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Nutzen und Nachteil der Ironie - zeitgemäße Betrachtungen über die Ironie der Generation Golf

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 21 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. EINFÜHRUNG

II. NIETZSCHE – PROTAGONIST „UNZEITGEMÄßEN DENKENS“
II.1. WERDEGANG
II.2. NIETZSCHES FREUNDSCHAFT ZU WAGNER
II.3 NIETZSCHES PHILOSOPHIE
II.4 VOM NUTZEN UND NACHTEIL DER HISTORIE (1874)

III. Paul Nolte in Bremen
III.1. Zur Person: Paul Nolte
III.3. Paul Nolte im Gespräch

IV. Was ist Ironie?

V. Nutzen und Nachteil der Ironie
V.1. Die „HARALD-SCHMIDT-SHOW“ IM Zeitgeist
V.2. DIE IRONIE DER „Generation Golf“

Epilog

LITERATURVERZEICHNIS

I. EINFÜHRUNG

Die vorliegende Arbeit soll aus Zeit- mit Mentalitätsgeschichte verbinden. Gegenstand ist ein charakteristisches Merkmal der „Generation Golf“[1]: die Ironie. In der Zeit um die Jahrtausendwende schien ironisches Denken, Sprechen und Handeln gesellschaftlicher Konsens zu sein.

Dieser Aufsatz ist der Versuch einer unzeitgemäßen Betrachtung dieses Phänomens und seines prominentesten Vertreters Harald Schmidt. Ausgangsbasis dafür ist – wie es der Titel andeutet soll – die zweite „Unzeitgemäße Betrachtung“ von Friedrich Nietzsche: „Vom Nutzen und Nachteil der Historie“.[2] Deshalb ist diese Arbeit in drei Teile untergliedert, deren roter Faden das unzeitgemäße Denken sein soll.

Friedrich Nietzsche gilt als Wegbereiter der Postmoderne und einer scharfen Kritik am Zeitgeist. Sein Leben und sein Werk werden im ersten Teil kurz vorgestellt. Das Hauptaugenmerk gilt dabei seiner Kritik am Umgang mit der Geschichte in den 1870er Jahren.

Anschließend soll die Frage diskutiert werden, ob Nietzsches Ideen gut 100 Jahre nach seinem Tod noch Einfluss auf Historiker haben. Dazu konnte Paul Nolte gewonnen werden.

Der Bremer Wissenschaftler ist derzeit einer der meistdiskutierten Interpreten aktueller Probleme. Das Kapitel III. beruht auf einem 45 minütigen Interview mit Nolte am 4. Mai in der „International University Bremen“. Gesprächsthemen waren Noltes aktuelles Buch „Generation Reform. Jenseits der blockierten Republik“, seine Ansichten über die Aufgabengebiete eines Historikers und schließlich seine Kritik an einer „blasiert ironischen Haltung“ der „Generation Golf“.

Diese ist Gegenstand des dritten Teils dieser Arbeit, in der Nutzen und Nachteil der Ironie diskutiert werden soll. Am Beispiel der „Harald-Schmidt-Show“ soll zunächst gezeigt werden, welche Vorstellung von „zeitgemäßem Denken“ dieser Arbeit zu Grunde liegt und warum die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Zeilen zurecht die Frage aufwarf, ob Harald Schmidt noch zeitgemäß sei.[3]

Zentrale These ist, dass Ironie sich von einem der Unterhaltung dienenden Element der „Harald-Schmidt-Show“ zum Ausdruck einer gesamtgesellschaftlichen Geisteshaltung entwickelte. Die Unter-suchung ist aus diesem Grund bewusst mentalitätsgeschichtlich orientiert.

Zur Analyse der aufgestellten These dienen deshalb unterschiedlichste Massenmedien (TV-Sendungen, Radio-Feature, Zeitungen, Zeitschriften sowie Literatur), in denen sich aktuelle Befind-lichkeiten und Probleme widerspiegeln.[4] So soll ein Panoptikum von Mentalitäten und gesellschaft-lichen Strömungen entstehen.

