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Landwirtschaft und Schule

Examensarbeit 2002 171 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Didaktik d. Geographie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Agrargeschichtlicher Überblick der deutschen Landwirtschaft
2.1 Die Anfänge der bäuerlichen Landwirtschaft
2.1.1 Zur Entstehung der bäuerlichen Wirtschaftsweisen
2.1.2 Die Landwirtschaft im Neolithikum
2.1.3 Die Landwirtschaft in der Bronze- und vorrömischen Zeit
2.2 Die Landwirtschaft in der Römerzeit
2.2.1 Die Landwirtschaft im römischen Germanien
2.2.2 Die Landwirtschaft im freien Germanien
2.3 Die Landwirtschaft im Mittelalter
2.3.1 Die Landwirtschaft im Frühmittelalter
2.3.2 Die Landwirtschaft im Hochmittelalter
2.3.3 Die Landwirtschaft im Spätmittelalter
2.4 Die Landwirtschaft in der frühen Neuzeit
2.4.1 Ausweitung und Verbesserung der Ernährungsbasis
2.4.2 Soziale Stellung des Bauernstandes und soziale Schichtung auf dem Lande
2.4.3 Produktionstechnik, Betriebs- und Wirtschaftsformen
2.4.4 Treibende Ideen und ihre Vertreter in der Zeit des ausklingenden Feudalismus
2.5 Die Umgestaltung der Landwirtschaft im 19. Jahrhundert
2.5.1 Die Bauernbefreiung
2.5.2 Agrarwissenschaft und Agrarbildung als Grundlage der Umgestaltung_
2.5.3 Die Intensivierung der pflanzlichen und tierischen Produktion
2.6 Der Weg der deutschen Landwirtschaft zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg
2.6.1 Vom Agrarstaat zum Industriestaat
2.6.2 Die Einführung der Agrarschutzzölle
2.6.3 Die Entwicklung der landwirtschaftlichen Erzeugung
2.7 Landwirtschaft im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik
2.7.1 Die Kriegsernährungswirtschaft im Ersten Weltkrieg
2.7.2 Die Agrarwirtschaft in der Weimarer Republik
2.8 Die Agrarpolitik des Nationalsozialismus
2.8.1 Die Blut und Boden - Ideologie
2.8.2 Reichsnährstand und Erzeugungsschlacht
2.8.3 Die Kriegsernährungswirtschaft
2.9 Die getrennte agrarwirtschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland und in der Deutschen Demokratischen Republik
2.9.1 Die Entwicklung zur sozialistischen Landwirtschaft in der Deutschen Demokratischen Republik
2.9.2 Die landwirtschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland
2.9.3 Agrarwirtschaft im wiedervereinigten Deutschland - ein Ausblick

3 Mit Kindern Landwirtschaft erleben - Außerschulische Lernorte zum Thema Landwirtschaft _
3.1 Möglichkeiten, das Thema Landwirtschaft in der Schule zu behandeln
3.2 Der außerschulische Lernort
3.2.1 Motive für die Wahl von außerschulischen Lernorten
3.2.2 Der Rahmenplan Grundschule und außerschulische Lernorte
3.2.3 Organisation und Planung des Besuches eines außerschulischen Lernortes
3.2.4 Probleme und Grenzen des Lernens an außerschulischen Lernorten
3.3 Außerschulischer Lernort „Freilichtmuseum“ am Beispiel „Hessenpark“
3.3.1 Das Freilichtmuseum Hessenpark
3.3.2 Das Bildungsangebot
3.3.2.1 Die Projekte
3.3.2.2 Die Ausstellungen
3.3.2.3 Die Führungen
3.3.2.4 Die handwerklichen Vorführungen
3.3.2.5 Die schriftlichen Materialien
3.4 Außerschulischer Lernort „Schulbauernhof“ am Beispiel „SBH Norderlück“
3.4.1 Lernen auf einem Schulbauernhof
3.4.2 Anforderungen an einen Schulbauernhof
3.4.3 Schulbauernhöfe in Deutschland
3.4.4 Funktionsweise und Erfahrung des Schulbauernhofes Norderlück
3.4.4.1 Von der Idee zum laufenden Betrieb
3.4.4.2 Der organisatorische Rahmen
3.4.4.3 Der finanzielle Rahmen
3.4.4.4 Der personelle Rahmen
3.4.4.5 Auslastung und Einzugsbereich
3.4.4.6 Die Zielgruppen
3.4.4.7 Der pädagogische Rahmen_
3.4.4.8 Die Tiere_
3.5 Außerschulischer Lernort „Bauernhof“
3.5.1 Vorbereitung eines Bauernhofbesuchs
3.5.2 Absprache mit dem Landwirt / der Landwirtin
3.5.3 Organisatorische Fragen
3.5.4 Inhaltliche Vorbereitung
3.5.5 Thematische Schwerpunkte und Fragestellungen
3.5.6 Mitarbeits- und Aktionsmöglichkeiten
3.5.7 Nachbereitung
3.6 Allgemeine Bildungs- und Erlebnisangebote
3.7 Initiativen zur Förderung einer Begegnung von Landwirtschaft und Schule
3.8 Materialien und Medien

4 Schlusswort

5 Literaturverzeichnis

6 Internetadressenverzeichnis

7 Bildverzeichnis

8 Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende wissenschaftliche Hausarbeit „Landwirtschaft und Schule“ gliedert sich in zwei Themenschwerpunkte.

Das Kapitel „Agrargeschichtlicher Überblick der deutschen Landwirtschaft“ soll den Wandel der deutsche Landwirtschaft von den Anfängen der bäuerlichen Landwirt- schaft bis heute thematisieren. In neun Unterkapiteln sollen Ansätze und Thesen zur Klärung des Wandels besprochen und die Strukturen des Umformungsprozesses dar- gestellt werden. Dieser Überblick der deutschen Landwirtschaft bleibt nicht auf den Bereich der Landwirtschaft im engsten Sinne beschränkt, sondern Handel, Hand- werk, Gewerbe und Gesellschaftsstruktur wurden mit einbezogen, da die Entstehung von nicht an der Nahrungsproduktion beteiligten Konsumentengruppen mit ihren Auswirkungen auf die Nahrungserzeugung schon in die frühe Zeit zurückreicht.

Das Kapitel „Mit Kindern Landwirtschaft erleben - Ausgewählte außerschulische Lernorte zu Thema Landwirtschaft“ soll außerschulische Lernorte, Initiativen zur Förderung einer Begegnung von Landwirtschaft und Schule, Materialien und Medien vorstellen, die alle das Ziel haben, Landwirtschaft und Schule zusammenzuführen und somit die Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten von Kindern zu erweitern. Für mich ist es wichtig, nicht nur eine wissenschaftliche Arbeit über die Landwirt- schaft im Wandel zu verfassen, sondern auch einen Bogen zur Schule herzustellen. Mich interessiert, welche Möglichkeiten das Thema Landwirtschaft bietet, es zum Unterrichtsthema werden zu lassen. Dazu möchte ich zwei strukturierte außer- schulische Lernorte und einen unstrukturierten außerschulischen Lernort vorstellen und diese daraufhin prüfen, ob sie Kindern ein Lernen mit Kopf, Herz und Hand er- möglichen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2 Agrargeschichtlicher Überblick der deutschen Landwirtschaft

Das Kapitel „Agrargeschichtliche Überblick der deutschen Landwirtschaft“ befasst sich mit der historischen Entwicklung der Agrargesellschaft, der Agrarwirtschaft und des Agrarraumes. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die Verwendung des Begriffes „ deutsche “ Landwirtschaft für die Frühgeschichte der Landwirtschaft problematisch ist. Zwei Überlegungen sind zu berücksichtigen:

„ Legt man der Abgrenzung des Themas einen ethnischen Begriff zugrunde, ist es erforderlich, die Verhältnisse verschiedener Stämme oder Völker mit zu berück sichtigen, die auf mehr oder weniger klar erkennbare Weise zur Herausbildung der später deutschen Bevölkerungsgruppe beigetragen haben.

