Lade Inhalt...

Gleichheit in der Sprache: Das Problem der Berufsbezeichnungen in der Frankophonie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 31 Seiten

Romanistik - Französisch - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung
1.1 Gender in der Linguistik
1.2 Genderkategorien

2. Ungleichheiten von Gender und Genus
2.1 Inversion des Genus
2.2 Generische Genera
2.2.1 Das generische Maskulin
2.2.2 Generisches Maskulin und Feminin

3. Das Problem der Berufsbezeichnungen
3.1 Académie francaise vs. Institut national de la langue française
3.2 Schwierigkeiten im Gebrauch
3.3 Geschlechtsneutrale Sprache in der Frankophonie
3.3.1 Belgien
3.3.2 Frankreich
3.3.3 Luxemburg
3.3.4 Quebec
3.3.5 Die französische Schweiz

4. Afrika
4.1 Die Stellung der Frau in der Gesellschaft in Afrika
4.1.1 Die Stellung der Frau in Mali
4.1.2 Das Bildungssystem in Mali
4.2 Musow – eine Frauenzeitschrift aus Mali

5. Geschlechtlichkeit der Sprache in Musow
5.1 Versuche einer geschlechtsneutralen Schreibweise
5.2 Das männliche Genus als Allgemeinform
5.3 Die männliche Form als Berufsbezeichnung für eine bestimmte Frau
5.4. Mischform: weibliche Form als Berufsbezeichnung für eine bestimmte Frau / männliche Form der Berufsbezeichnung als Allgemeinform

6. Schluss: Für eine Gleichheit in der Sprache

7. Bibliographie

Literatur

Internet

1. Einführung

Während meines Studienjahres in Frankreich wohnte ich neben einer Familie mit einer ungefähr sechsjährigen Tochter. Diese hatte eines Tages in der Schule ihre erste ärztliche Untersuchung. Am folgenden Nachmittag begegnete ich ihr mit der Frage: „Et alors, qu’est-ce qu’il t’a dit, le docteur?“ worauf mir das Mädchen schlicht antwortete: „Ce n’était pas un docteur, c’était une femme!“

Wie alle romanischen Sprachen hat die französische Sprache zwei grammatikalische Genera: das weibliche und das männliche. In den geschlechtsneutralen Sprachen (z.B. Türksprachen, Englisch etc.) gibt es keine Nominalklassen, alle Substantiva sind also gleichwertig. In französischen Grammatik- und Wörterbüchern scheint das Maskulinum als Grundform und das Femininum gleichsam als dessen Abänderungung. Ähnlich wie in der Genesis von Adam und Eva berichtet, war also zuerst die männliche Form da, aus der das Weibliche hervorging, ja sozusagen abgezweigt wurde. Die französische Sprache ist also nicht geschlechtlich neutral. Dieser Umstand bringt es mit sich, dass mit dem grammatischen Geschlecht eines Wortes oft auch eine Konstruktion von Geschlecht transportiert wird, die aus Traditionen und gesellschaftlichen Normen entstand. Dieses Konzept von Geschlecht als Ergebnis von Tradition und Wertevorstellung in einer Gesellschaft nennt man Gender.[1]

Inwiefern Sprache dieses Konzept transportiert, ist Gegenstand der feministischen Linguistik und Gender-Linguistik. In der vorliegenden Arbeit geht es im Kern um eine spezielle Art von Wörtern im Französischen, die die Vorstellungen von Geschlechterrollen widerspiegeln: die Berufsbezeichnungen.

In einem ersten einführenden Teil soll zunächst der Begriff Gender geklärt werden. Im zweiten Kapitel wird auf die Beziehungen zwischen Gender und Genus eingegangen und damit verbundene Problemstellungen aufgezeigt. Im dritten Teil folgt eine Darstellung der Debatte zur Feminisierung der Berufbezeichnungen im Französischen sowohl innerhalb Frankreichs als auch die verschiedenen Verwendungen in der Frankophonie. Der vierte Teil widmet sich dem französischsprachigen Afrika. In einem ersten Abschnitt soll auf die Rolle der Frau im subsaharischen Afrika allgemein hingewiesen und ihre Geschichte in Bezug auf die Kolonisierung durch die französischsprachigen Kolonialmächte nachgezeichnet werden. Im zweiten Abschnitt möchte ich auf die Frauen speziell in Mali eingehen und ein Frauenmagazin aus diesem Land vorstellen. An Hand unterschiedlicher Artikel aus dieser Zeitschrift wird exemplarisch gezeigt, wie mit Geschlechtlichkeit der Sprache in diesem Magazin umgegangen wird und ob bzw. wie die Feminisierung der Berufsbezeichnungen angewendet wird.

