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Das Gleichnis vom Senfkorn

Hausarbeit 2006 40 Seiten

Didaktik - Theologie, Religionspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Gleichnis – allgemeingültige Aussagen als Vorverständnis für die Exegese
2.1 Definition des Begriffes „Gleichnis“
2.2 Gegenstand der Gleichnisse
2.3 Strukturelle Motive des Gleichnisses
2.3.1 Form
2.3.2 Aufbau
2.3.3 Stil
2.4 Botschaft der Gleichnisse
2.5 Verfasser der Gleichnisse
2.5.1 Jesus
2.5.2 Schriftliche Verfasser
2.5.2.1 Unterschiede bei den Synoptikern
2.6 Adressaten der Gleichnisse
2.7 Der metaphorische Ansatz in der Gleichnisauslegung

3. Exegese des Gleichnisses vom Senfkorn
3.1 Strukturelle Motive
3.1.1 Form.
3.1.2 Aufbau
3.1.2.1 Markus-Evangelium.
3.1.2.2 Matthäus-Evangelium.
3.1.2.3 Lukas-Evangelium.
3.1.3 Stil
3.1.3.1 Markus-Evangelium.
3.1.3.2 Matthäus-Evangelium.
3.1.3.3 Lukas-Evangelium.
3.2 Thematik und Botschaft des Gleichnisses
3.2.1 Thematik und Botschaft des Gleichnisses vom Senfkorn
3.2.2 Parallelen zu dem Gleichnis vom Sauerteig
3.3 Entstehungsbedingungen
3.4 Adressatenkreis des Gleichnisses
3.5 Metaphorischer Ansatz des Gleichnisses

4. Das Gleichnis vom Senfkorn im Religionsunterricht der Hauptschule
4.1 Bildungsplan
4.1.1 Kompetenzen
4.1.2 Dimensionen und Inhalte in den jeweiligen Klassenstufen
4.2 Verstehensvoraussetzungen der Schüler
4.3 Didaktische Analyse
4.4 Beispiele für das methodische Vorgehen

5. Schluss

6. Anhang
6.1 Dokumentation: Eigene Gleichnisse von Schüler/ innen einer 9. Klasse
6.2 Lied: Kleines Senfkorn Hoffnung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Gleichnis vom Senfkorn. Dies ist eines der 38 Gleichnisse, die sich in den synoptischen Evangelien des Neuen Testaments finden. Es gilt zusammen mit dem Gleichnis vom Sauerteig als ein Doppelgleichnis, dass den Kontrast des kleinen Anfangs und des großen Endes schildert.

Die Hausarbeit ist in drei aufeinander folgende Teile gegliedert, die aufeinander aufbauen. Im ersten Teil erfolgt eine Untersuchung über das Gleichnis im Allgemeinen, die die Vielseitigkeit und die Komplexität des Gleichnisses aufzeigt. Im Kontext der Exegese des Gleichnisses vom Senfkorn, die im zweiten Teil folgt, erscheint dies sehr wichtig, da diese Exegese ohne ein bestimmtes Vorwissen nicht zu leisten ist. Anknüpfend daran wird über den pädagogischen Wert des Gleichnisses diskutiert und es erfolgt eine Eingliederung in den Religionsunterricht der 6. Klasse in der Hauptschule, die sich an dem neuen Bildungsplan 2004 orientiert.

Das Gleichnis vom Senfkorn ist eine interessante literarische Form und bietet viele Ansatzmöglichkeiten zur Untersuchung. Doch bei der Beschäftigung mit Gleichnissen können auch Schwierigkeiten auftreten, denn die Fülle von Gleichnistheorien, erschweren es dem Betrachter einen roten Faden in der Untersuchung einzuhalten. Es ist wichtig sich vor der genauen Exegese mit den allgemeingültigen Aussagen des Gleichnisses zu beschäftigen, um einen Überblick der Theorien zu erhalten. Im folgenden wird dieser Überblick vorgenommen.