Hält man sich für die Abgrenzung der Behandlung an den regionalen Begriff „ Deutschland “ , so erweist er sich wegen der Zeitgebundenheit seiner sich verändernden Erstreckung ebenfalls als wenig geeignet, denn welchen Zeithorizont man sich auch immer als verbindlich für die Raumabgrenzung betrachten würde, für die Vor- und Frühgeschichte relevant wäre keiner, es sei denn, man legt das Deutsch land an der Schwelle der mittelalterlichen Geschichte, also etwa zur Zeit Heinrich I., zugrunde. “ (vgl. JANKUHN, 1969, S.9)

2.1 Die Anfänge der bäuerlichen Landwirtschaft

Das Kapitel „Die Anfänge der bäuerlichen Landwirtschaft“ behandelt die Entstehung der Landwirtschaft und ihre Weiterentwicklung in dem Zeitraum von ca. 8000 v. Chr. bis zum Einsetzten der römischen Herrschaft.

2.1.1 Zur Entstehung der bäuerlichen Wirtschaftsweisen

Die empirisch - archäologische Forschung hat sich, von den Ergebnissen der Kultur- geographie ausgehend und sich auf pflanzen- und tiergeographische Überlegungen stützend, schon früh mit der Frage nach Alter und Herkunft der bäuerlichen Wirt- schaft beschäftigt.

Die Wildformen der ältesten Getreidearten Weizen und Gerste sind im südwest- lichen Asien beheimatet, wie auch die Wildformen der kleinen Wiederkäuer Schaf und Ziege. Man kann annehmen, dass sich die bäuerliche Wirtschaft von dort aus- breitete, und so konzentrierte sich das Forschungsinteresse dementsprechend beson- ders auf den Vorderen Orient. Lange Zeit standen also die großen Täler des Nils, des Euphrat und des Tigris im Mittelpunkt der Forschungen. Erst nach dem zweiten Weltkrieg wandte sich die amerikanische Archäologie im Vorderen Orient auch den Gebieten außerhalb der Flusstäler zu.

Die Entdeckung eines frühen Bauerndorfes auf der Chemchemalebene von Irakisch Kurdistan weist auf eine frühe Form der Anbauwirtschaft des 7. vorchristlichen Jahr- tausend hin. Die Bewohner dieses Dorfes kannten lediglich zwei Weizenarten, eine Gerstenart und hielten als einziges Haustier die Ziege. Zur Deckung des Bedarfs an tierischem Eiweiß trug in der Hauptsache die Jagd bei. (vgl. JANKUHN, 1969, S.14 ff.) „ Nimmt man das Ergebnis einiger weiterer Ausgrabungen in Kleinasien hinzu, so lässt sich sagen, dass im vorderen Orient auch außerhalb der Flussoasen viel- leicht schon seit dem 8. Jahrtausend v. Chr. eine einfache bäuerliche Wirtschaft exis- tierte.“ (vgl. JANKUHN, 1969, S.18)

Die Ausbreitung der neuen Wirtschaftsweise in der sog. Vorderasiatischen Kulturdrift nach Europa lässt sich nur an einzelnen Punkten verfolgen.

Aufgrund unmittelbarer und mittelbarer Datierungen hebt sich in Griechenland und Bulgarien eine frühe, noch dem 6. Jahrtausend zuzurechnende Schicht bäuerlicher Siedlungen ab. Die frühesten bäuerlichen Kulturen auf dem nördlichen Balkan gehören der Zeit um 5000 v. Chr. und der ersten Hälfte des 5. Jahrtausends an. Auf einem zweiten Weg breitete sich die bäuerliche Wirtschaftsweise über das Mittelmeer zu den Küstengebieten Südwesteuropas aus. Von dort aus erreichte sie verhältnismäßig früh über das Rhonetal sich nach Norden vorschiebend die südwestliche Grenze Mitteleuropas. (vgl. JANKUHN, S. 17 ff.)

„ Ob schließlich mit dem westeuropäisch - atlantischen Impuls, derüber See im dritten Jahrtausend v. Chr. Norddeutschland und Dänemark erreichte, ein weiteres Ein dringen von Elementen früherer Anbauwirtschaft in den Norden verbunden war, lässt sich nicht erkennen. “ (vgl. JANKUHN, 1969, S.19)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 1: Ausbreitungswege früher bäuerlicher Wirtschaftsformen vom Orient nach Europa

Quelle: Jankuhn, Herbert: Deutsche Agrargeschichte

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 2: Verbreitung der Wildformen von Einkorn, Emmer und Gerste

Quelle: Jankuhn, Herbert: Deutsche Agrargeschichte

2.1.2 Die Landwirtschaft im Neolithikum

„ Entscheidend für das Aufstreben der menschlichen Gesellschaft war der Ü bergang von einer Jäger- und Sammlergemeinschaft zu einer sesshaften Kultur der Acker bauern. “ (vgl. SEIDL, 1995, S.17)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 3: Beginn der Sesshaftigkeit durch Hausbau

Quelle: Ernst, Eugen: Geschichte der Landwirtschaft vorzugsweise im hessischen Raum

Um etwa 5500 v. Chr. traten in Mitteleuropa erste bäuerliche Bevölkerungsgruppen auf, deren Siedlungen und Anbauflächen auf den unteren, lößbedeckten Hang- bereichen der Beckenlandschaften zu finden waren. Sie gehörten der Kulturperiode der Bandkeramik an. (vgl. SCHNEIDER, 1993, S.1) Diese sich von Mähren bis zu den südlichen Niederlanden ausbreitende Kulturgruppe scheint sich zunächst im Südosten ihres späteren großen Verbreitungsgebietes entwickelt und sich dann nach Norden und Nordwesten ausgebreitet zu haben. „ Die Ausbreitung der bandkera- mischen Bauern erfolgte in Mitteldeutschland in Wäldern auf Pseudoschwarzerden und war mit einer Rodung verbunden, deren technische Durchführung unbekannt ist. Die meist angenommene Brandrodung stützt sich nur auf einige wenige sichere Beo- bachtungen. Auch in den schweren, scharfschneidigen Flintbeilen besaßdie Bevöl- kerung ein für die Rodung sehr geeignetes Gerät. “ (vgl. JANKUHN, 1969, S.22) Auch die jüngere Inbesitznahme der Böden des glazialen norddeutschen Auf- schüttungsgebietes durch die sog. Trichterbecherkultur zu Beginn des 3. Jahrtausends als der ersten bäuerlichen Gruppe dieses Gebietes vollzog sich in enger Verbindung mit einem Rodungsvorgang. (vgl. JANKUHN, 1969, S.30) Die bandkeramischen Siedlungen waren unterschiedlich groß. Es gab Einzelhöfe und kleinere Weiler mit 3 bis 4 Gehöften, aber auch mittelgroße „Dörfer“ mit 5 bis 10 Hofplätzen. Die einzelnen Häuser waren sog. Langhäuser in rechteckiger Form, die 25 m Länge und 8 m Breite erreichen konnten. Das Innere des Hauses war in ein Wohn- und Arbeitsbereich, ein Schlaf- und in ein Vorratsbereich eingeteilt. Die Wirtschaftsflächen schlossen unmittelbar an die Siedlung an. Sie bestanden aus Garten- bzw. Ackerbeeten und sog. Waldland. (vgl. SCHNEIDER, 1993, S.1)

