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Rhythmus und Metrum - Formale Strukturen in der frühen Lyrik Paul Celans

Seminararbeit 1999 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsangabe

I. Einleitung

II. Metrik

III. Lyrische Formen im Frühwerk Paul Celans

IV. Formale Untersuchung der Gedichte ‚Mohn‘, ‚Die Schwelle des Traums‘ und ‚Todesfuge‘

V. Zusammenfassung

I. Einleitung

Das Thema der vorliegenden Arbeit ist der formale Aufbau der frühen Gedichte Paul Celans mit besonderer Berücksichtigung der Rhythmik.

Die Arbeit ist auf das Frühwerk Celans beschränkt, da die Gedichte im Hinblick auf ihre Metrik und ihren Rhythmus untersucht werden sollen und die frühen Gedichte, im Gegensatz zu denen der restlichen Schaffensperioden, eine Vielfalt verschiedener Formen bieten.

Im ersten Teil der Arbeit werden die theoretischen Grundlagen der metrischen Gedichtanalyse erarbeitet und die Begrifflichkeit geklärt. Teil zwei gibt einen kurzen Überblick über die Entwicklung der Gedichtformen in der frühen Schaffensperiode Celans, und im darauf folgenden Teil werden die erworbenen Grundlagen auf drei Gedichte Celans angewendet. Die ausgewählten Gedichte, ‚Mohn‘ und ‚Die Schwelle des Traums’ und die ‚Todesfuge‘, stammen aus dem ersten veröffentlichten Gedichtband. Trotz der gemeinsamen Veröffentlichung sind sie in ihren Formen sehr verschieden. Die ‚Todesfuge‘ hebt sich in ihrem Aufbau am deutlichsten von den anderen beiden Gedichten ab. Um zu einem Ergebnis für ihre formale Struktur zu kommen, werden an der Stelle ihrer Analyse auch inhaltliche Komponenten hinzugezogen, die sonst in dieser Arbeit vernachlässigt werden. Dieser dritte, praxisbezogene Abschnitt nimmt den größten Teil der Arbeit ein.

II. Metrik

In diesem Teil soll die Begrifflichkeit für eine formale Analyse der in Teil IV folgenden Gedichte geklärt werden.

Metrum und Reim sind die beiden Merkmale der Lyrik, die sie als solche für jeden erkennbar werden lassen. Sie sind feste Regeln der Dichtkunst, die bis ins 20. Jahrhundert von allen Lyrikern weitgehend befolgt wurden. Erst nach der Jahrhundertwende begannen sich die statischen Formen aufzulösen. Metrum und Reim wurden vernachlässigbar[1], dafür trat der spracheigene Rhythmus in den Vordergrund. Nur das für die Lyrik typische Schriftbild, das sie von der Prosa unterscheidet, blieb fast immer erhalten: Die Gliederung des Textes in Versen, (oder in der Konkreten Poesie, das graphische Formen des Sprachmaterials, um so auf einem zusätzlich visuellem Weg, eine Aussage zu machen). Im folgenden werde ich auf die drei genannten sprachlichen Elemente Reim, Metrum und Rhythmus näher eingehen.

Reim

Spricht man von Reim ist meistens der Endreim eines Wortes gemeint. Der reine Endreim wird dadurch definiert, daß der Gleichklang vom Ende bis zum letzten betonten Vokal der betreffenden Wörter reicht[2].

Das gereimte Wort steht am Ende eines Verses und verbindet ihn auf diese Weise mit einem anderen. In welcher Anordnung sich die beiden korrespondierenden Verse innerhalb der Strophe bzw. des Gedichts befinden ist verschieden. Folgen die Verse mit dem gemeinsamen Reim unmittelbar aufeinander (aabb), spricht man von Paarreim. Alterniert dieses Reimpaar mit einem weiteren (abab), wird er als Kreuzreim bezeichnet. Dieser kann auch „halb“ auftreten, indem sich nur die zweite und vierte Zeile reimen, die anderen jedoch nicht. Eine dritte Möglichkeit ist der Umschließende Reim (abba), bei dem ein Paarreim von einem weiteren Verspaar umfaßt wird.

