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Analyse aktueller Werkbeispiele der Medienkunst (VALIE EXPORT und Cindy Sherman) hinsichtlich der Relevanz medienspezifischer Aspekte

Examensarbeit 2006 66 Seiten

Kunst - Installationen, Aktionskunst, 'moderne' Kunst

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. VALIE EXPORT
2.1 Biografie
2.2 Expanded cinema und Wiener Aktionismus
2.2.1 Cutting, 1967-1968, expanded cinema
2.2.2 Mediale Elemente und ihre Bedeutung von Cutting, expanded cinema
2.2.3 Tapp- und Tastkino, 1968, expanded cinema
2.2.4 Mediale Elemente und ihre Bedeutung bei Tapp- und Tastkino, expanded cinema
2.3 Zusammenfassung und Vergleich von Cutting und Tapp- und Tastkino, expanded cinema

3. Cindy Sherman
3.1 Biografie
3.2 Die Untitled Film Stills und ihre Nähe zu den Standbildern der traditionellen Filmproduktion
3.2.1 Untitled Film Still # 14, 1978
3.2.2 Deutungsversuch Untitled Film Still # 14
3.2.3 Untitled Film Still # 11, 1978
3.2.4 Deutungsversuch Untitled Film Still # 11
3.3 Vergleich der Untitled Film Stills # 14 und # 11
3.3.1 Mediale Aspekte der Untitled Film Stills

4. Vergleich der Werkbeispiele von VALIE EXPORT und Cindy Sherman

5. Ein Resümee

6. Abbildungen

7. Abbildungsverzeichnis

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit werde ich mich mit der Relevanz medienspezifischer Aspekte, anhand von insgesamt vier Werkbeispielen zweier Künstlerinnen der aktuellen Medienkunst auseinandersetzen. Ich habe mich nach umfassender Information, bzw. eingehender Betrachtung unterschiedlicher Arbeiten, für die Künstlerinnen VALIE EXPORT und Cindy Sherman entschieden. Der Grund, warum der Name der erstgenannten Künstlerin in Versalien geschrieben wird, soll im nachfolgenden Kapitel geklärt werden, war aber durchaus ein interessanter Anhaltspunkt für meine Auswahl.

Ich habe mich bei den Arbeiten beider Frauen bewusst für die sogenannten Frühwerke entschieden, da ich der Auffassung bin, dass besonders in den Anfängen des künstlerischen Schaffens der Künstlerinnen viele originäre Ideen und Intentionen zu entdecken sind, die vielleicht in späteren Werken, aufgrund einer entwicklungsbedingten, größeren Abgeklärtheit, gewichen sein könnten.

…Aber ich glaube das war einfach Glück, oder so was wie Intuition, etwas, woran ich heute nicht mehr glaube. Dazu bin ich wohl zu abgeklärt.[1]

Die ausgewählten Aktionen VALIE EXPORTS Cutting und Tapp und- Tastkino, die Ende der 1960er Jahre entstanden sind, empfinde ich als besonders interessant, da sich dem Betrachter ihre Aussagen nicht auf den ersten Blick erschließen, aber hauptsächlich, weil EXPORT bisher tabuisierte Themen aufgreift und im öffentlichen Kunstraum demonstriert. Ihre Wege Elemente der Medien in ihre Kunst zu integrieren, oder besser, inwiefern sie durch diese Darstellungsformen ihre Kunst ausdrückt, werde ich im zweiten Kapitel der Arbeit untersuchen. Selbstverständlich soll auch die Aussagekraft der Kunst EXPORTS behandelt werden, im Besonderen ihre Form der Darstellung weiblicher Wirklichkeitswahrnehmung und deren Wirkungsweise beim Betrachter; allerdings werden ihre feministischen und politischen Intentionen nicht den Schwerpunkt meiner Arbeit bilden, sollten aber im Zusammenhang mit dem künstlerischen Schaffen VALIE EXPORTS erläutert werden.