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Bild 4: Steinzeithaus

Quelle: Ernst, Eugen: Geschichte der Landwirtschaft vorzugsweise im hessischen Raum

In der älteren Bandkeramik sind folgende Haustiere nachgewiesen: Das Rind, das Schwein, das Schaf, die Ziege und der Hund. Interessant ist, dass innerhalb der neo- lithischen Siedlungen keine Ställe und größere Mistschichten gefunden wurden, die Tiere also wahrscheinlich auch im Winter im Freien gehalten wurden. Angesichts der günstigen klimatischen Bedingungen in der mittleren und späten Wärmezeit des Neolithikums und der Bronzezeit war dies durchaus möglich. Der Bedarf an tierischem Eiweiß wurde nicht nur durch Haustierhaltung, sondern größtenteils durch die Jagd gedeckt. Dies bezeugen Knochenfunde von Hirsch, Wildschwein, Elch, Reh und Hase. (vgl. JANKUHN, 1969, S.37 ff.)

Die ersten Kulturpflanzen wurden durch Saatgutauswahl aus Steppengräsern (Wildgetreidearten) und Wildpflanzen „gezüchtet“ bzw. aus dem Orient mitgebracht und auf den neu angelegten Feldern angebaut. (vgl. ERNST 1, 1996, S.13) Folgende Kulturpflanzen sind im Bereich der Bandkeramik nachgewiesen: Einkorn, Emmer, Dinkel, Gerste, Rispenhirse, Saaterbse, Linse, Ackerbohne und Lein. Daneben gab es bereits eine Anzahl von Hülsen- und Hackfrüchten sowie Gemüsepflanzen wie Bohnen, Rüben, Lauch und Kürbis. In den Siedlungsrückständen fand man auch einige Wild- und Sammelfrüchte wie Haselnüsse, Schlehen, Hollunder, Brom- und Himbeeren. (vgl. JAHNKUHN, 1969, S. 26)

Da die Zahl der Menschen, die versorgt werden mussten, zunahm, musste systema- tisch gesät und geerntet werden. Vor der Kulturpflanzenaussaat hat man die Felder zunächst mit Hacke und Grabstock, später auch im Pflugbauverfahren aufgelockert und dann eine Krümelstruktur mit Zweigen, später mit rechenartigen Werkzeugen im Boden hergestellt. Die Form der Felder und die Größe der Fluren ist unbekannt. Für die Ernte des Getreides war ursprünglich des Ausraufen der Halme üblich. In der ausgehenden jüngeren Steinzeit war dann auch die Sichel aus Feuerstein zum Schneiden der Halme bekannt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 5: Ernten des Wildgetreides mit der Horn- oder Steinsichel

Quelle: Ernst, Eugen: Geschichte der Landwirtschaft vorzugsweise im hessischen Raum

Zum Dreschen verwendete man sehr wahrscheinlich das Vieh, welches über die Ge- treidebüschel getrieben wurde. Durch den Viehtritt lösten sich die Körner aus den Ähren. Zum Trennen des Korns von der Spreu gebrauchte man eine weiden- geflochtene Wanne. Damit wurden Körner und Spreu in die Luft geworfen, so dass der Wind die Spreu von den Körnern trennen konnte. Das Getreide wurde je nach Bedarf auf steinernen Reibeplatten oder dazu hergerichteten Reibe- und Mahlsteinen zu Mehl zerrieben und dann weiter verarbeitet. (vgl. ERNST 1, 1996, S.13 ff.)

Ob und in welchem Umfang ein wirtschaftlicher Austausch zwischen den ältesten Bauern und den in ihrer Nähe lebenden Jägern, Sammlern und Fischern statt- gefunden hat, lässt sich nicht sicher sagen. Dass es solche Beziehungen gab, lehren mesolithische Funde in bandkeramischen Siedlungen und bandkeramische Steingeräte im Verband mesolithischer Fundkomplexe des Nordens. Man wird also einen zum Teil weite Strecken überwindenden Handel mit Rohstoffen und Fertigfabrikaten und eine diesen Handel speisende, für den überregionalen Bedarf arbeitende handwerkliche Produktion annehmen können. Trotz Überwiegen bäuerlicher Lebenshaltung sind im Neolithikum schon Ansätze einer handwerklichen Spezialisierung erkennbar. (vgl. JANKUHN, 1969, S.41 und S.50)

„ Am Ende des Neolithikums war fast ganz Mitteleuropa der bäuerlichen Lebens- weise gewonnen, wenn auch im einzelnen stärkere Unterschiede der verschiedenen Gruppen bestanden haben dürften. Nur im Osten hielt sich in der Kultur der so- genannten Kamm- und Grübchenkeramik eine von Jagd und Fang nach mesoli- thischer Manier lebende Bevölkerung bis Beginn der Bronzezeit. “ (vgl. JANKUHN, 1969, S.35)

2.1.3 Die Landwirtschaft in der Bronze- und vorrömischen Zeit

Die Siedlungen der sog. Urnenfelderzeit (etwa 1200 - 800 v. Chr.) lagen meistens in fruchtbaren Beckenlandschaften in der Nähe von Wasser. Die mittleren und höheren Lagen der Mittelgebirge waren dagegen nicht oder nur dünn besiedelt. In der älteren Eisenzeit, dem sog. Hallstatt von etwa 800 bis 450 v. Chr. kam es dann zu einer Ausweitung der Siedlungs- und Bewirtschaftungsflächen aus den fruchtbaren Talbereichen heraus in die Mittelgebirgslagen und in Höhenlagen bis zu 2000 Meter. (vgl. SCHNEIDER, 1993, S.4 und S.5)

Um 700 v. Chr. trat jedoch solch eine starke Klimaverschlechterung ein, dass die Siedlungen in den Hochtälern der Alpen und Uferrandsiedlungen wegen der zunehmende Vernässung wieder aufgegeben werden mussten. Parallel dazu kam es aber zu einer Inbesitznahme der unteren Partien der Bergwälder und der Kalkstein- und Buntsandsteinböden mit Beibehaltung der Talgebiete.

Die Grundlagen für die Ernährungswirtschaft der Bronze- und vorrömischen Metall- zeit änderten sich gegenüber dem Neolithikum in mehrfacher Hinsicht. Schon in der Steinzeit hatten sich gewisse, auf besondere gewerbliche Fähigkeiten spezialisierte kleine Gruppen herausgebildet, die mindestens zeitweise von der bäuerlichen Gesell- schaft unterhalten werden mussten. Dieser Differenzierungsprozess setze sich in der älteren Metallzeit fort. Es kam zu einer Herausbildung spezialisierter Handwerker- viertel und Händlerzentren. Archäologisch nachweisbare gewerbliche Tätigkeiten waren die bergmännische Gewinnung von Kupfer, Salz, Graphit und Sapropelit. Auch zur Versorgung der im Westen sich bildenden aristokratische Fürstenkultur und der im Osten entstehenden „egalitären“ Plansiedlungen war eine landwirtschaft- liche Überproduktion notwendig. (vgl. JANKUHN, 1969, S. 61 ff.) Als Verkehrsmittel wurden seit dem ausgehenden Neolithikum Wagen benutzt. Dass auch in der Bronze- und vorrömischen Metallzeit der Schiffsverkehr eine große Rolle spielte, bezeugen für die Bronzezeit des Nordens zahlreiche Schiffsdarstellungen an Felswänden und auf Rasiermessern. (vgl. JANKUHN, 1969, S.97)

