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Inwieweit gelang es J. H. Wichern die sozialen Fragen seiner Zeit zu erkennen und den Problemen entgegenzuwirken?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 33 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

1 Ein geschichtlicher Überblick über die erste Hälfte des 19Jh

2 Die daraus resultierenden sozialen Fragen

3 Die Erweckungsbewegung und die soziale Verantwortung

4 Johann Hinrich Wichern
4.1 Die jungen Jahre des J. H. Wichern
4.2 Wicherns Geschichtsverständnis
4.3 Die Schaffensphase Johann Hinrich Wicherns
4.4 Vermächtnis Wicherns

5 Beurteilung Wicherns Wirksamkeit

6 Literaturverzeichnis

Vorwort

Im Seminar: Restauration und Revolution. Weichenstellung in der Kirchengeschichte von 1815 bis 1870 befasste ich mich, in dem von mir zu bearbeitenden Referat, mit dem christlichen Sozialreformer Johann Hinrich Wichern. Schon bei der Erarbeitung dieses Referates fiel auf, dass das Schaffen Wicherns in der Literatur sehr unterschiedlich bewertet wird.

Aufgrund dessen schien mir eine Erarbeitung dieser Thematik sehr interessant.

Ich werde in dieser Arbeit die Kritik Günther Brakelmanns an den Lebensumständen und Prägungen Wicherns prüfen und anhand dessen eine Aussage darüber treffen, inwieweit Johann Hinrich Wichern die sozialen Fragen seiner Zeit erkannte und den Problemen der Bevölkerung entgegenwirken konnte.

Es ist dabei zu beachten, dass auch meine Aussagen nur eine Betrachtung aus der Perspektive unserer Zeit bleiben, da es mir nicht möglich ist, mich in die Lebensumstände und Situationen Wicherns so tief hineinzuversetzen, als das es möglich wäre die tatsächliche Bedeutung seiner Arbeit für die damalige Zeit vollständig zu erfassen.

Mein Blick ist ein Blick, welcher sich aus einer anschließenden Geschichtsentwicklung von mehr als 150 Jahren ergibt. Aufgrund dessen kann und wird das Bild der Arbeit Johann Hinrich Wicherns hier nicht völlig der Bedeutung für seine Zeit entsprechend, dargestellt werden können.

Trotz allem versuche ich meine Blickrichtung zu objektivieren, indem ich mit Hilfe der Literatur die Lebensumstände und -einstellungen J. H. Wicherns berücksichtige.

Einleitung

Im düstern Auge keine Träne
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt -
Er hat uns geäfft, gefoppt und genarrt -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen
Der den letzten Groschen von uns erpreßt
Und uns wie Hunde erschiessen läßt -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt -
Wir weben, wir weben!

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht -
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch,
Wir weben, wir weben![1]

In dem Gedicht „Die Weber“ von Heinrich Heine wird der Weberaufstand als Exempel für die Darstellung der Nöte des Proletariats zur Zeit der Industrialisierung herausgegriffen. Die Arbeiterschicht wird als hungernd, elend und im Kampf gegen Staat und Kirche stehend, beschrieben. Dieses Gedicht des Vormärzes, zeigt die Probleme in Deutschland zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Es klagt sowohl den Staat als auch die Kirche an und signalisiert das Bestreben der Bevölkerung nach einer Veränderung. Welche Veränderungen Deutschland und seine Bevölkerung in dieser Zeit durchlebten und welche Bestrebungen man unternahm um die sozialen Probleme zu lösen, wird in dieser Arbeit am Beispiel des Sozialreformer Johann Hinrich Wichern untersucht.

1 Ein geschichtlicher Überblick über die erste Hälfte des 19Jh.

Die Zeit vor dem 19. Jahrhundert war geprägt durch das Mittelalter mit seiner Ständeordnung. Das Handwerk war damals in Kleinbetrieben organisiert, in denen Produktion nur auf Bestellung durchgeführt wurde. Der Meister lebte meist mit seinem Gesellen und Lehrling im gleichen Haus und die Wirtschaftsmoral war eher darauf konzentriert, ein ehrlich erworbenes, ehrbares, ständisches Einkommen zu erwirtschaften, welches die Deckung des Bedarfes ermöglichte. Da es nicht um Gewinnerwirtschaftung ging, konnte man zur Zeit des Mittelalters noch nicht von Erwerbswirtschaft sprechen.[2]