2. Das Gleichnis – allgemeingültige Aussagen als Vorverständnis für die Exegese

2.1 Definition des Begriffes „Gleichnis“

Allgemein formuliert, ist ein Gleichnis eine Bildgeschichte, die eine geistige, religiöse oder ethische Aussage vermittelt. Diese kurze Definition erschließt jedoch nur zu einem kleinen Teil den Charakter eines Gleichnisses, deshalb ist es für die Erklärung dessen wichtig, genauer auf Geschichte und Wortbildung einzugehen.

Bereits im Alten Testament wurde ein bestimmter Begriff für die biblischen Reden verschiedenster Art verwendet, worunter auch das Gleichnis, aber auch der einfache Vergleich, das Bildwort, das Rätselwort, das Sprichwort, der Weisheitsspruch, das Spottwort und die Allegorie fällt, nämlich der Begriff „maschál“. Definieren lässt er sich als Spruch, hinter dem eine besondere Bedeutung steckt, die nicht auf den ersten Blick erschlossen werden kann. Später wurde in der Septuaginta, der ältesten und wichtigsten Übertragung des Alten Testaments ins Griechische, der Begriff „parabolé“ für maschál verwendet. Dieser meint die Nebeneinanderstellung, den Vergleich, wie auch die Gegenüberstellung zweier Wirklichkeiten, nämlich der Wirklichkeit aus dem irdischen Erfahrungsbereich und der religiösen Wirklichkeit. Mit dem Begriff „parabolé“ werden somit die beiden wichtigsten Aussagen des Gleichnisses angesprochen: Bildhälfte und Sachhälfte. „Die Gleichniserzählung ist das ganze Wort des Erzählers an seine ursprünglichen Hörer.“[1] Mit diesem Zitat lassen sich die beiden „Hälften“ des Gleichnisses besser verstehen, denn die Bildhälfte wurde aus der Situation heraus formuliert, demnach aus dem irdischen Erfahrungsbereich, und lässt den Hörer das Gleichnis unmittelbar verstehen, da er die Ausgangssituation nachvollziehen kann, zum Beispiel das Wachsen der Saat. Die Sachhälfte richtet sich primär nach dem Sinn des Gleichnisses, den es beinhaltet und der die Aufforderung an den Hörer stellt sich selbst mit dem Gleichnis zu identifizieren. Bild- und Sachhälfte bedingen einander: „…das Gesamtgeschehen in der Bildhälfte weist auf den entscheidenden Grundgedanken hin, der als Vergleichspunkt dient.“[2] Der in diesem Zitat angesprochene Grundgedanke kann dabei als die Sachhälfte bezeichnet werden. Dennoch kann man Bild- und Sachhälfte nicht explizit und allgemein in einem Gleichnis benennen, denn: „Die Begriffe Bild- und Sachhälfte sind also auf die Blickrichtung des Auslegers zugeschnitten und nur in dieser sinnvoll.“[3] Zudem erzielen beide Hälften zwei Verstehensebenen mit dem der Charakter des Gleichnisses erschlossen wird: „die vordergründige der erzählten Geschichte und die hintergründige Beziehung auf die eigentlich gemeinte Wirklichkeit beziehungsweise Sache.“[4]

Gleichnisse standen unter dem Untersuchungsaspekt vieler Theologen und anderer Wissenschaftler. Der wohl bekannteste unter ihnen ist Adolf Jülicher, der um 1900 eine Gleichnisauslegung formuliert hat, die sich mit der Allogerese beschäftigte. „Bei der Allogerese wird der Gleichnistext als eine Kette von Bildern bzw. Metaphern gesehen, die auf der Grundlage von einschlägigem religiösen Vorwissen dechiffriert werden und dadurch eine belehrende Funktion bekommen.“[5] Diese Art der Gleichnisauslegung fand lange Zeit regen Zuspruch, wurde aber trotzdem kritisiert und weiterentwickelt.

