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Formen, Funktionen und Strukturierungspotenzen epischer Vorausdeutungen im Nibelungenlied

Hausarbeit 2006 21 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Epische Vorausdeutungen im Nibelungenlied
2.1. Formen und Funktionen
2.2. Strukturierungspotenzen im Aufbau des Nibelungenliedes

3. Schlussbemerkungen

4. Verzeichnis der Vorausdeutungen

5. Schema zur Struktur des Nibelungenliedes

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Nibelungenlied ist wahrscheinlich eines der bekanntesten deutschsprachigen Werke des Mittelalters und hat eine gewisse Sonderstellung inne, da sich kaum ein vergleichbares Pendant findet. Als handschriftlich überlieferter Text ist es ab ca. 1200 in mittelhochdeutscher Sprache bekannt; wovon sich insgesamt 34 Textzeugnisse (vollständig oder fragmentarisch)[1] erhalten haben, was darauf hinweist, dass es schon zu Beginn seiner Verschriftlichung weithin bekannt und beliebt war. Die einzelnen Handschriften gleichen sich jedoch keineswegs im Wortlaut, Strophenzahl und Inhalt (obwohl der Handlungsrahmen weitestgehend identisch ist), so wie dies heutzutage üblich wäre, sondern weisen einige Abweichungen auf.

Daher ist es verständlich, dass die Überlieferungsgeschichte des Nibelungenliedes, aber auch andere Besonderheiten des Textes, in der Forschung einige Fragen aufwerfen. Dazu gehören z.B. besonders Fragen nach einer möglichen Urform des Liedes; der Verbindung zwischen nordischen und deutschen Zeugnissen oder der Rezeptionsgeschichte; aber auch Beiträge zu den einzelnen handelnden Personen des Liedes und zur Interpretation des Werkes zählen dazu. Da sich die Forschung hauptsächlich auf solche oder ähnliche Problemstellungen konzentriert hat, sind andere Besonderheiten und Aspekte jedoch eher randständig behandelt oder erwähnt worden. Dies gilt besonders auch für das Vorkommen von Vorausdeutungen im Nibelungenlied. Sie gehören zweifellos zu den eigenartigsten Besonderheiten des Liedes, haben aber bisher eher wenig Beachtung gefunden.

Schon in den ersten Strophen erfährt der Leser, noch bevor die eigentliche Handlung überhaupt erst richtig begonnen hat, wovon die Erzählung handelt und wie sie enden wird.

1 Uns ist in alten mæren wunders vil geseit von helden lobebæren, von grôzer arebeit, von fröuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen, von küener recken strîten muget ir nu wunder hÊren sagen. 6; 2-4 in diente von ir landen vil stolziu ritterscaft mit lobelîchen êren unz an ir endes zît. si sturben sît jæmerlîche von zweier edelen frouwen nît.[2]

In ähnlicher Weise wird im Nibelungenlied fortwährend auf das Ende oder andere zukünftige Ereignisse verwiesen. Das scheint auf den ersten Blick etwas absurd, da schon von Anfang an das Ende bekannt ist und der Sinn des Weiter-Lesens in Frage gestellt scheint. Es drängt sich unweigerlich die Frage nach dem Zweck dieser Vorausdeutungen auf, denn aufgrund der häufigen Verwendung (insgesamt 143 Stellen!) liegt die Vermutung nahe, dass eine gewisse Absicht dahinter steht.

Diese Arbeit wird sich mit den Vorausdeutungen unter der Fragestellung befassen, ob und inwieweit sie bestimmte Funktionen erfüllen und zur Strukturierung des Werkes beitragen. Dabei werden jedoch nur die Vorgriffe betrachtet, die vom Erzähler selbst, als übergeordnete Instanz, geäußert werden; was bedeutet, dass Vorausdeutungen, die von den handelnden Personen angeführt werden (so zum Beispiel in Form von Träumen, Prophezeiungen oder Ahnungen), in die Betrachtungen nicht mit einbezogen werden.

