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Das Zusammenspiel von Film und Politik in Indien

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 25 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Südasien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Politik und Kino

2. Das Phänomen „Kino in Indien“

3. Das Kino in der indischen Geschichte

4. Filmstars in der Politik

5. Tamil Nadu

6. Der Star als Gott?

7. Literaturverzeichnis

1. Politik und Kino

In der westlichen Hemisphäre, und mit den diesem Kulturkreis entsprechen- den Kinoerfahrungen und -gewohnheiten, scheint ein direkter Zusammenhang zwi- schen Politik und Kino nicht unbedingt ersichtlich. Indes, in so manchem Hollywood- thriller werden politische Prozesse und Zusammenhänge dargestellt und auch hinter den Kulissen dreht sich viel um Machtinteressen und -verteilung. Außerdem ist das Kino ja ein Produkt der bestehenden Verhältnisse und damit auch der Politik eines Landes: „[It] both reflects and is reflected through the country’s political, economical, social and cultural aspects”.1 Filme sind überall auf der Welt nicht nur Stifter von I- dentität, sondern auch Verbreiter von Ideologien, da sie Teil des Wirtschaftssystems und damit Gegenstand von Machtspielen sind.2

Die große Bedeutung der Medien an sich zeigt sich daran, dass sie oft die po- litische Agenda aufstellen, natürlicherweise das „Schlachtfeld“ für öffentliche Debat- ten bilden, als moralische Instanz auftreten und durch ihre Beeinflussungsmacht der Bevölkerung gegenüber eine große politische Kraft, oft als die vierte Macht im Staat bezeichnet, darstellen.3 Eine Untersuchung des Kinos und der Stereotype, die es schafft, bietet sich an, will man sich den sozialen Strukturen eines Landes nähern: Kulturerzeugnisse repräsentieren die Stimmungen in der Gesellschaft.4

Mit tagesaktueller Politik jedoch, mit tatsächlich fallenden Entscheidungen hat das Medium Kino im Westen nicht wirklich viel zu tun. In Indien hingegen, dem Land mit den meisten produzierten Filmen im Jahr,5 erhält das Kino noch einmal eine ganz anders geartete Bedeutung. Auf dem indischen Subkontinent leben Millionen von Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Fast zwei Drittel der Bevölkerung sind Anal- phabeten; Radio und Fernsehen sind in vielen Gegenden noch Luxus. Das Kino hin- gegen ist für relativ wenig Geld zugänglich und Filmvorführungen finden noch in den kleinsten Dörfern, im Notfall auf Laken, die man zwischen Bäume spannt, statt. Filme sind die dominierende Form der Unterhaltung und ein unverzichtbarer Teil des täglichen Lebens. Einiges spricht dafür, dass nirgendwo sonst auf der Welt dem Kino eine vergleichbare gesellschaftliche Bedeu- tung zukommt - und nur selten dürfte man auf ein Land stoßen, des- sen Bewohner den fiktionalen und realen Akteuren der Filmwelt so viel Raum in ihren Köpfen und Herzen einräumen wie die Inder.6

So ist es kaum verwunderlich, dass es über 13 000 Kinos in Indien gibt, die zusammen Besucherzahlen von rund 7 Mrd. im Jahr aufweisen.7 Ohne Zweifel ist also das Kino das effektivste Medium zur Massenkommunikation, Meinungsmache und Mythenschaffung in Indien.8 “Cinema […] does not merely reflect social reality, it also ‘constructs’ it.”9

Weil das Kino und vor allem die Film-Stars so eine große Bedeutung und Macht in Indien haben, bedienen sich die politischen Akteure dieses Mediums be- sonders gerne zu Wahlkampfzwecken und um Rückhalt für ihre Ideen zu gewinnen:

Fast jede Partei bändelt früher oder später mit einem der Superstars an und verspricht den vermeintlichen Stimmenfängern aussichtsreiche Zweitkarrieren auf der politischen Bühne.10

Von diesen „Zweitkarrieren“ gibt es einige interessante zu beobachten, besonders im Bundesstaat Tamil Nadu, in dem die Chief Minister seit den 60er Jahren von Film- schaffenden, Produzenten, Drehbuchschreibern und vor allem Schauspielern gestellt werden.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit diesen Zusammenhängen zwischen der Welt des Films und der Politik in Indien. Zunächst wird das Phänomen des indi- schen Kinos, dann die Geschichte des indischen Films vor dem Hintergrund der politi- schen Geschichte beleuchtet. Danach werden einzelne Beispiele von Filmstars in der Politik näher untersucht und mit einem besonderen Schwerpunkt im Bundesstaat Ta- mil Nadu dargestellt. Zum Schluss wird dann versucht, die Frage zu beantworten, wie es zu dem hohen Einfluss der Filmwelt auf die Politik in der größten Demokratie der Welt kommen konnte.

