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Unterrichtsstunde: Jugend im Nationalsozialismus - Die Schülerinnen und Schüler tauschen sich über die Erziehungsziele des Nationalsozialismus im Deutschen Reich aus (9. Klasse)

Unterrichtsentwurf 2005 14 Seiten

Didaktik - Geschichte

Leseprobe

1. Bemerkungen zur Lerngruppe

Ich unterrichte die Klasse R 9.1 seit Anfang des Schuljahres 2004/05 eigenverantwortlich im Fach Weltkunde mit vier Wochenstunden. Die Lerngruppe besteht aus 19 Schülerinnen und 5 Schülern. Insgesamt zeigt sich die Gruppe sehr interessiert am Weltkundeunterricht. Das soziale Klima und die Arbeitsatmosphäre sind in dieser Klasse ausgesprochen gut. Insgesamt handelt es sich um eine sehr aufgeschlossene und motivierte Lerngruppe, die viele Dinge hinterfragt. Lediglich das Arbeitstempo lässt manchmal zu wünschen übrig.

Die Jungen, insbesondere Kevin, fallen im Unterricht kaum auf. Marvin ist oft unkonzentriert, während Torben zunehmend aus sich herauskommt, seine guten Beiträge aber nicht kontinuierlich leistet. Sebastian ist vor etwa einem Jahr aus diversen Gründen aus der Parallelklasse in die R 9.1 versetzt worden. Es ist ihm einerseits zwar gelungen sich wieder besser auf den Unterricht zu konzentrieren, andererseits legt er es aber auch oft darauf an das Unterrichtsgeschehen durch seine provozierenden Kommentare vom Thema abzulenken.

Inas, Britts und Ninas präzise Beiträge und kritisches Hinterfragen bringen den Unterricht stets erheblich weiter und regen Diskussionen an. Des Weiteren gehören Marie, Imke und in letzter Zeit auch Julia C. zu den Schülerinnen, die das Unterrichtsgeschehen kontinuierlich mitgestalten. Sinnica und Lea legen oft eine patzige Art an den Tag, können aber vereinzelt sehr gute Beiträge leisten. Leider sind sie bisweilen schnell abgelenkt.

Die seit einigen Monaten festzustellende Unruhe und Konzentrationsschwierigkeit in der sonst sehr vorbildlichen Klasse halten weiterhin an. Daher habe ich mich gegen eine gewöhnliche Gruppenarbeit und Präsentation entschieden, bei der die Aufmerksamkeit der Klasse schnell schwinden würde. Durch die Methode des Gruppenpuzzles, bei der jeder Lernende als allein Verantwortlicher für ein Teilgebiet durchgehend gefordert ist, möchte ich die Konzentration in dieser Stunde wiederherstellen.

2. Sachanalyse

Nach der Machtübernahme Hitlers im Jahre 1933 kontrollierten die Nationalsozialisten alle staatlichen Einrichtungen innerhalb kürzester Zeit. Durch die Gleichschaltung konnte die NSDAP ihre Macht absichern. Hitler begann das deutsche Volk für seine Zwecke zu formen. Auch Jugendliche konnten sich seinem Einfluss nicht entziehen. Hitler plante ein Volk zu erschaffen, das stark, athletisch und furchtlos sein sollte. Den Jugendlichen sollten die Attribute eines Soldaten anerzogen werden, damit sie eines Tages ohne Skrupel in den Krieg ziehen würden um den Lebensraum für das deutsche Volk zu vergrößern und zu verteidigen. Das Schwache sollte ausgemerzt werden. Die Mädchen sollten zu Müttern herangezogen werden, die dem Deutschen Reich eines Tages weitere starke und kampfwillige Söhne gebären sollten. In Reden und Schriften machte Hitler keinen Hehl daraus, welche Pläne er verfolgte. Er machte es sich zu Nutzen, dass Kinder und Jugendliche leichter zu beeinflussen sind und wollte ihnen einen wirklichen, tiefverwurzelten Glauben ans System anerziehen. Die nationalsozialistischen Ideologien sollten so dauerhaft im Volk verankert werden.

Im Alter von 10 Jahren wurden die Jungen als „Jungvolk“ und die Mädchen als „Jungmädel“ organisiert. Mit 14 Jahren stieg man auf in die „Hitlerjugend“ oder den „Bund Deutscher Mädel“. Das Freizeitangebot dieser Organisationen war sehr groß und zog somit viele Jugendliche an. Es wurden Wanderungen, Wochenendfahrten, Heimabende und Lagerfeuer angeboten. Im Laufe der Jahre erhöhte sich allerdings stetig der Druck auf diejenigen, die noch nicht beigetreten waren. Ab 1936 wurde die HJ/der BDM zur verpflichtenden Staatsjugend, während andere Jugendorganisationen verboten waren, sodass sich niemand mehr dem Einfluss des Staates entziehen konnte.

