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Freies Schreiben und Drucken mit der Schuldruckerei : Lesen- und Schreibenlernen ohne Fibel, aber mit Begeisterung.

Seminararbeit 2001 24 Seiten

Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Schreiben

3) Die schulische Infrastruktur unterstützt das Schreiben

4) Schreiben- und Lesenlernen mit eigenen Texten

5) Warum zuerst die Druckschrift ?

6) Die Freinet-Schuldruckerei
6 ).1 Die rechtschriftlichen Wirkungsebenen der Schuldruckerei
6).2 Der Setzkasten
6).3 Die Handhabung der Letter

7) Die Schuldruckerei – ein persönlicher Erfahrungsbericht
7).1 Das ‘Elfchen‘
7).2 ‘Das Haiku‘
7).3 Der ‘Blätterdruck‘
7).4 ‘4 Menschen, 4 Wörter, 4 Geschichten‘
7).5 ‘Ein Mann und eine Frau gehen am Strand spazieren...‘
7).6 Der Milchtütendruck
7).7 ‘Kreisschreiben‘
7).8 ‘Das zerschnittene Gedicht‘
7).9 Resümee

8) Fibelkritik

9) Literaturverzeichnis

1) Einleitung

Lernen hat etwas mit Gefühlen zu tun. Wer bei einem Lernprozeß positive Gefühle entwickelt- sich mit Hingabe und inneren Engagement dem zu lernenden Material hingibt, bei dem wird Lernen als ein selbstverständlicher Prozeß eingehen, ohne dass es ihm bewußt wird , dass er viel Arbeit leistet. Leider ist die Schulpraxis oft nicht so , sondern Zwang , Angst und Frustration sind oft die ständigen Begleiter der SchulerInnen. Das nicht selten autoritär, repressive Auftreten der LehrerInnen macht Lernen oft zu einem entfremdeten Prozeß, der bei vielen SchülerInnen psychische Probleme hervorruft, welche sie ihre ganze Schullaufbahn begleiten. Nicht ohne Grund gibt es in der Bundesrepublik Deutschland eine erschreckend hohe Zahl an AnalphabetInnen, deren Bildungsdefizit wohl eher selten auf ein individuelles Intelligenzdefizit zurückzuführen ist, sondern wohl eher auf elementare Mißstände seitens der im Schulwesen praktizierten Pädagogik und Didaktik.

Kann denn Schule ohne Rotstift Wissen vermitteln und dabei die Lernenden noch begeistern ? Die Grundlage hierfür wird in den ersten Schuljahren gelegt. Schrift- und Spracherwerb bei den jüngsten Mitgliedern der Gesellschaft kann mit Freude und Begeisterung einhergehen und nebenbei einen außerordentlichen Wissenszuwachs beinhalten. Hierfür muß aber erst die traditionelle Pädagogik und Didaktik ins Museum gestellt und neue Wege praktiziert werden: Ein Unterricht weitgehendst ohne Lehrerautorität und determinierte Strukturen, ein offenes Lernen in einer offenen Schule. Das diese neuen Wege keine bloßen theoretischen Ideale sind, belegen einschlägige wissenschaftliche Studien, die den Erfolg dieser neuen Methoden offenlegen, dort wo sie schon praktiziert werden.

2) Schreiben

Schreiben beinhaltet gleichzeitig und nacheinander ablaufende Prozesse, die intellektuell - sprachliche, psychische und motorische Aktivitäten des Schreibenden fordern (s. Spitta 1988, S. 12):

- selbständiges gedankliches Entwerfen eines Inhaltes im Rahmen größerer Sinneinheiten
- innersprachliche Ausformung auf Satz -Wortebene ( inhaltliche, grammatische, syntaktische Konstruktion);
- Organisieren des sprachlichen Inhaltes in Schriftzeichen unter Aspekten der morpho -phonematischen Struktur unserer Orthographie;
- Erstellen der Schriftzeichen mit Hilfe von Werkzeug und Material. Schreiben als besondere Form des Sprachgebrauchs dient vor allem der Fixierung von Erfahrungen, Gefühlen und Gedanken zum Zweck der Mitteilung ( kommunikative Funktion ); der inhaltlichen Erfassung ( Erfassungsfunktion ) ; sowie dem Festhalten von Informationen ( Aufzeichnungsfunktion ).

