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Das Problem der Überlieferung und Strophenfolge von Walthers Lied "Kan min frouwe süeze siuren?" La 69,22

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 25 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Überlieferung
2.1.1. Allgemeines
2.1.2. Kan min frouwe süeze siuren? (La 69,22)
2.1.3. A- Die kleine Heidelberger Liederhandschrift
2.1.4. C – Die Große Heidelberger Liederhandschrift
2.1.5. E – Würzburger Liederhandschrift
2.1.6. F – Weimarer Liederhandschrift
2.1.7. O – Pergament Handschrift
2.1.8. s – Haager Liederhandschrift
2.2. Metrik und Form
2.2.1. Allgemeines
2.2.2. Kan min frouwe süeze siuren (La 69,22)
2.3. Interpretation der Fassungen
2.3.1 Die Strophenfolge der Fassung C
2.3.2. Die Strophenfolge der Fassung A
2.3.3. Die Strophenfolge der Fassungen EFO

3. Schluss

1. Einleitung

Walthers Lied La 69,22 Kan min frouwe süeze siuren? gehört zu den bekanntesten seiner Minnelieder, „nicht zuletzt weil die Forschung es als programmatisch für Walthers Minne-Konzeption begreift.“[1] Mit seiner 6fachen Überlieferung ist es außerdem eines der am besten bezeugten Lieder Walthers von der Vogelweide. Doch gerade durch diese zahlreiche Überlieferung ergeben sich auch Probleme, die seit langem in der Forschung diskutiert werden. Liedstrophen bilden zumeist für sich geschlossene Einheiten, die in sich kohärent sind. „Wie sich solche Einzelstrophen nun zur höheren Einheit des Liedes verbinden, wird gerade bei mittelalterlicher Lyrik immer wieder zur interpretatorischen Schlüsselfrage.“[2] Aus den zahlreichen Überlieferungsvarietäten der Lieder wurde auf verschiedene Aufführungsvarianten aufgrund verschiedener Situationen geschlossen. Heute versucht man die unterschiedlichen Fassungen zu interpretieren, nicht mehr mit dem Hauptziel eine ursprüngliche Anordnung zu ermitteln, sondern um den Sinn der verschiedenen Überlieferungen aufzuzeigen. Auch ich möchte in dieser Arbeit versuchen die Handschriften, in denen das Lied La 69,22 überliefert ist und deren Strophenfolge zu untersuchen. Ziel soll es sein unterschiedliche Sinngebungen, Wirkungen und Ziele des Sängers, die durch die Strophenanordnung entstehen, genauer darzulegen. Beginnen werde ich mit einer kurzen Erläuterung der allgemeinen Überlieferung mittelalterlicher Lyrik und im Speziellen der Lyrik Walther von der Vogelweide. Im Anschluss daran wende ich mich den Überlieferungsträgern des hier zu besprechenden Liedes zu. Nur kurz und überblickhaft gehe ich auf die Metrik und Form des Liedes ein. Im Hauptteil der Arbeit möchte ich versuchen ausgehend von der in der Großen Heidelberger Handschrift überlieferten Fassung C das Lied und insbesondere die Stellung der Strophen zu interpretieren und mit den Fassungen A, E, F und O zu vergleichen. Dabei geht es mir, wie schon angedeutet nicht darum festzustellen, welche Fassung die „bessere“ ist, sondern um die individuelle Sinngebung, welche durch die Strophenanordnung entsteht. Ich hoffe, es gelingt mir aufzuzeigen, dass keine der Fassungen mit Sicherheit zu widerlegen ist und diese immer auch auf den persönlichen Hintergrund des Sängers und die höfische Umgebung zu beziehen sind. In diesen Kontext eingebunden liefern sie weitreichende Erkenntnisse über das Leben eines Minnesängers, seine Möglichkeiten und Grenzen.

2. Hauptteil

2.1. Überlieferung

2.1.1. Allgemeines

Im Allgemeinen lässt sich von der mittelalterlichen Lyrik sagen, dass sie in rund 40 zeitschriftlichen Zeugnissen überliefert ist, ein großer Teil derer ist allerdings nur fragmentarisch erhalten. „Die Überlieferung setzt kurz vor 1300 ein und reicht bis ins 15.Jh.“[3] Einerseits existieren Liederhandschriften größeren und kleineren Umfangs, andererseits sind Minnesangtexte auch als Einträge in Handschriften überliefert, welche im Wesentlichen andere Textsorten enthalten. Von diesen lässt sich wiederum die so genannte Streu- Überlieferung unterscheiden. Es handelt sich dabei um den Eintrag einzelner Gedichte in Handschriften mit anderen Textsorten.

