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Die göttliche Sprache zum Ziel - inhaltliche und sprachliche Entwicklungstendenzen in der Lyrik Nelly Sachs

Hausarbeit 2005 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitende Bemerkungen

2. Wesentliche Merkmale der Lyrik Nelly Sachs’

3. Entwicklungstendenzen in der Lyrik Nelly Sachs
3.1. inhaltliche Entwicklungstendenzen
3.2. sprachliche Entwicklungstendenzen

4. Abschließende Bemerkungen

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitende Bemerkungen

Die vorliegende Arbeit untersucht wesentliche Aspekte der Sprache und des Inhalts in der Lyrik Nelly Sachs sowie deren Weiterentwicklung. Eine Analyse der ausgewählten Gedichte ist nicht denkbar ohne die Einbeziehung der 1951 in seinem Aufsatz Kulturkritik und Gesellschaft aufgestellten Thesen von Theodor W. Adorno, welche die Forschung und Diskussion nachhaltig beeinflusst haben.

Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben.[1]

So lautet Adornos berühmtes Diktum, welches im Diskurs immer wieder zitiert und häufig missver­standen wird. Sein Ausspruch ist nicht als tatsächliches Schreibverbot zu verstehen. Vielmehr drückt er damit sein tiefes Misstrauen gegenüber der gesamten traditionellen Kultur aus, denn in seinem 1962 erschienen Aufsatz Jene zwanziger Jahre heißt es:

Weil jedoch die Welt den eigenen Untergang überlebt hat, bedarf sie gleichwohl der Kunst als ihrer bewusstlosen Geschichtsschreibung. Die authentischen Künstler der Gegenwart sind die, in deren Werken das äußerste Grauen nachzittert.[2]

Damit bekennt er sich erstmals zum Fortbestand der Literatur nach Auschwitz. Und doch fühlten sich seitdem immer wieder Autoren (u.a. Enzensberger, Celan, Domin, Grass) von Adorno provoziert und in Frage gestellt, so dass sie in Gedichten, Preisreden und Aufsätzen das vermeintliche Verbot aufgriffen und angriffen, womit sie ihr eigenes Schreiben legitimieren und verteidigen wollten[3].

Adorno hielt das Schreiben nach Auschwitz schon für möglich, allerdings nur solches, welches der Vergangenheit gedachte und das Leid zum Ausdruck brachte. Mit seinem Satz, dass es barbarisch sei, nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben, zeigte er vordergründig eben auch das Dilemma auf, in welchem sich Intellektuelle im Allgemeinen und Autoren im Speziellen direkt nach Auschwitz befanden.

Nach Adorno sollte schon geschrieben und erzählt werden, aber nicht so, als hätte der Holocaust nie statt­gefunden. Die Schwierigkeit für alle Nachkriegsautoren war es somit, die Gratwanderung zwischen Banalisierung des Geschehenen und völliger Erstarrung bzw. Verstummung zu meistern. Adorno hat also nur das zum Ausdruck gebracht, was viele Autoren der damaligen Zeit gedacht und gefühlt haben mögen, denn mit dem Holocaust ging eine grundlegende Sprach- und Sinnkrise einher, in der sowohl jegliche Sinnkonstruktion als auch ein sinnvolles Sprechen in Frage gestellt wurde. Die Frage nach dem Sinn sowie der Zweifel an Sinngegebenheiten führten zu einer unbefriedigenden Suche nach einem Sinn und einer Allgemeingültigkeit und ließ somit die Sprache oft als stammelnd, unvollständig und unabgeschlossen wirken.[4]

Aus diesen Erfahrungen entwickelte sich bei vielen Autoren eine lyrische Sprache, die oft verschlossen wirkt und somit auch als hermetische Lyrik bezeichnet wird. Die Dichter misstrauten der zutiefst fragwürdig gewordenen Sprache und begannen daher, die Sprache zu verschlüsseln. Die Chiffre, also die absolute Metapher, wurde demzufolge zum zentralen Begriff der neuen Lyrik. Neben Paul Celan, Rose Ausländer und Ingeborg Bachmann war eben auch Nelly Sachs ein wichtiger Vertreter dieser literarischen Richtung. Inwiefern sie dies in ihren Gedichten zum Ausdruck brachte und ob sich eine hermetische Schreibweise durch ihr ganzes lyrisches Werk zieht, wird auf den folgenden Seiten zu untersuchen sein.

2. Wesentliche Merkmale der Lyrik Nelly Sachs’

Obwohl seine eigene Formulierung dies vermuten lässt, hat Adorno mit seinem Diktum nicht nur die Lyrik in Frage gestellt. Er zweifelt vielmehr generell daran, ob nach Auschwitz Kunst im Allgemeinen noch eine Daseinsberechtigung habe, wobei die Lyrik, als traditionsgemäß die schönste Gattung, als Inbegriff für Ästhetik, Innerlichkeit und Gefühl, eine Sonderstellung unter den Gattungen einnimmt. Denn all ihre Attribute, so scheint es, lassen sich nicht mit der Thematik des Holocaust verbinden. Nichtsdestotrotz wählt Nelly Sachs das Gedicht, um die Trauer über das Geschehene zu artikulieren, um das Unsägliche sagbar zu machen.