Die Assonanz ist eine weitere Variante des Reims, der jedoch kein bestimmer Platz im Gedicht zugewiesen ist. Sie beschränkt sich auf die Übereinstimmung der Vokale zweier Wörter (z.B. Lauf, Tausch). Häufig ist sie innerhalb eines Verses zu finden.

Eine phonetisch ganz andere Art des Reims ist der Stabreim (Alliteration). Seine Voraussetzung ist die Übereinstimmung des anlautenden Konsonanten (z.B. Buch, Boot). Auch er wird meist innerhalb einer Zeile verwendet.

Da das charakteristische des Reims die (teilweise) phonetische Wiederkehr des bereits bekannten ist, kann im weitesten Sinne auch die Anapher als mit ihm verwandt bezeichnet werden. Sie liegt vor, wenn sich der Versanfang in aufeinanderfolgenden Versen wiederholt. Dieses rhetorische Stilmittel wird nicht nur in der Lyrik, sondern auch in Prosatexten verwendet.

Metrum

Als Metrum bezeichnet man einen schematisch festgelegten Rhythmus, welcher durch das gesamte Gedicht durchgehalten werden muß (er darf nicht mit dem spracheigenen Rhythmus verwechselt werden ). Die vier geläufigsten Metren (oder auch Versfüße) führen zurück auf die altgriechische Lyrik[3]. Allerdings sprach man dort von Längen und Kürzen und heute, aufgrund der Andersartigkeit unserer Sprache gegenüber dem Altgriechischen, von Hebungen und Senkungen (bzw. unbetont/betont). Die vier Metren unterscheiden sich in zwei Gruppen, denn Jambus (v -[4]) und Trochäus (- v) sind zweisilbige Versfüße, die bei ihrer Anwendung ein Alternieren von Hebung und Senkung zur Folge haben, während Daktylus (- vv) und Anapäst (vv -) dreisilbige Metren von eher fließendem Charakter sind.

Neben diesen geläufigen vier Metren gibt es noch weitere, die jedoch zum großen Teil Variationen der bereits genannten sind. Als zweisilbige Versfüße wären noch Pyrrhichius (vv) und Spondeus (--) zu nennen. Amphibrach (v – v) und Kretikus (- v -) gehören der dreisilbigen Gruppe an.

Hält der Dichter das gewählte Metrum in einem Gedicht nicht vollständig durch, ist das nicht zwangsläufig regelwidrig. Die sogenannte Lizenz ermöglicht ihm gegen die Ordnung des Schemas zu verstoßen, um mit der neuen Freiheit andere Effekte erzielen zu können. Die Lizenz ist eine Maßnahme für die Ausnahme. Verstößt der Lyriker zu oft gegen die ihm auferlegten Regeln, wird seine Lyrik nicht mehr als metrisch bezeichnet.

Rhythmus

Der Rhythmus in der lyrischen Sprache ist vom Metrum unabhängig. Rhythmus und Metrum können zwar übereinstimmen. Diese Parallelität muß vorherrschend sein, ist jedoch nicht zwingend. (Vollkommen gegenläufig können sie allerdings nicht sein, da in diesem Fall kein Metrum mehr vorhanden wäre, denn dieses bildet sich schließlich aus dem Sprachrhythmus heraus.) Da beide – Metrum und Rhythmus - eine Zeiteinteilung der gesprochenen Sprache bedeuten, kommt es leicht zu einer Vermischung der Begriffe. Deutlich wird der Unterschied bei der Art des Sprechens eines Gedichtes: Rezitiert man das Gedicht, setzt man den Rhythmus dem Sinn entsprechend[5], also dem natürlichen auch in der Prosa verwendeten Sprachverlauf; wird es skandiert, so gehorcht der Sprecher bei der Betonung der Worte den metrischen Regeln[6].

