Lade Inhalt...

Der Stand der Forschung zur griechischen Sklaverei

Ansätze, Probleme und Diskussionen

Hausarbeit 2003 23 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Forschungsrichtungen
Antike Autoren (400 v. Chr. bis 400 n. Chr.)
Mittelalterliche Forschung (4. bis 14. Jahrhundert)
Humanismus (14. bis 17. Jahrhundert)
Abolitionismus/Aufklärung (18./19. Jahrhundert)
Marxismus (19./20. Jahrhundert)
Die Theorie 8
Die Anwendung 9
Meinungsverschiedenheiten 12
Nach 1990 12
„Anti-Marxismus“ (20. Jahrhundert)
Neueste Forschung

Problemfelder
Die Menge der verfügbaren Quellen
Die Rolle des Christentums
Die Anzahl der Sklaven und ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

In dieser Hausarbeit soll im Folgenden der Frage nachgegangen werden, in welchen „wissenschaftlichen Entwicklungsstufen“ sich die Erforschung der griechischen Sklaverei abgespielt hat. Dabei soll anhand einer chronologischen Abfolge der jeweiligen Forschungsrichtungen geklärt werden, inwieweit Zeitgeist und/oder Ideologie in die wissenschaftliche Forschung hineingespielt haben. Für das Verständnis der Ergebnisse ist dieses Hintergrundwissen (wie etwa die geistigen Strömungen der Zeit, die Förderer/Gegner des jeweiligen Wissenschaftlers) enorm wichtig. Deshalb soll hierauf ein besonderes Augenmerk gelegt werden[1]. Die einzelnen, in dieser Hausarbeit aufgestellten und anerkannten Trennlinien, wie z. B. Humanismus <-> Aufklärung verlaufen allerdings nicht erkennbar durch die Zeit, sondern sind nachträglich künstlich eingewoben. Sie sollen nur der Einteilung der Arbeiten in die jeweilige Zeit dienen. Im Wesentlichen sind die letzten 150 Jahre Forschung zu berücksichtigen (nach: Vogt (97)).

Eine wesentliche Bedeutung (in der Erforschung und in dieser Hausarbeit) kommt dabei dem marxistischen Standpunkt zu, von dem wichtige Impulse die Sklaverei betreffend ausgegangen sind[2]. Demgegenüber sind die Entwicklungslinien in der westlichen, also offiziell „nicht-marxistischen“ Welt zu erwähnen. Hier sind besonders Joseph Vogt und die von ihm initiierte Reihe „Erforschungen zur antiken Sklaverei“ zu nennen[3], die in den folgenden Kapiteln noch ihre Erwähnung finden werden. Aber nicht nur die weite Vergangenheit soll Thematik dieser Hausarbeit sein; in einem eigenen Kapitel sollen auch neuere Beiträge zur Erforschung der Unfreiheit in der Antike genannt werden.

Eine generelle Problematik des Themas besteht darin, dass nur selten explizit auf die Erforschung der griechischen Sklaverei eingegangen wird. Vielmehr ist diese mit der Erforschung der römischen eng aneinander gekoppelt. Oft ist also mit dem Begriff der Sklaverei pauschal der in der Antike gemeint, obwohl eine genaue Differenzierung wegen der vielen Unterschiede (etwa die Freilassungspraxis) mehr Sinn machen würde.

Forschungsrichtungen

Der Kern aller Argumentationslinien drehte sich seit dem Aufkommen der marxistischen Forschungslehre lange Zeit um die Frage, inwieweit die Sklaverei in Griechenland (und auch im Römischen Reich) die Grundlage der Produktion war oder nicht und sie „als einheitliches übergreifendes Phänomen der griechisch-römischen Welt“[4] betrachtet werden kann. Doch auch schon vor den zum Teil heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Gelehrten aus Ost und West wurden Untersuchungen über den „Sklavenhalterstaat“, wie W. I. Lenin ihn nannte, angestellt.