Dies geschieht nach Meinung von Hans Magnus Enzensberger zu Recht. Er wandte sich 1959 mit seinem Aufsatz Die Steine der Freiheit gegen die These Adornos, dass es barbarisch sei, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, und verteidigte dies mit der Lyrik Nelly Sachs’, indem er schrieb:

Der Philosoph Theodor W. Adorno hat einen Satz ausgesprochen, der zu den härtesten Urteilen gehört, die über unsere Zeit gefällt werden können: Nach Auschwitz sei es nicht mehr möglich, ein Gedicht zu schreiben. Wenn wir weiterleben wollen, muß [sic] dieser Satz widerlegt werden. Wenige vermögen es. Zu ihnen gehört Nelly Sachs. Ihrer Sprache wohnt etwas Rettendes inne. Indem sie spricht, gibt sie uns selber zurück, Satz um Satz, was wir zu verlieren drohten: Sprache.[5]

Für ihn ist die Lyrik Nelly Sachs durch eine ‚rätselhafte Reinheit’ und durch das ‚Gespräch mit dem Sprachlosen’ charakterisiert.[6] Dies erreicht Sachs in ihren frühen lyrischen Werken mit dem ihr wichtigsten lyrischen Element: dem Bildhaften, dem Metaphorischen. Ihre Metaphern zeichnen sich in dieser Zeit durch eine ungeheure Sprachgewalt aus, die das Geschehene oft grausam-plastisch wirken lassen, ohne Gefahr zu laufen, es zu banalisieren. Sie sind teilweise erschreckend wirklich, denn als deutsch-jüdische Autorin ist Sachs Schaffen von dem Eindruck des Holocaust überschattet und geprägt.

In dem ersten Gedichtband Wohnungen des Todes (1947) von Nelly Sachs aus dem schwedischen Exil schildert das Eingangsgedicht O die Schornsteine aus dem Gedichtzyklus Dein Leib im Rauch durch die Luft ganz eindringlich die Konzentrationslager und Krematorien, die als Wohnungen des Todes bezeichnet werden:

Und wenn diese meine Haut zerschlagen sein wird, so werde ich ohne mein Fleisch Gott schauen.
Hiob
O die Schornsteine
Auf den sinnreich erdachten Wohnungen des Todes,
Als Israels Leib zog aufgelöst in Rauch
Durch die Luft-
Als Essenkehrer ihn ein Stern empfing
Der schwarz wurde
Oder war es ein Sonnenstrahl?
O die Schornsteine!
Freiheitswege für Jeremias und Hiobs Staub-
Wer erdachte euch und baute Stein auf Stein
Den Weg für Flüchtlinge aus Rauch?
O die Wohnungen des Todes,
Einladend hergerichtet
Für den Wirt des Hauses, der sonst Gast war-
O ihr Finger,
Die Eingangsschwelle legend
Wie ein Messer zwischen Leben und Tod-
O ihr Schornsteine,
O ihr Finger,
Und Israels Leib im Rauch durch die Luft! (Sachs, 1998, S.8)

Wie anschaulich und damit eindringlich Nelly Sachs’ Metaphern sind und somit auch ihre Sprache ist, wird hier an vielen Punkten deutlich. Besonders jedoch beim Bild von Israels Leib, der aufgelöst in Rauch durch die Luft zog (Vers 3-4), was nichts anderes darstellt, als die massenhafte Tötung und Verbrennung von Menschen, mit dem Ziel der Ausrottung eines ganzen Volkes, nämlich dem Volke Israels. Dargestellt wird, dass das Volk Israel seine Freiheit durch die Verbrennung und das Aufgehen im Rauch findet (Vers 8-9). Jeremias und Hiobs Staub repräsentieren dabei die in den Konzentrationslagern ermordeten Juden.

Ebenfalls charakteristisch, besonders für die frühe Lyrik Nelly Sachs, sind die Erwähnung und die Bezugnahme auf biblische Namen. So findet sich u.a. im 1949 erschienen Gedichtband Sternverdunklung ein Gedichtszyklus mit dem Titel Die Muschel saust, in welchem Bezug genommen wird auf bedeutende biblische Persönlichkeiten, wie dem Erzvater Abraham sowie den Königen David und Saul. Im vorgestellten Gedicht selbst taucht auch zum ersten Mal der Name Hiob auf, bezeichnenderweise aber nicht nur im Gedicht selber, sondern in einem dem Gedicht vorangestellten Bibelzitat (Hiob 19,26). Bei der Betrachtung des vorangestellten Bibelzitats in der Verbindung mit dem Gedicht wird deutlich, dass zwischen beiden ein Spannungsgefüge herrscht.[7] Das Bibelzitat ist Ausdruck Hiobs Hoffnung, Gott zu schauen, also vom Leiden erlöst zu sein und gleichzeitig den Sinn des Leidens zu begreifen. Im Gedicht hingegen wird Gott nicht erwähnt, es wird nur das Leiden beschrieben und es ist weder Hoffnung noch Sinn zu erkennen, Gott wird nicht geschaut. Man kann Bibelzitat und Gedicht also als zwei Pole sehen, auf der einen Seite die Bibel und auf der anderen Seite die Realität. Die Bibel mit Leid, Glauben an Gott und der Hoffnung auf Erlösung und die Realität in der nur Leid vorhanden ist.