„Die schriftliche Überlieferung der Lieder Walthers von der Vogelweide setzt um 1230 mit drei anonymen Strophen aus dem Mailied und dem Palästinalied im Codex Buramus (M) ein.“[4]

2.1.2. Kan min frouwe süeze siuren? (La 69,22)

Konkret zum Lied kan min frouwe süeze siuren? lässt sich sagen, dass es zu einem der am besten bezeugten Liedern Walthers gehört. In der Wissenschaft wird von 5 bzw. 6 Textzeugnissen gesprochen in denen sich das ganze Lied bzw. Teile daraus wieder finden. Die Kleine Heidelberger Liederhandschrift (A), sowie die Große Heidelberger Liederhandschrift (C) geben jeweils dieselben vier Strophen des Liedes, allerdings in unterschiedlicher Reihenfolge wieder.

Neben diesen findet sich das Lied mit jeweils 5 Strophen in der Würzburger Liederhandschrift (E) und in der Weimarer Liederhandschrift (F). Beide Textquellen überliefern eine parallele Reihenfolge der Strophen, die sich von der Handschrift A und C unterscheidet. Die zusätzliche Strophe ist in beiden Handschriften an 4. Stelle eingefügt. In dieser Form stand das Lied vermutlich auch in der so genannten Pergament Handschrift (O), allerdings ist hier die in den Fassungen E und F stehende Anfangsstrophe durch Blattverlust nicht mehr zugänglich.

Beim 6ten Überlieferungstext handelt es sich um die Wiedergabe einer Einzelstrophe unseres Liedes. Die Haager Liederhandschrift (s) bewahrt die Anfangsstrophe der Fassungen E und F, die in O verloren gegangen ist. Aus diesem Grund wird s in der Wissenschaft auch enger den Fassungen EFO zugeordnet.

Tabelle zur Überlieferung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vgl. Nolte, Theodor: Walther von der Vogelweide. Höfische Identität und konkrete Erfahrung. Stuttgart: S. Hirzel Verlag,1991. S.177

Im Folgenden möchte ich kurz auf die verschiedenen Handschriften, in denen der Text überliefert ist eingehen.

2.1.3. A- Die kleine Heidelberger Liederhandschrift

Diese vermutlich um 1300 im Elsass entstandene Handschrift, (Gisela Kornrumpf datiert die Handschrift in ihrem Aufsatz auf nicht nach 1270/80) die in gotischen Minuskeln verfasst wurde, enthält 45 Pergamentblätter in Kleinformat. Der Hauptteil, der darin enthaltenen Lieder wurde von nur einem Schreiber verfasst, im Anhang finden sich jedoch Nachträge vier verschiedener Schreiber.

Die Texte sind dabei ohne Spaltengliederung fortlaufend verfasst und durch Initialen mit wechselnder Farbe gekennzeichnet.

Eventuell später der Handschrift hinzugefügt wurden die paragryphus Zeichen, die den Anfang der Liedanfänge kennzeichnen.

Im Hauptteil enthält die Kleine Heidelberger Liederhandschrift 34 mit Autorennamen bezeichnete Abschnitte, die Lieder von 30 Autoren wieder geben.

Der Nachtrag enthält 59 Strophen ohne Namenseintrag und ohne Initialen. Einige der Strophen konnten, mit Hilfe anderer Quellen, Autoren zugeordnet werden, andere bleiben anonym.

Enthalten in A sind Dichter des Zeitraumes zwischen 1180 und 1240, wobei es sich größtenteils um Minnesänger handelt.

Den größten Teil der Handschrift nimmt Walther von der Vogelweide ein. „Die Sammlung unter Walthers Namen umfasst 151 Strophen, dazu 12 anonym aufgezeichnete im Anhang (a). Es sind vorwiegend Liedstrophen (125 Strophen)“[5]

Vom hier besprochenen Lied finden sich 4 Strophen in A, die in der Reihenfolge La 69,15; La 69,22; La 69,8; La 69,1 aufgeführt sind.

2.1.4. C – Die Große Heidelberger Liederhandschrift

Bei dieser Handschrift wird auch von der Manessichen Handschrift oder vom Manesse Kodex gesprochen, bis Ende des 19. Jahrhunderts wurde sie auch Pariser Liederhandschrift genannt.

Entstanden ist die Handschrift ebenso um 1300 vermutlich in Zürich. Sie enthält 428 Pergamentblätter in Großformat. Darunter sind 140 leere und zahlreiche nur zum Teil beschriebene Seiten. Verfasst wurde der Kodex in gotischen Buchstaben von mehreren Schreibern. Man spricht von einem Grundstockschreiber, sowie 7 bzw. 11 weiteren Schreibern. Die Festlegung der Anzahl der Schreiber ist sehr schwierig und in der Literatur finden sich teilweise verschiedene Angaben dazu.

Klar ist allerdings, dass die einzelnen Dichtersammlungen jeweils von einer Hand geschrieben wurden. Einträge zu Dichtern von mehreren Händen finden sich nur bei einigen wenigen, unter anderem auch bei Walther.

