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Islam, Islamismus, islamischer Terrorismus

Hausarbeit 2004 26 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Dschihad

3. Begriffsabgrenzung
3.1 Islam
3.2 Islamismus
3.2.1 Beispiel einer islamistischen Gruppe: Muslimbruderschaft
3.3 Islamistischer Terrorismus
3.4 Zwischenfazit

4. Charakteristika islamistischen Terrorismus
4.1 „Imame in Nadelstreifen“
4.2 Transnationaler Terrorismus
4.3 Aufruf zum Dschihad
4.4 Terrorismus der islamischen Welt- kritische Bemerkungen

5. Bekämpfungsstrategien

6. Schlussbetrachtung

7. Anhang

8. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Die Hausarbeit beschäftigt sich im Folgenden vor allem mit der Frage inwieweit Islam, Islamismus und islamischer Terrorismus zusammenhängen bzw. sich unterscheiden. Dazu muss insbesondere die historische Dimension und Entwicklung mit einbezogen werden. Aber auch eine Klärung des Begriffes Dschihad an Hand der religiösen Grundlagen und Schriften ist grundlegend für eine Debatte über die Rechtfertigung, die anscheinend eine Religion ihren Anhängern zu terroristischer Gewalt gibt, aber auch in weniger verschärfter Form zur Politisierung des Islams mit Wiedereinführung der Scharia gibt. Die Charakteristika militanter islamistischer Gruppen sollen u.a. Aufschluss geben über die Rolle der Religion und ihrer Motive. Aber auch, bzw. gerade aufzeigen, welche Bekämpfungsstrategien sinnvoll seien können im Hinblick auf die Frage, wodurch die Bedrohung denn eigentlich ausgelöst wird. Ist Terrorismus eine islamtypische Erscheinung? Da von der These ausgegangen wird, dass eine Religion nicht gewalttätig ist, muss eben die Frage aufgeworfen werden, warum gerade unter dem Vorzeichen des Islam viele namhafte terroristische Gruppen agieren. In den einzelnen Kapiteln sollen immer wieder bruchstückhaft Indizien aufgezeigt und in der Schlussbetrachtung zusammengefügt werden.

2. Dschihad

Dschihad ist ein arabisches Wort und bedeutet „das Streben nach etwas“. Im Islam erlangte es die Bedeutung „Streben auf dem Wege Allahs“. Damit ist aber ein vielseitiger Bedeutungshof angelegt, der in sich gewisse Risiken der Übersetzung birgt. Oftmals wird Dschihad mit „Heiliger Krieg“ übersetzt. Diese Übersetzung ist schlichtweg falsch und die Wortbildung sacrum bellum gibt es im Islam nicht[1]. Der Begriff Dschihad taucht nämlich schon in mekkanischen Offenbarungen auf, in denen von Kriegen noch nicht die Rede ist. Selbst ein Verteidigungskrieg, um die islamische Gesellschaft und Gemeinschaft, die umma, zu bewahren wird als notwendiges Übel angesehen, keineswegs aber als „Heiliger Krieg“. So heißt es schon in Sure 2, Vers 216: Vorgeschrieben ist euch der Kampf, und er ist euch ein Abscheu; und es könnte sein, dass ihr etwas hasst, und es ist gut für euch; und es könnte sein, dass ihr etwas liebt, und es ist schlecht für euch. Und Allah weiß, ihr wisset nicht.“

Man kann zwischen dem „großen Dschihad“ und dem „kleinen Dschihad“ unterscheiden. Der „große Dschihad“ bezieht sich auf die Anstrengung auf Gottes Weg, also das Bemühen um moralische Läuterung. „Als die Gefährten fragten, was der größere Dschihad sei, erklärte er, es handle sich dabei um den Kampf mit der sinnlichen Seele“ (Sammlung Kaschful-khafa, 1,424)[2]. Der kleinere Dschihad besteht in der Ermutigung anderer, dasselbe Ziel des großen Dschihads zu erlangen. Dieser implizit aber nicht eine gewaltbereite Ermutigung. Im Laufe der islamischen Geschichte wurde Dschihad aber überwiegend als militärischer Kampf verstanden. Die Verfechter dieser Deutungsweise beziehen sich dabei auf einzelne Koranverse, die aber oftmals aus ihrem Kontext herausgelöst werden. Die meist Zitiertesten Verse sind: „Und wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo immer ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf.“(9,5), „O Prophet, kämpfe gegen die Ungläubigen und die Heuchler und sei hart gegen sie!“ (9,73), „Wenn ihr auf die stoßt, die ungläubig sind, so haut ihnen auf den Nacken (...).“ (47,4). Hofmann bemerkt, dass dieser selektive Umgang mit Koranversen gleichkäme mit einer kriegerischen Beurteilung Jesu an Hand des Bibelzitats: „Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ (Math 10,34).