1.1 Gender in der Linguistik

Die Vorstellung von Geschlecht, von Männlichem und Weiblichem, die aus gesellschaftlichen Normen und Kategorisierungen hervorgegangen ist, wird im Deutschen mit dem englischen Begriff Gender bezeichnet, im Französischen mit genre. Gender als kulturell-gesellschaftliches Konstrukt steht im Gegensatz zum Geschlecht als biologischer, natürlicher Gegebenheit (franz. sexe) und zum grammatischen Geschlecht. Die Benutzung des Worts genre für Gender im Französischen ist nicht unumstritten und tauchte in Frankreich erstmals 1988 im Zusammenhang der Übersetzung des Titels «genre - une catégorie utile de l'analyse historique» des Aufsatzes der amerikanischen Historikerin Joan Scott auf. Diese definiert Gender als ein konstituierendes Element der gesellschaftlichen Beziehungen, die sich auf den Unterschieden zwischen Genus und Gender begründen. Gender ist für sie die primäre Art und Weise, auf der Machtbeziehungen in einer Gesellschaft ausgeübt werden.

Die Geschlechtlichkeit der französischen Sprache wurde geprägt durch die gesellschaftlichen traditionellen Vorstellungen von Geschlecht und bringt mitunter eine Unterdrückung des einen Geschlechts mit sich, namentlich des weiblichen. Das grammatikalische Geschlecht (Maskulinum-Femininum) ist nicht zu verwechseln mit dem biologischen Geschlecht (Weibchen-Männchen), da es im Französischen Wörter im Maskulinum gibt, die Frauen bezeichnen und ebenso den umgekehrten Fall, Wörter, deren Genus femininum ist, die aber in der außersprachlichen Wirklichkeit Männer bezeichnen. Dennoch gibt es reelle Beziehungen zwischen Gender und Genus. Diese Beziehungen werden unter Punkt 2 in dieser Arbeit noch erörtert.

Die Verbreitung eines nichtsexistischen, geschlechtsneutralen Sprachgebrauchs wird in Frankreich sowohl von offizieller als auch inoffizieller Seite betrieben. Im subkulturellen Bereich beobachtet man zum Beispiel die Neuerschaffung geschlechtsneutraler Begriffe, wie Illes und els anstelle von ils und elles.[2] Die Regierung brachte ein spezielles Handbuch zum nichtsexistischen Umgang mit der Sprache, insbesondere den Berufsbezeichnungen heraus. Die Geschichte und Diskussion um diesen Leitfaden wird im Kapitel 3 beschrieben.

1.2 Genderkategorien

Man unterscheidet drei verschiedene Kategorien:

- Grammatisches Genus (in den eigtl. Genussprachen): formell und semantisch (Konflikte zwischen diesen zwei Prinzipien sind möglich) bestimmte inhärente Eigenschaft von jedem Substantiv (der Mann, die Banane, das Mädchen).
- Lexikales Genus: semantisch (extralinguistisch) bestimmte Eigenschaft von Wörtern für Menschen oder Lebewesen
- Referentielles Genus: Verhältnis zwischen dem sprachlichen Ausdruck und der extralinguistischen Wirklichkeit, das Betreffende wird als (symbolisch) männlich/weiblich/neutral gekennzeichnet (das Mädchen... sie; ein Mädchen für alles [auch über einen Mann, der symbolisch als "weiblich" bezeichnet wird]).

Darüber hinaus gibt es "falsche Generika": Dabei wird das Maskulinum auch neutralisiert, generisch für "menschlich" verwendet (an American drinks his coffee black). Dass das Femininum als neutrales Geschlecht benutzt wird, passiert sehr selten.

2. Ungleichheiten von Gender und Genus

Wie bereits angesprochen, gibt es im Französischen Wörter, die masculini generis sind und Frauen bezeichnen. Ebenso findet man umgekehrt Wörter feminini generis, die Männer bezeichnen. Grammatisches Genus und biologisches Geschlecht sind also längst nicht immer homolog.

2.1 Inversion des Genus

Im Gegensatz zum Normalfall, wenn das Genus dem biologischen Geschlecht der zu bezeichnenden Person entspricht (la nourrice, l'amazone, le curé, le castrat et l'eunuque) findet man auch folgende Abweichungen:

- männliche Substantiva zur Bezeichnung von Frauen: un mannequin
- weibliche Substantiva zur Bezeichnung von Männern, im Besonderen für Militärfunktionen: une estafette, une ordonnance, une sentinelle, une recrue, une vigie

Diese Substantiva sind nicht generisch, da sie sich jeweils nur auf einen Mann oder eine Frau beziehen und mit ihrem jeweiligen grammatischen Geschlecht zum biologischen Geschlecht dieser Person opponieren.

