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Religiöse Einflüsse in der Lyrik der Nelly Sachs

Hausarbeit 2005 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitende Bemerkungen

2. Religiöse Einflüsse in der Lyrik Nelly Sachs’
2.1. Einflüsse auf den Stil
2.2. Einflüsse auf den Inhalt

3. Beispielanalyse des Gedichts ‚Abraham’

4. Abschließende Bemerkungen

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitende Bemerkungen

Nelly Sachs wird bei der Interpretation ihrer Gedichte oft als religiöse jüdische Dichterin verstanden. Bei dieser Einordnung ist zu beachten, dass dies die Lyrikerin in eine Schublade drängt, sie also eingrenzt, was ihr selbst und auch ihren Gedichten nicht wirklich gerecht wird. Sie ist vor allem als eine der herausragendsten deutschen Dichterinnen der Nachkriegszeit zu verstehen. Ihre jüdische Herkunft ist allerdings insofern von Bedeutung, als dass sie auf Grund dieser vom Nazi-Regime verfolgt wurde, sie durch die Judenvernichtung viele Freunde und Verwandte verlor und so unsagbares Leid erfuhr, welches sie in ihrer Dichtung eindrücklich zum Ausdruck bringt. Das durch den Holocaust ausgelöste Leid wird vor allem in den ersten Gedichtbänden ‚In den Wohnungen des Todes’ (1947 veröffentlicht) und ‚Sterverdunkelung’ (1949 veröffentlicht) verarbeitet, zieht sich aber natürlich auch durch alle weiteren Arbeiten der Dichterin, die dann allgemeiner das Leid der Menschheit beschreiben. Ihr Glaube sollte bei der Betrachtung ihrer Gedichte nicht von Interesse sein, denn dieser spielt für die Interpretation keine Rolle. Ob Nelly Sachs religiös war oder nicht, können ihre Biographen versuchen zu beantworten, nicht aber die Interpreten ihrer Gedichte, denn religiöse Motive im Werk der Dichterin lassen zwar auf Einflüsse durch das Judentum und durch christliche sowie jüdische Mystik schließen, nicht aber auf ihre persönliche, private Religiösität. Solche Schlüsse hat die Dichterin auch Zeit ihres Lebens vehement abgelehnt. Beispielhaft dafür ist ihre Reaktion auf einen Artikel von ihrem Freund und Förderer Walter A. Berendsohn, in dem er sie als ‚Dichterin jüdischen Schicksals’ bezeichnet. In einem Brief an den Literaturhistoriker Berendsohn beschwert sie sich ausdrücklich über eine solche Einordnung, weist ihren Freund regelrecht zurecht und stellt klar, dass er gar nichts über sie wisse und daher auch nicht eine solche Beurteilung vorzunehmen habe.[1]

Ziel dieser Arbeit ist es demnach nicht, Nelly Sachs’ Glauben anhand ihrer Gedichte zu belegen, wie dies einige Autoren mehrfach versuchten, sondern es sollen lediglich die religiösen Einflüsse aufgezeigt werden. Diese spielen formal und auch inhaltlich eine wichtige Rolle in der Lyrik der Nelly Sachs. Die Betrachtung der Einflussfaktoren auf Form und Inhalt wird vorerst getrennt voneinander vorgenommen, um den Überblick nicht zu verlieren. Dabei kommt es natürlich auch zu Überschneidungen, die nicht zu vermeiden sind. Nachfolgend sollen dann einige Bezüge zu religiösen Quellen an einem ausgewählten Gedicht deutlich gemacht werden.

2. Religiöse Einflüsse in der Lyrik Nelly Sachs’

2.1. Einflüsse auf den Stil

Besonders in den frühen Arbeiten Nelly Sachs’ findet sich ein Stil, den man als biblisch bezeichnen kann. Elemente, die eine solche Wirkung hervorrufen, sind Parallelismen, die als Wiederholung ganzer Satzteile, als Anaphern und Epiphern vorkommen. Besonders deutlich wird dies in wiederholten, beschwörenden biblischen Wendungen, wie ‚O siehe’ und ähnlichem. Ein Beispiel dafür ist auch die von Nelly Sachs in vielen Gedichten verwendete Wiederholung der Wendung ‚O Israel’, wie sie unter anderem in ‚Jakob’ im Band ‚Sternverdunkelung’ (Sachs 1988, S. 90-91) zu finden ist.