An Cindy Shermans Fotografien der Serie Untitled Film Stills, interessiert mich vor allen Dingen deren detaillierte Konstruiertheit und die Wirkung, die sie dadurch beim Betrachter hervorrufen. Auch hier soll an erster Stelle die Frage nach dem wie, in meiner Arbeit analysiert werden.

Bei beiden Künstlerinnen scheinen auf den ersten Blick Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten in ihrer künstlerischen Arbeit vorhanden zu sein. Eine erste große Gemeinsamkeit fällt auf, wenn man sich die Titel der Arbeiten anschaut. Cindy Sherman hat ihre Serie mit Untitled[2] Film Stills[3] betitelt, VALIE EXPORT reiht beide ihrer Aktionen in das s.g. expanded cinema[4] ein. Anscheinend haben alle dieser Werkbeispiele etwas mit dem Medium Kino, bzw. der traditionellen (Spiel-) Filmproduktion zu tun, oder nähern sich dieser in bestimmter Art und Weise an, was in den folgenden Kapiteln untersucht werden soll.

Eine deutliche Unterscheidung der Werkbeispiele ist auf den ersten Blick in ihrem Kunstraum und auch in der Kunstzeit zu finden. EXPORTS Werke sind Aktionen, bzw. Performances[5], die mehrmalig in der Vergangenheit, teilweise mit unterschiedlichen Akteuren, aufgeführt worden sind. Bei der Recherche muss ich demnach auf vorhandene Reproduktionen zurückgreifen, die ganze Tragbreite der Werke kann sicherlich nicht erfasst werden, was an späterer Stelle auch erläutert werden soll.

Cindy Sherman drückt ihre Intentionen durch Fotografien aus, die heute in nahezu unveränderter Form vorliegen und somit eindeutiger zu analysieren sind.

Um die Lebensumstände und die gelebte Zeit der Künstlerinnen einschätzen zu können, werde ich, in der dafür notwendigen Länge, jeweils auf biografische Daten eingehen, bevor ich die Werke beschreibe und den Versuch einer Deutung unternehme.

2. VALIE EXPORT

2.1 Biografie

VALIE EXPORT wurde am 17. Mai 1940, als Waltraud Lehner in Linz geboren. Während ihres Studiums an der Kunstgewerbeschule in Linz von 1956 bis 1959 entstanden mit Metamorphosen der Identität die ersten Malereien und fotografischen Selbstportraits. EXPORT heiratete 1958, sehr jung, nimmt den Namen ihres Ehemannes Höllinger an, gebar eine Tochter und ließ sich 1960 von ihrem Mann scheiden. Anschließend besuchte sie ab 1960 die Abteilung Design der Höheren Bundeslehr- und Versuchsanstalt für Textilindustrie, wo sie ihr Studium 1964 abschloss. In den Jahre 1965 bis 1968 war VALIE EXPORT in der Filmbranche als Skriptgirl[6] beim Cin é- film in Wien, sowie als Cutterin und Filmkomparsin tätig. Im Jahr 1966 entwickelt sie ihr erstes Drehbuch für einen Kurzfilm Aus alt macht nicht neu, eine metaphorische Bildassoziation.

1967 kreiert sie den Künstlernamen VALIE EXPORT, den sie nur in Versalien geschrieben wissen will. Der Name soll von diesem Zeitpunkt an, sowohl künstlerisches Konzept, als auch Logo sein, was durch die Art der vorbestimmten Schreibweise verstärkt wird. Besonders deutlich wird dieses Ansinnen anhand einer Fotografie, auf der VALIE EXPORT mit einer Zigarettenschachtel zu sehen ist (Abb.1).