„ Die Frage, ob man für die Bronze- und vorrömische Metallzeit schon von einem Handel sprechen kann, ist im wesentlichen eine terminologische Frage. Da sich seit der Bronzezeit eine auf Güteraustausch zum Teilüber weite Entfernungen ange wiesene Gesellschaft entwickelte, die in der Lage war, ihre Bedürfnisse durch eine weite Gebieteübergreifende Versorgung zu befriedigen, wird hier von Handel gesprochen. “ (vgl. JANKUHN, 1969, S.92)

Solch eine Entwicklung vollzog sich nur im keltischen Bereich des Südens. Der germanische Norden und der baltische Nordosten „verharrten“ in einer rein bäuerlichen Gesellschaftsform. (vgl. JANKUHN, 1969, S.83)

Wie die Ausgrabungsergebnisse aus mehreren Siedlungsbereichen der frühen und mittleren Bronzezeit (etwa 1800 - 1200 v. Chr.) belegen, wurden auf den fruchtbaren Böden nun auch Roggen und Hafer angebaut. Die Felder waren als wabenartig anei- nanderschließende Parzellen ausgebildet, die sich zu kleineren und größeren Fluren zusammenschlossen. Die einzelnen Äcker waren voneinander am Hang durch breite Erdrippen getrennt. Diese breiten Raine gestatteten den Zugang auch zu den im Inne- ren solcher Fluren gelegenen Parzellen, ohne dass dabei ein Überfahren anderer Par- zellen notwendig wurde. Zum anderen konnten infolge der breiten Grenzstreifen die einzelnen Äcker ohne Rücksicht aufeinander gepflügt werden. Diese Grenzstreifen sind aber wahrscheinlich nur in den seltensten Fällen als geplante Grenzen aufge- schüttet worden. Vielmehr werden sie durch die Pflugtechnik, Lesesteine, ungestör- ten Bewuchs und Erdanwehungen „gewachsen“ sein. So entsprachen diese Ackerflu- ren mehr einer individual - wirtschaftlichen Betriebsform des Getreideanbaus, mach- ten jedenfalls eine genossenschaftliche Bewirtschaftung mit Flurzwang und Feldge- meinschaft nicht notwendig. Ob eine Wechselwirtschaft betrieben wurde und, gege- benenfalls, in welcher Form sie sich abspielte, lässt sich mit archäologischen Methoden nicht erschließen. An Bedeutung gewann in der Bronze- und vorrömischen Zeit auch der Obstbau. Nachgewiesen sind Apfel, Birne, Pflaume und Süßkirsche. (vgl. JANKUHN, 1969, S.71 ff.)

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Bild 6: Bohlenweg der vorrömischen Eisenzeit aus dem „Großen Moor“ nördlich von Dümmer, Niedersachsen

Quelle: Jankuhn, Herbert: Deutsche Agrargeschichte

Archäologische Funde belegen für diese Zeit die Verwendung des Sohlenpfluges, der von einem Rinderpaar gezogen wurde. Funde von Bronzesicheln lassen erkennen, dass eine zum Teil intensive Feldbewirtschaftung betrieben wurde. Eine kurzstielige Sense wurde für die Grasmahd verwendet. Für den Drusch des Getreides wurden spezielle Geräte, sog. Dreschsparren, benutzt. Diese Geräte können als eine Vorstufe des Dreschflegels aufgefasst werden. (vgl. SEIDL, 1995, S.20)

Die zahlreichen gefundenen Tierknochen geben darüber Aufschluss, dass neben dem Rind, dem Schaf, der Ziege und dem Schwein jetzt auch das Pferd, die Gans und die Ente als Nutztiere gehalten wurden. (vgl. SCHNEIDER, 1993, S.4)

„ Am Vorabend der Berührung mit Rom ist als Folge starker, im wesentlichen wohl griechischer Einflüsse eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation im süd- lichen Mitteleuropa entstanden, die sich von einer primitiven, nur auf Selbstver sorgung beruhenden patriarchalisch strukturierten bäuerlichen Gesellschaft bereits entfernt hatte. “ (vgl. JANKUHN, 1969, S.113)

2.2 Die Landwirtschaft in der Römerzeit

Das Kapitel „Die Landwirtschaft in der Römerzeit“ behandelt den Zeitraum von 58 v. Christus bis ca. 500 n. Christus. Zu dieser Zeit existierte das römische und das freie Germanien.

2.2.1 Die Landwirtschaft im römischen Germanien

Die erste Nachhaltige Berührung der Germanen mit Rom erfolgte im Zusammenhang mit der Eroberung Galliens durch Cäsar.

58 v. Chr. kam es dann zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Cäsar und Ariovist, bei denen Cäsar siegte und die germanische Herrschaft in der „Burgundi- schen Pforte“ vernichten konnte, aber nicht die auf dem linken Rheinufer siedelnden Germanenstämme. Diese waren von da an fest in das römische Reich eingegliedert. Damals entstand zwischen Rhein und Donau der Limes, welcher zunächst mit Kas- tellen in Holz - Erde- Technik, später in Steinbau besetzt wurde. Die Einrichtung der beiden Provinzen Niedergermanien mit Köln und Obergermanien mit Mainz als Hauptstädten schloss die Grenzkämpfe an der römisch - germanischen Grenze ab, und es wurde eine im wesentlichen friedliche Periode eingeleitet, die fast 200 Jahre andauerte. (vgl. JAHNKUHN, 1969, S.116 ff.)

Im Schutze der militärisch gut gesicherten Grenze erwuchsen seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. aus den Verwaltungssitzen und Militärlagern blühende Städte und Wirt- schaftszentren, die untereinander durch ein gut ausgebautes Straßen- und Wegenetz verbunden waren. (vgl. SEIDL, 1995, S.30) In diesen Wirtschaftszentren, den mittle- ren zivilen Siedlungen, den Städten und den militärischen Zentren entstanden nicht - agrarische Konsumentengruppen, für deren Versorgung mit Nahrungsmitteln eine leistungsfähige Landwirtschaft nötig war. So bildete sich um die römischen Bevöl- kerungszentren ein Netz von meist einzeln stehenden Gutshöfen, den sog. „villae rusticae.“„ Entlassene römische Soldaten, die nach einer Dienstzeit von zwanzig Jahren Landbesitz zugewiesen bekamen und die aus ersparten Sold und Beuteanteil oft ein großes Kapital mitbrachten, zugewanderte Gallier und zwangsweise umge- siedelte Bevölkerungsgruppen aus allen Teilen des römischen Reiches, schufen ein buntes Bevölkerungsgemisch auf dem Lande. “ (vgl. JAHNKUHN, 1969, S.122)

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Bild 7: Rekonstruktion eines römischen Hofes

Quelle: Ernst, Eugen: Geschichte der Landwirtschaft vorzugsweise im hessischen Raum

Die römischen Gutshöfe erreichten vor allem im 2. Jahrhundert n. Chr. einen beträchtlichen Wohlstand. Nicht selten waren die Häuser mit Hypokaustheizung, Badeanlage und Mosaikfußboden ausgestattet.