2.2 Gegenstand der Gleichnisse

Der primäre Gegenstand der Gleichnisse ist das Reich und die Herrschaft Gottes. Otto Knoch untersuchte in seinem Buch „Wer Ohren hat, der höre“, diese Thematik unter dem Aspekt der Metapher. Dabei stellte er die Aussage auf, dass das „Reich Gottes“ das Subjekt, das Verbindungswort beziehungsweise die Kopula des Satzes darstellt, während die eigentliche Gleichniserzählung als Prädikat und damit als Satzaussage angesehen werden kann.[6] Anknüpfend an diese Aussage ist anzufügen, dass Jesus die Gleichnisse ausgesprochen hat und eine Unterteilung der Gegenstände in den primären Gegenstand, nämlich dem Reich Gottes, und den weiterführenden Gegenständen erfolgt, die zum einen die Situation und die Erkenntnis darstellen, aus der das Gleichnis heraus formuliert wurde, und zum anderen Jesus selbst in den Vordergrund platzieren: seine Person, seine Sendung, seine Vollmacht in Bezug auf das Reich Gottes und seiner Bedeutung für das Heil seiner Hörer.

2.3 Strukturelle Motive des Gleichnisses

2.3.1 Form

Definition und Gegenstand der Gleichnisse zeigen bereits die Komplexität dessen auf. Doch auch formale Kriterien bergen ein hohes Kapital:

So gibt es Gleichnisse im weiteren Sinne, die für die Vergleiche, die Ähnlichkeiten, die Entsprechungen und der Gleichheit verschiedener Gegebenheiten stehen. Dazu zählen Gleichnisse im engeren Sinne, sogenannte Bildgeschichten, die einen Sachverhalt, eine Wirklichkeit oder ein Geschehen mit einem anderen vergleichen und daraus eine Lebensweisheit oder eine Erkenntnis ableiten. Ihr Inhalt beläuft sich auf einen typischen Fall beziehungsweise einen regelmäßigen Vorgang und es erzählt von einer Situation, die sich immer ereignet hat und auch noch immer ereignen wird sowie von etwas was jeder tut oder tun würde. Hierzu kann zum Beispiel das Gleichnis vom Senfkorn[7] gezählt werden.

Weiterhin zählen zu den Gleichnissen im weiteren Sinne auch Parabeln, die dem Hörer erzählen, was jemand einmal getan hat. Sie kommen jedoch als Einzelfall unter den weiteren Gleichnissen vor, während Gleichnisse im engeren Sinne eher zum Regelfall gehören. Ein Beispiel für eine Parabel ist die Geschichte vom umbarmherzigen Knecht.

Auch Beispielerzählungen, wie beispielsweise die vom barmherzigen Samariter[8], gliedern sich an die Gleichnisse im weiteren Sinne an. Sie erzählen von einem Musterfall, bei dem richtiges oder falsches Verhalten erläutert wird, und stehen demnach nicht unter dem Aspekt der Deutung.

Die Allegorie kann unter besonderen Berücksichtigungen zu den Gleichnissen im weiteren Sinne hinzugezählt werden, denn sie ist zunächst ein Rätselwort. Als zusammenhängende Rede definiert, stellt sie eine Art verschlüsselter Rede dar, da sie etwas anderes zu sagen scheint, als sie ursprünglich erzählt. Für „nicht-wissende“ Hörer ist sie daher nur schwer oder gar nicht zu entschlüsseln beziehungsweise zu verstehen. Ein Beispiel hierfür ist die Allegorie im 17. Kapitel des Buches Ezechiel, indem von einem großen Adler mit gewaltigen Flügeln erzählt wird, der bildhaft für den König von Babel steht.

Abschließend sei zu sagen, dass die Frage danach, was als Gleichnis bezeichnet werden kann, aus der Perspektive des Erzählers beantwortet werden muss: „Argumentiert es mit etwas Selbstverständlichem, das jeder anerkennen muß, oder will er mit der Erzählung einer (zwar möglichen, aber nicht alltäglichen) Begebenheit überzeugen, die so „arrangiert“ ist, dass sie den Hörer gefangennimmt und in die gewünschte Richtung lenkt?“[9]

2.3.2 Aufbau

Mit dem Wissen dieser Unterscheidungen kann nun der Aufbau eines Gleichnisses erschlossen werden: Die Einleitungsformel bezieht den Hörer meist in einen Vergleich mit ein. Hier kann zwischen dem Nominativanfang und dem Dativanfang unterschieden werden, wobei der Nominativanfang ohne eine Einleitungsformel steht, wie es meist bei Lukas der Fall ist. Der Anfang des Gleichnisses von den beiden Schuldnern[10] dient als dementsprechendes Beispiel: „Jesus antwortete Simon: „Simon, ich habe dir etwas zu sagen!“ Der gab zurück: „Lehrer, sprich!“ Jesus begann: „Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner….“. Der Dativanfang erschließt meist einen Vergleich mit dem Himmelreich beziehungsweise mit dem Reich Gottes: „Das Himmelreich gleicht einem …“, „Womit wollen wir das Reich Gottes vergleichen, und durch welches Gleichnis wollen wir es abbilden?“.