Auf der ursprünglichen Packung der Zigarettenmarke Smartexport hat sie den Namen in VALIE verändert und statt der vorhandenen Abbildung einer Weltkugel, ein Porträt von sich montiert und sich dann damit fotografiert. VALIE ist zum einen auf ihren ursprünglichen Vornamen Waltraud zurückzuführen, zum anderen kann man diese Veränderung auch mit dem englischen value[7] in Verbindung bringen. Sie hat somit ihren neuen Namen, als Marke manifestiert. EXPORT wollte für ihr künstlerisches Schaffen einen „eigenen Namen kreieren“[8], um sich von den Identifikatoren des Vaters und des geschiedenen Mannes zu lösen. In dem Gespräch betont sie, dass das nicht als Ablehnung des ursprünglichen Namens zu verstehen ist, wie es häufig dargestellt wird, sondern nur auf dem Wunsch beruht einen eigenen Namen zu tragen. Die Wahl von EXPORT steht dabei für die Grundidee ihres künstlerischen Weges.

…und dann ist mir Export eigentlich am sinnvollsten erschienen weil ich exportiere meine Ideen, ich exportiere meine Gedanken ich gehe Ex Port, ich gehe aus diesem Hafen aus diesem umschlossenen Bereich und begebe mich auf die Weltenmeere der Zivilisation oder der Kultur […] ich exportiere mich und dann habe ich mir auch gedacht, das ist dann natürlich auch ein Export, der richtige Name dazu und dann habe ich mir gedacht, man merkt sich das auch leicht, man merkt sich das leicht.[9]

In dieser Zeit entstehen die ersten expanded cinema A rbeiten, wie z.B. Cutting, die Herstellung eines Films, ohne Zelluloid (vgl. Kapitel 2.1.1). 1968 nimmt Valie Export an der 2. Maraisiade Junger Film in Wien teil, wo ihr Film Ping Pong, Expanded Cinema ausgezeichnet wird. Anlässlich dieser Auszeichnung findet die erste Vorführung von Tapp und Tastkino, expanded cinema statt. In den folgenden Jahren beschäftigt sich VALIE EXPORT vor allen Dingen mit Videoinstallationen und fotografischen Serien, wie z.B. Körperfigurationen in der sie sich mit dem Verhältnis konstruierter Körpersprache zu ihrer Umgebung auseinandersetzt, bzw. die bildnerische Gestaltung psychischer Zustände thematisiert.

Diese oft tabubrechende und gesellschaftskritische Arbeit setzt sie in den späten 1980er Jahren durch den Einsatz digitaler Medien fort.

Seit 1995 war sie Professorin für Multimedia Performance an der Kunsthochschule für Medien in Köln 2, nachdem sie seit den 1980er Jahren schon zahlreiche Lehrtätigkeiten in Europa und den USA übernommen hat. Heutzutage befindet sie sich, was ihre Lehrtätigkeit angeht, im Ruhestand.

2.2 Expanded Cinema und Wiener Aktionismus

Als expanded cinema werden künstlerische Werke bezeichnet, die nicht dem herkömmlichen, auf eine Kinoleinwand beschränkten Kinoformat entsprechen. Es gibt eine große Bandbreite an Variationen, doch auch ein Bindeglied, das alle durchgehend miteinander vereint. Das expanded cinema weicht insofern von der klassischen Kinovorführung ab, als das kein fortlaufender Film vor einem Publikum auf eine typische Kinoleinwand projiziert wird, wie man es von der traditionellen Filmproduktion erwartet.

Die Gestaltungsweise kann dabei sehr unterschiedlich sein, wie bereits erwähnt. Zum Teil gibt es Mehrfachprojektionen, die nebeneinander, oder übereinander angeordnet sind, mehrere Leinwände, teilweise auch die Interaktion von Einzelbildern, die in Dialog, oder Widerstreit miteinander treten. Dabei kann die Echtzeit beibehalten, gedehnt, aber auch gerafft werden. Wie an den Werkbeispielen VALIE EXPORTS in den nächsten Kapiteln zu erkennen sein wird, ist das expanded cinema nicht an die klassischen Materialien, wie z.B. Zelluloid, als Trägermaterial der Bilder, einen Filmprojektor, oder die Leinwand, der traditionellen Filmproduktion gebunden. Performances, die den Zuschauer oft aktiv in den Film miteinbeziehen, können durchaus ohne die Verwendung von Zelluloid auskommen, auch Projektoren, oder Leinwände dürfen fehlen, bzw. deren Erscheinung wird häufig durch die Künstlerin/ den Künstler neu definiert. Bei den Vorführungen des expanded cinema gleicht keine Vorführung einer zweiten, wodurch sie sich stark vom klassischen Kino abgrenzen.