3) Die schulische Infrastruktur unterstützt das Schreiben

Die äußeren Umstände sind ungemein wichtig, um die jungen SchülerInnen zum Schreiben zu motivieren. So weckt ein karger, steriler Klassenraum sofort Antipathie gegen Schreiben, Lernen und Schule allgemein. Es ist daher unablässig den SchülerInnen vom ersten Schultag an, eine sympathische und warme Lernumgebung anzubieten. Neben den üblichen Accessoires, wie Blumen, Bilder etc. sollte der Klassenraum auch schon mit genug Materialien für den Schreibunterricht ausgestattet sein :

- Es sollten genug Stifte der unterschiedlichsten Art für die SchülerInnen unmittelbar greifbar sein, d.h. die Ausstattung sollte vom dünnsten Bleistift bis zum dicksten Filzschreiber alles beinhalten, womit man schreiben kann. Jedes Kind kann sich dann individuell aussuchen, welches Schreibgerät es bevorzugt.
- Es ist sinnvoll ein en großen Papiervorrat bereit zu stellen, damit die Kinder jederzeit schreiben , oder malen können. Hierbei ist darauf zu achten, dass die Blätter unterschiedliche Arten der Linierung aufweisen. Vom Blankobogen bis zum karierten Papier sollte alles vorhanden sein. Auch hier können die Kinder frei wählen, welches Format sie bevorzugen.
- Gerade in unserem computerisierten Zeitalter ist es wichtig, dass Rechner für die Kinder zugänglich sind. Mit einem Schreibprogramm haben die Kinder die Möglichkeit auf unkomplizierte Art die Buchstaben zu entdecken und bekommen zugleich ein sauberes Schriftbild. Optimal wäre es, wenn ausreichend Lernsoftware angeschafft werden würde. Für den Bereich der Grundschule sind im Fachhandel heutzutage schon genügend Lernprogramme erhältlich, die das Schreibenlernen unterstützten.
- Diverse Lernmaterialien, wie Stempelkästen und Lernspiele ( Bilder ABC, ABC-Puzzle, Buchstabenwürfel, Setzleisten für kleine Buchstaben-, Wort-, und Bildkarten etc. ) sollten immer griffbereit sein. Es ist sinnvoll dazu ‘gemütliche Lernecken‘ einzurichten, wo die Kinder sich zurückziehen und die unterschiedlichen Angebote nutzen können.
- Eine umfangreiche Bibliothek mit Literatur für diese Altersstufen hilft den Kindern ihre Neugier zu befriedigen und ihr Lesevermögen zu verbessern. Aber auch selbsterstellte Bücher und Drucke sollten in die Klassenbibliothek eingeordnet werden.

4) Schreiben- und Lesenlernen mit eigenen Texten

Durch das Verfassen von eigenen Texten, oder Briefen kann Lesen- und Schreibenlernen spielerisch und ohne Druck von Außen geschehen. Die Kinder schreiben ihre Gefühle und Erlebnisse in kleinen Geschichten und Berichten auf und untermalen diese mit selbstgemalten Bildern. Hiermit wird die Kreativität und das Ausdrucksvermögen gefördert und die Kinder bekommen einen persönlichen Zugang zur Schriftsprache, da sie ihre eigenen Gefühle und Gedanken niederschreiben. Die Erlebniswelt der Kinder ist reichhaltig, so müssen oft auch keine Vorgaben seitens des Lehrers gemacht werden, um die Kinder zum Schreiben zu bewegen, - sogenannte Schreibanläße vom Lehrer konstruiert werden.

Eine wichtige Funktion hierbei hat der alltägliche Morgenkreis. Hier können die Kinder über ihre Probleme, Gefühle und Erfahrungen reden, sich austauschen und beraten. Die Kinder können darauf ihre Geschichten aufschreiben und sammeln. So kann jedes Kind im laufe eines Schuljahres sein eigenes Buch kreieren – eine andere Form der Fibel !

Die Art des Sammelns kann sehr unterschiedlich sein und der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Man kann eine Klassenzeitung zusammenstellen, ein Fotoalbum über die Klasse erschaffen, Tagebücher schreiben, die SchülerInnen können Collagen über sich selbst oder ihre Lieblingstiere und Hobbys erstellen, oder einen Briefkasten in der Klasse installieren, durch den die Kinder sich gegenseitig Briefe und Mitteilungen schicken können ...

Eine sinnvolle didaktische Methode ist ebenfalls , dass die Kinder der Lehrperson ihre Geschichte diktieren und diese sie an die Tafel schreibt. Hierbei können die SchülerInnen über Formulierungsvorschläge diskutieren und sich austauschen. Jedes Kind kann dann seine Geschichte abschreiben und ein Bild der Foto hinzufügen.

“ Dadurch, dass das Formulieren und Diktieren, später auch das Äußern von Vermutungen über die Schreibweise der Wörter und eigene Schreibversuche `öffentlich` im Kreis erfolgen, können alle Kinder am Entstehungsprozeß einer kurzen Geschichte, eines Textes teilhaben“ ( Spitta, 1994, S.21 )

Diese Methode ist besonders für sprachlich wenig geförderte Kinder geeignet und kommt einer `natürlichen Sprachlernsituation` im familiären Umfeld sehr nahe. Die traditionelle Rollenverteilung ist hier also umgekehrt worden : Die Kinder diktieren der Lehrperson !