Anschließend findet sich der Hörer in den weiteren Szenen des Gleichnisses wieder. Die Szenenabfolge erfolgt stufenweise, wodurch eine leichte Bewegung mit ins Spiel kommt und auch das angestrebte Aussage- und Anredeziel erreicht wird. Zudem sind die Szenen meist breit entfaltet, um die wichtigen Züge in dieser Szene hervorzuheben und dem Hörer nahe zu legen. Einige Gleichnisse zeichnen sich durch Wiederholungen von Aussagen oder Vorgängen aus. Dies führt ebenfalls zu der Einprägsamkeit und weist im besonderen noch auf wichtige Elemente hin, die für das Verstehen des Gleichnisses wichtig sind.

Der Schluss eines Gleichnisses ist ebenso unterschiedlich wie es die Gleichnisse in ihrem Charakter sind. Mal kann ein Gleichnis ohne jede Beifügung eines Schlusssatzes stehen, mal ist der Schluss als Frage oder als Imperativ gestellt, oder es steht als einfaches Schlusswort der Ausdruck „hútós“ (= so). Manche Schlussformeln wurden erst später, zum Beispiel von der nachösterlichen Gemeinde oder den Evangelisten, hinzugefügt.

Die Gestalt beziehungsweise die Form der Gleichnisse wurde zum Teil durch verschiedene Faktoren verändert, unter anderem durch die Übersetzung vom Galiläisch-Aramäischen ins Griechische, durch die Übertragung in den hellenistischen Kulturkreis, durch die Einwirkungen des Alten Testaments und anderen Faktoren.

2.3.3 Stil

Liegt das Gleichnis vor dem Leser, so wird dieser sich im ersten Moment über dessen Kürze wundern, denn die Knappheit der Schilderung macht den Stil des Gleichnisses aus. Maximal zwei oder drei Personen treten in der Szenenabfolge auf, während nur das Notwendigste erzählt wird. Zudem werden kaum Affekte und Motive geschildert, denn die Charaktere zeichnen sich meist durch ihr eigenes Verhalten, ihre Worte oder durch das Urteil einer anderen Person aus. Zuweilen treten noch andere Stilmittel auf, die aber hier nur kurz genannt werden, da eine genauere Erläuterung den Rahmen sprengen würde: die konkrete Formulierung, die direkte Rede, das Selbstgespräch, die Wiederholung des gleichen Wortlauts, die Verwendung der Dreizahl, die Gegenüberstellung zweier Typen und die Schilderung des Wichtigsten an letzter Stelle („Achtergewicht“).[11]

2.4 Botschaft der Gleichnisse

Die Botschaft der Gleichnisse lässt sich primär anreihend an den Gegenstand erschließen: die Gleichnisse erzählen von dem Reich Gottes beziehungsweise von dem Geheimnis des Reich Gottes. Dieses lässt sich noch weiter ausformulieren, denn die Botschaft bezieht sich auch auf die neue, unbedingte und gnädige Zuwendung Gottes und sein Erbarmen mit den Menschen als Sündern. „Sie wollen den Blick auf die neue, endgültige Wirklichkeit der Liebe Gottes zum sündigen Menschen öffnen und zur Annahme dieses Gnadenangebots aufrufen und bereiten.“[12] Das Geheimnis des Reich Gottes liegt dabei in dem Hinweis auf diese neue, herrliche Situation. Jesus macht auf diese Heilssituation aufmerksam und will die Menschen dazu bewegen, sich dem Heilsplan Gottes anzuschließen. „… erst durch die Gleichnisdarstellung hindurch wird das Reich Gottes erkannt, wird seine Wirklichkeit fassbar und greifbar. Die Gleichniserzählung ist insofern Wort Gottes, weil in ihr und durch sie das Reich Gottes vergegenwärtigt und mitgeteilt wird.“[13]

