugo von Cluny vom 22. Januar 1075