2. Das Phänomen „Kino in Indien“

„Movie-going in India is about escaping reality. “11

Ein Besuch in einem indischen Kino ist völlig anders, als man es aus einem westli- chen gewohnt ist. Ins Kino gehen ist vor allem ein gesellschaftliches Ereignis, nie- mand geht allein in die Vorstellung. Meistens besucht man eine Filmvorführung in Indien in Gruppen von vier bis zehn Leuten; oft sind es ganze Familien, von Babys bis zu den Großeltern. Auch unter Freunden und Arbeitskollegen ist das Kino ein be- liebter Ort der gemeinsamen Freizeitgestaltung.12 Der Film selbst tritt dabei fast in den Hintergrund:

Rather than the attentive stillness of audiences in the USA, in cinema theatres in India there is a continuous buzz of conversation and sounds of children laughing or crying. […] The mobility of the Indian audience is yet another feature of the viewing culture that shapes the experience. During the film, audience members move around, visit the toilets or the concession stand, and take restless children outside. […] The resulting collective experience of watching movies in India, where interaction is central to the experience, is therefore very differ- ent from the emotional experience which contemporary Western au- diences have of Hollywood films.13

Die Beliebtheit des Kinos zieht sich durch alle Schichten. Menschen, die sich keine teuren Karten leisten können, z.B. Rikschafahrer, sitzen in den unnummerier- ten und nicht klimatisierten vordersten Reihen. Man nennt sie „frontbenchers“.14 Auf das Kino will in Indien eben niemand verzichten und „[e]in echter Bollywoodfan geht mindestens ein Dutzend Mal in ein und denselben Film.“15 So ist es kein Wunder, dass das Publikum bei Filmen, die schon länger laufen, regelrecht mitfiebert und „mit- spielt“:

Die Fans opfern ihren Stars Blumen und Räucherstäbchen, die wäh- rend der Vorstellung am Fuße der Leinwand nieder gelegt werden. Man amüsiert sich, isst, trinkt, lacht, weint, klatscht und kommentiert die Ereignisse auf der Leinwand. Das indische Publikum ist engagiert und begeisterungsfähig, spendet Beifall, wenn der Bösewicht Prügel bezieht, oder weint mit dem Helden, der an einer unglücklichen Liebe zu zerbrechen droht.16

Aus diesen Gegebenheiten lässt sich auch das für europäische Augen so „andere“ an indischen Filmen erklären:

„Typische populäre indische Kinofilme sind keinem bestimmten Genre zuzuordnen. Die rund dreistündigen unterhaltungsorientierten Filme beinhalten eine Mischung aus meist opulent inszeniertem Familiendrama und romantischem Liebesfilm mit Action- und Komikanteilen sowie obligatorischen Tanz- und Gesangsszenen.“17

Die Filme dienen der Unterhaltung für jedermann. Alle Schichten, alle Kasten, alle Al- tersgruppen treffen sich im Kino. Wenn jemand lange Dialoge oder Tanzszenen lang- weilig findet, kann er sich so lange unterhalten, oder etwas zu essen holen. Ebenfalls ist eine genau nachvollziehbare Dramaturgie der Filme gar nicht notwendig, wenn so- wieso viele der Zuschauer nicht kontinuierlich zusehen. So kommt es zu Sprüngen in der Handlung, aber auch vielen Wiederholungen, Vorhersehbarkeiten und Neben- handlungssträngen, die mit dem eigentlichen Verlaufs des Films nicht viel zu tun ha- ben. Auch sehr typisch sind Traumszenen und Heldenposen, die oft noch mit der ent- sprechenden Musik unterlegt sind. Damit kommt die mythische Komponente indischer Filme ins Spiel.

Die indische Mythologie und ihre Figuren und Götter sind ein unerschöpflicher Quell für Stoffe, die sich verfilmen lassen. Unzählige Götter, religiöse Texte und göttergleich verehrte historische Figuren bieten Geschichten, Verwicklungen, den Kampf zwischen Gut und Böse, große Liebe, Mord und Totschlag für unendlich viele neue Filme. Allgemein bekannte und im Unterbewusstsein der Zuschauer verwurzelte Namen für Figuren dienen z.B. dazu, Stoffe zielsicher zu transportieren, Gefühle zu wecken und der Handlung eines Films ein sicheres Gerüst zu geben - Man kann daher [..] die Tatsache, daß indischen Künstlern aller Richtungen - also keineswegs nur den Filmschaffenden - die einheimische Mythologie gewissermaßen als Steinbruch für auf Anhieb allgemeinverständliche Ideen und Metaphern zur Verfügung steht, zu recht als ein großes Privileg interpretieren, auf das man als Angehöriger einer westlichen Kultur nur neidisch sein kann.18