Auch die Rolle des Zuschauers wird stärker reflektiert, bzw. teilweise in Frage gestellt; häufig ist auch das, was im Raum durch die Interaktion des Publikums passiert wichtiger, als das was auf der Leinwand geschieht, insofern wird das Publikum mehr in die Wirkungsweise und Aussage des Kunstwerks involviert, als es in der traditionellen Kunst üblich war.

Wichtige Vertreter des expanded cinema waren z.B. Jeffrey Shaw, mit Corpocinema (1967) und Movie, Movie (1967), aber eben auch VALIE EXPORT, deren Werke Cutting (1968) und Tapp- und Tastkino (1968) in den folgenden Kapiteln hinsichtlich ihrer medialen Elemente untersucht werden sollen. EXPORT hat in ihren Arbeiten für die Bezeichnung ihrer Werke in diesem Zusammenhang auch die Begriffe expanded movie, oder die deutsche Version erweitertes Kino benutzt. Grundsätzlich kann man sagen, dass sie sich in diesen Werken mit der Materialität und den Prozessen des Filmgenres auseinandersetzt, bzw. sich der Aufdeckung struktureller Probleme hingibt, besonders im Bezug auf die Rolle des Zuschauers[10].

Der Ursprung für die Arbeiten EXPORTS im Zusammenhang mit dem expanded cinema können sicherlich im Wiener Aktionismus angesiedelt werden. Diese Gruppierung von Künstlern, wie z.B. Günter Brus, Hermann Nitsch und Rudolf Schwarzkogler haben sich am Anfang der 1960er Jahre zusammengefunden, um auf „Basis einer expressiven Aktionsmalerei mit unterschiedlicher Zielrichtung“[11] zu arbeiten.

Der Schritt zur Aktion wurde Mitte der 1960er Jahre vollzogen. Besonders die Verbindung von Fotografie, Aktion und Film des Wiener Aktionismus in Werken, wie z.B. Ana ( Kren, 1964),Selbstverstümmelung ( 1965/1967) und die Form der Inszenierten Fotografien von Schwarzkogler, die, einem Drehbuch ähnlich, dazu dienten, die Aktionshandlung darzustellen[12], bildeten eine Art Ursprung für die Entwicklung des expanded cinema bei EXPORT. Dabei muss allerdings herausgehoben werden, dass es zwar viele Gemeinsamkeiten zwischen EXPORT und den Künstlern des Wiener Aktionismus gab, wie beispielsweise die Anwendung destruktiver Prozesse, oder auch die Intention, den bisher tabuisierten Bereich der Sexualität und damit den menschlichen Körper in oft schockierender Art und Weise in ihre Kunst aufzunehmen, aber auch deutliche Unterschiede zu erkennen sind , die auch von VALIE EXPORT selbst immer hervorgehoben wurden.