“ Der ausgewählte Text ist der, welcher den Anliegen der Klasse auch am meisten entspricht, welcher am besten die magische Verbindung herzustellen vermag, die nach unserer Ansicht unentbehrlich ist“ ( Freinet 1981, S. 27 )

Ein weiterer positiver Aspekt dieser Methode ist die Verbesserung des Artikulations- und Hörvermögens, welche durch den Prozess des Diktierens, Hörens und Verstehens hervorgerufen wird. Durch das Diktieren nehmen die SchülerInnen ihre Artikulation intensiver wahr und steuern diese bewußt. Die Lehrperson artikuliert beim Schreiben deutlich mit, so dass die Kinder Die Phonem-Graphem Korrespondenz mitbekommen. Bekannte Wörter können die Kinder natürlich selbst an die Tafel schreiben.

“ Wenn es um sie und ihre eigenen Texte geht, sind auch Schulanfänger entgegen allgemeinen Erwartungen in erstaunlichem Maße bereit und in der Lage, sich in einem umfassenden Sinn über Sprache Gedanken zu machen. Dabei kommen einerseits die spracherfahrenen Schüler stark zum Zuge, andererseits profitieren gerade auch die ungeübten Kinder aus der Situation des gemeinsamen Formulierens “ ( Spitta, 1994, S. 31 )

Nicht zu vernachlässigen ist hierbei auch die Kontrollmöglichkeit seitens der Lehrerschaft in Bezug auf die Vorerfahrungen mit der Schriftsprache, aber auch auf die individuellen Probleme der Kinder. Dadurch, dass diese durch das freie Schreiben ihre Seele offenbaren, werden ihre persönlichen Probleme transparent. So können soziale Konflikte innerhalb der Klasse besser erkannt und gelöst werden. Herrscht z.B. eine starke Antipathie von vielen SchülerInnen gegen ein Mitglied der Klasse, so wird dieses anhand des freien Schreibens über selbstgewählte Themen deutlich.

“ Findet Schreiben- und Lesenlernen zu einem erheblichen Teil an Wörtern und Sätzen statt, die die Kinder selbst diktiert haben, erfahren sie Schriftsprache als Möglichkeit, sich anderen mitzuteilen, von anderen zu erfahren, also einen Prozeß, der mit ihnen und dem, was ihnen wichtig ist, zu tun hat“ ( Spitta, 1994, S. 29 ).

- Das entsprechende Kind bekommt meistens keine, oder ausschließlich negative Rückmeldungen, z.B. beim gegenseitigen Briefeschreiben. Die Lehrperson kann dann in einem Diskussionskreis dieses Problem thematisieren. Aber auch familiäre Probleme können so dem Lehrer offenkundig werden ( z.B. Mißhandlungen, Vernachläßigungen ).

5) Warum zuerst die Druckschrift ?

Empirische Studien haben die anfänglichen Kritiken gegenüber der Wahl der Druckschrift als Erstschrift widerlegt und die folgenden Thesen untermauert:

- Die Druckschrift ist leichter zu erlernen als die Schreibschrift. Die Buchstabenformen sind einfacher zu erfassen und wahrzunehmen. Das Schriftbild ist deutlicher gegliedert und somit besser zu erkennen, was den Erwerb von Rechtschreib- und Lesesicherheit begünstigt.
- Die Druckschrift ist für die Kinder motorisch leichter zu produzieren. “ Das frühzeitige Schreiben mit Druckschrift stellt eine besonders sachangemessene Vorschulung der Feinmotorik zur Vorbereitung auf die Schreibschrift dar “ ( Spitta 1988, S. 66 ). Somit können Kinder frühzeitig eigene Texte erstellen, was gerade für leistungsschwächere SchülerInnen eine motivationsfördernde Wirkung hat.
- Kinder wählen meistens die Druckschrift von sich aus, um ihre ersten eigenen Schreibversuche zu vollziehen. Die Druckschrift entspricht also der originären, eigenständigen Schreibpraxis der Kinder.
- Druckschreiben kommt eine hohe lebenspraktische Bedeutung zu: Das Ausfüllen von Formularen muß meistens in Druckschrift geschehen. Zusätzlich gewinnt die Druckschrift aufgrund des zunehmenden Computereinsatzes immer mehr an Bedeutung.

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Details

Seiten
24
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638104081
ISBN (Buch)
9783638636872
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v622
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Lehramt Grundschule
Note
Schlagworte
Freies Schreiben Drucken Schuldruckerei Lesen- Schreibenlernen Fibel Begeisterung Rahmen Konzepts Schrift*

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Titel: Freies Schreiben und Drucken mit der Schuldruckerei : Lesen-  und Schreibenlernen ohne Fibel, aber mit Begeisterung.