Natürlich ist der Parallelismus in jeder Form nicht nur Stilmittel in der Bibel oder in religiösen Texten, sondern ein Grundelement fast jeder Art von Lyrik, besonders auch der modernen Dichtung, wo er auch oft den Reim ersetzt. Daher ist es nur schwer festzustellen, ob nun Nelly Sachs durch den Einfluss biblischer Texte einen solchen Stil wählte oder ob sie diesen ganz unabhängig von religiösen Schriften als Ausdruckmittel für sich entdeckt hat. Für den als recht groß angenommenen Einfluss religiöser Schriften spricht, dass sie nach Dischner wenig von zeitgenössischen Strömungen beeinflusst wurde, sondern eher von Novalis und Hölderlin, und auch das nicht nur die formalen Aspekte ihrer Dichtung solche Tendenzen aufweisen, sondern sie sich auch inhaltlich vielfach mit religiösen Themen beschäftigte, wie nachfolgend noch aufgezeigt wird.[2]

Ein Beispiel für den angesprochenen Parallelismen-Stil in Verbindung mit einem kabbalistisch beeinflussten, also religiösen Inhalt ist das Gedicht ‚Da schrieb der Schreiber des Sohar’ aus dem Band ‚Und niemand weiss weiter’:

DA SCHRIEB der Schreiber des Sohar
und öffnete der Worte Adernetz
und führte Blut von den Gestirnen ein,
...
UND KLOPFTE mit dem Hammer seines Herzens
und riß des Todes Efeu fort von Bibelgräbern
und sah das Feuer-, Wasser-, Luft- und Sandgesicht entblößt
und sah das leere Meer von Stern zu Stern:
Die Einsamkeit; ... (Sachs 1988, S. 209-211.)

Deutlich wird hier, wie dieser Stil den Rhythmus beeinflusst. Dieser wird dadurch beschleu­nigt und beruhigt sich erst auf der Hebung von ‚Einsamkeit’, wodurch das Wort besonders stark betont wird. Dazu trägt natürlich auch bei, dass ‚Einsamkeit’ die Wieder­holung dann unterbricht.

Ein weiteres Beispiel für diesen Stil ist das Gedicht ‚Chassidische Schriften’ aus dem Band ‚Sternverdunkelung’ (Sachs 1988, S. 141-142). Das zehnstrophige Gedicht wiederholt jeweils in der ersten Zeile der ersten, dritten, fünften und siebenten Strophe den Vers „Alles ist Heil im Geheimnis“. Diese viermalige Wiederholung der Verse und das Ausbleiben der Wieder­holung in der neunten Strophe betonen diesen letzten Teil natürlich außerordentlich, da die ersten acht Strophen symmetrisch wirken und die letzten beiden Strophen als Kontrast dazu hervorstehen.

Auch die dreimalige Wiederholung, die sich in Beschwörungsformeln bereits in biblischen Texten findet, wird durch Nelly Sachs in ihren Gedichten genutzt und dies in der Verbindung von grammatischen und rhythmischem Parallelismus. Dadurch entsteht ein gewisser Zwang, der dem Leser den Inhalt besonders deutlich macht. Diese Wirkung wird zum einen durch die Gleichheit erreicht, so zum Beispiel im Gedicht ‚Gebogen durch Jahrtausende’ aus dem Gedichtband ‚Und niemand weiß weiter’:

...
Klage, Klage, Klage
in Harfen, Weiden, Augen ... (Sachs 1988, S. 209-211.)

Noch eindruckvoller nutzt Nelly Sachs dieses Stilmittel jedoch durch den entstehenden Kontrast, wenn sie diese Gleichheit auflöst, wie in dem Gedicht ‚In einer Landschaft’, ebenfalls aus dem Band ‚Und niemand weiß weiter’:

IN EINER LANDSCHAFT aus Musik,
in einer Sprache nur aus Licht,
in einer Glorie,
die das Blut
sich mit der Sehnsucht Zunge angezündet,
dort wo die Häute,
Augen, Horizonte,
wo Hand und Fuß
schon ohne Zeichen sind,
dort wo des Sandelbaumes Duft
schon holzlos schwebt
und Atem baut an jenem Raume weiter,
der nur aus übertretnen Schwellen ist –
Hier wo ein rotes Abendtuch
den Stier des Lebens reizt
bis in den Tod,
hier liegt mein Schatten,
eine Hand der Nacht,
die mit des schwarzen Jägers Jagegeist
des Blutes roten Vogel
angeschossen hat. (Sachs 1988, S. 172.)