…Als ich mit meiner künstlerischen Arbeit anfing, gab es den Wiener Aktionismus bereits, der nur von Männern getragen war und in seiner Beschäftigung mit seinem Körper vieles von der späteren Body- Art und Performance- Kunst vorweggenommen hat […] und beschäftigte sich mit Gesellschaftskritik, Kunstkritik und psychischen Inhalten […] Aus diesen Überlegungen habe ich dann die Überlegungen zum Feministischen Aktionismus entwickelt […] Sicherlich hat der Wiener Aktionismus meine Überlegungen, den menschlichen Körper als künstlerisches Material zu verwenden unterstützt […] Meine Arbeiten entstanden aber nicht als Gegenreaktion, sondern als Korrektur…[13]

EXPORT geht in ihren Arbeiten eher der Frage nach dem warum unterschiedlichster gesellschaftlicher Strukturen und Normen nach und untersucht diese mit ihrer Kunst in besonderer Art und Weise, auf die später noch eingegangen werden wird, hinsichtlich ihrer psychischen Zustände, hingegen es den Wiener Aktionisten zunächst um die reine Darstellung, das nach außen Kehren, eben solcher Zustände geht.

VALIE EXPORT benutzt die Technologien und Medien nicht zur ausschließlichen Reproduktion von Aktionen, sondern arbeitet mit ihnen. Besonders im Umgang mit dem weiblichen Körper unterscheiden sich die Arbeitsweisen immens.

Bei den Wiener Aktionisten wird dem weiblichen Körper lediglich die Rolle eines Objekts zugewiesen; ein Verständnis, gegen das EXPORT vom ersten Moment ihres künstlerischen Schaffens ankämpft.

2.2.1 Cutting, 1968- 1972, expanded cinema

Die Aktion Cutting, expanded cinema wurde von VALIE EXPORT in den Jahren zwischen 1968 und 1972 so oft wie keine andere ihrer Aktionen aufgeführt.

Aufgrund einer Aussage der Künstlerin in einem Gespräch mit Andrea Zeller, wird deutlich, dass Export diese Aktion für ihre Arbeit sehr wichtig war, weil sie „…mit dem expanded cinema, der Leinwand und dem Körper gearbeitet hat“[14]. Schon aus diesen Worten lässt sich ableiten, wie wichtig das Medium Film und die Materialität des Körpers für EXPORT sind. Die Häufigkeit der Aufführungen von Cutting würde darauf schließen lassen, dass die Aktion auch in der Literatur, bzw. den Printmedien vielfältig behandelt wurde, zumal es anscheinend eine große Akzeptanz in den Reihen der Performancekunst gab, was jedoch nicht der Fall war. Vorstellbar ist, dass die öffentlichen Medien, aufgrund eines doch sehr deutlichen Tabubruchs EXPORTS, hinsichtlich der Darstellung sexueller Praktiken während der Aktion, eine gewisse Scheu entwickelten, diese Aktion näher zu kommentieren. Möglicherweise wurde aber auch der hohe Grad an Intellektualität EXPORTS, der sich in der Aktion widerspiegelt zu dieser Zeit nicht erkannt, bzw. nicht dahingehend gedeutet. Cutting wurde immer vor Zuschauern aufgeführt, d.h. das Publikum hatte nicht die Möglichkeit, oder die Aufgabe die Aktion von außen zu beeinflussen. Die Zuschauer konnten die Aktion nicht von mehreren Seiten beobachten, sondern waren gezwungen den Film, bzw. die Performance ähnlich wie im Kino zu betrachten; die Aktion wurde vorgeführt. Auf den mir vorliegenden photografischen Reproduktionen der Performance kann man erahnen, dass die Aktion häufig auf einer Art Bühne stattgefunden hat.

Die Künstlerin hat Cutting in fünf Teile unterteilt und jeweils mit englischen Titeln versehen:

Part one: Opening. A documentary. (Abb. 2)

EXPORT benutzt eine etwa 4 qm große Papierleinwand, auf die sie ein Dia projiziert, was die Fassade eines Gebäudes mit Fenstern zeigt. Mit Hilfe einer Schere schneidet sie die Fenster aus der Papierleinwand heraus.