Wie aber sind die Verse dann zu verstehen? Hofmann verweist auf zahlreiche Suren, die den Frieden propagieren und nur die Möglichkeit einer Verteidigung einräumen. „Die Erlaubnis (sich zu verteidigen) ist denen gegeben die bekämpft werden, weil ihnen Unrecht geschah (...)“ (22,39), „Darum, wenn sie sich von euch fernhalten und nicht gegen euch kämpfen, sondern euch Frieden bieten; dann hat Allah euch keinen Grund gegen sie gegeben.“ (4,90). Ein Angriffskrieg wird also von Allah verboten. Die Verse widersprechen sich aber nicht, wenn man die oben zitierten Verse auf das Verhalten der Menschen auf einen schon im Gange befindlichen Krieg bezieht. Die Unterscheidung liegt darin, dass man von einem Recht im Kriege (ius in bello) und nicht von einem Recht zum Krieg (ius ad bellum) sprechen muss.[3] Im Gegensatz dazu argumentiert Pater Hans Vöcking[4], dass die später geoffenbarten Verse die früheren außer Kraft setzen, falls sie sich widersprechen. Diese Lehre der Abrogation besagt als, dass die Verse aus Medina die letztgültige Grundlage bilden. Während Muhammad in Mekka Geduld und Zurückhaltung predigte, machte er es in Medina zur Pflicht, feindliche Mekkaner anzugreifen, so Vöcking. Nach der orthodox, sunnitischen Lehre ist der Dschihad demnach als offensiver Angriffskrieg zu verstehen. Zudem stützen und illustrieren 199 Hadithe Muhammads Haltung in Medina. Allerdings findet man auch folgenden Hadith: „Verkündet, was froh macht, verkündet nicht, was erschreckt. Macht es den Menschen leicht, macht es ihnen nicht schwer.“ (Sammlung Muslim)[5]. Stimmen, wie die von Vöcking sind also der Meinung, dass Muhammads kriegerischen Aufforderungen gegen die Araber universal auf alle Ungläubigen und dazu in unsere heutige Zeit eins zu eins übertragen kann. Diese Sichtweise verzerrt das Bild des friedlichen Islam und Muhammad[6]. Genau diese Sichtweise macht es islamischen Extremisten möglich, gewisse Verse als Rechtfertigung für terroristische Übergriffe zu gebrauchen[7]. U.a. aufgrund der Tatsache, dass der Islam sich extrem differenziert zeigt und ein einheitliches, übergeordnetes Regelsystem (wie Katechismus) fehlt.