Die damals gegebenen mittelalterlichen Herrschaftsverhältnisse zerbrachen jedoch im Zuge der französischen Revolution. Seit 1803 begann die Säkularisierung und Mediatsierung, von da an wurden sowohl geistliche Herrschaften als auch Reichsstände und Reichsritterschaften abgeschafft und enteignet.[3]

Durch die Besetzung Preußens wurden im selbigen Staat seit 1807 durch Stein und später fortgesetzt von Hardenberg Reformen durchgeführt, welche die agrarischen – feudalen Strukturen auflösen und die Industrialisierung voranbringen sollten. Diese Reformen, waren liberale Verwaltungsreformen innerhalb des bestehenden absolutistischen Systems, mit denen die Erbuntertänigkeit der Bauern aufgegeben wurde, eine Gewerbefreiheit eingeführt wurde und die strenge Zunftordnung aufgehoben wurde. An die mittelalterlichen Produktionsweisen schlossen sich frühkapitalistische an. Die Stände begannen sich aufzulösen, es entstand ein Beamten- und Offiziersstand und neue Betriebsformen wurden entdeckt. Aus den Werkstätten wurden Betriebe mit kapitalistischen Arbeitsbedingungen, die eine andere Arbeitsdisziplin erforderten und ein Produktionssoll forderten. Die Wirtschaftmoral wandelte sich hin zur Erwerbswirtschaft.[4]

Durch Napoleon schienen die deutschen Mittelstaaten stabilisiert zu werden, Bayern und Württemberg wurden unter ihm zu Königreichen. Auch wenn das Ziel scheiterte Österreich und Preußen zu Mittelstaaten zu reduzieren, so entstanden durch den deutschen Bund 1814 im Norden und Süden des Landes Mittelstaaten, die nun Österreich und Preußen als politische Faktoren gegenüber standen.[5]

Noch immer wurde jedoch kein Einheitsstaat errichtet, viele Territorialstaaten prägten das Bild Deutschlands. Der Unmut der Bevölkerung wuchs aufgrund der schlechten wirtschaftlichen, sozialen Bedingungen und der Besetzung durch Frankreich. So wurde das Nationalgefühl durch den Kampf und Sieg gegen Napoleon wieder geweckt. Am 18.10.1819 trafen sich die Studenten des Landes auf der Wartburg, um für die Einheit des Landes zu demonstrieren und an die Völkerschlacht bei Leipzig und die Reformation zu erinnern.

Diese Demonstration beunruhigte die Regierung und ließ durch den österreichischen Staatskanzler Metternich die Karlsbader Beschlüsse des deutschen Bundes initiieren.[6]

Diese richteten sich gegen liberale und nationale Kräfte und sahen die allgemeine Pressezensur, das Verbot der Burschenschaften, die Entlassung revolutionär gesinnter Lehrkräfte, die staatliche Überwachung der Universitäten und die Einrichtung einer Zentraluntersuchungskommission in Mainz vor.[7]

Auch diese Beschlüsse konnten den Unmut, die Gedanken und Bestrebungen in der Gesellschaft nicht unterbinden, da die Wende im Bewusstsein der Menschen schon begonnen hatte.

„Allenthalben war man jetzt der Überzeugung, dass ein grundlegender Wandel geschaffen werden müsse. Diese Grundstimmung hatte, allen ständischen sozialen und geistigen Unterschieden zum Trotz, das gesamte Bürgertum bis hinunter in die Unterschichten erfasst.“ [8]

Die Industrialisierung kam nur sehr langsam in Schwung. Dies lag auch daran, dass zwar in Preußen die Industrialisierung Englands genau beobachtet und auch übernommen wurde, Deutschland jedoch trotzdem in allen Staaten staatliche Entwicklungshilfe nötig hatte. Denn die Infrastruktur des Landes war durch die vielen Zersplitterungen deutlich schlechter. Es gab viele kleine Gewerbegebiete, in denen aufgrund der kleinen Manufakturen auch nur sehr geringe Produktionsmassen hergestellt werden konnten. Preußen über nahm die industrielle Führung in Deutschland, da es über Kohle als Bodenschatz verfügte, die Mentalität des bürgerlichen Unternehmertums aufgrund des französischen Einflusses in Preußen stärker ausgeprägt war und da in Preußen am wirtschaftlichen Liberalismus festgehalten wurde. Während in anderen Staaten die Bürger wirtschaftlichen Beschränkungen ausgesetzt waren und dafür politische Recht erhielten, waren die Bürger in Preußen weiterhin von politischen Entscheidungen ausgeschlossen, erhielten jedoch wirtschaftlichen Freiraum.