„Die Texte sind auf vorlinierten Blättern zweispaltig strophenweise eingetragen, ohne Berücksichtigung der Versstruktur, die jedoch durch – allerdings nicht immer konsequent gesetzte – Reimpunkte markiert ist. Es finden sich sowohl Strophen- oder Liednachträge als auch Nachträge ganzer Sammlungen. Auch Texteinbußen durch Blattverluste lassen sich feststellen.“[6]

Die Strophenanfänge sind jeweils mit roten und blauen Initialen geschmückt und enthalten zum Teil Randverzierungen. Vor 137 Dichtersammlungen findet sich eine ganzseitige Miniatur, versehen mit dem Autornamen sowie einem Bild des Dichters oder einer Szene. Außerdem enthalten die Miniaturen zumeist ein Wappen und eine Helmzier. Deutlicher als bei den Schreibern lassen sich 4 verschiedene Maler unterscheiden.

Der Kodex beginnt mit einem Inhaltsverzeichnis, das vom Grundstockschreiber angefertigt wurde. Insgesamt sind 140 mit Namen gekennzeichnete Sammlungen enthalten, die in ihrer Gesamtheit ca. 6000 Strophen beinhalten. Zumeist handelt es sich um Minnelyrik sowie um didaktische und religiöse Lyrik. Enthalten sind Dichter von den Anfängen der weltlichen Liedkunst, wie z.B. Kürenberg um 1150 bis zur Entstehungszeit der Handschrift. In den ersten Lagen lässt sich bei einzelnen Liedcorpora eine hierarchische Ordnung feststellen, danach ist keine ständische Ordnung mehr zu erkennen. Auch in der Manessischen Handschrift nimmt Walther mit 444 Strophen den größten Raum ein. Seine Sammlung beginnt mit der Überlieferung des Leichs.

Insgesamt betrachtet gehört die Handschrift nicht nur zu einer der schönsten und kostbarsten der aus dem Mittelalter erhaltenen, sondern stellt auch eine einmalige Schatzkammer mhd. Lyrik aller Gattungen dar. Die zahlreichen leeren Seiten und Nachträge zeigen, dass der Schreiber um größtmögliche Vollständigkeit bemüht war.

2.1.5. E – Würzburger Liederhandschrift

Diese auch als Reinmar-Walther Sammlung bezeichnete Handschrift ist erhalten im zweiten Band des Hausbuches des Protonotars Michael de Leone. Entstanden ist sie zwischen 1345 und 1354 in Würzburg. Es handelt sich hier um 286 Pergamentblätter in gotischer Buchschrift von mehreren Händen. Die Handschrift ist zweispaltig geschrieben und enthält zahlreiche Nachträge. Vereinigt werden in 33 Kapiteln Gebrauchstexte, didaktische und dichterische Werke sowie Spruchdichtung. Die Kapitel 24 und 25 enthalten Liederhandschriften von Walther und Reinmar. Jedem der aufgeführten Lieder ist der Autorname vorangestellt. Unter den 212 Strophen Walthers sind auch solche, die in anderen Handschriften anderen Dichtern zugeschrieben werden. Die Sammlung Walthers endet abrupt nach 9 Versen der Elegie mitten im Vers. Es schließt sich nun, wiederum mitten im Vers die Sammlung Reinmars an. „Zwischen beiden Sammlungen müssen also Blätter fehlen – vermutlich sieben, mit Raum für etwa 50 weitere Strophen, wenn die betreffenden Lagen denselben Umfang hatten, wie die übrigen.“[7]

[...]


[1] Henkes, Christiane: Beobachtungen zur Überlieferung von Lied 44 (L. 69,1) und Lied 45 (L. 70,1). In: Walther von der Vogelweide. Textkritik und Edition. Hrsg. von Thomas Bein. Berlin: Walther de Gruyter 1999.

[2] Knape, Joachim: Zur Liedkohärenz von Walthers "Was ist minne?"(L.69.1).In: Festschrift Wuttke

Wiesbaden: Harrasowitz Verlag, 1994. S. 33.

[3] Schweikle, Günther: Minnesang: 2.korrigierte Auflage. Stuttgart, Weimar: Metzler 1995. S.1.

[4] Kornrumpf, Gisela: Walther von der Vogelweide. Die Überlieferung der *AC-Tradition in der Großen und der Kleinen Heidelberger Liederhandschrift. In: Walther von der Vogelweide. Textkritik und Edition. Hrsg. von Thomas Bein. Berlin: Walter de Gruyter 1999. S.153.

[5] Walther von der Vogelweide. Band 2 Liedlyrik. Hrsg. von Günther Schweikle, .Stuttgart: Reclam 1998. S. 11.

[6] Schweikle, Günther: Minnesang: 2.korrigierte Auflage. Stuttgart, Weimar: Metzler 1995. S.4.

[7] Schweikle, Günther: Minnesang: 2.korrigierte Auflage. Stuttgart, Weimar: Metzler 1995. S.10.

Details

Seiten
25
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638552431
ISBN (Buch)
9783638668293
Dateigröße
629 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v61892
Institution / Hochschule
Universität Basel – Deutsches Seminar
Note
gut
Schlagworte
Problem Strophenfolge Walthers Lied Walther Vogelweide

Autor

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