3. Begriffsabgrenzung

3.1 Islam

Der Islam ist in erster Linie als monotheistische Weltreligion zu begreifen, zu der sich gegenwärtig eine Milliarde Menschen bekennen. Allerdings besitzt der Islam so viele lokale Färbungen, dass von dem Islam nicht gesprochen werden kann. Der Islam verbreitete sich über den arabischen Sprachraum hinaus auch in andere Kulturen, wodurch eine kulturelle Vielfalt entstand. Doch selbst der Verweis auf die theologischen Grundlagen widerspricht der Aussage der Vielfalt nicht. So zeigt sich auch die Religion extrem differenziert zwischen Sunniten, Schiiten, den verschiedenen Rechtsschulen, dem Sufismus. Der Islam reicht als Lebensweise und Kultur in das soziale, politische und kulturelle Leben seiner Anhänger gleich dem theologischen Leben hinein, in dem er moralische und ethische Wertvorstellungen prägt. Deshalb gab es auch zu allen Zeiten Versuche den Islam politisch zu instrumentalisieren. Denn schon die Anfänge der Religion zeigen einen Propheten Muhammad, der nicht nur ein Prophet der religiösen Lehren war, sondern auch Verkünder einer Staatsidee. Von seinem Ursprung her hatte der Islam also die Idealvorstellung von „din“- Religion und „dawla“- Staat gleichermaßen[8]. Es gab aber auch schon zu allen Zeiten Stimmen, die eine Politisierung des Islams gleichsetzten mit einer Beschädigung der Religion. Die Tendenzen zur Politisierung nahmen immer dann zu, wenn eine Bedrohung der islamischen Welt befürchtet wurde oder tatsächlich bestand. Nach den Kreuzzügen gab es neuerliche massive Einbrüche des Westens in die islamische Welt. Napoleons Einzug in Ägypten 1798 bereitete dem Kolonialismus und Imperialismus des 19. und 20. Jhs. erst den Boden. Neben den primären Folgen von Plünderung und Unterdrückung, beschäftigte die Muslime aber auch immer die Frage, wie es sein kann, dass der Westen den Islam als vollkommene, vollendete Religion und die aus ihm hervorgegangene Gesellschaft nachhaltig unterdrücken und besiegen konnte. Antworten entstanden in islamischen Erneuerungsbewegungen im ausgehenden 19. Jh. Die erste Generation von Reformern stand dem Westen und somit auch Konzepten wie Modernisierung und Entwicklung positiv gegenüber. Es wurde versucht auf materiellem und geistigem Gebiet Übereinstimmungen zu finden bzw. herzustellen.

Die zweite Generation, die von Kolonialismus, Faschismus, dem Zweiten Weltkrieg und der Weltwirtschaftskrise geprägt war, sah die Konzepte Modernisierung und Entwicklung kritisch. Schon diese Generation prägte die bis in heutige Zeiten gültige Auffassung, dass der Okzident zwar materiell überlegen sei, doch im Gegensatz zum Orient moralische, ethische und geistige Mängel aufweist. Aus diesem Grund legte die zweite Generation ihren Schwerpunkt auf die Bildungsarbeit, wohingegen politische Forderungen eine Ausnahme darstellten. Politischer Kampf bedeutete allenfalls Kampf gegen die Unterdrückung durch die Kolonialisierung mit dem Ziel der Unabhängigkeit. Um diese zu erreichen versuchte die zweite Generation verschiedene Staatssysteme zu importieren (Nationalismus, eine Form des Sozialismus), womit sich die islamische Welt nur von einer in die andere Abhängigkeit manövrierte. Vor diesem Hintergrund kam die dritte Generation, die die Lösung des Problems in der Rückbesinnung auf des Ureigene sah: den Islam. Dazu sollte es auch eine Verwirklichung der Überwindung aller Gegensätze innerhalb der Religion geben, also einer panislamischen Vision[9], um diesen islamischen Staat zu errichten. Diese Ideen sind kennzeichnend für islamistische Gruppen, die aus der dritten Generation hervorgegangen sind. Exemplarisch sei hier die wichtigste und namhafteste genannt, die Muslimbruderschaft[10]. Schon in dieser Generation gab es die Manie, den Westen für alle Mängel verantwortlich zu machen und andere Verursachungszusammenhänge zu übersehen[11]. Zeitgleich kam die beschleunigte Globalisierung. Diese wird als Durchsetzungskraft des Westens verstanden und nicht etwa als weltweite Homogenisierung. Die Meinung beruht u.a. darauf, dass einige, auch nicht-muslimische Wissenschaftler einen Zusammenhang zwischen Globalisierung und Sieg des Westens im Kalten Krieg sehen. In dreifacher Hinsicht stellt die Globalisierung eine Gefahr für den Muslim dar: Erstens bedeutet diese weiterhin, dass islamische Staaten eine untergeordnete Rolle spielen werden, Zweitens weiterhin wirtschaftliche Abkopplung, und Drittens bringt Globalisierung kulturelle Identitätsprobleme[12]. Dies zeigt, dass weder der Kolonialismus noch der Imperialismus eine Gefährdung wie die Globalisierung darstellten, da sie alle Lebensbereiche durchdringt ohne konkret fassbar, identifizierbar zu sein. Nur der Islam scheint vor diesem Hintergrund noch als immun und sicher.

