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Die Rolle Russlands vor und während des bewaffneten Konflikts zwischen Nordossetien und Inguschetien um den Prigorodny-Raion

Essay 2006 10 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Zu den bis heute ungelösten Konflikten auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion gehört der erste bewaffnete Konflikt im Nordkaukasus,- der Konflikt zwischen der Inguschischen Republik und der Republik Nordossetien-Alanien um den mehrheitlich von Osseten besiedelten Prigorodny-Rajon[1] am rechten Ufer des Flusses Terek.

Beide autonome Republiken befinden sich in der Russländischen Föderation, daher en entsteht die Frage, welche Rolle Russland in diesem Konflikt gespielt hatte und welche Einflüsse es beim Ausbruch und weiteren Verlauf des Konflikts haben könnte. Die Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten und hängt letztlich von der subjektiven Einschätzung der beteiligten Konfliktparteien ab. Unbestritten bleibt jedoch, dass es große Einwirkung in diesem Konflikt hat oder haben kann. Russland war und ist damit auf verschiedene Weise in allen bewaffneten Konflikten, die seit 1988 auf dem Territorium der früheren Sowjetunion stattfanden, verwickelt.

Der vorliegende Essay untersucht die Rolle Russlands vor und während des bewaffneten Konfliktes zwischen Inguschetien und Nordossetien um den Prigorodny-Rajon. Nach einer kurzen Schilderung des Konflikts wird das Verhalten von Russland als wichtiger Akteur in dieser blutigen Auseinandersetzung beschrieben.

Die Wurzeln des Konflikts, der im Oktober 1992 in Nordossetien ausbrach, liegen tief in der Sowjetgeschichte.

Das russische Eindringen in Kaukasien im 18. Jahrhundert war für einige Völker nicht mit Krieg verbunden: Nach dem freiwilligen Beitritt[2] Nordossetiens zu Russland galten die christlichen Osseten als russenfreundlich. Sie waren loyal gegenüber dem zaristischen Russland, während die Tschetschenen mit den Völkern Dagestans unter Imam Schamyl einen breiten Widerstand errichteten. Die Osseten blieben auch in der Sowjetzeit gegenüber Moskau loyal.[3]

Nach der Machtergreifung der Bolschewiki wurde am 17.11.1920 die autonome Republik „Gorskaja ASSR“ für alle Völker des zentralen Teils des Nordkaukasus mit der Hauptstadt Wladikawkas gegründet. Zwei Jahre später wurde sie aufgelöst und in die Bergrepublik , als staatliche Vereinigung von Osseten und Inguschen m m it der gemeinsamen Hauptstadt Wladikawkas, umgewandelt.

Im Jahre 1924 wurden das Inguschische und das Nordossetische Autonome Gebiet gebildet, die beide bis 1934 in dieser Form existierten. Wladikawkas war nicht mehr gemeinsame Hauptstadt, sondern eine geteilte Stadt: Am rechten Ufer des Terek konzentrierten sich die Machtorgane des Inguschischen Autonomes Gebiets und am linken Ufer befand sich die Verwaltung des Nordossetischen Autonomes Gebiets. Dabei ist zu betonen, dass die Inguschen einen bedeutenden Teil der städtischen Bevölkerung darstellten.

Im Jahr 1934 folgte eine neue administrative Umgestaltung: die Autonomen Gebiete Tschetschenien und Inguschetien wurden zu einem Tschetcheno-Inguschischen Autonomen Gebiet vereinigt und im Jahre 1936 in die Tschetcheno-Inguschische Autonome Republik mit der Hauptstadt Grosny umgeformt.

Der Bezirk Prigorodny, der fast ein Drittel des Territoriums Inguschetiens ausmachte, wurde auch in die Tschetscheno-Inguschische ASSR eingegliedert.

Bis zur Deportation des inguschischen Volkes lebten Osseten und Inguschen friedlich nebeneinander. Die Geschichte kannte keine großen Spannungen oder bedeutenden Konfliktkonstellationen zwischen diesen Völkern. Erst nach der Deportation der Tschetschenen und Inguschen im Jahre 1944 wurde die Tschetscheno-Inguschische ASSR aufgelöst und zwischen Nordossetien, Georgien und Dagestan verteilt. Nordossetien erhielt einen großen Teil von Inguschetien einschließlich des Prigorodny-Rajons.

1957 hat Chruschtschow die Tschetscheno-Inguschische ASSR wieder hergestellt. Aber die Frage der Zugehörigkeit des für die Wirtschaft und für das Selbstgefühl der Inguschen außerordentlich wichtigen Bezirks Prigorodny wurde zu Gunsten Nordossetiens entschieden. Als Grund für diese Entscheidung wurde die sozioökonomische Verflechtung des Bezirks mit Wladikawkaz genannt und mit der Zustimmung der Osseten auf Rückkehr und Aufnahme von Inguschen gerechtfertigt.

Seitdem versuchen die Inguschen, den Landkreis Prigorodny zurückzubekommen. Zu diesem Zweck betrieben sie dort eine Politik der „stillen Expansion“, mit allen rechtlichen und ungesetzlichen Möglichkeiten: Zu jedem beliebigem Preis kauften sie die Häuser, besiedelten sie und führten Gerichtsprozesse über die Rückgabe des Landkreises und ihrer Häusern, in denen Osseten lebten.[4]

[...]


[1] Der Bezirk Prigorodny (russ. „Vorstadt“) befindet sich im heutigen Nordossetien, östlich vom Terek. Wegen des fruchtbaren Bodens ist er von wirtschaftlicher Bedeutung.

[2] Es lässt sich trotzdem fragen, inwieweit dieser Beitritt freiwillig war. Siehe Tscherwonnaja, S., Seite 247

[3] Siehe Krekennmayer, A../Zagorskij, V.,A., Seite 148

[4] Siehe Tscherwonnaja, S., Seite 250

Details

Seiten
10
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638559874
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v62800
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Rolle Russlands Konflikts Nordossetien Inguschetien Prigorodny-Raion

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Titel: Die Rolle Russlands vor und während des bewaffneten Konflikts zwischen Nordossetien und Inguschetien um den Prigorodny-Raion