Zunächst soll geklärt werden, welche Formen von Vorausdeutungen sich im Nibelungenlied finden und welche Funktionen sie allgemein und im Kontext erfüllen, um dann davon ausgehend auf mögliche Strukturierungspotenzen in Bezug auf den Aufbau des Werkes schließen zu können. Es wird sich zeigen, dass die Verwendung von Vorausdeutungen als eine bewusst eingesetzte Erzählstrategie erscheint und der inneren Strukturierung und der Verknüpfung einzelner Erzählteile innerhalb des Liedes dient.

2. Epische Vorausdeutungen im Nibelungenlied

Ganz allgemein kann zunächst gesagt werden, dass es sich bei epischen Vorausdeutungen um Prophezeiungen oder Erwähnungen von Ereignissen handelt, die an einer späteren Stelle der Erzählung erneut aufgegriffen und ausführlich dargestellt werden. Sie sollten daher von Vorausgriffen unterschieden und abgegrenzt werden, bei denen es sich genau genommen um Vorwegnahmen handelt, da die erwähnten Ereignisse nicht erneut an späterer Stelle aufgenommen werden. Dazu finden sich auch einige Beispiel im Nibelungenlied, z.B. bei Hagens Bericht über Siegfrieds Jugendtaten Strophe 94, 3; 96, 2; 97, 3[3]. Es ist also wichtig, dass sich die Vorausdeutungen innerhalb der Erzählung erfüllen und sich somit „in die Thematik des Werkes ein[ordnen].“[4]

2.1. Formen und Funktionen

Generell werden Vorausdeutungen als Merkmal des mittelalterlichen Epos herangezogen, da sie u.a. die Objektivität (als typische Eigenschaft des Epos) des Erzählers zum vorgetragenen Stoff bezeugen[5]. Doch es wäre zu simpel, die gehäufte Verwendung der epischen Vorausdeutungen im Nibelungenlied einzig auf diese Funktion zu beschränken. Die vielfältigen Funktionen, die die Vorausgriffe erfüllen, lassen sich zum einen anhand ihrer Form (d.h. anhand der Art der Vorausdeutung, um die es sich im Einzelnen handelt), zum anderen anhand des Kontextes (in dem Vorausgriffe verwendet werden), beschreiben und erklären. Aber auch das Ereignis, auf das verwiesen wird, kann entscheidend für die funktionale Bedeutung der Vorausdeutung sein.

Die Unterscheidung von Formen der Vorausgriffe ergibt sich daraus, an welcher Stelle im Text sie verwendet werden und worauf sie im Allgemeinen hindeuten. Es ergeben sich dadurch verschiedene Kategorien, die jedoch alle zu den „zukunftsgewissen Vorausdeutungen“[6] zählen, da sie vom Erzähler, der eine gewisse Distanz zum Erzählgegenstand und einen Überblick über den Handlungsverlauf hat, geäußert werden.

Die erste Vorausdeutung, die im Nibelungenlied erscheint, findet sich gleich in der ersten Strophe und hat die Form der einführenden Vorausdeutung .

1 Uns ist in alten mæren wunders vil geseit

von helden lobebæren, von grôzer arebeit,

von fröuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen,

von küener recken strîten muget ir nu wunder hÊren sagen.

Kennzeichnend für diese Vorausgriffe, die sich hauptsächlich im Titel, Vorwort oder in der Vorgeschichte finden, ist, dass sie die wichtigsten Handlungsphasen und -inhalte darstellen, noch bevor die eigentliche Handlung begonnen hat. In den darauf folgenden Strophen wird die Vorgeschichte mitgeteilt, in der die wichtigsten Personen vorgestellt werden, was in unserem Fall Kriemhild und der Burgunderhof ist. Auch hier finden sich drei weitere einführende Vorausdeutungen[7] in denen hauptsächlich der Untergang der Burgunder vorhergesagt wird. Dadurch wird eine Kontrastierung von Anfangs- und Endsituation erzeugt, die eine große Diskrepanz aufweisen; die Ehre und das Ansehen der Burgunder zu Beginn und der jämmerliche Tod am Ende stehen sich diametral gegenüber.

