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Ökonomie als Identitätsstifter in Adalbert von Chamissos "Peter Schlemihls wundersame Geschichte"

Hausarbeit 2006 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Peter Schlemihl und die Ökonomie
1.1 Die Schattenseite der ökonomischen Freiheit
1.2 Es ist kein Glück was im Golde glänzt
1.3 Fremdes Eigentum und eigenes Glück
1.4 Ökonomischer Identitätsersatz für gesellschaftliches Handeln

3. Exkurs: Fortunati-Glücksäckel

4. Ökonomisches Prinzip der Identität(en) Schlemihls

5. Fazit: Wer den Schatten nicht ehrt, ist des Glückes nicht wert

6. Bibliographie

1. Einleitung

Die Erzählung der wundersamen Geschichte Peter Schlemihls von Adalbert von Chamisso erscheint dem Leser zunächst so lehrreich wie unergründlich. Die Suche nach der eigenen Identität und dem Platz in der Gesellschaft stellt den Helden dieser Geschichte vor elementare Grundfragen. Immer wieder sind enge Zusammenhänge von Ökonomie und Identität bedeutsam für den Verlauf der Geschichte. So verkauft Peter mit seinem Schatten einen Teil seiner Existenz an den Teufel. Erst später wird ihm bewusst, welches Schicksal er damit besiegelt hat. Im Gegenzug erhält er das Glücksäckel, das ihm unendlichen Reichtum beschert. So macht sich Schlemihl auf eine fortwährende Reise, um mit Hilfe des Goldes ein neuer Mensch zu werden. Doch kann die Ökonomie wirklicher Identitätsstifter für Peter Schlemihl sein?

Chamissos Werk zeichnet sich durch eine kapitalistische Dynamik und finanzielle Kreislaufbewegung aus, in der Schlemihl sich auf der Suche nach dem menschlichen Glück immer wieder dem Fremden begeben muss. Gerade sein Doppelgängerleben entfremdet ihn zusehends. Emigration, Isolation und gesellschaftlicher bzw. bürgerlicher Identitätsverlust sind die Folgen. Moral und Handel(n) werden damit zentrale Motiv für Schlemihl. Schon für Aristoteles war die Basis des Handelns (Handel=Bewegung=Zeit) die Ethik (Wert), auf der er seine Politik aufbaute. Für ihn war der Wille der motivierende Faktor für Handlung: „Denn das rechte Verhalten ist ein Ziel, und das Streben geht darauf.“[1] Doch eben gegen dieses „rechte Verhalten“ verstößt Schlemihl. Und so wird der Held der Geschichte gezwungen, seinen Mangel an Schatten mit Hilfe des Goldes zu verbergen. Um den Verkauf des Schattens rückgängig zu machen, müsste er dem Teufel seine Seele überlassen. Religion und Ökonomie, beides identitätsstiftende Medien, begeben sich in einen Austausch um Glück, Heimat und Seelenfrieden. Die starke Symbolik von Licht und Dunkel, Vernunft und Glaube, Schatten und Schattenlosigkeit erhellt die persönliche Einstellung Schlemihls in Bezug auf seine Person und deren Wirkung in der Öffentlichkeit. Sein und Schein bzw. Haben vs. Nicht-Haben werden zu wichtigen Maßstäben, denen besonderer Augenmerk in dieser Untersuchung gelten wird. So soll textnah herausgefunden werden, welches Verhältnis von Identität und Ökonomie für Peter Schlemihl herrscht und ob Schlemihls Gold die schattenlose Sinnkrise bewältigen kann.

2. Peter Schlemihl und die Ökonomie

Im tieferen Sinn dieser wundersam-skurrilen Geschichte verbirgt sich eine tief schürfende Welt- und Menschenschau. Die Erzählung bekommt damit immer wieder einen parabolischen Gehalt. Durch einen Mangel, einen persönlichen Grundfehler, gerät Peter Schlemihls bisheriges, „normales“ Leben vollkommen aus den Fugen. Der Verlust des Schattens kostet ihn mehr, als er mit dem dafür eingetauschten Gold kaufen könnte. Ohne Schatten wird Schlemihl der Gesellschaft entfremdet und ausgestoßen. Er muss seine alte Identität aufgeben und sich eine artifizielle Rolle in der Gesellschaft finanzieren, um dennoch weiterhin an ihr Teilhaben zu können. Nur durch das Opfer seiner Seele, für die auf Erden selbst der Teufel keinen Preis kennt, wäre es ihm möglich, seinen Schatten wiederzubekommen. „Ich habe in meiner Tasche manches, was dem Herrn nicht ganz unwert scheinen möchte; für diesen unschätzbaren Schatten halt ich den höchsten Preis zu gering.“[2] Aus diesem Dilemma heraus wird Schlemihl zum heimatlosen Reisenden, der sich als Eremit schließlich der Wissenschaft zuwendet, um seinem Leben einen neuen Sinn zu geben.