Die Bauernhäuser der einheimischen Bevölkerung waren aus Holz gebaut und erheblich schlichter. Die „villae rusticae“ wurden fast alle nach dem gleichen Grundmuster errichtet. In der Mitte der jeweiligen Hofstelle lag im Regelfalle ein repräsentatives Atriumhaus, das von dem Pächter bewohnt wurde. Daneben gab es eine Reihe von Stallungen und Scheunen im Randbereich des Hofes. Im ersten Jahrhundert wurden die Hauptgebäude noch aus Holz errichtet. Sie wurden im 2. und 3. Jahrhundert recht einheitlich in Stein gebaut und zeichneten sich meist durch zwei Ecktürme, einer frontalen Pfeilerreihe und einem überdachten Innenhof aus.

In den „villae rusticae“ wurde nicht nur eine breitangelegte hauswirtschaftliche Ver- sorgung ermöglicht, durch Spezialisierung wurde auch ein Überschuss erzeugt, der auf den Märkten der Städte oder bei dem Heer abgesetzt werden konnte. Immerhin waren ca. 75% der Bevölkerung dem Landbau verpflichtet. Bemerkenswert ist auch, dass die römischen „villae rusticae“ nicht nur agrarische Produktionsstätten darstell- ten, sondern, mindestens zum Teil, auch Handwerksbetriebe, wie Töpfereien, Ziege- leien, Metallgießereien, enthielten. (vgl. ERNST 1, 1996, S.23 und S.25)

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Bild 8: Römischer Wohnraum (Nachbildung Xanten)

Quelle: Rheintal.de - Online -Magazin : Die römische Landwirtschaft

Neben den altbekannten Getreidearten wie Weizen und Gerste wurde nun verstärkt Roggen angebaut. Dazu kam ein hochentwickelter Obstanbau von Äpfeln, Kirschen, Pflaumen und Zwetschen. Nachgewiesen sind für diese Zeit auch verschiedene Nuss- sorten und Beerenfrüchten wie Himbeere, Erdbeere und Brombeere. Der Weinbau war seit dem 3. Jahrhundert fest eingebürgert. Mineralische Düngung kannte schon die einheimische Bevölkerung. Dazu kam in römischer Zeit die Plaggendüngung. (vgl. JANKUHN, 1969, S.127)

Zu den landwirtschaftlichen Geräten gehörte der Pflug in der Form des Haken- pfluges, den sowohl die Römer in ihrer Heimat, wie auch die einheimische Bevöl- kerung seit langem kannte. Den römischen Großbetrieben entsprechend wurde die Ernte zum Teil mit Mähmaschinen durchgeführt. Sie bestanden aus einem in ein Radgestell eingesetzten Kasten, der mit langen, eng gestellten Zinken in Fahrt- richtung versehen war und von einem Zugtier geschoben wurde. Im Vorwärts- schieben wurden die von den Zinken erfassten Getreideähren abgerissen. Diese Art von Mähmaschinen geriet aber wieder in Vergessenheit. Die Idee einer maschinellen Getreideernte wurde erst wieder im 19. Jahrhundert aufgegriffen. (vgl. HENNING 1, 1997, S.39)

An Haustieren sind mehrere Rinderrassen, Pferde, Schweine, Schafe, Ziegen, Hüh- ner, Gänse, Enten, Tauben, Pfaue, Hunde und Katzen nachgewiesen. Im Unterschied zu der einheimischen Tierhaltung brachten die Römer hochgezüchtete Rassen, be- sonders bei Rind und Pferd, mit. (vgl. JANKUHN, 1969, S.128) Daraus lässt sich erkennen, dass die römische Landwirtschaft auf eine höhere Pro- duktivität pro Arbeitskraft und Fläche abzielte, über eine reichhaltige Erzeugung von Nahrungsmitteln und eine bessere Fruchtfolge verfügte. Außerdem besaßen die Rö- mer bessere Eisenholzgeräte zur Bodenbearbeitung. Ihre herausgezüchteten Haustie- re hoben sich deutlich von den kleinwüchsigen und ertragsschwächeren Haustieren der germanischen Bevölkerung ab. (vgl. ERNST 1, 1996, S.23)

Die einheimischen Bauern haben auch unter der römischen Besatzung ihre Land- wirtschaft zunächst noch in herkömmlicher Weise betrieben. Es lässt sich erst für das 2. nachchristliche Jahrhundert nachweisen, dass sie sich an die neuen Verhältnisse in mancher Hinsicht angepasst haben. Man spricht hierbei von der „Romanisierung“ des linksrheinischen Gebietes.

Während dieser Zeit übernahm die einheimische Landwirtschaft fortschrittliche Techniken und lernte neue Landnutzungsweisen, wie z. B. den Obstanbau, kennen.

Die neuen Städte und Garnisonen hatten einen großen Bedarf an Lebensmitteln, der nun auch durch Lieferungen aus der einheimischen Produktion gedeckt wurde. Die Landwirtschaft blühte auf und gelangte zu einem gewissen Wohlstand. Das neue römische Verkehrswesen mit dem gut ausgebauten Netz von Römerstrassen und die Möglichkeit des Fernhandels mit einer gut organisierten Händlerschaft erleichterten den Güteraustausch. (vgl. ERNST 1, 1996, S.25)

Diese friedliche Entwicklung wurde durch die seit dem 3. Jahrhundert immer stärker werdenden germanischen Angriffe auf den römischen Limes gestört. Unter Kaiser Alexander Severus (222-235 n. Chr.) gelang den Alemannen ein Durchbruch durch den Limes. Weitere Einfälle folgten, und um 259/260 ging der Limes entgültig verloren. (vgl. JANKUHN, 1969, S.122)

„ Der Verfall der politischen und wirtschaftlichen Macht im 3. Jahrhundert und das sich damals ausbildende Zwangssystem machten auch vor der Landwirtschaft nicht halt. Die Germanenübernahmen in diesem Gebiet keine blühenden Anlagen. Sie mieden die zum Teil in Ruinen daliegenden villae rusticae undübernahmen nur de- ren Felder. Als Siedlungsform brachten sie das Dorf mit, das in der Germania Ro- mana die römischen Villen ablöste und die für das Mittelalter typische Form land- wirtschaftlicher Ansiedlungen einführte. “ (vgl. HENNING 1, 1997, S.335)

Mit dem Abzug der Verwaltung und der Soldaten hat jedoch nicht ein Wegzug der gesamten römischen Bevölkerung stattgefunden. Archäologische Befunde beweisen, dass die Besiedlung, wenn auch in eingeschränkten Maße, weiterging. Die germanische Besiedlung hat die romanischen Bevölkerungsinseln allmählich aufgesogen. Noch bis in das 5. Jahrhundert kann man von römischer Agrargeschichte in den nördlichen Provinzen sprechen. (vgl. HENNING 1, 1997, S.340)

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Bild 9: Bäuerliches Anwesen von Mayen im 1. Jahrhundert n. Chr. Geb.

Quelle: Jankuhn, Herbert: Deutsche Agrargeschichte

Bild 10: Bäuerliches Anwesen von Mayen im 4. Jahrhundert n. Chr. Geb.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Jankuhn, Herbert: Deutsche Agrargeschichte

2.2.2 Die Landwirtschaft im freien Germanien

Im Gegensatz zu der provinzialrömischen Welt mit ihren Städten und Lagern waren die Siedlungsgemeinschaften der römischen Kaiserzeit im freien Germanien nur Selbstversorger. Dies änderte sich bis Ende des 1. Jahrtausends nicht. (vgl. HENNING 1, 1997, S.377)

Das Siedlungsgebiet der germanischen Stämme war während der ersten nachchristlichen Jahrhunderte nicht konstant, sondern vergrößerte sich als Folge eines mit Rodung verbundenen Landausbaues. In Norddeutschland und Dänemark war die Gewinnung neuen Siedlungslandes durch umfangreiche Rodungen im Binnenland und zusätzlich mit Entwässerungs- und Schutzmaßnahmen in der Marsch gekennzeichnet. (vgl. JANKUHN, 1969, S.129 ff.)