Verschiedene Stilmittel ermöglichen es dem Rhythmus in einem streng metrischen Gedicht hervorzutreten. Indem an einigen Stellen eine Gegenläufigkeit von Rhythmus und Metrum entsteht, wird die Gefahr, beim Sprechen in Monotonie zu verfallen, verringert. Eine Möglichkeit ist, die Verszeile mit wahlweise männlichem ( Endung auf betonter Silbe) und weiblichem Schluß (Endung auf unbetonter Silbe) zu versehen. Damit würden im Fall eines jambischen Gedichtes mit weiblichem Versschluß zwei unbetonte Silben aufeinander treffen und so der alternierende Rhythmus unterbrochen werden. Eine Alternative dazu wäre, Rhythmus und Metrum, im Sinne von semantisch- und formalbetontem Sprechen, kollidieren zu lassen. Das Enjambement (Zeilenbruch) unterbricht den Satz mit dem Versende und führt ihn im nächsten Vers weiter. Dabei werden die metrischen Regeln weiter berücksichtigt, doch durch die semantische Weiterführung in die nächste Zeile entsteht ein Betonungskonflikt, der bei einem gemeinsamen Abschluß von Satz und Vers nicht gegeben wäre.

In der Entwicklung von Metrum und Rhythmus ist ein klare Tendenz zur Abkehr von einem festen Metrum zu erkennen. Zeitgleich bekommt der Rhythmus ein größeres Eigengewicht, und die formalen Schranken werden beseitigt. Eine Gefahr bei der Auflösung der bisher angewandten Regeln ist die damit entstandene Nähe zur Prosa. Ergibt sich kein Unterschied mehr beim Rezitieren eines Textes bei verschiedener Schreibweise (in Versen oder fortlaufend geschrieben), wird die Verwendung des Begriffes Lyrik zweifelhaft.

III. Lyrische Formen im Frühwerk Paul Celans

In seiner frühen Schaffensperiode verwendete Paul Celan eine Vielfalt von lyrischen Formen, aus denen sich im Laufe seines Lebens sein eigener Stil entwickelte. Der erste hier behandelte Gedichtband „Der Sand aus den Urnen“ (1948) weist sowohl traditionelle Formen als auch bereits Gedichte ohne Metrum und Reim auf. Eine kontinuierlich lineare Abkehr von Metrum und Reim ist dabei nicht zu erkennen, vielmehr ein Verstummen, welches vom Entsetzen über den Holocaust herrührt, das dem Gebrauch der klassisch-romantischer Formen widerspricht. Daß die Anwendung traditioneller Formen in Frage steht, thematisiert Celan bereits in seinem ersten Gedichtband in dem Gedicht ‚Nähe der Gräber‘:

Und duldest du, Mutter, wie einst, ach, daheim,

den leisen, den deutschen, den schmerzlichen Reim?[7]

Das Fehlen der Harmonie hat das Fehlen des Reims zur Folge. Es bleiben „Reim-Ruinen in Form von Assonanzen“[8] übrig. Die Ordnung, die durch metrische Strukturelemente erzeugt wird, widerspricht der Intention Celans und wird aufgegeben. Seine Sprache bildet das Schweigen, was sie nicht zu beschreiben vermag, aus sich selbst.

[...]


[1] Das bedeutet natürlich nicht, daß sie von allen Lyrikern vernachlässigt wurden. Viele dichteten weiter im Stil der Klassik und Romantik.

[2] vgl. Wagenknecht 1993

[3] vgl. Gelfert 1998

[4] Ich benutze hier die einfache Notationsweise. Sinnvoll wäre an anderer Stelle auch die Notierung der Schwere einer Silbe mit einer Differenzierung von vier und nicht nur zwei Stufen. vgl. Wagenknecht 1993, S. 26

[5] Die „Gliederung der Zeit in sinnlich faßbare Teile“. Heusler, Andreas: Deutsche Versgeschichte. Berlin/Leipzig 1929

[6] vgl. Wagenknecht 1993, S. 14

[7] Das etwas spätere Gedicht ‚Espenbaum‘ ist eine Fortführung des Gedichts ‚Nähe der Gräber‘. Der formale Aufbau ist derselbe (Es handelt inhaltlich auch von Celans Mutter) nur fehlt diesmal der Reim.

[8] Wiedemann-Wolf, S. 173

Details

Seiten
20
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638554749
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v62183
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,0
Schlagworte
Rhythmus Metrum Formale Strukturen Lyrik Paul Celans

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Titel: Rhythmus und Metrum - Formale Strukturen in der frühen Lyrik Paul Celans