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Einführung in die Thematik des Schriftspracherwerbs

Seminararbeit 2006 15 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung

2. Was bedeutet Schreibenlernen?
2.1 Stufenmodelle des Schreibenlernens
2.2 Stufenmodell nach Brinkmann/ Brügelmann (1994)

3. Was bedeutet Lesenlernen?
3.1 Strategien beim Lesenlernen

4. Integrierendes Modell des Lesen- und Schreibenlernens nach Valtin (1997)

5. Mögliche Fördermaßnahmen in den einzelnen Stufen des Schriftspracherwerbs

6. Didaktische Prinzipien für das Lesen- und Schreibenlernens

7. Schulanfangsbeobachtung

8. Fazit

Literatur

1. Einleitung

„Die moderne Gesellschaft orientiert sich in praktisch allen Bereichen an der Schriftsprache. Auch die unseren Alltag zunehmend dominierende Kommunikations-, Informations- und Unterhaltungstechnologie ist auf die Beherrschung der Schrift ausgelegt.(...) Allein das Vordringen der Computer in den Produktions- und Dienstleistungssektor verbannt Menschen mit Schreib- und Leseproblemen in (...) Restsegmente des Arbeitsmarktes.“[1]

Bereits in der Vorschulzeit machen Kinder wichtige Erfahrungen mit Schriftsprache. Viele können ihren Namen und einfache Wörter wie „Mama“ schreiben, bevor sie zur Schule kommen. Sie kennen eine unterschiedliche Anzahl von Buchstaben und können einzelne Wörter wie „Post“ lesen. In neueren Forschungen wird der Schriftspracherwerb als Entwicklungsprozess verstanden, der schon vor der Einschulung beginnt und eine gewisse Systematik aufweist.

Grob formuliert bedeutet Schriftspracherwerb die Merkmale der Schrift identifizieren zu lernen und sie mit Merkmalen des Gesprochenen in Beziehung zu setzen.

Beim Schriftspracherwerb – also bei ersten Lese- und Schreibversuchen- erfahren die meisten Kinder zum ersten Mal, dass ihre Botschaft nicht direkt wie beim Sprechen übermittelt werden kann. Kinder müssen beim Schriftspracherwerb zwei Abstraktionsleistungen vollbringen:

-Sie müssen die Erkenntnis erwerben, dass geschriebene Worte für gesprochene Worte stehen.
-Darüber hinaus müssen sie erkennen, dass geschriebene Worte nicht im Sinne bildhafter Zeichen global zu deuten sind, sondern die lautliche Abfolge gesprochener Wörter repräsentieren.[2]

2. Was bedeutet Schreibenlernen?

In der Definition des Begriffes „Schreiben“ hat in den letzten Jahrzehnten eine Akzentverschiebung stattgefunden. Früher wurde das Schreiben nur als formaltechnische Fertigkeit im Sinne von Schönschreiben und Schreibgeläufigkeit verstanden. „Schreiben wird [heute] als komplexe sprachliche Tätigkeit gefasst, die verschiedene Komponenten umfasst: die gedankliche Planung der Mitteilung, die Herstellung eines Textes, die graphomotorische Umsetzung sowie die Anwendung und Beherrschung schriftsprachlicher und orthographischer Normen.“[3]

In der Auffassung des Lernenden hat es in den letzten Jahren ebenfalls eine Akzentverschiebung gegeben: In Anerkennung der Ergebnisse der kognitiven Entwicklungspsychologie wird die Eigenaktivität des Lernenden stärker betont, der sich seinen Lerngegenstand aktiv strukturiert und rekonstruiert. „Das Erlernen des Lesens, Schreibens und Rechtschreibens wird als Entwicklungsprozess betrachtet. Das heißt die Lernenden müssen Einsichten in Bezug auf Funktion und Aufbau der Schrift erlangen (...).“[4] Fehler beim Schreiben geben Hinweise auf den Entwicklungsstand. Sie werden nicht mehr als Defizite angesehen, sondern als durchaus sinnvolle Anzeichen für die Annäherung an einen schwierigen Lerngegenstand.[5]

Wenn Kinder das Schreiben lernen , müssen sie die 26 Buchstaben (+ä,ö,ü,ß) unseres Alphabets sowie die komplexen Bewegungsabläufe bei ihrer Schreibung lernen. Schreibenlernen ist allerdings nicht bloß ein technischer/motorischer Prozess, sondern umfasst weitere komplexe Aspekte, die Kinder lernen müssen:

- Schreiben bedeutet nicht Spuren hinterlassen; Schrift trägt Bedeutung.
- Wir schreiben nach Konventionen: von links nach rechts, von oben nach unten, Wortzwischenräume zeigen das Ende/den Anfang eines Wortes an.[6]
- Entwicklung eines Phonembewusstseins: Die 26 Buchstaben (+ ä,ö,ü,ß) unseres Alpha-bets, die zu Wörtern zusammengesetzt werden, werden durch 44 Phoneme repräsentiert à Herstellen von Phonem- Graphem-Korrespondenzen.