Schon sehr bald hat hier die zunehmende Meerestransgression zur Herausbildung größerer Siedlungsgemeinschaften geführt. Auf der Feddersen - Wierde nördlich von Bremerhaven entstand zunächst eine ringförmige Dorfanlage auf radial angeordneten Einzelwohnhügeln, später ein Wohnhügel für eine größere Menschengruppe. In allen Siedlungen herrschte das sogenannte Wohn - Stall - Haus vor, wie es bereits in der Metallzeit üblich war. Mensch und Vieh lebten dabei in einem in Wohn- und Stallteil untergliedertem Haus unter einem Dach. Die unterschiedliche Größe der Wohn- und Wirtschaftsgebäude sowie ihre unterschiedliche Ausstattung lassen Rückschlüsse auf eine fortschreitende soziale Differenzierung zu. (vgl. SEIDL, 1995, S.43)

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Bild 11: Rekonstruktion des Kernwarfs von Ezinge (nach E. van Giffen)

Quelle: Jankuhn, Herbert: Deutsche Agrargeschichte

Anders als in der Marsch sind in den trockenen Gebieten des Binnenlandes die An- siedelungen weniger gut bekannt. In der vorrömischen Eisenzeit bestanden hier schon Gehöfte und kleine Gehöftgruppen. In den ersten Jahrhunderten nach Chr. Geb. existierten noch solche weilerartigen Ansiedlungen, daneben entwickelten sich regelrechte Dorfanlagen. Die sich in den nachchristlichen Jahrhunderten ergebende Bevölkerungsvermehrung in der Germania libera zwang nicht nur zu einem Land- ausbau, sondern führte offenbar auch zu einem Wachsen der Ansiedlungen selbst. (vgl. JANKUHN, 1969, S.138)

„ Die zunächst als Folge der römischen Angriffskriege, später, am Vorabend der großen Wanderungen, aber auch durch Spannungen im Inneren unruhiger werden- den Verhältnisse führten, wenn auch nur vereinzelt, zum Neubau von Befestigungs- anlagen oder zum Ausbau schon vorhandener. “ (vgl. JANKUHN, 1969, S.139) Sol- che Festungen waren Sitze von Häuptlingen oder Kleinkönigen. Ihr Wohlstand be- ruhte auf dem Handel mit dem linksrheinischen, noch römischen Gebiet, ihre Macht auf ihrer politischen Rolle als Gaufürsten und dem Schutz, den sie in ihren offenbar mit Hilfe versklavter Provinzialrömer modern ausgebauten Festungen bieten konn- ten. (vgl. JANKUHN, 1969, S.139)

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Bild 12: Befestigte Siedlung der Römischen Kaiserzeit von Zeijen, Prov. Drente

Quelle: Jankuhn, Herbert: Deutsche Agrargeschichte

Aufschlüsse über die Nahrungswirtschaft liegen nur für einen kleinen Teil Germa- niens vor. Man muss also vor vorschneller Übertragung der in besser untersuchten Gebieten gewonnenen Erkenntnisse auf schlechter erforschte Landschaften warnen. In der Marsch befanden sich schon in der vorrömischen Eisenzeit Stallgebäude, die das Aufstallen von 30 bis 50 Stück Großvieh zuließen. Auch in den nachchristlichen Jahrhunderten entsprach der Viehbestand der einzelnen Bauernhöfe im Umfange den Verhältnissen der vorrömischen Eisenzeit. Anders lagen die Verhältnisse auf den Trockengebieten der jüdländischen Halbinsel. Hier ergab sich nur ein Viehbestand von höchstens 17 Stück Vieh. Auch für ein Lößgebiet des Binnenlandes liegt eine Untersuchung zum Haustierbestand vor. An erster Stelle stand hier das Rind, dann das Schwein, es folgten das Pferd und das Schaf. Die Anzahl der Tiere im Binnen- land hob sich, sofern diese Fundstelle als typisch betrachtet werden darf, nicht we- sentlich von dem Viehbestand der Bauernhöfe in der Marsch ab. (vgl. JANKUHN, 1969, S.140 ff.)

Die klimatischen Bedingungen in dieser Zeit erforderten nicht zwingend eine winter- liche Aufstallung des Großviehs, dennoch sind in großem Umfang insbesondere Rin- der aufgestallt worden. Erklärt wird dies durch eine leichtere Bewirtschaftung vor allem beim Melken und durch die gezielte Fütterungsmöglichkeit. (vgl. HENNING 1, 1997, S.411)

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Auch für das Aussehen der Haustiere liefern die Funde gute Unterlagen. Das kurz- hörnige Rind war zierlich, das Pferd klein mit einer Widerristhöhe von etwa 1,35 Metern. Erst in der Merowingerzeit begann eine Entwicklung, die zu den großen und kräftigen Pferden des hohen Mittelalters führte. Das Hausschwein war schmächtig und das Schaf gehörte einem derben Landschlag an. Unter den Hunden gab es ver- schiedene Formen, vom kleinen Zwerghund bis zu großen doggenartigen Tieren. Die selten vorkommenden Katzen waren nicht aus einheimischen Wildformen gezähmt worden, sondern waren aus römischem Gebiet eingeführt. Eine besondere Zucht von Haustieren, die auf bestimmte Zuchtziele ausgerichtet gewesen wäre, ist nirgends nachweisbar. (vgl. JANKUHN, 1969, S.146)

Der Getreideanbau vollzog sich auf Feldern, deren Umfang und Größe durch archäo- logische Entdeckungen verhältnismäßig gut bekannt ist. Die Größe der Äcker richte- te sich zum einen nach der Zahl der daran teilhabenden Höfe und zum anderen nach der Betriebsform der Ackerwirtschaft. Abhängig von der Zahl der teilhabenden Höfe lag die Größe der Ackerfläche in Mitteleuropa meist unter 20 Hektar. (vgl. HENNING 1, 1997, S.389)

Die Betriebsform des Getreideanbaues ist weitgehend unklar. Dass ein Wechselsys- tem von Anbau und Brache bestand, ist sicher. So streng geregelte Wechselsysteme wie die Dreizelgen - Wirtschaft sind jedoch jüngeren Datums und so bleibt die alte Annahme einer wilden „Feld - Gras - Wirtschaft“ gültig. An Erntegeräten sind nur Sicheln bekannt. Für die Grasmahd wurde eine Kurzstielsense benutzt. (vgl. SEIDL, 1995, S.43)

Unklar ist auch die Winterfuttergewinnung für die aufgestallten Tiere. An Heuernte auf künstlich angelegten Wiesen ist nicht zu denken, dagegen boten die Talauen natürliche Wiesen. Ein Ansatz wäre auch die Laubheufütterung.

Ob Obst- und Gartenbau eine große Rolle gespielt haben, ist sehr unsicher, denn Funde von Obstresten im freien Germanien fehlen, sofern es sich nicht um eine For- schungslücke handelt. Auffallend ist dies deshalb, weil Kulturformen von Äpfeln, Birnen und großkernigen Früchten wie der Pflaume in Mitteleuropa schon in vorge- schichtlicher Zeit bekannt waren. (vgl. JANKUHN, 1969, S.156 und S.158) Die Schwerpunkte des Gewerbe und Handwerks lagen in dieser Zeit auf dem Metall- handwerk, der Holzkohleproduktion, der Eisengewinnung, der Waffenschmiederei, dem Kunsthandwerk, dem Zimmermannsgewerbe, dem Schiffsbau, dem Herstellen von Schilden und Langbögen, der Verarbeitung von Knochen, Horn und Geweih und der Töpferei. Ob das Textilhandwerk über eine im Hause allgemein geübte Tätigkeit hinausging, bleibt fraglich. Genauso fraglich bleibt, ob es ein spezialisiertes Riemerund Sattlerhandwerk gegeben hat. (vgl. JANKUHN, 1969, S.160 ff.)