Part two: A talkie[15]. Hommage à Marshall Mc Luhan.[16](Abb. 3)

Auch hier benutzt EXPORT eine Leinwand aus kartonartigem Papier, auf die lediglich das Licht des Projektionsgerätes wie ein Spotlight fällt[17]. Sie steht hinter der Leinwand und schneidet mit einer Schere Versalien aus der Leinwand, die sich fortschreitend erst zu Wörtern, dann zu einem fast vollständigen Satz formatieren. Das einzige Geräusch, was während der Aktion zu hören ist, ist das, welches beim Schneiden mit der Schere in die Leinwand entsteht. Auf der Leinwand steht jetzt:

» THE CONTENT OF THE WRITING IS THE «

Als EXPORT mit dem Schneiden fertig ist, stellt sie sich neben die Leinwand an die Stelle, wo das letzte Wort des bisher unvollständigen Satzes steht und spricht das fehlende Wort » SPEECH « laut aus.

Part three: A comedy. Hommage à Bazooka Joe.[18](Abb. 4)

Der Mitakteur EXPORTS, Peter Weibel trägt ein T- Shirt, auf dem die Comicfigur Bazooka Joe[19] aufgedruckt ist. Aus dem Mund der Figur steigt eine schwarze Kaugummiblase auf. EXPORT schneidet diese etwa handflächengroße, schwarze Blase mit einer Schere aus dem T- Shirt aus, so dass der Blick auf die behaarte Brust Weibels frei wird.

Part four: A silent movie[20]. Hommage à Greta Garbo[21](Abb. 5/6)

Peter Weibel ist vollständig nackt. Export rasiert seine Brusthaare. Durch die Rasur entsteht eine helle Linie auf der Brust Weibels. Export rasiert im weiteren Verlauf von part four die Schamhaare Weibels ab.

Part five: Fellatio. Public action, body language.

Im fünften und somit letzten Teil der Aktion kommt es zum öffentlichen Oralverkehr Exports mit Peter Weibel. Dieser letzte Teil von cutting war allerdings nicht immer Bestandteil der Vorführung, wie sich aus dem Kommentar über die Münchner Aufführung entnehmen lässt. Ingrid Seidenfaden schrieb dazu:

…und welcher ideologische Aufwand für das hastige Geschnipsel aus weißem Papier, aus dem Ringer- Leibchen und ( mit scheuer Klinge) am eilends wieder verhüllten nackten Darsteller.[22]

2.2.2 Mediale Elemente und ihre Bedeutung von Cutting, expanded cinema

Das folgende Zitat VALIE EXPORTS, das dem Begleittext zu der Aktion Cutting entnommen ist, bietet schon viel Aufschluss, über ihre Arbeitsweise und Intention.

Das filmtechnische Verfahren des Schneidens, Cutting, ist der Operator der Herstellung von Film und Wirklichkeit. Nicht Zelluloid wird geschnitten, sondern die Materialien des Schneidens werden individuell verwandelt und auf andere Elemente des Verbandes Film, die ebenfalls abstrahiert und transformiert werden, angewandt.[23]

In part one schneidet Export mit einer Schere die Fenster der projizierten Abbildung aus der Papierleinwand heraus, d.h. sie behandelt sie, als wären sie tatsächlich existent. Sie eröffnet damit die Aktion. Durch diese Öffnen wird dem Zuschauer ermöglicht einen Blick hinter die Projektionsfläche zu werfen; er kann einblicken, bzw. durchblicken.

Das bewegte Bild des klassischen Films ersetzt Export durch ein einzelnes, fest installiertes und hebt damit die Funktion der Leinwand, sowie die Wirkung des projizierten Bildes auf. Sie verlagert die übliche Tätigkeit des Schneidens, die normalerweise vor der Projektion stattfindet auf die Leinwand. An dieser Stelle wird schon deutlich, dass Export sich in der Aktion mit der Wahrnehmung von Wirklichkeit auseinandersetzt. Dem Zuschauer werden durch die Projektion Fenster suggeriert, sie festigt diese Suggestion, indem sie sie durch das Schneiden öffnet, dem Fenster also die Aufgabe zuweist, die es üblicherweise hat. Die Wirklichkeit wird dadurch verzerrt und verändert.