2.5 Verfasser der Gleichnisse

2.5.1 Jesus

Jesus erzählte die Gleichnisse seinem damaligen Adressatenkreis. Er griff aus einer bestimmten Situation etwas auf und formulierte dazu eine von ihm erfundene Bildgeschichte, die den Hörer dazu bewegen sollte, sich selbst in dem Gleichnis wieder zu erkennen und die ihn zur Umkehr seines Verhaltens auffordern sollte. Da Jesus die Gleichnisse aus einer bestimmten Situation heraus formulierte, brachte er zudem Elemente und Gegebenheiten in das Gleichnis mit ein, die in der für den Hörer vertrauten Welt vorkommen. Somit schaffte Jesus, später die nachösterliche Gemeinde und auch die Synoptiker, eine neue Wirklichkeit, die die Anschaulichkeit, die Perspektive und die Aussagekraft dieser Gleichnisse hervorhob.

Der christologische Charakter der Gleichnisse ist unverkennbar. Er gründet auf dem endgültigen Gnadenangebot Gottes, das Jesus mit seinem Heilbringeranspruch, das heißt mit seiner Vollmacht das Reich Gottes aufzurichten sowie Sünden zu vergeben und der Messias zu sein, in die Welt hinausträgt. Dieses Gnadenangebot Gottes bildet zugleich den Kern der Reich-Gottes-Botschaft Jesu.

Um die Gleichnisse verstehen zu können, wird dieser absolute Heilbringeranspruch Jesu und der damit verbundene Anbruch des Reich Gottes vorausgesetzt. Doch es ist nur eine Voraussetzung und keine Begründung, womit das „Geheimnis der Gleichnisse“ erläutert sei. Wer den Heilbringeranspruch Jesu jedoch nicht akzeptiert, wird die theologischen Reich-Gottes-Gleichnisse in ihrer angemessenen Dimension nicht verstehen können. Nur manche Gleichnisse lassen sich auch ohne diesen Anspruch verstehen, wie zum Beispiel das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, das wie auch andere Gleichnisse, vom neuen Verhalten der Menschen untereinander spricht. Da der Heilbringeranspruch Jesu für viele Hörer, insbesondere für die Gegner Jesu, unwirklich erschien, baute Jesus die Fragen seiner Hörer in die Gleichnisse mit ein . „>>Durch viele Gleichnisse verkündetet Jesus (den Menschen) das Wort entsprechend ihrem Fassungsvermögen (so wie sie es verstehen konnten).<<“[14]

2.5.2 Schriftliche Verfasser

Anders war es in der nachösterlichen Kirche, denn nun war der „Sitz im Leben der Kirche“ verankert. Sie nahm sich der Gleichnisse in der Weise an, indem sie davon berichtete, was Jesus unter dem Reich Gottes verstand und wie die Wirklichkeit des Reich Gottes bereits in der Kirche Gegenwart geworden war. Außerdem zeigte die nachösterliche Kirche mithilfe der Gleichnisse Verhaltensweisen auf, die zu einem Leben gemäß den Gesetzen des Reich Gottes führten.

In dieser Zeit wurden die Gleichnisse Jesu umgestaltet und in der Verkündigung fand eine Akzentverschiebung statt. Dies beruht auf den Faktoren einer neuen heilsgeschichtlichen Situation, in der Jesus von dem Volk Israel als der Messias und Heilbringer abgelehnt wurde, auf dem Wechsel der Adressaten, bei denen die Glieder der Kirche neu geordnet wurden, auf dem Bedürfnis der kirchlichen Verkündigung und des kirchlichen Lebens, auf dem Konflikt der Kirche mit den Juden, ausgehend von der Streitfrage, wer nach der Auferstehung Jesu das wahre Volk Gottes ist, und auf der neu eröffneten Mission unter den Heiden, die eine Übersetzung aus dem Aramäischen ins Griechische erforderte. Beispiele dafür sind die Mahnung an die Christen, ihrer Glaubensentscheidung für Jesus treu zu bleiben, anstatt sie nur aufzufordern an Jesus und seine Botschaft zu glauben und der Appell die Lebenszeit zu nützen und den Geboten und Weisungen Jesu zu folgen, anstatt die Stunde des Heilsangebots Gottes rechtzeitig zu nützen.