2.3 Die Landwirtschaft im Mittelalter

Das Kapitel „Die Landwirtschaft im Mittelalter“ behandelt den Zeitraum von ca. 500 bis ca. 1500. Das Mittelalter kann man in Frühmittelalter, Hochmittelalter und Spätmittelalter gliedern.

2.3.1 Die Landwirtschaft im Frühmittelalter

Das Frühmittelalter begann mit der Ablösung Roms als geschichtstragende und - bestimmende Macht im westlichen Mittelmeerraum.

In dieser Zeit bildete sich das Feudalsystem als Gesellschafts- und Wirtschaftsord- nung aus. Kernstück des mittelalterlichen Feudalsystems war das Lehenswesen. „ Das Lehenswesen entstammte der Gewohnheit des weltlichen und geistlichen Adels, an Nachrangige Land zu leihen und nicht zu eigen zu geben. “ (vgl. SEIDL, 1995, S.48) Das Lehensgut wurde ohne oder mit geringer Abgabebelastung von dem obersten Lehensherrn, dem König, an seine Lehensleute, die herrschende Oberschicht, verge- ben. Diese gaben ihrerseits Lehen aus, deren Lehensnehmer ebenfalls. Der König war für die Lehensnehmer dieser Schichten nur noch mittelbarer Lehensherr. Es bil- dete sich eine Lehenskette nach Rangordnung der Lehensnehmer mit dem König an der Spitze.

„ Streng von dieser günstigen Lehensform, die nur die in die sog. Lehenspyramide einbezogenen oberen Gesellschaftsschichten betraf und die Verleihung zu niedrigen oder ohne Belastungen vorsah, ist die belastende Leihe für die abhängigen Bauern zu scheiden, die die Hofstellen der Lehensleute bewirtschafteten. “ (vgl. SEIDL, 1995, S.53) Ihr Schicksal war es, über Abgaben in Naturalien oder Geld und Dienst- leistungen die Lebensführung einer elitären Schicht zu ermöglichen. Insgesamt machten die Unfreien und unfrei gewordenen die weitaus überwiegende Masse der

Bevölkerung aus. Der Leibherr hatte die Verpflichtung zum Schutz der Person des Leibeigenen, des Leiheguts und gegebenenfalls auch seines Vermögens. „ Dies darf aber nichtüber die tatsächlichen Machtverhältnisse hinwegtäuschen. “ (vgl. SEIDL, 1995, S.62)

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Bild 13: Lehenspyramide

Quelle: Seidl, Alois: Deutsche Agrargeschichte

Das Feudalsystem war vor allem dort zu finden, wo der Boden aus naturräumlichen Gegebenheiten oder aus rechtlichen Gründen knapp war (oder knapp gehalten wur- de) und wo die Arbeitsproduktivität in der Landwirtschaft so niedrig war, dass sich der nichtlandwirtschaftliche Sektor nicht stark genug entwickeln konnte. (vgl. HENNING 3, 1985, S.44)

Seidl (1995) nennt auch noch andere Gründe für die feudalistische Abhängigkeit der Bauern. Seine Hauptgründe für die Abhängigkeit der Bauern sind, dass sie sich frei- willig in die Abhängigkeit einflussreicher Feudalherren begeben haben, was dem im römischen Reich üblichen Klientelverhältnis entsprach oder gewaltsam in dieses Abhängigkeitsverhältnis gebracht wurden. Hinzu kam, dass der Landausbau nur von den finanzkräftigen Feudalherren geleistet werden konnte, wodurch der landsuchende Einzelbauer von Anfang an in ein Abhängigkeitsverhältnis geriet. Möglichkeiten zur Abwanderung auf freien Boden oder in freie nichtlandwirtschaftliche Tätigkeiten bestanden für die Bauern zunächst nicht. (vgl. SEIDL, 1995, S.56)

Die Wirtschaftsflächen waren nach der Römerzeit zum Teil verkommen. Durch die Völkerwanderung war die Sesshaftigkeit streckenweise unterbunden worden und ehemals bewirtschaftetes Land war wieder verwaldet. (vgl. ERNST 1, 1996, S.25) So wurden im Frühmittelalter auf ehemals römischem Reichsgebiet vor allem Lößland- schaften und nichtversumpfte Tallandschaften besiedelt. Bereits wieder bewaldete Kulturflächen schieden in der ersten Welle der Landnahme aus, zumal der Bevölke- rungsdruck nicht besonders hoch war (Mitte des 1. Jahrtausends: 2,2 bis 2,4 Einwoh- ner / qkm). Zu einem Landausbau mit Rodungen kam es erst im 7. bis 10 Jahrhun- dert, denn in dieser Zeit verdreifachte sich die Bevölkerung. (vgl. SEIDL, 1995, S.79)

Nach der ersten Landnahme im 6. Jahrhundert kann nur eine wilde, später aber auch eine geregelte Feldgraswirtschaft angenommen werden, d.h. dass sechs bis acht Jahre auf Grasland geweidet oder Dörrfutter geerntet wurde, um sie dann zwei bis drei Jahre dem Ackerbau zuzuführen. Erst nach der endgültigen Landnahme und der Gründung fester Siedlungen kam es um 800 n. Chr. bei einer wachsenden Bevölke- rung zu einem gesteigerten Produktionszwang. Dieser Intensivierungsprozess führte zu einer Betonung des Getreideanbaues im Rahmen der noch im Frühmittelalter auf- kommenden Dreifelderwirtschaft mit der Folge Winterung, Sommerung, Brache.

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Bild 14: Pflugarbeiten und Ackernutzung bei der Dreifelderwirtschaft im Jahres- ablauf

Quelle: Seidl, Alois: Deutsche Agrargeschichte

Bei der Zusammenfassung der Einzelanteile der Bauern zu Großfeldern entwickelte sich die Dreifelderwirtschaft zur Dreizelgenwirtschaft kombiniert mit Flurzwang weiter. In diesem Dreizelgensystem rotierte der Anbau in dreijährigem Turnus sys- tematisch um die gesamte Ackerflur. Da es keine Wege und keine Zufahrten in unse- rem heutigen Sinne zu den Parzellen gab, erfolgten Aussaat und Ernte zu einer fest- gesetzten Zeit, um jede Schädigung zu vermeiden. Dies bedeutete, dass ein strenger „Flurzwang“ eingeführt werden musste. Wer sich diesem Flurzwang nicht unterwarf, hatte keine Rechtsansprüche bei Ertrags- und Ernteschäden. Konkret bedeutete dies, dass ein Besitzer, der das öffentlich bekannt gegebene „Kornschneiden“ nicht verein- barungsgemäß wahrnahm, sich wegen der unsachlichen Überfahrt über sein Grund- stück hinterher nicht beklagen konnte. Gebräuchlich war zu dieser Zeit auch noch die Einfeld- und Zweifeldwirtschaft. (vgl. ERNST 1, 1996, S.33 ff.)