Einen besonderen Fall stellen die Schimpfwörter dar, bei denen gerade durch die Umkehrung des Genus die Herabsetzung der bezeichneten Person erreicht wird:

- un bas-bleu, un chameau, un souillon, un louchon, un laideron sind herabwürdigende Bezeichnungen für Frauen, denen aufgrund ihrer äußeren Erscheinung ihre Weiblichkeit abgesprochen wird. (Die ersten beiden sind allmählich aus dem Sprachgebrauch verschwunden.)
- une canaille, une gouape, une crapule, une ganache, une fripouille, une brute, une vieille baderne sind pejorative Bezeichnungen für Männer, deren Übersetzung ins Deutsche durch männliche Substantiva erfolgt: ein Schurke, ein Taugenichts, ein Schuft, ein Schafskopf, ein Lump, ein Grobian, ein alter Knacker.

Ebenso gibt es Bezeichnungen, bei denen durch das weibliche Genus auf semantischer Ebene ein Mangel an Virilität impliziert werden soll. Dies ist der Fall bei der Beleidigung männlicher Homosexueller: une folle, une tante, une tantouze, une tapette. Und auch, um einen Mann als Feigling zu verunglimpfen : une loupette, une poule mouillée.

Aber auch bei Kosenamen findet man im Französischen die Inversion des Genus. So bezeichnet man eine Frau zärtlich mit mon chéri oder auch mon poulet und in einer alten Männerfreundschaft nennt man den Kumpel mitunter ma vieille.

2.2 Generische Genera

Es gibt zwei Sorten von generischen Genera: das generische Maskulin und den Fall, dass ein Substantiv sowohl weiblich als auch männlich sein kann und nicht in einer weiblichen Form existiert.

2.2.1 Das generische Maskulin

Man spricht vom generischen Maskulin, wenn die männliche Form als universelle Form sowohl Männer als auch Frauen bezeichnet, obwohl es auch eine weibliche Form in der Sprache gibt. Beispiele aus dem sprachlichen Alltag sind:

- «les époux se doivent mutuellement fidélité et assistance»
- «les fiancés étaient radieux»
- «cette ville compte dix-mille habitants»
- «tous les hommes sont mortels»
- «les Français sont des veaux»

In solchen Fällen wird das Maskulin im Französischen als generisch angesehen. Es kann die Bezeichneten beider Geschlechter beinhalten. Dies wird darin begründet, dass eine weibliche Form grundsätzlich existiert und der Sprecher die Wahl hätte, die weibliche Form zu benutzen, wolle er sich nur auf Frauen beziehen. In den genannten Äußerungen, wo das jeweilige Geschlecht der Referenten keine Rolle spielt, bewerten die meisten französischen Linguisten die Nennung beider Geschlechter als unnütz und unökonomisch. Aus dem Kontext gehe hervor, dass es sich um eine generalisierende Anrede handele. So spricht man auch von den Menschenrechten als «droits de l'homme», vom «l'homme de la rue» etc.

Die feministische Linguistik will diese Auffassung vom Maskulin als Universalgenus nicht anerkennen und sieht darin eine Herabwürdigung der Frau, da ihre Existenz auf der Ebene der Sprache ignoriert wird. Diese Maskulina, die auch das weibliche Geschlecht beinhalten sollen, sind nämlich nicht von Natur aus generisch, sondern aus Gründen gesellschaftlicher Normen als generisch eingeordnet. Andernfalls würden Sätze wie "comme tous les mammifères les hommes allaitent ses petits" ou "Les femmes sont des hommes comme les autres" Sinn ergeben. Die Verwendung solcher Sätze ist jedoch nur denkbar, wenn willentlich provoziert werden soll. Ansonsten wirken sie ganz einfach lächerlich.

2.2.2 Generisches Maskulin und Feminin

Der andere Fall beinhaltet die Substantiva, die für beide Geschlechter verwendet werden können, die jedoch, im Gegensatz zum vorigen Fall, kein Pendant vom anderen Geschlecht besitzen. Dies sind Wörter wie

- un individu, un assassin, un précurseur, un gourmet, un otage, un témoin, un garant, une personne, une dupe, une connaissance, une créature, une victime, une vedette, une star, etc.
Diese Substantiva sind sowohl maskulin als auch feminin, man kann sie als generisch bezeichnen. Folgende Aussagen sind denkbar:
- "La police a interrogé un nouveau témoin, une femme de soixante ans."
- "Madame Durand a été tout au long de sa captivité un otage au courage exemplaire."
- "La Marquise était un grand amateur de Bordeaux."
- "C'est une créature de son patron et il lui obéit sans broncher."