All dies kreist um die zentrale Frage des Aufsatzes: „Was würde Nietzsche wohl über die Ironie sagen?“

II. NIETZSCHE – PROTAGONIST „UNZEITGEMÄßEN DENKENS“

II.1. WERDEGANG

Friedrich Wilhelm Nietzsche wird am 15. Oktober 1844 als Pfarrerssohn in Röcken in der Nähe von Leipzig geboren. Da er am Geburtstag des preußischen König Friedrich Wilhelm IV. zur Welt kommt, wird er auf dessen Vornamen getauft.[5] Bereits mit zehn Jahren beginnt Nietzsche Gedichte zu schreiben und Musikstücke zu komponieren. Er ist begeisterter Leser von Friedrich Hölderlin und eckt damit früh bei seinen konservativen Internatslehrern an.[6] Ab 1864 studiert Nietzsche zunächst in Bonn Theologie. Die zufällige Lektüre von Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung“ hat nachhaltigen Einfluss auf den jungen Studenten. Nietzsche konzentriert sich anschließend auf klassische Philologie. Neben seinem „Erzieher“[7] Schopenhauer entwickelt sich Albrecht Ritschl zum Mentor, dem er auch nach Leipzig folgt. Es ist schließlich auch Ritschl, der 1868 den 24jährigen Nietzsche für eine Professur an der Universität Basel empfiehlt.

Als 1870 der Krieg gegen Frankreich ausbricht, meldet sich Nietzsche freiwillig zum Sanitätsdienst. Er zieht sich hierbei eine schwere Ruhr- und Diphtherieinfektion zu. In den folgenden Jahren häufen sich bei ihm heftige Migräneanfälle, die fast zur Erblindung führen. Von diesen körperlichen Leiden geplagt, legt er 1879 seine Professur in Basel nieder. Fortan widmet er sich ausschließlich dem Schreiben.

Um Linderung von seinen Schmerzen zu finden, reist Nietzsche lange Zeit durch Italien. 1889 bricht er in Turin auf offener Straße zusammen. Die letzten Jahre seines Lebens verbringt er in geistiger Umnachtung und halbseitiger Lähmung bei seiner Mutter und nach ihrem Tod bei seiner Schwester. Der genaue Grund für seine atypisch verlaufende Paralyse ist sehr wahrscheinlich Syphilis.[8] Nietzsche stirbt schließlich am 25. August 1900 in Weimar. Seine bedeutendsten Werke sind „Die Geburt der Tragödie“, „Also sprach Zarathustra“, „Menschliches und Allzumenschliches“, „Jenseits von Gut und Böse“ und „Ecce homo“.

II.2. NIETZSCHES FREUNDSCHAFT ZU WAGNER

Nietzsches Verhältnis zu Richard Wagner ist bezeichnend für seine „provokative Kompromisslosigkeit“.[9] Zunächst findet er nach dem frühen Tod seines Vaters in Wagner eine Art Ersatzvater.[10] Der amerikanische Nietzsche-Biograf Walter Kaufmann sieht in der Freundschaft zwischen den beiden den „Ausgangspunkt von Nietzsches Tiefenpsychologie und eine der entscheidenden Anregungen zu seiner späteren Lehre vom Willen zur Macht.“[11] Nietzsche hält den Komponisten „für das größte schöpferische Genie Deutschlands“, denn die Erscheinung Wagners überzeugte ihn davon, dass „Größe und echtes Schaffen noch möglich waren; und Wagner war es, der in ihm das unaufhörliche Bestreben hervorrief, „es dem Freunde gleichzutun, ja ihn zu übertreffen.“[12]

Während seiner Arbeit an den Unzeitgemäßen Betrachtungen Anfang der 1870er Jahre distanziert sich Nietzsche zusehends von Wagner. Es kommt schließlich 1876 zum Bruch, denn Bayreuth entwickelt sich zu diesem Zeitpunkt zum Kulturzentrum des Deutschen Reiches. Für Nietzsche wurde es zum Symbol des „Philistertums“[13] und diente somit als Beispiel der „Exstirpation des deutsch Geistes“.[14]

Wagner und Bayreuth galten fortan als Kultstätte eines antisemitischen Chauvinismus. Nietzsche empfindet nichts als Abscheu gegenüber einer sozialdarwinistische Weltanschauung sowie allen Massenbewegungen. Da er keine Möglichkeit zur Einigung sieht, beendet er – unter großer öffentlicher Anteilnahme – seine Freundschaft zu Wagner.[15]

II.3 NIETZSCHES PHILOSOPHIE

Nietzsche kann als ‚Anti-Philosoph’ bezeichnet werden, da er seine Gedanken nicht systematisch entfaltet. Stattdessen verfasst er Aphorismen, Lyrik oder Prosatexte. Sein Hauptwerk „Also sprach Zarathustra“ (1883 – 85) besteht aus einer Mischung dieser drei Elemente. Außerdem scheut Nietzsche nicht davor zurück, Paradoxien und Widersprüchlichkeiten zum Ausdruck zu bringen.