Die Hitlerjugend wurde geradezu militärisch geführt und geprägt. Sämtliche Freizeitangebote, die straff organisiert waren, wurden genutzt um die Jugendlichen politisch zu schulen, sie zu drillen und ihre Körper zu trainieren. Angriffe auf einen fiktiven Feind wurden spielerisch nachgestellt. Das Kameradschaftsgefühl, das für zukünftige Soldaten von besonderer Wichtigkeit ist, wurde nebenbei ebenfalls geweckt. Selbstständiges Denken und Individualismus waren hingegen unerwünscht. Jeder Einzelne sollte ausschließlich für sein Volk da sein und seine eigenen Belange zurückstellen, denn der Leitgedanke lautete: „Du bist nichts, dein Volk ist alles.“

3. Didaktischer Begründungszusammenhang

Der Lehrplan des Landes Schleswig-Holstein für das Fach Weltkunde sieht für die 9./10. Klassenstufe das Thema „Frieden sichern – mit welchen Mitteln?“ vor (S. 19). Der schulinterne Stoffverteilungsplan der Kurt-Tucholsky-Schule führt unter diesem Punkt auch das Thema „2. Weltkrieg“ auf. Bevor dieser behandelt werden kann, muss auf die Umstände im Deutschen Reich der 30er Jahre eingegangen werden. Als fachspezifische Arbeitstechnik wird für diese Klassenstufen die „Auswertung von Primärquellen“ gefordert (S. 53).

Der gesamte Themenkomplex „Errichtung des nationalsozialistischen Staates und 2. Weltkrieg“ ist von enormer Wichtigkeit. Den Lernenden muss deutlich werden, dass aus der demokratischen Weimarer Republik innerhalb kürzester Zeit Diktatur wurde. In ihnen soll ein Bewusstsein reifen, dass eine Demokratie, in der sie auch heute leben, kein zeitlos garantierter Zustand ist und dass man an dieser auch arbeiten und ggf. für sie kämpfen muss.

Der Aspekt „Jugend im nationalsozialistischen Staat“ bietet einen hohen Grad an Identifikationsmöglichkeit für die Schülerinnen und Schüler. Deshalb wird es ihnen an diesem Beispiel leichter fallen den Prozess der Gleichschaltung nachzuvollziehen. Anhand dieses Themas lässt sich begreifbar machen, mit welcher Präzision und Weitsichtigkeit Hitler den Krieg vorbereitet hatte. Seine Erziehungsvorstellungen unterstreichen die Selektion, die im NS-Staat betrieben wurde: Das Starke wurde gefördert, während das vermeintlich Schwache ausgemerzt wurde. Die Schülerinnen und Schüler werden in den folgenden Stunden besser begreifen, warum Hitler alle Menschen, die nicht seiner Ideologie entsprachen, vernichten ließ. Die Beeinflussung der Jugendlichen durch die Nationalsozialisten soll den Schülerinnen und Schülern zugleich eine Warnung sein sich von jeglichen Gruppierungen der heutigen Welt zu schnell beeinflussen zu lassen. Sie sollen angeregt werden Dinge und Umstände kritisch zu hinterfragen und auf ihre wahren Zwecke zu prüfen.

4. Methodischer Begründungszusammenhang

Zu Beginn der Stunde werde ich der Klasse sagen, dass sie Post bekommen hat, die ich an sie weiterreichen soll, und bitte einige Schülerinnen und Schüler die Briefumschläge in der Klasse zu verteilen. Jede Schülerin/jeder Schüler erhält einen Brief, der mit dem eigenen Namen versehen ist, und soll diesen nun still für sich durchlesen. Es handelt sich um eine Aufforderung sich zur Hitlerjugend/zum Bund Deutscher Mädel zu melden. Die Originalquelle ist ein Aufruf der Hitlerjugend. Um auch die Mädchen in der Klasse anzusprechen habe ich es mir erlaubt den Brief für diese leicht abzuwandeln, indem ich „Hitlerjugend“ durch „Bund Deutscher Mädel“ ersetzt habe. Durch diesen Brief möchte ich Betroffenheit in den Schülerinnen und Schülern auslösen. Jeder soll sich angesprochen fühlen und das Gefühl bekommen, dass das Problem ihn persönlich betrifft. Die Schülerinnen und Schüler sollen nun ihre Eindrücke äußern. Abhängig davon wie viel Vorwissen vorhanden ist, wird es zu ersten Reaktionen auf dieses Schreiben kommen. Ich erkläre der Klasse, dass die Entscheidung, ob man beitreten sollte oder nicht, erst getroffen werden kann, wenn man sich umfassend über die Organisationen informiert hat und dass sie heute die Möglichkeit hat sich zu Experten eines Teilaspektes auszubilden. Jeder muss zunächst alleine vorarbeiten, um seine späteren Gruppenmitglieder über sein Thema zu informieren und deren Fragen zu beantworten. Dabei betonte ich, welche große Verantwortung sich daraus für jeden einzelnen ergibt. Grundlage sind drei verschiedene Arbeitsblätter mit unterschiedlichen Schwerpunkten (A-Adolf Hitlers Vorstellungen, B-Aktivitäten in der Freizeit, C-Gefühle der Jugendlichen), die ich nach der Erläuterung verteile. Dabei bleibt es dem Zufall überlassen, wer welchen Schwerpunkt bekommt. In der anschließenden Stillarbeitsphase lesen sich die Schülerinnen und Schüler die Quellen durch und notieren ihre Antworten und Gedanken auf dem zweiten Arbeitsbogen, auf dem sich ein vorstrukturiertes Mindmap befindet. Zur Orientierung schreibe ich an die Tafel, um welche Uhrzeit diese Arbeitsphase beendet sein muss.

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Details

Seiten
14
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638557375
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v62508
Note
2
Schlagworte
Unterrichtsstunde Jugend Nationalsozialismus Erziehungsziele Staatsexamen HJ BDM Unterrichtsmaterial Unterrichtsentwurf Stundenentwurf NS-Regime

Autor

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Titel: Unterrichtsstunde: Jugend im Nationalsozialismus - Die Schülerinnen und Schüler tauschen sich über die Erziehungsziele des Nationalsozialismus im Deutschen Reich aus (9. Klasse)