Im Anschluss an die nachösterliche Kirche beschäftigten sich die Evangelisten mit den Gleichnissen Jesu. Auch hier findet sich wieder ein neuer Sitz im Leben, der sich bei den Evangelisten redaktionell voneinander unterscheidet, da jeder Evangelist die Gleichnisse nach seiner Absicht ausgewählt, in einen neuen Zusammenhang eingeordnet und nach ihrem eigenen Verständnis auf ihre eigenen Aussageabsichten hin umgestaltet hat. Zudem tradieren die Evangelisten die Botschaft Jesu nicht einfach wörtlich, sondern aktualisieren und interpretieren sie. Matthäus, Markus und Lukas sind als Synoptiker zu bezeichnen, dabei gibt es jedoch wieder einige grundlegende Unterschiede, denn Matthäus und Lukas greifen zum Teil auf das Markus-Evangelium zurück und bedienen sich noch der Q-Quelle, einer Sammlung von Worten und Reden Jesu.

2.5.2.1 Unterschiede bei den Synoptikern

Im Markus-Evangelium finden sich drei Reich-Gottes-Gleichnisse und eine Deutung, die in das Gleichniskapitel 4 eingeordnet sind. Unter diesen Reich-Gottes-Gleichnissen findet sich auch das Gleichnis vom Senfkorn, jedoch nicht das Gleichnis vom Sauerteig. Dagegen bildete Matthäus den Himmelsreichzyklus, der sieben Gleichnisse und zwei Deutungen enthält. Unter diesem Himmelsreichzyklus finden sich auch die Reich-Gottes-Gleichnisse von Markus sowie das Gleichnis vom Sauerteig.

Lukas hat die größte Anzahl von Gleichnissen und er ordnet sein Sondergut in den Reisebericht ein, in dem erwähnt wird, dass Jesus sich auf dem Weg zum Todespascha in Jerusalem befindet. Zudem wertet Lukas die Gleichnisse ethisch und religiös aus, indem er bestimmte Mahnworte und Aufforderungen an das Gleichnis anfügt, während Matthäus die Bildhälfte der Gleichniserzählungen auf Israel und die Kirche hin reflektiert und sie allegorisch ausgestaltet. Lukas ist im Gegensatz zu den zwei anderen Synoptikern an dem rechten Lebensvollzug der Christen interessiert und stellt die Gleichnisse als Illustrations-, Motivations- und Beispielgeschichten im Rahmen eines Katechismus des christlichen Lebens dar: „Der einzelne Christ, ja jeder unverbildete, religiös offene Mensch ist dabei der Adressat dieser Lebensbelehrungen, nicht das Volk Israel nur oder die Kirche als Ganze.“[15]

Im Johannes-Evangelium finden sich nur zwei Gleichnisse, nämlich das Gleichnis vom guten Hirten und der Vergleich mit Not und Freude einer Mutter. Allerdings ist zum Beispiel das Gleichnis vom guten Hirten von Bildreden unterbrochen, die typisch für Johannes sind.

[...]


[1] Sorger, K., S. 12

[2] Knoch, O., S. 12

[3] Sorger, K., S. 12

[4] Knoch, O., S. 12

[5] Becker, U., S. 56

[6] vgl. Weder, Hans

[7] vgl. Mk 4, 30-32, Mt 13,31-32, Lk 13, 18-19

[8] vgl. Lk 10, 25-35

[9] Sorger, K., S. 54

[10] vgl. Lk 7, 40-43

[11] Sorger, K., S. 17

[12] Knoch, O., S. 34

[13] Knoch, O., S. 35

[14] Knoch O., S. 42

[15] Knoch, O., S. 57

Details

Seiten
40
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638555968
Dateigröße
581 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v62332
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau – Institut für Theologie
Note
1,5
Schlagworte
Gleichnis Senfkorn Reich-Gottes-Botschaft Neuen Testament

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