Deshalb soll nun im Zeitraffer ein kurzer Überblick von den zum Teil sehr unterschiedlichen Ansichten über die Antike, die übrigens auch Nicht-Wissenschaftler aufstellten, bis ins 17./18. Jahrhundert hinein gegeben werden. Danach wird der marxistischen und der westlichen Erforschung Platz eingeräumt. Theoriebildungen sollen dabei ebenso vorgestellt werden wie einzelne Ergebnisse der althistorischen Forscher.

Antike Autoren (400 v. Chr. bis 400 n. Chr.)

Die Gedanken der „Alten“ sind aus zwei besonderen Gründen wichtig für die Erforschung der Sklaverei: Zum einen geben sie Aufschluss darüber, was sie über diese Institution gedacht haben (wenn sie sie erwähnt haben). Zum anderen dienen sie als wichtige Quelle für die heutigen Forscher, mit deren Hilfe ein genaueres Bild gezeichnet werden kann.

Die meisten der uns bekannten Denker aus der griechischen Zeit, wie zum Beispiel Platon, waren zwar in intensivem Kontakt mit der Sklaverei, hatten sogar unter Umständen eigene Diener und bemerkten wahrscheinlich die oftmals unmenschliche Behandlung. Doch erwuchs daraus in den meisten Fällen nie eine Ablehnung dieser Institution. Denn die Sklaverei existierte „aufgrund der der naturgegebenen Verschiedenheit der Menschen“[5], war also gegeben und nicht veränderbar. Sklaven waren selbstverständlich, deswegen machten sich die wenigsten Denker Gedanken über sie.

„Weder von der Philosophie noch von der Rechtswissenschaft oder dem aufkommenden Christentum wurde eine Abschaffung der Sklaverei gefordert bzw. die Institution der Unfreiheit in Frage gestellt“, zieht Brockmeyer ein Fazit der Bemühungen in der Antike (10).

Mittelalterliche Forschung (4. bis 14. Jahrhundert)

Für die Jahre nach dem Ende der römischen Herrschaft erscheinen in der Literatur keine Angaben über etwaige Forschungen über die Antike. Bis ins weite Mittelalter hinein ist anscheinend keine Anstrengung zu erkennen, die auf ein Befassen mit der Problematik hindeuten würde. Allerdings spielt das Mittelalter aus einem anderen Grund eine wichtige Rolle. Flavio Biondo lebte zu dieser Zeit (1348-1463) und gilt heute als der „Begründer der Wissenschaft von den Altertümern“[6].

Fast alle Autoren setzen den Beginn der (vor allem kritischen) wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Sklaverei, ihrer Stellung in der Gesellschaft, der Anzahl der Sklaven und ihrem Anteil an der Bevölkerung, der Haltung der Sklavenbesitzer, dem Alltagsleben der Geknechteten in die Zeit des Abolitionismus, also dem Bestreben nach der Abschaffung der modernen Sklaverei in den amerikanischen Kolonien[7].

Humanismus (14. bis 17. Jahrhundert)

Moses I. Finley bietet in diesem Zusammenhang die einzige Ausnahme[8]. Nach ihm[9] veröffentlichte bereits im Jahr 1608 der Friese Titus Popma „De operis servis liber“, eine der ersten Bibliographien überhaupt, die sich mit dem Thema der Sklaverei zur Zeit der (griechischen) Herrschaft beschäftigte. Sicherlich erreichte sie nicht die Qualität der heutigen Bibliographien, auch aus dem einfachen Grund, dass die Vielzahl der heute bekannten antiken Quellen noch nicht wieder entdeckt oder übersetzt waren, doch bildet sie vielleicht den Anfang der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema. Diese „Bibliographie“ wurde in den folgenden Jahren weitere drei Mal neu aufgelegt, dies zeigt das Interesse der Gelehrten schon damals an diesem Thema.

