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Die Liebe zwischen Sali und Vrenchen in Gottfried Kellers 'Romeo und Julia auf dem Dorfe'

Hausarbeit 2004 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Hauptteil
1. Die erwachende Liebe
2. Die Internalisierung der gesellschaftlichen Normen
3. Leidenschaft und Sexualität
4. Selbstmord als einziger Ausweg?

Schluss

Literatur

Einleitung

Schon der Titel von Kellers Erzählung Romeo und Julia auf dem Dorfe weckt mit seiner Anspielung auf Shakespeares Drama beim Leser die Erwartung, mit der tragischen Geschichte einer großen Liebe konfrontiert zu werden. Diese Erwartungshaltung wird zumindest an der Oberfläche auch erfüllt: Sali und Vrenchen verlieben sich ineinander und sind eher bereit, gemeinsam zu sterben, als auf die Erfüllung ihrer Liebe in der Welt zu verzichten. Allerdings stößt der Leser immer wieder auf Textstellen, die es fraglich erscheinen lassen, ob die Gefühle zwischen den beiden wirklich so groß und unbedingt sind, wie man zunächst vermuten könnte. So ist zum Beispiel Salis „Jugend und unerfahrene Leidenschaft nicht beschaffen, sich eine lange Zeit der Prüfung und Entsagung vorzunehmen und zu überstehen“[1], und Vrenchen äußert indirekt Bedenken, Sali in der Gemeinschaft des schwarzen Geigers untreu werden zu können (vgl. RuJ, 134).

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit der Liebe von Sali und Vrenchen. Es wird hinterfragt, ob diese wirklich „notwendig, echt und beispielhaft“[2] ist, ob der Tod des Paares als ein „Maß für die Stärke und Größe der Liebe“[3] angesehen werden kann und ob er sich „aus einer wahrhaften Notwendigkeit ergibt“.[4]

Das erste Kapitel thematisiert die erwachende Liebe von Sali und Vrenchen. Erörtert wird hier vor allem, ob sich die beiden Jugendlichen wirklich nur vorbedingungslos in das „Selbst“ ihres Gegenübers verlieben oder inwieweit das gemeinsam erlittene Schicksal der Verarmung ihrer Familien ihre Liebe bedingt. Im zweiten Teil wird gezeigt, was Sali und Vrenchen unter Glück verstehen und inwieweit sie in ihrem Denken von den Wertvorstellungen der Gesellschaft geprägt sind. Das dritte Kapitel widmet sich der Bedeutung von Leidenschaft und Sexualität in der Beziehung der beiden Jugendlichen. Abschließend wird diskutiert, ob der Selbstmord wirklich den einzigen Ausweg darstellt oder ob nicht vielmehr mögliche Alternativen einfach nicht ernsthaft in Betracht gezogen werden.

1. Die erwachende Liebe

Sali und Vrenchen erkennen ihre Liebe zueinander, als der Konflikt zwischen ihren Vätern seinen Höhepunkt erreicht. In dem Bemühen, die kämpfenden Männer voneinander zu trennen, kommen sich die beiden Jugendlichen näher, und Sali sieht das „ihm so wohlbekannte und doch so viel anders und schöner gewordene Gesicht“ (RuJ, 91) Vrenchens. Die beiden sind tief bewegt, sie „atmeten kaum und waren still wie der Tod“ (RuJ, 91). Zum Abschied reichen sie sich die vom Wasser und von den Fischen feuchten und kalten Hände. Im Anschluss an dieses Erlebnis werden die Empfindungen Salis geschildert, der nach der Begegnung mit Vrenchen „weder Regen noch Sturm, weder Dunkelheit noch Elend“ (RuJ, 91f.) bemerkt und sich „so reich und wohlgeborgen wie ein Königssohn“ (RuJ, 92) fühlt. Am darauf folgenden Tag denkt er ständig an das Mädchen und hat das Gefühl, „nicht nur als ob er unsäglich reich wäre, sondern auch was Rechts gelernt hätte und unendlich viel Schönes und Gutes wüßte“ (RuJ, 92).

Diese plötzlich erwachte Liebe erscheint nicht völlig unmotiviert: Schon die Spiele der Kinder enthielten eine erotische Komponente.[5] Der heranwachsende Sali erinnert sich, wenn die Familie Marti erwähnt wird, „unwillkürlich nur an die Tochter, [...] deren Andenken ihm gar nicht verhaßt war“ (RuJ, 82). Nach ihrem Wiedersehen gesteht er Vrenchen, dass sie ihm, bewusst oder unbewusst, immer im Sinn gelegen habe und dass es ihm immer war, als würde er sie einst lieb haben müssen (vgl. RuJ, 100). Vrenchen bestätigt dieses Gefühl für die eigene Person, aber während Sali sie nie angesehen habe, hätte sie ihn „zuzeiten aus der Ferne und sogar heimlich aus der Nähe recht gut betrachtet“ und so immer gewusst, wie er aussieht (RuJ, 100).