Die mittelalterliche Produktionstechnik stand auf einem insgesamt niedrigerem Niveau als die der Römerzeit. Die pflanzenbauliche Produktionstechnik war vor allem gekennzeichnet durch eine im Verlauf des Mittelalters sich durchsetzende Verbesserung der Bodenbearbeitung. Sie brachte den Übergang vom Hakenpflug zum schollenwendenden Beetpflug (= Streichbrettpflug). Durch die Wiederholung des Auseinander- und Zusammenpflügens an derselben Stelle entstanden sog. Hoch- oder Wölbäcker. (vgl. SEIDL, 1995, S.69)

Es kam auch zu einer Veränderung der Flurformen, was in erster Linie durch einen Wechsel in der Pflugtechnik bedingt war. Die gedrungenen Ackerformen der frühen Blockfluren eigneten sich in besonderem Maße für den Einsatz des Hakenpfluges, der ein kreuzweises Pflügen zur Lockerung des Bodens voraussetzte, während die schmalen Felder der jüngeren Langstreifenfluren die effektive Verwendung des Streichbrettpfluges durch selteneres Wenden der Gespanne erleichterte. (vgl. HENNING 1, 1997, S.391)

Die Wirkungskraft des Pflügens wurde zudem durch die Anspannung einer größeren Zahl von Zugochsen oder den Übergang zum zugkräftigeren Pferd erhöht. Neben dem Pflug spielte die Egge für das Herrichten des Saatbeetes (Schollenzerkleinerung, Krümeln und Einebnen der Oberkrume, Herstellung des Bodenüberschusses, Herausreißen von Unkräutern) eine wichtige Rolle. Hauptgerät der Getreideernte war nach wie vor die Sichel. Das Sensenblatt war inzwischen so weiterentwickelt worden, dass weitgehend aufrecht gemäht werden konnte. Die Sense wurde jedoch wie in früheren Zeiten vornehmlich zur Grasmahd verwendet.

Bei der Druschtechnik war im Frühmittelalter immer noch das Austreten durch Vieh verbreitet. Zur Weiterverarbeitung des Getreides dienten einfache Handmühlen. Auffallend ist, dass beim landwirtschaftlichen Gerät die Eisenteile zunahmen. In der weiterverarbeitenden Milchwirtschaft wurden tönerne Siebgeräte für die Quarkbereitung und zur Käseherstellung und Butterfässer nachgewiesen.

Das Spektrum der im ersten Jahrtausend für die Landwirtschaft genutzten Geräte war kaum geringer als das der Neuzeit. (vgl. SEIDL, 1995, S.69 ff.) „ Mangels hinrei- chender Siedlungsbefunde sind die Aussagemöglichkeiten zur Tierhaltung der Völ- kerwanderungszeit und im Frühmittelalter wesentlich eingeschränkter. Im wesentli- chen wird es sich wie schon in der römischen Kaiserzeit um die Beibehaltung seit langem bewährter Arten gehandelt haben. Es gibt keine Hinweise auf ganz grund- sätzliche Veränderungen oder Erweiterungen in dieser Zeit. “ Die Widerristhöhen der Tiere waren also noch immer sehr niedrig. (vgl. HENNING 1, 1997, S.410)

Das Futter für die Tiere lieferten Weide incl. Brach- und Stoppelweide. Dauerweiden waren die meist der Gemeinnutzung unterliegenden Allmendeflächen. Ein Engpass war nach wie vor die Erzeugung von Futtervorräten für den Winter. Zusammen mit fehlenden Stallkapazitäten und ohne systematisch betriebener Stallmistpflege waren die Milchleistungen dementsprechend niedrig (1000 Liter je Kuh und Jahr). Neben dem Getreideanbau trug die Ausweitung des Hülsenfruchtanbaus (Erbsen und Linsen), des Anbaues von Faserpflanzen (Hanf und Flachs) und von Dauerkulturen (Obst und Weinbau) zu einer Intensivierung der Landwirtschaft bei. (vgl. SEIDL, 1995, S.72 ff.)

Mit der straffen Verwaltungsgliederung des Großgrundbesitzes und aller davon in weiterer Abhängigkeit befindlichen Ländereien kamen die Höfe der Grundherrschaften und angegliederten Kleinbetriebe mit ihrer jetzt oft über den eigenen Bedarf hinausgehenden Produktion als Lieferbetriebe in Frage. Die Römer bewältigten dies ein halbes Jahrtausend zuvor. (vgl. HENNING 1, 1997, S.387)

2.3.2 Die Landwirtschaft im Hochmittelalter

In dem Zeitraum vom 12. bis zum 14. Jahrhundert verdreifachte sich die Be- völkerung erneut. Diese Tatsache ließ zum ersten Mal die Grenzen der Nah- rungsversorgung bei Beibehaltung des niedrigen Produktionsstandes erkennen. Der weit überwiegende Teil der zuwachsenden Bevölkerung wurde von der einhei- mischen Landwirtschaft aufgenommen, teilweise auf der Basis der Ausdehnung der vorhandenen Siedlungen, teilweise durch die Anlage von neuen Siedlungen in Ver- bindung mit weiteren Rodungen (Hochschwarzwald, Odenwald, Böhmerwald, Al- pentäler). Ortsnamen mit den Endungen -rode, -rat, -rith oder -reith lassen noch heu- te erkennen, dass diese Gebiete nicht zum Altsiedelland gehörten, sondern im Hoch- mittelalter durch Rodung hinzugewonnen wurden. An der Nordsee kam es zu Errich- tung von Deichen. Ein weiterer Teil siedelte sich in den schnell und in großer Zahl entstehenden Städten an. Es kam zu einer sog. wirtschaftlichen und kulturellen Blü- tezeit der Städte. Man kann die städtische Bevölkerung für die Mitte des 14. Jahr- hunderts auf etwa 0,8 Mio. Menschen ( ca. 12%) schätzen. (vgl. HENNING 2, 1994, S.139)

In der Welle der Städtegründungen erwuchsen den Bauern Märkte, die einen ersten Einstieg in die marktverbundene Kulturwirtschaft ermöglichten. Die Entstehung von Marktbeziehungen in immer größerem Umfang aufgrund der wachsenden städtischen Wirtschaft hatte eine verbesserte Einkommens- und Ausstattungsmöglichkeit auch der bäuerlichen Bevölkerung zur Folge. (vgl. HENNING 3, 1985, S.89) Leibeigene hatten nun die Möglichkeit, sich durch Abwanderung in die Städte zu befreien. „ Nach dem Grundsatz „ Stadtluft macht frei “ wurde der Unfreie dann frei, wenn der Grundherr innerhalb der Frist eines Jahres keine Ansprüche an den ent laufenden Leibeigenen erhob. “ (vgl. SEIDL, 1995, S.62)

Eine große politische und territoriale Bedeutung erlangte die Abwanderung in die Gebiete jenseits von Elbe und Saale, verbunden mit dem Namen „Ostkolonisation.“ Im Zuge der Binnen- und Ostkolonisation haben sich neben oder aus den bisher bestehenden lockeren Gehöftgruppen, die von wenigen in Streifen oder Blöcke gegliederten Feldern und Wiesen umgeben waren, charakteristische neue Dorfformen und Flurformen entwickelt. (vgl. LIENAU, 1995, S.66)

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Bild 15: Dorfformen

Quelle: Seidl, Alois: Deutsche Agrargeschichte

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Bild 16: Flurformen

Quelle: Seidl, Alois: Deutsche Agrargeschichte

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Details

Seiten
171
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638138277
Dateigröße
5.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6196
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Lehramt an Grundschulen und an Hauptschulen und Realschulen
Note
gut
Schlagworte
außerschulischer Lernort Geschichte der Landwirtschaft

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Titel: Landwirtschaft und Schule