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Kriegsberichterstattung und Feindbildaufbau in den USA während des 3. Golfkrieges

Seminararbeit 2003 27 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Inhalt:

1. Einführung und Begriffsklärung
1.1 Aufbau von Feindbildern: Wie Stereotypisierung funktioniert und wozu sie dient
1.2 Feindbildaufbau in Kriegszeiten

2. Vor dem Krieg
2.1 Die USA vor dem Krieg
2.2 Stereotypisierungen: Vom Helfershelfer zum Dämonen
2.3 "Die größte PR-Agentur ist das Weiße Haus"

3. Journalisten im Krieg
3.1 Der "eingebettete" Reporter
3.2 Der nicht „eingebettete“ Reporter

4. Der Krieg in den Medien
4.1 Der Krieg in den US-Medien
4.2 Al-Dschasira
4.3 CNN
4.4 US-Medien und europäische Kriegsgegner

5. Studien zur KBE in den US-Medien

6. Kehrtwende in der Kriegsbegründung

7. Fazit

8. Ausblick auf den Iran

9. Literaturverzeichnis

1. Einführung und Begriffsklärung

Zitate wie „wenn der Krieg ausbricht, ist das erste Opfer die Wahrheit (US-Senator Hiram Johnson) oder „Public Oppinion wins war“ (General Eisenhower) zeigen, dass die Medien und die öffentliche Meinung in Kriegszeiten eine ganz besondere Stellung einnehmen. Es bestehen auch Anzeichen dafür, dass die Massenmedien die gesellschaftliche und politische Wirklichkeit in Krisen und Kriegen verzerrt abbilden, darin sogar selbst zu Akteuren werden und die Öffentlichkeit damit stark beeinflussen können.[1]

1.1 Aufbau von Feindbildern: Wie Stereotypisierung funktioniert und wozu sie dient.

Stereotype sind simple und unzureichende begründete Routineurteile[2]. Kein Mensch ist in der Lage, andere Menschen immer in ihrer Gesamtheit und Individualität zu betrachten. Es wird nach Beruf, Alter, Geschlecht, Haarfarbe, Rasse oder Nationalität typisiert. Hierbei reicht die Zugehörigkeit zu einer der Kategorien unter Umständen aus, um einer Person zu unterstellen, sie besitze alle dieser Kategorie zugeschriebenen Eigenschaften.

Dabei wird meistens die Gruppe, über die man sich definiert, in den Mittelpunkt gestellt und zum Maßstab der Beurteilung anderer Gruppen bzw. Nationen und Staaten benutzt (Ethnozentrismus). Ethnozentrismus thematisiert die Annahme, dass das jeweils eigene Wertsystem (Sitten, Normen) gegenüber anderen überlegen sei, und wird als Bezugsrahmen zur Einschätzung anderer Kulturen benutzt. Für Informationsbeschaffung über das Ausland müssen sich die meisten Menschen auf Erfahrungen aus zweiter Hand verlassen, die insbesondere durch die Massenmedien vermittelt werden[3].

1.2 Feindbildaufbau in Kriegszeiten

Wenn sich ein Land im Krieg befindet, werden dem Gegner Grausamkeit, Heimtücke und Angriffslust unterstellt. Die eigene Sache wird als moderat und gerechtfertigt angesehen. In Kriegszeiten unterliegt die öffentliche Meinung der Sorge der Regierung, deshalb werden Siegesnachrichten als solche verherrlicht, Niederlagen werden verkleinert oder verschleiert, da diese Nachrichten naturgemäß eine entgegengesetzte Wirkung beinhalten.

Feinbildaufbau ist vor allem in Kriegszeiten eine beliebte Methode, die öffentliche Meinung im Land zu stabilisieren. „Der Aufbau eines künstlichen Feindbildes schafft bei der Bevölkerung ein Gefühl der Bedrohung, das mit einem Bedürfnis nach starker Führung bzw. mit einer erhöhten Bereitschaft verbunden ist, autoritäre Führung zu akzeptieren. Je größer die geglaubte Bedrohung durch einen tatsächlichen oder vermeintlichen Gegner ist, desto größer scheint der Bedarf nach starker Führung. Feindbilder können durchaus dazu dienen, die innerhalb eines Staates bestehende Frustration und Missstände nach außen zu projizieren und damit unschädlich zu machen.“[4] Gezielt werden heutzutage PR-Agenturen beauftragt, solche Geschichten zu lancieren[5].

2. Vor dem Krieg

2.1 Die USA vor dem Krieg

In der Bewertung des Irak bzw. seiner Machthaber gab es einen großen Unterschied zwischen den USA und dem Rest der Welt. Saddam Hussein galt fast überall auf der Welt als Bösewicht, doch nur in den USA wurde er als Bedrohung empfunden. Nur dort glaubte man, dass der Irak, wenn er nicht gestoppt werde, morgen das Land angreifen könnte. Der Angstfaktor ist seit dem 11. September 2001 um fast 60-70% gewachsen. Wenn man vor dem Krieg US-Bürger fragte, ob Saddam Hussein eine akute Gefahr für die USA darstellt, hat das eine große Anzahl bejaht. Es gab kein anderes Land auf der Welt, in dem das so gesehen wurde, außer vielleicht GB. Jeder hasste ihn, aber man hatte keine Angst vor ihm.