Der Handel mit dem grauen Mann, der das Diabolische schlechthin vertritt, wird für ihn damit zu einem unerwartet hohen Verlustgeschäft. Einen gerechten Preis für den Widererwerb seines Schattens, scheint es gerade in der Marktwirtschaft des Bösen nicht zu geben. Die Nachfrage regelt den Preis. Ein klassisches und etabliertes Merkmal auch der monetären Marktwirtschaft.

Die Marktwirtschaft hat sich nach der Einschätzung Hans Christoph Binswanger seit der Antike aus einem ursprünglichen Nebeneinander selbstversorgender Wirtschaftseinheiten entwickelt.[3] Die korrigierenden Eingriffe von Staat und Kirche sorgten schließlich dafür, dass entgegen den Marktkräften, ein „gerechter Preis“ samt annähernd gerechter Verteilung herrschte.[4] Eine ungerechte Verteilung der Güter konnte nur dann vorliegen, wenn öffentliche Güter wie Natur bzw. Umwelt als persönliches Eigentum in Anspruch genommen werden sollten. Denn nur für private Güter ist eine effiziente Zuteilung innerhalb eines Marktes möglich. Und so herrscht auch in der Welt des Peter Schlemihl eine ungleiche Verteilung der wirtschaftlichen Güter. Er reist mit einem Brief zum reichen Thomas John, um ihm die Nachricht dessen Bruders zu überreichen. Bereits hier wird deutlich geschildert, dass Peter Schlemihl ein „armer Teufel“[5] ist, der sich der höhergestellten Gesellschaft unterordnen muss. „Ich beschloss mich aus der Gesellschaft zu stehlen, was bei der unbedeutenden Rolle, die ich darin spielte, mir ein Leichtes erschien.“[6] Er besitzt nur wenige Habseligkeiten und muss „das nächste, geringste Haus“[7] zum wohnen nutzen. Doch dieser desolate Zustand ändert sich mit der Bekanntschaft des Teufels grundlegend.

1.1 Die Schattenseite der ökonomischen Freiheit

Geld bedeutet Schlemihl zunächst irdisches Glück und gesellschaftliche Freiheit. „Ich bekam einen Schwindel, und es flimmerte wie doppelte Dukaten vor meinen Augen.“[8] Nicht umsonst ist der Name des immervollen Goldbeutels schließlich „Fortunati Glückssäckel.“[9] Glück und Wohlstand scheinen sich einander zu bedienen. Der plötzliche Reichtum erscheint ihm wie die glückliche Fügung des Schicksals. „Ich aber hielt den Beutel bei den Schnüren fest, rund um her war die Erde sonnenhell, und in mir war noch keine Besinnung.“ Es ist das sonnengelbe Gold, das ihm die Sinne raubt. Doch wird hieraus auch deutlich, dass Gold allein keinen Sinn hat. Geld allein scheint von „Besinnungslosigkeit“ begleitet zu werden. Denn Geld hat ohne Zeichen keine Bedeutung.

Das ursprüngliche Geld war daher zunächst „Material ohne Prägung.“[10] Erst mit dem Stempel wurde der natürliche Rohstoff und seine kulturelle Nutzung nicht mehr benötigt. Das „Zeichen des Geldes“, griech. sēma, wird zum Prägemerkmal einer abstrakten Gesellschaft, die sich von griech. soma, dem dinglichen Körper, entledigt hat. Und auch Schlemihl entledigt sich seines dinglichen Körpers, eben seines Schatten, den er gegen Gold tauscht. Der Schatten wird zum handelbaren Ding. „Kaufen Sie mir das Ding ab“[11] beschwört ihn der Teufel, der es auf die Seele Schlemihls abgesehen hat. So wird also das Geld der eigentlichen „Natur“ durch den Stempel entfremdet. Mit dem „Aufdruck“ von Symbolen, sind ihm quasi neue Werte „aufgedrückt“ worden, die fortan sein wesentliches Merkmal darstellen. Jede Münze und jeder Schein trägt auf sich das Zeichen seiner Wertigkeit. Sozusagen eine Bezeichnung auf einer Bezeichnung.[12] Die Botschaft eines Symbols ist aber nicht mehr zu entziffern, wenn der Sinn dupliziert wird, ohne selbst Sinn darzustellen.