Mythen sind auch deshalb so gut fürs Kino nutzbar, da durch die visuelle Umsetzung auf der Leinwand keine Vermittlung oder Mediation durch einen Priester o.ä. nötig ist. So kann auch das Kino als Medium für religiöse Botschaften genutzt werden, wie es ja auch in der westlichen Welt, durch Bibelverfilmungen, nicht unüblich ist. Viele Hindumythen werden verfilmt, ob „originalgetreu“ oder als Adaptionen in die heutige Zeit. Dabei verwischen leicht die Grenzen zwischen Menschen, die Götter darstellen, und den Göttern selbst. Der Hinduismus beruht auf der Anbetung vieler Götter und Gurus, die sich sehr leicht auf säkulare Idole übertragen lässt.19

Da das hinduistische Pantheon mit seinen unzählbaren Göttern und Gottheiten ohnehin sehr bevölkerungsreich ist, können ein paar Schauspieler mehr jederzeit darin aufgenommen werden.20

Die Helden der Leinwand werden zu Helden im wahren Leben, ihre Eigenschaften werden auf die Personen der Schauspieler übertragen21 und es findet eine Vergötte- rung der Stars statt, wie sie in der westlichen Welt höchstens bei den Beatles, Elvis Presley oder Take That beobachtet werden konnte. Fanclubs für bestimmte Stars sind vor allem in Südindien sehr populär.22 Die Fans kleiden sich wie ihre Stars, versuchen ihnen, bzw. den Figuren die sie darstellen, nachzueifern, feiern Feste bei den Film- premieren, organisieren den Kartenverkauf für die ersten Vorstellungen eines neuen Filmes, hängen die Werbeplakate auf und sind ihren Stars auch durch den Kauf von Merchandise-Artikeln von großem kommerziellen Nutzen. In Tamil Nadu ging die An- hängerschaft an den Schauspieler „MGR“ so weit, dass er einfach nur seine Fanclubs zusammenfassen musste, um eine Partei zu gründen, die als starke politische Kraft ins Parlament einzog und ihm bald zum Posten des Chief Ministers verhalf (siehe Ka- pitel 5 „Tamil Nadu“).

Wenn man es richtig anpackt, ist Kino in Indien also ein Millardengeschäft, bei dem es nicht nur um Geld, sondern vor allem auch um Macht geht. So scheint es nicht verwunderlich, dass über Verstrickungen zwischen Filmindustrie und Mafia im- mer wieder spekuliert wird: „In der indischen Filmindustrie gilt es als ausgemacht, dass etwa die Hälfte aller Filme mit Geldern aus der Unterwelt finanziert werden.“23

[...]


1 Gokulsing, K. Moti und Wimal Dissanayake: Indian Popular Cinema. A Narrative of Cultural Change. Stoke on Trent: Trentham Books, 1998., S. 1

2 Vgl. Bill Nichols in Kazmi, Fareed: The Politics of India’s Conventional Cinema. Imaging a Universe, Subverging a Multiverse. New Delhi: Sage Publications, 1999., S. 11

3 Vgl. Kazmi, S. 15

4 Vgl. M.J. Akbar in ebenda S. 12

5 Es sind zwischen 800 und 900, vgl. Gokulsing und Dissanayake, S. 1; Uhl, Matthias und Keval J. Kumar: Indischer Film. Eine Einführung. Bielefeld: transcript Verlag, 2004., S. 7., Koch, Elena: Kino in Indien. In: INDIEN-Jahrbuch 2004., S. 2

6 Uhl und Kumar, S. 7

7 Vgl. Koch, S. 2

8 Vgl. Kazmi, S. 15

9 ebenso, S. 16

10 Wenner, Dorothee: Die Göttliche darf nie küssen. In: Die Zeit, Ausgabe 44/1999. 4

11 Lakshmi Srinivas in Koch, S. 26

12 Vgl. Koch, S. 26

13 Lakshmi Srinivas in Koch, S. 25

14 Koch, S. 15

15 Myriam Alexowitz in Koch, S. 26

16 Myriam Alexowitz in Koch, S. 20

17 Koch, S. 2

18 Karrer, Peter: Wo der Mythos zur Realität wird. Kino und Fernsehen in Indien. In: Mitteilungen aus dem Museum für Völkerkunde Hamburg. Bd. 23. Hamburg: Lit, 1993. S. 171-175., S. 174

19 Vgl. Hanns-Georg Rodek in Koch, S. 19

20 Wenner (1999)

21 Vgl. Myriam Alexowitz in Koch, S. 20

22 Vgl. Koch, S. 20

23 Christiane Karweil in ebenda, S. 17

Details

Seiten
25
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638555579
ISBN (Buch)
9783638668507
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v62289
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Zusammenspiel Film Politik Indien Wirtschaft Außenpolitik Indiens Beginn Jahrhunderts

Autor

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Titel: Das Zusammenspiel von Film und Politik in Indien