Auf der einen Seite definiert sie die Fenster, wie oben beschrieben, auf der anderen Seite zerstört sie sie, indem sie sie herausschneidet, aus der Sichtfläche entfernt.

Diese Destruktion ergibt für den Zuschauer ein völlig neues Sichtbild, da die Projektion weiterhin stattfindet, im Gegensatz zu den herausgeschnittenen Papierfenstern, ist das projizierte Bild weiterhin existent, sucht sich quasi einen neuen Weg, insofern, als das die Projektion jetzt hinter der eigentlichen Papierleinwand abgebildet wird. Hier wird die Bedeutung der Leinwand für den Film evident. Es kann dem Zuschauer durch das cutten, das Herausschneiden der Fenster aus der Fassade nicht mehr möglich sein die Fenster klar zu erkennen, wie es noch vor Beginn der Aktion möglich gewesen ist, da sich das Licht der Projektion einen neuen Weg sucht.

Der von EXPORT produzierte mediale Bruch stellt dabei den Gegensatz zu dem Sinn des Schneidens in der traditionellen Filmproduktion dar, wo der Cutter dafür sorgen soll, möglichst keine, für den Zuschauer sichtbare Brüche, entstehen zu lassen. Die von der Künstlerin bewusst hergestellten Brüche machen dem Zuschauer das Mediale als mediales Spannungsfeld sichtbar.

Die Vermischung, die Auseinandersetzung EXPORTS mit den Medien und dessen Bedeutung wird in part two verstärkt. Wieder benutzt sie eine Papierleinwand, auf die allerdings nur das Licht des Projektors fällt. Die Projektion nimmt sie selbst vor, in dem sie die Wörter des Satzes mit der Schere direkt in die Leinwand schneidet. EXPORT projiziert, schreibt und produziert, in dem sie schneidet und somit auch wieder zugleich destruiert. Auffallend an part two ist besonders die Betitelung a talkie . Die einzigen Geräusche, die das Publikum hört, sind das Schnittgeräusch der Schere und das Wort speech, welches die Künstlerin am Ende der Aktion ausspricht.

An dieser Stelle sei angemerkt, dass sie diesen Effekt des lauten Sprechens in den fotografischen Reproduktionen der Aktion, durch das Verschriftlichen des Wortes, in einer aufgezeichneten Sprechblase auf Papier, oder Karton, verdeutlicht hat.

Hier untersucht Export den Zusammenhang von Ton, Geräusch, Wahrnehmung und Sprache, indem sie sich das Diktum, einer der einflussreichsten Medientheoretiker seiner Zeit, Marshall Mc Luhans,The medium is the message[24] , zu Nutzen macht. Sie sagt dazu selbst:

Das Medium ist nicht allein die Botschaft, oder anders, das Medium ist nicht nur eine Botschaft. Die gleichseitige Aussendung zweier Botschaften von sich widersprechenden Ordnungen bezeichnete Gregory Bateson[25] als double bind[26].[27]

Der in Cutting verwendetet Satz beinhaltet, dass Aussagen, oder Botschaften immer medial vermittelt sind und somit „kulturellen Codes unterliegen“.[28] Das Zerschneiden der Leinwand, die gesteuerte Destruktion verdeutlicht den Inhalt des verwendeten Satzes. Durch dieses gesteuerte Zerstören der Leinwand werden neue mediale Inhalte geschaffen. Erst durch das Aufbrechen der Wirklichkeit, kann EXPORT dieses Phänomen erreichen. Besonders in den ersten beiden Teilen der Performance setzt sie eine gewisse Erwartungshaltung der Zuschauer, durch das Benutzen kinotypischer Requisiten, wie die Leinwände und das Projektionsgerät voraus. Das inhaltlich gefüllte Endprodukt Film entsteht erst während der Vorführung. Die inhaltliche Fülle wird mit Hilfe der Schere und dem dadurch entstehenden medialen Bruch erreicht.