3.2 Islamismus

Der Islamismus war zunächst eine Protestbewegung gegen die eigene, als tyrannisch empfundene Regierung. Islamisten sehen im Islam die Lösung, aufgrund der Verkörperung einer höchsten Vollkommenheit. Insofern auch für jegliche Probleme, sozialer, politischer oder wirtschaftlicher Art. Einer Verschmelzung von Staat und Religion stellt sich zum einen der Westen als politische Macht und die jeweiligen Regimes, denen eine Komplizenschaft mit dem Westen unterstellt werden entgegen. Daher ist der Islamismus gerade in Staaten mit prowestlich geltender Außenpolitik besonders ausgeprägt (Ägypten, Jordanien, Algerien, Tunesien und Türkei).

Mit der iranischen Revolution von 1979 entstand neben der dritten eine vierte Generation, eine Machtausübende Bewegung. Sie versucht aus den Theorien eine funktionierende Praxis werden zu lassen. Für diese Bewegung ist der Islam göttliches Gesetz, um angewandt, nicht etwa studiert zu werden. Die Trennung von Staat und Religion ist ihrer Meinung nach künstlich und durch den Westen aufgezwungen worden, um sie weiterhin ausplündern zu können. Vor diesem Hintergrund scheint die Rede von Demokratie und Menschenrechten als bloße Heuchelei, wenn im Gegenzug undemokratische Staaten (von der USA z.B. die saudi-arabische Königsfamilie) als Verbündete gehandelt werden[13]. Auch wenn der Iran sein Staatsmodell nicht exportieren konnte, so gab es doch viele Folgeereignisse: Besetzung der Moschee in Mekka 1979, der irakisch-iranische Krieg 80-88, Ermordung des ägyptischen Präsidenten und andere Terrorakte, Re-Islamisierung in Pakistan etc. Diese Ereignisse zeigen, dass der Islamismus noch stärker zu einer politischen Kraft geworden ist. Den Islamisten ist gemein, dass sie sich „auf der Durchsetzung einer umfassenden Ordnung des politischen, sozialen und individuellen Lebens, die sich auf den Wortlaut von Koran und kanonischer Tradition der Aussprüche und vorbildhaften Taten des Propheten (Hadith) gründet.“[14] Dieser Versuch einer Durchsetzung muss nicht unbedingt gewalttätig ablaufen. Man muss innerhalb des Islamismus zwischen militanten und nicht- militanten Gruppen unterscheiden.

[...]


[1] Vgl. Hofmann, Murad: Islam als Alternative, München² 1993, S.191

[2] Quelle: http://www.inid.de/Wissenswertes/Dschihad/view

[3] Vgl. Hofmann, Murad: Islam als Alternative, S. 193

[4] Vgl. Vöcking, Hans: Dschihad, in: CIBEDO, Frankfurt 1991, Nr. 1, S. 17-20

[5] Quelle: http://www.inid.de/Wissenswertes/Dschihad/view

[6] Vgl. Anhang: Friedensabkommen in Hudaibiya, S. 19-21

[7] Vgl. Kap 4.3

[8] Vgl. Hagemann, Ludwig: Zur Politisierung des Islams, in: Ders.; Albert, Reiner (Hg.): Dialog in der Sackgasse?, Würzburg 1998, S. 43-61, hier S. 50

[9] Vgl.: Hagemann, Ludwig: Zur Politisierung des Islams, S. 49

[10] s. Kap. 3.2.1

[11] s. Kap. 4.4

[12] Vgl. Fürtig, Henner: http://www.linksnet.de/artikel.php?id=256

[13] „Hört auf wie ein Dieb zu handeln, der sagt: „Hände hoch, gib mir zuerst deine Waffen und dann dein Öl“. Holt euch einfach das Öl, und lasst bloß den Quatsch von (...) Demokratie weg. Klar wäre das falsch, aber es wäre (...) ehrlicher.“ Michael Moore: Dude, where`s my country?, München 2003, S. 173

[14] Hagemann, Ludwig: Zur Politisierung des Islams, S. 48

Details

Seiten
26
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638558402
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v62631
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,7
Schlagworte
Islam Islamismus Terrorismus Einführung Weltreligionen

Autor

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Titel: Islam, Islamismus, islamischer Terrorismus