Napoleon verhängte nach seiner Besetzung deutscher Gebiete eine Kontinentalsperre für englische Waren, weil er so den unbesiegbaren Gegner England in die Knie zwingen wollte. Diese Kontinentalsperre förderte vor allem das Textilgewerbe, da die große Konkurrenz aus England ausgeschalten wurde. Als jedoch 1813 die britische Textilkonkurrenz wieder auf den deutschen Markt kam, erfuhr das deutsche Textilgewerbe seinen Niedergang, auch deshalb, weil der Wirtschaftsraum des Landes sich nicht geschlossen darstellte. Um dem entgegen zu wirken, wurde 1834 unter der Führung Preußens der Zollverein gegründet.[9] Mit ihm wurden die Zollschranken überwunden und man sicherte sich gegenüber der ausländischen Konkurrenz ab. Um die Transportwege weiter zu verbessern, wurde das Eisenbahnnetz erweitert und auch andere Verkehrswege angepasst. Jedoch blieb der große Industrialisierungsschub weiter aus und Deutschland zeigte noch eine Weile Strukturen eines agrarischen Landes. Der Staat stabilisierte seine traditionelle Gesellschaftsordnung weiter und die Identifikation mit dem absolutistischen Staat blieb weiterhin bestehen. Das Ziel der Bürger, war in der Regel die individuelle Freiheit im Rahmen ihrer Gesellschaftsordnung, nicht aber die politische Freiheit. Die Forderung des mittleren und oberen Bürgertums nach mehr Liberalität brach durch die Industrialisierung auf, das ständische System stellte sich jedoch als zu starr heraus, als dass das servile Bürgertum an diesen Strukturen etwas zu verändern vermochte.

So spiegelte die Schicht des Bürgertums in ihrer Widersprüchlichkeit die ganze Situation Deutschlands wider. Es kam zu einer Abgrenzung der Menschen des oberen Bürgertums von den Unterschichten und dem Kleinbürgertum, sie erkannten die wirtschaftliche, politische und militärische Schwäche Deutschlands und wandten sich deshalb dem Bereich der Kultur und des Geistes zu. Sie wandten sich von der Gegenwart ab und versuchten in der Welt des Geistes ihre Erfüllung zu finden. Aufgrund dieses Verschließens vor der Wirklichkeit konnte aus dieser Schicht kein Beitrag zur Bewältigung der Not erwartet werden.[10]

Die sozialen Folgen die durch diese nur gebremst fortschreitende Industrialisierung und die Unsicherheiten in der Bevölkerung entstanden, werden nun in Punkt zwei dargestellt.

[...]


[1] H. Heine

[2] Vgl. Brakelmann, Günther: Die soziale Frage des 19.Jahrhuunderts, Witten/Ruhr 1964, S.13-15.

[3] Vgl. Greschat, Martin: Das Zeitalter der industriellen Revolution. das Christentum vor der Moderne,

Stuttgart u.a. 1980, S.63.

[4] Vgl. Brakelmann, Günther: Die soziale Frage des 19.Jahrhuunderts, Witten/Ruhr 1964, S.16f.

[5] Vgl. Greschat, Martin: Das Zeitalter der industriellen Revolution. das Christentum vor der Moderne,

Stuttgart u.a. 1980, S.63.

[6] Vgl. Greschat, Martin: Das Zeitalter der industriellen Revolution. das Christentum vor der Moderne,

Stuttgart u.a. 1980, S. 63.

[7] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Karlsbader_Beschl%C3%BCsse, 04.01.06.

[8] Greschat, Martin: Das Zeitalter der industriellen Revolution. das Christentum vor der Moderne,

Stuttgart u.a. 1980, S.64.

[9] Vgl. Greschat, Martin: Das Zeitalter der industriellen Revolution. das Christentum vor der Moderne,

Stuttgart u.a. 1980, S.65.

[10] A.a.O., S.67f.

Details

Seiten
33
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638562270
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v63107
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
2,3
Schlagworte
Inwieweit Wichern Fragen Zeit Problemen Restauration Revolution Weichenstellung Kirchengeschichte

Autor

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