Hier findet sich erneut die dreifache Wiederholung, zum einen als Parallelismus in den ersten drei Versen, wo die Wirkung noch von der Gleicheit ausgeht. Aufgebrochen wird dies dann durch die nachfolgenden Strophenanfänge. Wieder ist es eine Dreizahl, doch die dritte Wieder­­holung stellt einen Gegensatz zu den beiden Vorgängern dar („dort wo...“, „dort wo...“ und „Hier wo...“). So wird das vorher weit entfernte ‚dort’ zum nahen ‚hier’ und das, was vorher allgemein war, wird zum Speziellen. Dies führt dann zum Höhepunkt mit dem Vers „hier liegt mein Schatten“.[3]

Während die Mehrzahl der Gedichte Nelly Sachs’ durch freie Rhythmen, fehlende oder uneinheitliche Strophik, fehlenden Reim, überlangen Versen und Satzbrüchen gekenn­zeichnet ist, bricht ein Gedichtzyklus aus dieser der Dichterin eigenen uneinheitlichen Form aus. Die ‚Gebete für den toten Bräutigam’, der zweite Zyklus des Bandes ‚In den Wohnungen des Todes’, ist nicht wie die meisten anderen Dichtungen ein Bruch mit der dichterischen Tradition, sondern verfügt oft über metrische Bindung, gegliederte Strophen, zum Teil Endreime und vollständige Sätze. Dieser Zyklus ist somit nicht nur durch die Dichterin als eine Sammlung von Gebeten benannt, sondern erinnert auch in Aufbau und Form oft an Gebete. Dies wird durch den Inhalt unterstützt, der oft ein Bild von Sehnsucht nach Erlösung vom Leid vermittelt.[4]

Auch bei der Betrachtung der von Nelly Sachs verwandten Symbolik ist der Einfluss religiöser Quellen deutlich. So sind ihre Symbole oft biblischen Ursprungs. Ein Beispiel dafür ist ‚Staub’ oder auch ‚Sand’ als Symbol für die Vergänglichkeit des Irdischen. So heißt es in Matthäus 10,14 „schüttelt den Staub von euren Füßen“ und im Psalm 103,14 „Denn er weiß, was wir für Gebilde sind; / er denkt daran: Wir sind nur Staub.“. Ebenfalls in der Verbindung mit dem Verb abschütteln nutzt Nelly Sachs das Bild vom Staub in dem Gedicht ‚Ihr Zuschauenden’ aus dem Band ‚In den Wohnungen des Todes’:

...
Ihr Zuschauenden,
Die ihr keine Mörderhand erhobt,
Aber die ihr den Staub nicht von eurer Sehnsucht
Schütteltet,
Die ihr stehenbliebt, dort, wo er zu Licht
Verwandelt wird. (Sachs 1988, S. 20.)

Wie im biblischen Zusammenhang so bedeutet der Vergleich auch hier, dass über das Vergäng­­liche, über den ‚Staub’ hinausgewachsen werden soll. Mit dem Hintergrund des Holocausts bekommt dieser Staub allerdings noch eine weitere Bedeutung. Er steht für die Asche der verbrannten Juden in den Konzentrationslagern. Im Gedicht ‚O die Schornsteine’ aus dem ersten Gedichtband Nelly Sachs’ ‚In den Wohnungen des Todes’ wird „Hiobs Staub“ (Sachs 1988, S. 8) mit dem ganzen Volk Israels gleichgesetzt, das leidend wie Hiob in den Konzentrationslagern verbrannt und so zu Staub wurde.