Diese generischen Substantiva gelten für beide Geschlechter. Auf semantischer Ebene kann man erkennen, dass sie eher vorübergehende Zustände und keine den Personen inhärenten Eigenschaften beschreiben, wie etwa den Beruf einer Person.

Auf morphologischer Ebene kann man diese Substantiva sowohl in Bezug auf Frauen benutzen: "elle avait été le témoin horrifié d'un meurtre" als auch in Bezug auf Männer: "un jeune homme de bonne famille a été la victime d'escrocs".

Nicht möglich ist, den Substantiva ein Adjektiv zuzuordnen, dessen Genus dem Genus des Substantivs widerspricht. Man kann also nicht sagen "cet amateur d’art est très savante", oder "un amateur, familière des petits maîtres du XVIIIe".

Ebenso ist folgende Konstruktion ungünstig:

"Une nouvelle victime a été retrouvée. Il travaillait sur le site au moment de l'explosion."

Der Bruch zwischen den beiden Sätzen wird als unelegant angesehen. Der Leser muss stutzen und wird in seinem Lesefluss aufgehalten.

3. Das Problem der Berufsbezeichnungen

Die in der Einleitung geschilderte Situation mit dem kleinen Mädchen und der Ärztin ist ein Beispiel , um das Problem der Berufsbezeichnungen in der Wirklichkeit zu veranschaulichen. Im Französischen wird für eine große Anzahl von Berufen, gerade den akademischen, die mit einem gewissen Prestige verbunden sind, für Mann und Frau die männliche Bezeichnung verwendet. Begründet wird dies damit, dass das Maskulinum die neutrale Form sei:

Enfin, seul le genre masculin, qui est le genre non marqué (il a en effet la capacité de représenter les éléments relevant de l’un et de l’autre genre), peut traduire la nature indifférenciée des titres, grades, dignités et fonctions. Les termes chevalière, officière (de tel ordre), députée, sénatrice, etc., ne doivent pas être employés.[3]

Wie die Replik des kleinen Mädchens zeigt, ist die Verwendung des Maskulinums, um eine Frau zu bezeichnen, jedoch in der außersprachlichen Wirklichkeit durchaus unlogisch und führt zu sprachlichen Missverständnissen. Das besagte Mädchen wusste noch nicht, dass es auch Ärztinnen gibt, deren Bezeichnung im Französischen von der Académie Francaise 1935 als femme médecin oder femme docteur vorgeschrieben wurde.[4] Diese doch recht umständlich anmutenden Ausdrücke tauchen im allgemeinen Sprachgebrauch kaum auf. Man spricht von le médecin, aller chez le docteur. Un docteur musste für das Mädchen logischerweise ein Mann sein und da die Person, von der es untersucht wurde, offensichtlich eine Frau war, hatte das kleine Mädchen es nicht mit einem docteur zu tun gehabt.

Von der feministischen Linguistik wird der Gebrauch des Maskulinums als „genre non marqué“[5] angefochten, weil so die Existenz der Frauen in der Sprache geradezu verschwiegen wird. Innerhalb Frankreichs entbrannte zu der Feminisierung der Berufsbezeichnungen eine hitzige Polemik, die ein gutes Beispiel für Genderreflexionen in der Sprache ist.

[...]


[1] Vgl. zu einer allgemeinen Übersicht zur Genderforschung Christine Guionnet/Erik Neveu (2004): Féminins/Masculins. Sociologie du genre, Paris, Armand Colin, sowie zur Geschichte der Geschlechterverhältnisse Luc Capdevila u.a. (Hrsg.) (2003): Le genre face au mutations. Masculin et féminin, du Moyen Âge à nos jours, Rennes, Presse Universitaires.

[2] Vgl. http://www.genreenaction.net, Stand: Mai 2006.

[3] Stellungnahme der Académie Francaise 2002: Féminisation des noms de métiers, fonctions, grades et titres, http://www.academie-francaise.fr/actualites/feminisation.asp, Stand: Mai 2006.

[4] Femme, j’écris ton nom… Guide d’aide à la féminisation, Paris: Documentation française, 1999. S. 14.

[5] Ebenda.

Details

Seiten
31
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638563253
ISBN (Buch)
9783656224334
Dateigröße
596 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v63226
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin – Institut für Sprache und Kommunikation
Note
1,7
Schlagworte
Gleichheit Sprache Problem Berufsbezeichnungen Frankophonie Genderreflexionen Kulturen

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Gleichheit in der Sprache: Das Problem der Berufsbezeichnungen in der Frankophonie