Neben der direkten Erwähnung von biblischen Figuren finden sich in der frühen Lyrik Nelly Sachs’ auch zahlreiche biblische Symbole. So z.B. die Verwendung des Wortes Staub im Bild von Jeremias und Hiobs Staub. Staub steht im biblischen Kontext für die Vergänglichkeit irdischen Lebens, denn in Psalm 103, 14 heißt es:

Denn er weiß, was wir für Gebilde sind; er denkt daran: Wir sind nur Staub.

Diese biblische Bedeutung wird durch den Massenmord der Nazis erweitert, denn in diesem Zusammenhang steht der Staub auch für die Asche der vergasten und verbrannten Juden.

Den Stil in der frühen Lyrik Nelly Sachs’ kann man also durchaus als biblisch beeinflusst bezeichnen, wobei im Laufe der Jahre des künstlerischen Schaffens der Nelly Sachs auch immer mehr der Einfluss der jüdischen Mystik, insbesondere des Buches Sohar deutlich wird.[8] Ein stilistisches Merkmal, das auf biblische Einflüsse schließen lässt, ist z.B. die Verwendung von Parallelismen und biblischen Wendungen, wie im Gedicht Wer aber leerte den Sand aus euren Schuhen [9] wo es heißt:

Mit den Kehlen von Nachtigallen vermischt,
Mit den Flügeln des Schmetterlings vermischt,
Mit dem Sehnsuchtsstaub der Schlangen vermischt,
Mit allem was abfiel von der Weisheit Salomos vermischt,
Mit dem Bitteren aus des Wermuts Geheimnis vermischt- (Sachs, 1998, S.11)

In diesem Gedichtsausschnitt werden ganze Satzteile wiederholt. Der Parallelismus-Stil, in den verschiedensten Ausprägungen, zeichnet besonders die frühe Lyrik Nelly Sachs’ aus.[10]

Mit dem Erscheinen des dritten Gedichtbandes Und niemand weiß weiter im Jahr 1957 gehen thematische und sprachliche Veränderungen in der Lyrik Nelly Sachs einher. Die Motive Wort, Buchstabe und Schrift werden immer mehr ein zentrales Thema ihrer Lyrik. Die bisherige Sprache der Nelly Sachs schien durch alles ihr erfahrenes Leid, wie den Erfahrungen des Holocaust, den Verlust ihres einzigen Geliebten und den Tod ihrer Mutter im Jahr 1950 zerstört und musste nun wieder neu hergestellt werden[11]. Dies gelang mit Hilfe von Worten und Sprache, die aber nun aber schon einen deutlichen Bezug zu Sachs’ Beschäfti­gung mit der jüdischen Mystik erkennen lässt. Die ausdrucksreichen Metaphern und Bilder werden immer mehr zu mystischen Chiffren, die an Sprachgewalt nicht verlieren, der lyrische Text somit immer hermetischer.

Des Weiteren zeichnet sich ihr Stil in fast allen lyrischen Werken vorwiegend durch eine fehlende metrische Gliederung, durch fehlendes Reimschema und fehlende Strophik aus. Eine Ausnahme hierbei bilden jedoch der Gedichtzyklus Gebete für den toten Bräutigam aus dem Gedichtband Wohnungen des Todes.[12]

[...]


[1] Zitiert aus: Adorno, 1980, S.30.

[2] Zitiert aus: Adorno, 1963, S. 68.

[3] Vgl. Kiedaisch, 2001, S. 12f.

[4] Vgl. Sowa- Bettecken, 1992, S. 18.

[5] Zitiert nach: Kiedaisch, 2001, S. 73.

[6] Vgl. Kiedaisch, 2001, S. 74f.

[7] Vgl. Kuschel, 1994, S. 206.

[8] Vgl. Dischner, 1979, S. 25.

[9] enthalten im Gedichtband Wohnungen des Todes

[10] Vgl Dischner, 1979, S. 29.

[11] Vgl. Fritz, 1979, S.9.

[12] Vgl. Falkenstein, 1984, S. 30.

Details

Seiten
22
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638561709
ISBN (Buch)
9783638669047
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v63046
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Sprache Ziel Entwicklungstendenzen Lyrik Nelly Sachs

Autor

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Titel: Die göttliche Sprache zum Ziel - inhaltliche und sprachliche Entwicklungstendenzen in der Lyrik Nelly Sachs