Weitere biblische Symbole, die Nelly Sachs sehr häufig verwendet, sind zum Beispiel der ‚Pfeil’, der in biblischen Kontext die Sehnsucht zum Göttlichen darstellt, und das Bild des ‚Fisches’, welches traditionell für Jesus und dessen Opfertod steht, also christlichen Ursprungs ist. Die biblischen Symbole und Wendungen stehen allerdings in der Dichtung Nelly Sachs’ nie für sich. Wie auch beim Symbol ‚Staub’ schon deutlich wurde, behalten die Bilder zwar auf der einen Seite ihre biblische Bedeu­tung, werden auf der anderen Seite allerdings aktualisiert, indem sie auf die Gegen­wart bezogen werden und dies bedeutet in den meisten Fällen ein Bezug auf die Leiden der Menschen. So findet immer auch eine Umdeutung der biblischen Symbole bei ihrer Verwendung statt.[5] Dies ist besonders stark in den frühen Gedichtbänden Nelly Sachs’ ersicht­lich, da diese sich noch sehr auf den Holocaust beziehen. In den Gedichten verschmelzen dann die schrecklichen Bilder von der Verfolgung und massenhaften Ermordung der Juden mit den aus der Bibel bekannten Symbolen. Beide Bezüge sind dort noch zu erkennen. In späteren Gedichten ist eine solche genaue Identi­fizierung der Ursprünge der Bilder und Symbole schwieriger, da sich die Dichtung nicht mehr primär mit dem Holocaust beschäftigt, sondern allgemein das Leiden der Menschheit zu bewältigen versucht, und da die dafür benutzte Sprache immer stärker chiffriert ist.

Der Einfluss der Kabbala ab etwa 1950 ist zu einem großen Teil für die Probleme in der Deutung verantwortlich, denn Nelly Sachs war sehr von der kabbalistischen Vorstellung inspiriert, dass Buchstaben eine seelische Existenz besitzen. Das Alphabet ist demnach als göttlich-kosmisches Chriffre-System zu verstehen. Diese Überzeugung führt dazu, dass es zu einer vollkommenen Identifikation von Zeichen und dem Bezeichneten kommt. Konkret heißt dies bei den jüdischen Mystikern, dass das Wort ‚Gott’, die Buchstabenkombination JHWH, nicht nur die Bezeichnung Gottes ist, sondern es handelt sich dabei um Gott selbst. Die Buch­staben sind der Körper Gottes und Gott ist die Seele der Buchstaben. So hat die Sprache bei Nelly Sachs unter dem Einfluss der jüdischen Mystik einen besondernen Stellenwert, denn sie wird mit dem Bezeichneten identifiziert, so dass Metaphern oft konkret zu verstehen sind und nicht als Bild. Eine dabei schon anklingende weitere Folge ist natürlich die damit verbundene besondere Hoch­schätzung von Buchstaben, Wörtern und Sprache, besonders, wenn es sich um religiöse Inhalte handelt, wie dies in zahlreichen Gedichten deutlich wird. Dies sogar schon in dem frühen und damit inhaltlich eigentlich noch nicht so sehr von der Mystik beeinflussten Band ‚Sternverdunkelung’ in dem Gedicht ‚Chassidische Schriften’. Der Vorspruch des Gedichtes deutet dies schon an, denn dieser bezieht sich auf eine mystische Vorstellung und identifiziert den menschlichen Körper mit der Tora:

Es heißt: die Gebote der Thora entsprechen der Zahl der Knochen des Menschen, ihre Verbote der Zahl der Adern. So deckt das ganze Gesetz den ganzen Menschenleib

(Sachs 1988, S. 141)

Das Gedicht selbst bezieht sich dann auf Genesis 1,3, wo durch göttliche Macht des Wortes die Schöpfung entsteht.[6]

[...]


[1] Vgl. Bartmann 1991, S.42.

[2] Vgl. Dischner 1979, S. 25.

[3] Vgl. Dischner 1979, S. 28-30.

[4] Vgl. Falkenstein 1984, S. 30-31.

[5] Vgl. Dischner 1979, S. 26-27 und siehe Kersten 1970, S. 326ff. für die Bedeutungsveränderung des Symbols ‚Fisch’.

[6] Vgl. Klingmann 1980, S. 135-136 und Dischner 1979, S. 38-39.

Details

Seiten
17
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638561686
ISBN (Buch)
9783638792622
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v63044
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Germanistik
Note
1,7
Schlagworte
Religiöse Einflüsse Lyrik Nelly Sachs Holocaust Gedichte Schornsteine Interpretation

Autor

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