Kaufmann formuliert pointiert: „Nietzsches Bücher lassen sich leichter lesen, aber schwerer verstehen als die Bücher fast jeden anderen Denkers.“[16] Deshalb ist wohl kaum ein anderer Philosoph derartig missverstanden worden wie Nietzsche – den Nationalsozialisten ist es gar gelungen, ihn zum „Proto-nazi“ zu stilisieren. Möglich wurde dies allerdings nur unter Ausblendung seiner „systematischen Entlarvungstheorie“.[17]

Tatsächlich steht für Nietzsche die Individualität des Einzelnen im Zentrum. ‚Zarathustra’ will den Menschen wachrütteln, indem er ausruft: „Ich suche Gott! […] Wohin ist Gott? […] Ich will es euch sagen […] Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?“.[18] Die Frage impliziert die Aufforderung, sich von allen metaphysischen wie irdischen Fesseln – wie bspw. Religion oder Moral – frei zu machen. Nach dem Tod Gottes erlangt der Mensch selbst göttlichen Rang und wird wie Nietzsche es formuliert zum „Übermenschen“.[19]

Damit einher geht die ‚amor fati’, die Liebe zum Schicksal der Endlichkeit.[20] Diese Haltung – das „‚Ja’ zum Leben und zum Schicksalhaften“[21] – ermöglicht es, sich von den Zwängen des Zeitgeistes zu befreien, und selbst „reif zu werden“.[22]

II.4 VOM NUTZEN UND NACHTEIL DER HISTORIE (1874)

Bei oberflächlicher Betrachtung handelt es sich bei der 1874 entstandenen zweiten „Unzeitgemäßen Betrachtung“ um einen Rundumschlag gegen alles Historische. Aber Nietzsche rechnet nur mit einer bestimmten Form des Historismus und des Positivismus ab. Er setzt seine Polemik aus der ersten „Unzeitgemäßen Betrachtung“ gegen die „Bildungsphilister“[23] fort. Die „Periode der zynischen Philisterbekenntnisse“[24] zeichnet sich in seinen Augen durch einen „ersatzreligiösen“[25] Fortschritts-glauben aus, der mit dem Darwinismus eine unheilvolle Verbindung eingeht. Nietzsche wehrt sich dagegen, die Weltgeschichte als „säkulare Sinnstiftung“[26] anzusehen. Er begründet das mit der fehlenden Teleologie. Des weiteren ist Nietzsche bestrebt, sich „gemeinsam mit Jacob Burckhardt von der als leidenschaftslos empfundenen Geschichtsanalyse Rankes“ abzusetzen.[27]

Der Germanist Peter Pütz verweißt auf das Verdienst des Philosophen, die Naivität der historisch Gebildeten aufzuzeigen. Sie sind „maßlos stolz“ auf ihr Wissen, „ohne deren eigentlichen Wert grundsätzlich in Frage zu stellen.“[28] Durch diese Kritik reiht er sich in die Linie von Kant, Hegel und Schopenhauer ein. Durch die persönliche Färbung seiner Ideen unterscheidet sich Nietzsche deutlich von Kant und Hegel. Kaufmann bilanziert, dass die „Größe dieser Abhandlung […] mehr in seinen Diagnosen als in seinen Behandlungen“ liegt.[29] Diese Diagnosen gelten immer noch als grundlegend für die historische Forschung des 20. und 21. Jahrhunderts.

Für Nietzsche ist die Historie zu einem „kostbare[m] Erkenntnis-Überfluss und Luxus“[30], ja gar zu einer „Last“[31] geworden. Daraus zieht er den Schluss: „Wir brauchen die Historie zum Leben und zur Tat und nicht zur Beschönigung des selbstsüchtigen Lebens oder der Passivität.“[32] Deshalb ist diese Schrift auch ein leidenschaftliches Plädoyer für das Vergessen, dessen Funktion genauso wichtig wie das Erinnern sei. Nietzsche schreibt, dass es eben nicht gut sei, „alles Geschehene zu wissen, denn ist zu spät dafür, etwas Besseres zu thun. So macht der historische Sinn seine Diener passiv und retrospektiv.“[33] Entscheidend sei es vielmehr, unzeitgemäß zu sein, gegen die vorherrschende Zeit anzukämpfen und so auf eine bessere Zukunft wirken zu können. Man soll sich vor allem dem gegenwärtigen „Aberglauben, Epigonen zu sein“ entziehen und nicht „bei der Geschichte an[fragen], dass sie euch das Wie? das Womit? zeige.“[34] Vielmehr sei es entscheidend,