Die Humanisten, also Dichter, Denker und Gelehrte im 14. bis 17. Jahrhundert, hatten ein anderes Bild vom Griechentum als wir es heute haben. Ohne Zweifel waren sie von den hehren Idealen des Hellenismus derart geblendet, dass eine kritische Hinterfragung der Sklaverei nicht stattfand; auch nicht, als seit Beginn des 16. Jahrhunderts wieder Sklaven en masse für die Kolonien in den nordamerikanischen Baumwollplantagen herangeschafft wurden. Weder Carlo Sigone, Thomas von Aquin, Werner Jaeger noch Frank Suarez[10] widersprachen der Einrichtung der Sklaverei, sondern rechtfertigten sie als naturgegeben oder durch einen Sündenfall des jeweiligen Versklavten oder nahmen sie schlicht nicht wahr. Vogt geht soweit, dass „sie .. zusammen mit den Vertretern des damals rezipierten römischen Rechts eine gewisse Rechtfertigung der Sklaverei“ vertreten hätten[11]. Die meisten dieser Denker übernahmen die Rechtfertigungen, die sie in den Quellen fanden, sahen dabei aber nicht den Widerspruch zwischen dem von ihnen angestrebten Humanismus und der eigentlich inhumanen Sklaverei. Weil sie von der hohen Kunst der Griechen geblendet waren, blendeten sie die Sklaverei entweder aus ihren Überlegungen aus oder unterbewerteten sie dementsprechend. Dies kann aus der heutigen Sicht leicht als Vorwurf genommen werden, allerdings muss man auch sehen, dass viele Teile der damaligen Gesellschaft (wie z. T. auch heute noch), auf das antike Ideal aufgebaut waren und deswegen sich die kritische Haltung gegenüber Griechenland erst sehr langsam entwickelte.

Abolitionismus/Aufklärung (18./19. Jahrhundert)

Erst mit dem Beginn der Aufklärung (von Frankreich ausgehend) und des Abolitionismus, mit deren Einsetzen die Begriffe der Brüderlichkeit, Einheit und Freiheit in den Vordergrund rückten und so unweigerlich auf das Griechenbild der damaligen Gesellschaft, von den Humanisten bis dato übernommen, einwirkten, wurde die herrschende (hohe) Meinung von den Hellenen hinterfragt[12]. Mit dem Bild der modernen Sklaverei in Nordamerika vor Augen untersuchten viele Gelehrte zu dieser Zeit die Sklaverei. Zudem kämpften viele Menschen aktiv und intensiv (z. B. die Quäker, die ihren Anhängern sehr früh verboten, Sklaven zu besitzen) gegen die Sklaverei.

In dieser neuen Phase entstand das Werk von Henri Wallon (1847: Histoire de l’esclavage dans l’antiquite[13] ) als Arbeit zu der Preisaufgabe der Pariser Academie (siehe: Problemfelder -> Die Rolle des Christentums), das in den folgenden Jahren großen Einfluss ausüben sollte und lange die Richtung der Forschung vorgab. Die abolitionsitische Haltung kam darin ganz klar zum Vorschein; als Fazit war die Sklaverei die Ausgeburt des Bösen. Ein Jahr nach dessen Erscheinen schafften die Franzosen in ihren Kolonien die Sklaverei offiziell ab. Diese Tatsache zeigt klar die öffentlichen Tendenzen in der Zeit, die sich auch in den damaligen Werken niederschlug.

Besondere Aufmerksamkeit schenkte Friedrich Creuzer der Sklaverei. In seinem „Abriss der römischen Antiquitäten“ aus dem Jahr 1824 widmete er ein ganzes Kapitel der Unfreiheit im Altertum, was keine Selbstverständlichkeit war.