In part three rückt VALIE EXPORT noch weiter von der konventionellen Filmproduktion des Mediums Kino ab. Sie ersetzt die in den ersten beiden Teilen vorhandene Papierleinwand durch ein Kleidungsstück, das T- Shirt. Der Zuschauer wird aufgrund des Nicht- Benutzens, der Reduktion des klassischen Filmprojektors weiter von seiner eigenen Erwartungshaltung entfernt. Das Zerschneiden des T- Shirts mit der Schere ersetzt den Projektor, EXPORT selbst wird zum Projektor.

[...]


[1] Sherman in Dickhoff, 1995, S. 17.

[2] Untitled: engl. für unbetitelt, unbenannt

[3] film still: engl. für Filmstandbild

[4] expanded cinema: engl. für erweitertes Kino

[5] performance: engl. für Aufführung, Vorstellung

[6] Skriptgirl, das; Mitarbeiterin eines Filmregisseurs, die die Einstellung für die jede Aufnahme einträgt ( vgl. Duden.1996) und für die vielseitige, logistische Organisation am Filmset zuständig ist.

[7] value: engl. für Wert, Preis Kraft, Wirkung

[8] Vgl. Herrschaft, Gespräch mit VALIE EXPORT

[9] ebenda

[10] Vgl. Zell, 2000, S. 29.

[11] Vgl. Zell, 2000, S. 22.

[12] Vgl. Zell, S. 30

[13] Aus Mediale Anagramme, 1988, S. 159

[14] Vgl. Zeller, 2000,S. 79.

[15] a talkie: engl. Kurzform für Tonfilm (vgl. Zeller, 2000, S. 80).

[16] Herbert Marshall McLuhan *21.7.1911 in Edmonton, Alberta, † 31.12.1980 in Toronto, war ein Kommunikations- und Literaturwissenschaftler, Medientheoretiker, Medienkritiker und Publizist. (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/McLuhan)

[17] Vgl. Zeller, 2000, S. 80.

[18] Bazooka ist der Handelsname eines Kaugummis des amerikanischen Herstellers Todd Company. Die Verpackung erinnert mit seiner blau-weiß-roten Verpackung an die amerikanische Nationalflagge. In der Verpackung ist auch immer ein kleiner Comic- Strip mit der Comicfigur Bazooka Joe enthalten.( vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Bazooka)

[19] Anstelle des bedruckten, wurde in anderen Aufführungen ein unbedrucktes, weißes benutzt. (vgl. Zeller, 2000, S. 80)

[20] A silent movie, engl. für Stummfilm

[21] Schwedische Filmdiva, bekannt für die Darstellung dramatischer Frauenfiguren der amerikanischen Filmindustrie.

[22] Vgl. Seidenfaden, 1968

[23] Vgl. Export, 1992, S. 254

[24] engl: Das Medium ist die Botschaft, vgl. Marshall Mc Luhan, 1995, S.22.

[25] Gregory Bateson, *9.5.1904, †11.6.1980, Antrophologe und Kommunikationsforscher.

[26] engl. double- bind theory: dt. Doppelbindungstheorie: Beschreibt die lähmende, weil doppelte Bindung eines Menschen an eine paradoxe Botschaft. (http://de.wikipedia.org/wiki/Double_Bind)

[27] Aus Schade in Mediale Anagramme, 2003, S. 21.

[28] ebenda

Details

Seiten
66
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638553018
ISBN (Buch)
9783638709842
Dateigröße
1004 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v61960
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Institut für gestaltungspraxis und Kunstwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Analyse Werkbeispiele Medienkunst EXPORT Cindy Sherman) Relevanz Aspekte

Autor

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Titel: Analyse aktueller Werkbeispiele der Medienkunst (VALIE EXPORT und Cindy Sherman) hinsichtlich der Relevanz medienspezifischer Aspekte