Da aber schon am Anfang klar ist, was im Folgenden geschehen wird, wird zwar die Was -Spannung genommen (d.h., dass der Hörer nicht mehr gespannt sein muss, was geschehen wird), dafür aber die Konzentration auf das Wie (dies geschehen wird) verstärkt.

„Insgesamt läuft die Wirkung solcher Vorausdeutungen darauf hinaus, den besonderen Erzählgegenstand von vorneherein einer allgemeinen Grunderfahrung zuzuordnen, nach deren Kenntnis sich aber auch Verlauf und Ausgang des Geschehens bereits vorahnen lassen – eine echte Verlagerung der Spannung auf das Wie des Vorgangs.“[8]

Es ist daher wohl verständlich, dass diese Form der Vorausdeutung nicht besonders häufig vorkommt, da sie sich auf den Anfang der Erzählung beschränkt, der besonders auch im Nibelungenlied sehr kurz ausfällt.

Neben dieser festen Form der Vorausdeutung (fest, da sie sich immer an einer bestimmten Stelle der Erzählung findet), gibt es noch weitere Formen eingeschobener Vorausdeutungen .

Besonders bestimmend ist davon im Nibelungenlied die Phasenvorausdeutung . Sie stehen immer am Anfang einzelner Handlungsphasen bzw. -abschnitte und werden vorwiegend in Form von Teilüberschriften verwendet. Diese finden sich im Text des Nibelungenliedes zu Beginn der Kapitel oder Aventiuren als Überschrift; so z.B. Âventiure 7 mit dem Titel: Wie Gunther Prünhilde gewan. In diesen Überschriften wird kurz und prägnant erwähnt, wovon der betreffende Abschnitt handeln wird. Sie haben daher gewisse Ähnlichkeiten mit den einführenden Vorausdeutungen , dienen aber zusätzlich, neben der Konzentrationsverlagerung auf die Wie -Spannung, der Gliederung der Erzählung in einzelne Phasen.

„Gliedert eine Erzählung ihre Phasen in einzelne überschriftete Teile oder Kapitel auf, so tragen deren Titel im allgemeinen die Teilvorausdeutungen für den entsprechenden Erzählabschnitt.“[9]

Diese Vorausdeutungen begleiten den Leser dann während der ganzen Erzählung bzw. den einzelnen Handlungsschritten und haben hauptsächlich eine ordnende Funktion.

Neben diesen Vorgriffen finden sich aber auch solche, die nicht den Ausgang eines bestimmten Kapitels vorausdeuten, sondern (ähnlich wie die einführende Vorausdeutung ) auf das Ende der Erzählung verweisen. Solche Ausgangsvorausdeutungen finden besonders bei Erzählungen Verwendung, deren Handlungen und Ereignisse auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet sind. Dass dies beim Nibelungenlied der Fall ist, wird deutlich, wenn man beachtet, dass von den 143 Vorausdeutungen 60 Ausgangsvorausdeutungen sind.

Ein Beispiel findet sich schon am Anfang in Strophe 19:

19 Der was der selbe valke, den si in ir troume sach,

den ir besciet ir mouter. wie sêre si daz rach

an ir næhsten mâgen, die in slougen sint!

durch sîn eines sterben starp vil maneger muoter kint.

Die häufige Verwendung dieser Vorausdeutung ist ein Zeichen dafür, dass sie für das Gesamtkonzept des Werkes eine bedeutende Rolle spielt. Da sie aber ähnliche Funktionen erfüllt wie die bereits erwähnten Vorgriffe, kann ihre Bedeutung nicht alleine aufgrund dieser Funktionen bemessen werden.