reif zu werden, und jenem lähmenden Erziehungsbanne der Zeit zu entfliehen, die ihren Nutzen darin sieht, euch nicht reif werden zu lassen, um euch, die Unreifen, zu beherrschen und auszubeuten. Und wenn ihr nach Biographien verlangt, dann nicht nach jenen mit dem Refrain ‚Herr So und So und seine Zeit’, sondern nach solchen, auf deren Titelblatte es heissen müsste ‚ein Kämpfer gegen seine Zeit’.“[35]

[...]


[1] Florian Illies: Generation Golf. Berlin 2000.siehe: diese Arbeit V.4. Die Ironie der „Generation Golf“

[2] Friedrich Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen. München 1999. S. 75 – 148.

[3] Peter Körte, Peter Richter: „Ist Harald Schmidt noch zeitgemäß?“. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. 23.5.2004. S. 40.

[4] An dieser Stelle sei Harald Martenstein („Alles ist Pop“) und Bernd Ulrich („Land ohne Eigenschaften“) gedankt, die durch ihre konservativen Artikel wohl die wahren Radikalen dieser Tage sind.

[5] Es mutet als Treppenwitz der Geschichte an, dass Nietzsche genau wie Friedrich Wilhelm IV und sein Vater, die letzten Jahre seines Lebens in geistiger Umnachtung verbringt.

[6] Vgl Walter Kaufmann: Nietzsche. Philosoph. Psychologe. Antichrist. Darmstadt 1982. S. 25.

[7] Vgl. Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen. S. 149 – 224. Schopenhauers Philosophie stand dem optimistischen Zeitgeist und dessen Aufbrucheuphorie diametral gegenüber. Er betrachtete und das Leben als Leiden sowie die Überwindung dieses Leidens.

[8] Vgl. Kaufmann: Nietzsche. S. 79. Es wird vermutet, dass sich Nietzsche bereits 1870 bei der Versorgung Verwundeter angesteckt hat.

[9] Heimo Hofmeister: Philosophisch denken. Göttingen 1991. S. 236.

[10] Sowohl Nietzsches Vater als auch Richard Wagner sind Jahrgang 1813.

[11] Kaufmann: Nietzsche. S. 35.

[12] Kaufmann: Nietzsche. S. 34.

[13] u.a. Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen S. 12.

[14] Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen. S. 7.

[15] Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen. S. 225 – 289. In der Forschung wird die vierte UB („Richard Wagner in Bayreuth“) als Erinnerung Wagners an sein ursprünglich kulturreformistisches Werk gesehen. Vgl. Martin Brusotti: Nietzsche. In: Franco Volpi (Hg.): Großes Werklexikon der Philosophie. Bd. 2, L – Z. Stuttgart 1999. S. 1080.

[16] Walter Kaufmann: Nietzsche. S. 84.

[17] Kurt Wuchterl: Einführung in die Philosophiegeschichte : Ursprung und Entwicklung westlichen Denkens. Stuttgart. 2000. S. 199.

[18] zitiert bei: Wuchterl: Philosophiegeschichte. S. 201.

[19] Vgl. ebd.

[20] Vgl. ebd. S. 197.

[21] Kurt Wuchterl: Philosophiegeschichte. S. 195.

[22] Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen. S. 116.

[23] ebd. S. 12.

[24] ebd. S. 19.

[25] Heimo Hofmeister: Philosophisch denken. Göttingen 1991. S. 236.

[26] ebd.

[27] Rüdiger vom Bruch, Rainer A. Müller: Historikerlexikon. München 2002. S. 236.

[28] Peter Pütz: Nachwort. In: Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen. S. 297.

[29] Walter Kaufmann: Nietzsche. S. 169.

[30] Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen S. 75.

[31] ebd. S. 77.

[32] ebd. S. 75.

[33] ebd. S. 124.

[34] ebd. S. 115f.

[35] Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen S. 115f.

Details

Seiten
21
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638553315
ISBN (Buch)
9783638844109
Dateigröße
654 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v62001
Institution / Hochschule
Universität Karlsruhe (TH) – Institut für Geschichte
Note
2,0
Schlagworte
Nutzen Nachteil Ironie Betrachtungen Generation Golf Methoden Geschichtswissenschaft Protagonisten Geschichtswissenschaft“

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