Dann kam der 11.9.2001. Der Tag des Terroranschlags auf das WTC und das Pentagon bedeutete einen tiefen Einschnitt in das Selbstbewusstsein der Amerikaner, denn sie mussten an diesem Tag registrieren, dass auch ihr Land nicht unverwundbar war. Dieser Terroranschlag überlagerte schlagartig die Ängste der Bevölkerung auf Erhalt ihres Lebensstandards, ihres „way of life“ (aufgrund eines enormen Haushaltsdefizits, dass durch Steuersenkungen und der massivsten Erhöhung der Bundesausgaben in den letzten zwanzig Jahren verursacht wurde) und lenkte den Fokus der Amerikaner nunmehr auf die amerikanische Außenpolitik.

Es gab in den USA zwar eine Opposition gegen den Krieg, aber auch in diesen Reihen traf man auf die Aussage: „Ich weiß, es ist nicht in Ordnung, aber wir müssen diesen Mann stoppen, bevor er uns angreift. Ich fühle mich und meine Kinder bedroht“. Angesichts der dem Irak nach dem 2. Golfkrieg auferlegten Sanktionen und deren Auswirkungen, musste man aus ökonomischer Sicht zwar von einem sehr schwachen Land ausgehen. Seine Militärausgaben betrugen in den letzten Jahren lediglich 1/3 von Kuwait. Die US-Regierung vermittelte jedoch seinen Bürgern den Eindruck, dass hier ein hochgefährlicher, hochgerüsteter Diktator die USA bedrohen würde. Wie anders sollte man die Aussage der Sicherheitsberaterin Condolenza Rice über den möglichen Abwurf einer Atombombe werten: „Wo wird dieser Atompilz aufsteigen: in New York! Das ist durchaus nachvollziehbar. So bekommt man Disziplin und Gehorsam[6].

2.2 Stereotypisierungen: Vom Helfershelfer zum Dämonen

Musterbeispiel: Während des ersten Golfkrieges 1980 zwischen Iran und Irak wurde die Rolle des „Diktators“ dem Revolutionsführer Khomeini zugeschoben und von einem „irrationalen Mullah Regime“ gesprochen, während Saddam Hussein als „Präsident“ und „pragmatischer Nationalist“ bezeichnet wurde. Noch Ende der achtziger Jahre wurden Berichte über massivste Menschenrechtsverletzungen durch Saddam in den USA ignoriert; eine von mehreren Staaten geforderte UN-Untersuchung wurde von den USA strikt abgelehnt - Saddam galt in Washington keineswegs als der Unmensch, der er tatsächlich auch damals schon war, sondern als eine Art Sicherheitspartner.

In den achtziger Jahren verhandelte Saddam unter anderem mit dem damaligen US-Sonderbotschafter (und heutigen Verteidigungsminister) Donald Rumsfeld über ein gemeinsames Vorgehen gegen die iranischen Fundamentalisten.

Amerika half Saddam Hussein sogar noch, als irakische Giftgas-Massaker an der kurdischen Bevölkerung publik wurden: Bagdad wurde durch eine ominöse US-Geheimdienststudie entlastet, die nicht den Irak, sondern den Iran des Giftgas-Einsatzes beschuldigte.

Dämonisiert wurde der Despot erst, nachdem US-Globalstrategen und -Energieplaner Pläne für eine "neue Weltordnung" entwickelten und den Irak in ihr Machtkalkül für die US-Interessensphäre "Greater Middle East" einbezogen hatten.[7]

2.3 "Die größte PR-Agentur ist das Weiße Haus"

Eine Rede zur Lage der Nation, die George W. Bush am 26. Februar 2003 hielt, illustriert, wie das Weiße Haus Saddam mit dem Horror des 11. Septembers in Verbindung brachte und sich damit als größte PR-Agentur darstellte. Zwar behauptete der Präsident nicht, dass eine Verbindung zwischen Saddam und der Al-Qaida existiert, eben weil es keinen Beweis für eine derartige Verbindung gab. Stattdessen basierte die Rede auf assoziierter Schuld und konstruierte einen Beweis in vier Schritten.

Im ersten Schritt beschwor Bush die Erinnerung an den 11. September, der unsagbares Leid und Kummer über Amerika brachte. Als nächstes gelobte der Präsident, dem Terrorismus nie wieder zu erlauben, die Vereinigten Staaten anzugreifen. Im dritten Schritt verkündete Bush, dass Saddam ein Terrorist sei, dessen Massenvernichtungswaffen Amerika gefährden. Schließlich folgerte er, dass Saddam entfernt werden müsse, um eine Wiederholung der Tragödie vom 11. September zu verhindern.

Allein die "New York Times" zweifelte die Glaubwürdigkeit der Rede an. Sie nannte sie "ein dramatisches Beispiel für die Public-Relations-Strategie der Regierung".