Bereits im Jahr 1812 war das Werk von A. H. L. Heeren mit dem Titel „Ideen über die Politik, den Verkehr und den Handel der vornehmsten Völker der Welt“ erschienen. Er rechtfertigte allerdings noch die Sklaverei, weil sie die kulturelle Blüte Griechenlands ermöglicht hatte. Man sieht also, dass zur Zeit der Aufklärung nicht nur aufklärerische Werke entstanden. Ein weiteres Beispiel dafür kann ein Zitat von dem Historiker Heinrich Treitschke sein, der 1875 meinte: „Sicherlich sind die Tragödien des Sophokles und der Zeus des Pheidias um den Preis des Sklavenhandels nicht zu teuer erkauft.“[14]

[...]


[1] Auch Vittinghoff legt hierauf großen Wert. Er meint, „dass Aussagen über den Ablauf der Geschichte … vom Wissensstand und der Forschungsrichtung, aber auch vom Zeitgeist abhängig“ seien (476).

[2] Fast alle im Literaturverzeichnis angegebenen Autoren sind sich einig über den besonderen Stellenwert der marxistischen Lehre, was die Erforschung der Sklaverei betrifft. Erwähnt in diesem Zusammenhang seien hier nur Vogt: „Die marxistischen Forscher in den osteuropäischen Ländern (entfalteten) die stärkste Energie in der Erforschung der Sklaverei.“ In: Sklaverei und Humanität, Ergänzungsheft (108), und Vittinghoff, der von einem „provozierend schöpferischem Anstoß“ spricht (478).

[3] Auch in diesem Punkt herrscht Einigkeit unter den Autoren. Besonders erwähnenswert in diesem Zusammenhang scheint die Aussage von J. A. Lencman, die zur Zeit des Kalten Krieges (im Jahr 1966) lobende Worte für die Arbeiten Vogts, des bourgeoisen Klassenfeindes, fand: Er sei „einer der hervorragendsten Spezialisten für Alte Geschichte“ (70).

[4] Alföldy (6).

[5] Aristoteles, pol. I 1252a, zitiert nach: Brockmeyer (6).

[6] Vogt: Die Humanisten und die Sklaverei. In: Sklaverei und Humanität, 1. Auflage (116).

[7] So setzt Vogt zum Beispiel den Beginn der Erforschung in das Ende des 18. Jahrhunderts (97).

[8] „… those who assert that the modern interest in ancient slavery began with the Enlightenment and abolitionism have been looking for the wrong things in the wrong place.” In: Finley, Ancient Slavery and modern ideology (23).

[9] Finley, Ancient Slavery and modern ideology (23). Auch Bellen verweist auf das Werk Popmas (307).

[10] Vergleiche Vogt: Sklaverei und Humanität, 1. Auflage (116 ff.).

[11] Zudem meint Vogt, dass sie die strukturelle Bedeutung der antiken Leibeigenschaft komplett übersehen haben. In: Vogt, Sklaverei und Humanität, 2. erweiterte Auflage (1).

[12] Auch in diesem Punkt widerspricht Finely. Er meint, dass nicht die Aufklärer die Debatten angestoßen haben, sondern nur Teilaspekte der Sklaverei betrachteten. Er führt in diesem Zusammenhang auch mehrere Werke aus der Zeit der Aufklärung an, die bei der Untersuchung der Antike nicht oder nur sehr knapp auf die Sklaverei eingingen. So z. B. der Abbe Barthelemy, der 1789 „Voyages du jeune anarchsis en Grece“ verfasste und dabei kein Wort über die Sklaven verlor. Oder Karl-Otfired Müller, der in den „Doriern“ (1824 erschienen) nur auf 20 von 1000 Seiten das Problem der Sklaverei anführt.

[13] Vogt nennt diese Werk „die erste umfassende Monographie über den Gegenstand“ der Sklaverei. In: Finley: Slavery in classical antiquity (19).

[14] Zitiert nach: Vogt: Sklaverei und Humanität, 1. Auflage (128).

Details

Seiten
23
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638561365
ISBN (Buch)
9783638659062
Dateigröße
595 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v63000
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Geschichts- und Kulturwissenschaften
Note
2,5
Schlagworte
Stand Forschung Sklaverei Proseminar Sklaverei“

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Der Stand der Forschung zur griechischen Sklaverei