Am Nachmittag des dem Wiedersehen folgenden Tages begibt Sali sich zu seinem Heimatdorf, das ihm jetzt wie „ein himmlisches Jerusalem [...] mit zwölf glänzenden Pforten“ (RuJ, 93) erscheint. Er begegnet Vreni an ihrem völlig heruntergekommenen Elternhaus. In ihrem kurzen Gespräch äußert das Mädchen, dass ihrer Meinung nach der Streit der Eltern zwischen Sali und ihr stehe und es zwischen ihnen nicht gut ausgehen werde. Sali hingegen vertritt die Ansicht, sie könnten „das Elend [vielleicht] nur gut machen, wenn [...] [sie, J.B.] zusammenhalten und [...] [sich, J.B.] recht lieb sind“ (RuJ, 96). Hier schon kann man vermuten, dass Sali und Vrenchen sich nicht nur um ihrer selbst willen lieben. Salis Äußerung nach wäre die Liebe zwischen den Sprösslingen der beiden verfeindeten Familien quasi (auch) als Wiedergutmachung für das begangene Unrecht der Väter zu verstehen.[6] Im Verlauf der Erzählung äußert Sali, dass das Elend seine Liebe zu Vrenchen „stärker und schmerzhafter [macht], so daß es um Leben und Tod geht“ (RuJ, 108). Die Intensität seines Gefühls ist also auch mit außerhalb von Vrenchens Person liegenden Faktoren zu erklären: Die Liebe wird durch die schlechten Umstände intensiver, als sie es unter normalen Bedingungen geworden wäre. Dafür, dass Sali und Vrenchen sich nicht nur um ihrer selbst willen lieben, spricht auch, dass sie in sich „zugleich das verschwundene Glück des Hauses“ (RuJ, 132) sehen: Beide teilen das gleiche Schicksal. In ihrer Kindheit hatten sie „die Ehre ihres Hauses gesehen [...] und erinnerten sich, wie wohlgepflegte Kinderchen sie gewesen und daß ihre Väter ausgesehen wie andere Männer, geachtet und sicher“ (RuJ, 132). Beide haben den Niedergang ihrer Elternhäuser erleben müssen, beide führten vor dem Zeitpunkt ihres Zusammentreffens am Fluss ein Leben ohne familiäre Geborgenheit. Als sie sich nun nach Jahren der Trennung wieder begegnen, verlieben sie sich nicht nur vorbedingungslos in die Person des Gegenübers, sondern auch in die in ihr enthaltene Erinnerung an ein vergangenes glückliches Leben, in ein Bild der Vergangenheit.[7] So lässt es sich auch erklären, dass ihre Gefühle füreinander bei ihrem Wiedersehen sofort so stark sind, ohne doch ihr Gegenüber wirklich zu kennen: Sali spricht davon, dass Vrenchens Gedanken im unbekannter seien als der türkische Kaiser, Vrenchen meint, ihr sei der Sinn Salis weniger bekannt als der Papst (vgl. RuJ, 102). Auch das während ihres Treffens auf dem Acker wieder aufgegriffene „Zähne-zählen-Spiel“ (vgl. RuJ, 101) ihrer Kindheitstage kann in diesem Sinne verstanden werden. Die Basis ihrer Liebe scheint eher in der Vergangenheit als in der Gegenwart zu liegen.

[...]


[1] Keller, Gottfried, Romeo und Julia auf dem Dorfe. In: ders., Die Leute von Seldwyla. Erzählungen. Hg. von Bernd Neumann. Stuttgart 1993, 65-140, hier 132. Im Folgenden wird die Erzählung abgekürzt mit der Sigle RuJ.

[2] Richter, Hans, Gottfried Kellers frühe Novellen. Berlin 1966, 126f.

[3] ebd.

[4] Richter (Anm. 2), 138.

[5] Sali untersucht, angezogen von den „blendendweiße[n] Zähnchen“ und den „runden Purpurlippen“ (RuJ, 71) Vrenchens, die Zähne des Mädchens, danach beschäftigt sich Vrenchen mit Salis Zähnen. Laut Sautermeister ist es angesichts der erotischen Symbolik, die den menschlichen Zähnen zukommt, nur folgerichtig, wenn den beiden Kindern „das Spiel [...] am besten [...] von allem [zu gefallen schien]“ (RuJ, 72). Am Ende sinkt Vrenchen „ganz auf den kleinen Rechenmeister nieder“ (RuJ, 72). Vgl. Sautermeister, Gert, Gottfried Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe. Erläuterungen und Dokumente. Stuttgart 2003, 13.

[6] Richter hierzu: „Die Schuld der Väter treibt die Kinder in die Liebe.“ Richter (Anm. 2), 124.

[7] vgl. hierzu auch Richter (Anm. 2), 126: „Als sie [Sali und Vrenchen, J.B.] nun einander begegnen, findet jedes im andern einen Zweck, eine Heimat, eine Welt. Beide tragen das gleiche Schicksal, beide haben sie nichts als sich selbst, und so müssen sie einander lieben. Vielleicht hätten sie auch als reiche, wohlbestallte Nachbarskinder gelegentlich ein Liebespaar vorgestellt [...]. Aber niemals hätten sie eine solche Liebe erfahren können wie diese, der sie sich nun hingeben.“

Holmes weist darauf hin, dass „the idyll that Sali and Vrenchen reconstitute in their nostalgic yearning is as illusory as that depicted at the start of the Novelle.” Die zu Beginn der Erzählung geschilderte Idylle mit den beiden pflügenden Bauern sei oberflächlich, da der geschilderte Wohlstand nur auf der Ausbeutung von schwächeren Personen wie dem schwarzen Geiger beruhe. Holmes, T.M., ‚Romeo und Julia auf dem Dorfe’. The idyll of possessive individualism. In: Gottfried Keller 1819-1890. London Symposium 1990. Hg. von J.L. Flood & M. Swales. Stuttgart 1991, 67-80, hier 71.

Details

Seiten
15
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638557306
ISBN (Buch)
9783638920896
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v62500
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,0
Schlagworte
Liebe Sali Vrenchen Gottfried Kellers Romeo Julia Dorfe Keller Thema Romeo und Julia auf dem Dorfe

Autor

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