Der fehlende Schatten als Schlemihls zweite Hälfte der Identität entleert den gesellschaftlichen Sinn seiner bürgerlichen Existenz. Der Schatten wird wertvoller als Gold, eben weil er nicht von materieller Beschaffenheit ist. So verweist beispielsweise auch die Prägung des Geldes auf etwas, was nicht zu greifen ist. Geld als Pseudosymbol verlagert diesen Sinn-Prozess in die Diesseitigkeit. Doch hier wird das dingliche Zeichen ja nochmals bezeichnet. So entsteht ein Konzept, das eine Garantie seiner Wertigkeit durch den Namen des abgebildeten Produzenten sichert. Eine solche (harte, da materielle) Währung scheint somit von Dauer und kann deshalb mit einer schriftlichen Fixierung zur Speicherung bzw. Aufzeichnung verglichen werden:

„Die Münze ist also dem Buchstaben verwandt: auch sie ‚bewahrt’. Darum befand sich die Stätte ihrer Prägung neben der der Chronik. Beide bewahren Werte. Buchstabe und Münze sind die äußeren Zeichen von Sprache und Geld, den Tauschmitteln der menschlichen Gesellschaft: Denkzeichen und Wertzeichen.“[13]

Und auch der Schatten, als Symbol der realen Existenz, wird beinahe zum Wegbereiter des Seelenverkaufs für das Jenseits. Mit dem Verlust des Schattens beginnt Schlemihls gesellschaftlicher Abstieg.

“Es musste schon die Ahnung in mir aufsteigen; dass, um so viel das Gold auf Erden Verdienst und Tugend überwiegt, um so viel der Schatten höher als selbst gold geschätzt werde; und wie ich früher den Reichtum meinem Gewissen aufgeopfert, hatte ich jetzt den Schatten für bloßes Gold hingegeben; was konnte, was sollte auf Erden aus mir werden!“[14]

Mit seiner neu gewonnenen finanziellen Freiheit kann er auf Erden - ohne seinen Schatten - nicht mehr glücklich werden. Aus dem einst wertvollen Gold wird „bloßes Gold“; wertlos und sinnlos für seinen Zustand. Denn bereits kurze Zeit nach der Freude am Überdruss des Goldes überwiegt die Sorge um den Schatten und schlägt um in eine maßlose Wut. Aus dieser Wut wird erneut ein Rausch, die seine ebenso erotische wie obszöne Beziehung zur Macht des Geldes aufweist:

[...]


[1] Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. 3. Auflage. München 1978. S. 183

[2] Chamisso, Adalbert von: Peter Schlemihls wundersame Geschichte. Reclam 93. Stuttgart 2003. S. 14

[3] Vgl. Hans Christoph Binswanger: Die Glaubensgemeinschaft der Ökonomen. Essays zur Kultur und Wirtschaft. München 1998. S. 49

[4] Vgl. Hans Christoph Binswanger: Die Glaubensgemeinschaft der Ökonomen. S. 49f

[5] Vgl. Chamisso, Adalbert von: Peter Schlemihls wundersame Geschichte. S. 9f

[6] Ebd. S. 13

[7] Ebd. S. 9

[8] Ebd. S. 15

[9] Ebd. S. 15

[10] Vgl. Adam Smith: An Inquiry into the nature and causes of the wealth of nations. London 1776. S. 29

[11] Chamisso, Adalbert von: Peter Schlemihls wundersame Geschichte. S. 58

[12] Vgl. Marc Shell: The Economy of Literature. Baltimore/ London1978. S. 66 ff. Nach ihm wurden die ersten Münzen in Ephesus 600 v. Chr. mit den Worten Phanēos eimi sēma geprägt („ich bin das Zeichen des Phanos“). Die Inschrift beflügelt die Münze als eigenes Zeichen angesehen zu werden, und ist damit zweifach semiotisch: Ein sēma auf einem sēma. Phanos ist zwar auch der Name eines Argonauten, bezeichnet aber vermutlich den geflügelten Urgott der orphischen Weltentstehung. Seine Vorstellung überschneidet sich mit dem Hirtengott Pan, aber auch mit Dionysos.

[13] Schacht, Joachim: Die Totenmaske Gottes. Zur Kulturanthropologie des Geldes. Ein Versuch. Salzburg 1967. S. 78, der auch das apollinische Prinzip beschreibt (Vgl. auch 1961, S. 40 und 1967, S. 75).

[14] Chamisso, Adalbert von: Peter Schlemihls wundersame Geschichte. S. 17

Details

Seiten
22
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638555654
ISBN (Buch)
9783638879767
Dateigröße
625 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v62299
Institution / Hochschule
Universität Mannheim – Lehrstuhl Neuere Germanistik II
Note
1,0
Schlagworte
Identitätsstifter Adalbert Chamissos Peter Schlemihls Geschichte Eigene Fremde Immigrantenliteratur Deutschland

Autor

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