Über die Phasenvorausdeutungen wurde zuvor gesagt, dass sie nur für einen bestimmten Abschnitt gelten und innerhalb dessen Handlung erfüllt werden. Wenn aber eine Erzählung nur von dieser Form von Vorausgriffen Gebrauch machen würde, könnte leicht der Eindruck entstehen, dass die so entstandenen Kapitel für sich, als abgeschlossene Teilhandlungen, stehen und ein Zusammenhang zwischen ihnen nur sehr locker besteht. Durch die zusätzliche Verwendung von Ausgangsvorausdeutungen werden aber gerade diese Abschnitte in einen näheren Zusammenhang gestellt, da somit jeder Abschnitt auf das Ende hindeutet und deutlich wird, dass jeder Teil der Erzählung für den Ausgang von Bedeutung ist. Das dies besonders für das Nibelungenlied gilt, wird deutlich, wenn man bedenkt, dass die Katastrophe zum Schluss nur durch das Zusammenspiel der einzelnen Episoden (der Werbung Siegfrieds um Kriemhild, die dazu führt, dass Gunther um Brünhild wirbt, was wieder dazu führt, dass die beiden Ehefrauen in Streit geraten, Siegfried ermordet wird usw.) zustande kommt.

„Die Endvoraussagen, die eine Erzählung begleiten, straffen den Gesamtvorgang, indem sie die Linien der verschiedenen Teilvorgänge nie zur Ruhe, d.h. zu voller Erfüllung in sich, kommen lassen. Sie sind einheitsbildend im echten Sinne.“[10]

[...]


[1] Vergleiche hierzu: Heinzle, J.: Das Nibelungenlied – Eine Einführung. Frankfurt/Main. 1994. S.

[2] Im Folgenden sind Strophenangabe und Text entnommen aus: Das Nibelungenlied: Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Nach dem Text von K. Bartsch und H. de Boor ins Neuhochdeutsche übersetzt und kommentiert von S. Grosse. Stuttgart. 2002.

[3] Alle Vorwegnahmen (d.h. alle „uneigentlichen“ Vorausdeutungen) werden von Beyschlag aufgeführt. Siehe hierzu: Beyschlag, S.: Die Funktion epischer Vorausdeutungen im Aufbau des Nibelungenliedes. Halle. 1954/ 1955. S. 50.

[4] Ebd.: S. 50.

[5] So auch: Jauß, H.-R.: Alterität und Modernität der mittelalterlichen Literatur. München. 1977. S. 114ff.

[6] Lämmert unterscheidet die zukunftsgewissen Vorausdeutungen von den zukunftsungewissen Vorausdeutungen , was sich aus der Perspektive des Erzählers ergibt. So werden letztere vornehmlich von den handelnden Personen selbst geäußert, die nicht den Überblick über das Geschehen haben, wie dies ein überschauender Erzähler hat (obwohl auch zukunftsgewisse Vorausdeutungen durch Protagonisten eingebracht werden können, wie dies z.B. bei Prophezeiungen der Fall ist). Wie bereits erwähnt, werden diese Formen der zukunftsungewissen Vorausdeutung nicht behandelt. Zur Unterscheidung der Vorausdeutungen siehe: Lämmert, E.: Bauformen des Erzählens. Stuttgart. 1955. S. 139ff.

[7] Ein Verzeichnis der Vorausdeutungen findet sich im Anhang, wo Stelle, Bezug und Form der Vorausdeutung vermerkt sind. Die Bezeichnung der Vorausdeutungen folgt der Terminologie Lämmerts. Siehe: Ebd.: S. 139ff.

[8] Ebd.: S. 150.

[9] Lämmert, E.: Bauformen des Erzählens. Stuttgart. 1955. S. 163.

[10] Lämmert, E.: Bauformen des Erzählens. Stuttgart. 1955. S. 168.

Details

Seiten
21
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638554695
ISBN (Buch)
9783638806947
Dateigröße
709 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v62176
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Formen Funktionen Strukturierungspotenzen Vorausdeutungen Nibelungenlied Mediavistik Germanistik Epos Mittelalter Literaturwissenschaft

Autor

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