Die Bush-Regierung zeigte sich vor allem in den kriegsvorbereitenden Monaten sehr diszipliniert darin, immer wieder dieselbe Botschaft zu wiederholen. Viele der Behauptungen, die während dieser Zeit gemacht wurden, waren jedoch schlichtweg falsch. Neben dem CIA-Dementi einer Verbindung zwischen Saddam und der Al-Qaida („Irak-Connection“ der überwiegend saudischen Attentäter vom 11. September 2001), enthüllte die "Los Angeles Times" zudem, dass die von der Regierung behaupteten irakischen Uran-Käufe im Niger, mit denen Außenminister Powell die Uno-Inspekteure in Verlegenheit bringen wollte, in Wahrheit nicht zu beweisen waren.

Ebenso rasch platzte die von Washington zunächst lancierte Geschichte, die mysteriösen Anthrax-Briefe, die im Herbst 2001 für Panik in der Bevölkerung sorgten, seien im Auftrage des Irak verschickt worden. FBI-Ermittler stießen auf eine ganz andere Spur: Die tödlichen Sporen stammten mit hoher Wahrscheinlichkeit aus einem US-Militärlabor.

Das Weiße Haus samt Pentagon und die Geheimdienste versorgten und versorgen noch immer die amerikanischen Medien mit so genannter "schwarzer" und "weißer" Propaganda. Darüber hinaus versuchten auch PR-Agenturen, beauftragt von mächtigen Pressure Groups, das Volk im Interesse ihrer Auftraggeber in Kriegsstimmung zu versetzen (Vgl. Hill&Knowlton, 2. Golfkrieg).

"Seit dem Vietnamkrieg gab es keine so systematische Verzerrung nachrichtendienstlicher Erkenntnisse, keine so systematische Manipulation der öffentlichen Meinung mehr“, urteilt der US-Diplomat John Kiesling, Ex-Berater der US-Botschaft in Athen. Kiesling quittierte Anfang des Jahres den Dienst - aus Protest gegen die politische Propaganda der Regierung Bush.

Washington habe den "Terrorismus zum Werkzeug der Innenpolitik" gemacht, schrieb der Diplomat in einem Offenen Brief an Außenminister Colin Powell: "Wir haben Verunsicherung und übertriebene Furcht in das kollektive Bewusstsein gepflanzt, indem wir Terrorismus und Irak, zwei Probleme, die nichts miteinander zu tun haben, verknüpften."

Doch die meisten amerikanischen Nachrichtenmedien berichteten über solche Dinge nur kurz, wenn überhaupt. Somit hatten diese gelegentlichen Widersprüche zur offiziellen Linie wenig Auswirkungen auf das öffentliche Bewusstsein Amerikas - besonders im Vergleich zum konstanten Kriegs-Trommelwirbel der Regierungsrhetorik.

Die traditionelle amerikanische Definition einer verantwortungsvollen Berichterstattung beinhaltet, dass sie politisch neutral sein muss. Um das zu erreichen, balancieren die Reporter in Washington Regierungsaussagen mit Aussagen der Oppositionspartei aus. Das Resultat ist, dass die Berichterstattung über jedwede Regierung nur so kritisch wie die jeweilige Opposition ist. Ist die Opposition aggressiv, wie es die Republikaner gegen Bill Clinton waren, bekommt der Präsident eine ziemlich harsche Berichterstattung. Verhält sich die Opposition eher zurückhaltend, wie gegen George W. Bush nach dem 11. September, bleiben die Berichte relativ unkritisch.

[...]


[1] Vgl. Gleich, Uli (2003): Qualität im Journalismus am Beispiel der Kriegsberichterstattung. In: Media Perspektive 3/2003, S. 141

[2] Lippmann, Walter (1922): Public Opinion, New York

[3] Vgl. Kunczik, Michael (2001): Feind-Bilder. Wie Stereotypisierungen funktionieren und wozu sie dienen. In: Deutsche Welle 3 (2001): „Sagt die Wahrheit: Die bringen uns um!“ Zur Rolle der Medien in Krisen und Kriegen, Köln, Berlin, S. 98

[4] Kunczik, Michael (2001): Feind-Bilder. Wie Stereotypisierungen funktionieren und wozu sie dienen. In: Deutsche Welle 3 (2001): „Sagt die Wahrheit: Die bringen uns um!“ Zur Rolle der Medien in Krisen und Kriegen, Köln, Berlin, S. 98

[5] Vgl. ebd. S. 100

[6] Vgl. Chomsky, Noam: Interview. In: WDR - Nachgefragt

[7] Vgl. Bölsche, Jochen (2003): Die PR-Maschine der Bush-Krieger. In: Spiegel-Online http://www.spiegel.de/archiv/dossiers/0,1518,253146,00.html

Details

Seiten
27
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638558846
ISBN (Buch)
9783656792666
Dateigröße
588 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v62683
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Publizistik
Note
1,3
Schlagworte
Kriegsberichterstattung Feindbildaufbau Golfkrieges Medien Gewalt

Autor

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