Problem: Eine 1-zu1-Zuordnung von Phonemen und Graphemen ist im Deutschen nicht möglich, da wir eine Alphabet- und keine Lautschrift haben.

Es gibt beispielsweise

àpolyrelationale Zuordnungen: Ia:I = <ah>, <aa>,<a>

àbirelationale Zuordnungen: IeI : <e>, <ä>

-mehrdeutige Grapheme, die ein Phonem repräsentieren (<d> = IdI, ItI).
-Koartikulation, d.h. Lautverschmelzung beim Sprechen, wodurch die Lautanalyse erschwert wird.[7]
- Schrift gibt Hinweise auf den Klang der Wörter. Sie gibt dem Leser Hinweise auf die richtige Aussprache der Wörter.
- Aus dem Lautstrom müssen einzelne Wörter abgetrennt werden (Hallowiegehtesdir àHallo , wie geht es dir?).

àKinder müssen ein sog. Wortkonzept erlernen, d.h. sie müssen lernen, dass alle Redeteile aufgeschrieben werden und dass die Reihenfolge des Gesprochenen der des Geschriebenen entspricht.[8]

- Schreiben ist ein orthographischer Prozess. Kinder müssen im Schriftspracherwerb lernen
- Phonem- Graphem- Korrespondenzen herzustellen (phonematisches Prinzip).
- Dabei müssen sie sich an der Hochsprache orientieren.
- Wir haben eine Alphabetschrift, keine Lautschrift. Das bedeutet, dass die Schrift nicht nur dem phonematischen Prinzip folgt, sondern auch anderen orthographischen Prinzipien wie dem Stammprinzip (z.B. Nummer – nummerieren), der Auslaut-verhärtung, Groß- und Kleinschreibung, Getrennt- und Zusammenschreibung, und Zeichensetzung.
- Schreiben hat einen kommunikativen Aspekt. Es ist ein produktiver Prozess, bei dem die Schreibanfänger lernen müssen ihre Gedanken zu einem Thema selbständig zu entwickeln, zu ordnen, zu formulieren und dauernd daraufhin zu überprüfen, ob und wie sie verstanden werden können.[9]

2.1 Stufenmodelle zum Schreibenlernen

Die Einsichten in die Funktion und den Aufbau von Schrift werden nicht von heute auf morgen erworben, sondern allmählich in Stufen, die mit der kognitiven Entwicklung zusammenhängen und sich laut Ergebnissen einer einjährigen Längsschnittuntersuchung an Vor- und Erstklässlern (Valtin, 1986) bei jedem Kind beobachten lassen.

Es gibt verschiedene Stufenmodelle, die das Schreibenlernen in typische Phasen unterteilen. Im Wesentlichen gehen sie von 4 Phasen aus, die in den existierenden Stufenmodellen unterschiedlich differenziert dargestellt werden:

1.) Präliterale/ vorkommunikative Phase, in der Kinder Kritzelbilder herstellen und somit erste Erfahrungen mit dem Hervorbringen dauerhafter Spuren machen. Meist ist die Einsicht, dass Schrift einen kommunikativen Zweck erfüllt, noch nicht vorhanden. Später schreiben Kinder willkürliche Buchstabenfolgen ohne jeglichen Bezug zur Lautung ( = sog. Pseudowörter, z.B. EO B = Auto).
2.) Alphabetische/phonetische Phase, in der Kinder sich beim Schreiben an der Lautung orientieren. Anfangs werden nur sehr markante Merkmale des Wortes (meist Konsonanten) verschriftlicht (z.B. PP = Puppe). Diese Schreibungen werden als Skelettschreibungen bezeichnet.
Später werden auch Vokale (z.B. Mut a statt Mutter) berücksichtigt. In der fortgeschrittenen phonetischen Phase werden bereits erste orthographische Muster einbezogen ( z.B. Mut er).
3.) Orthographische Phase, in der Kinder zunehmend orthographische Regeln in ihre Schreibungen einbeziehen. Dazu gehören z.B. Vor- und Nachsilben, Doppelkonsonanz, und die Großschreibung von Nomen. Das orthographische Regelwissen wird immer weiter aufgebaut, bis die Kinder Phase 4 erreichen.
4.) Automatisierte Phase/ entwickelte Rechtschreibfähigkeit. In dieser Phase haben die Kinder grundlegende Phonem- Graphem- Korrespondenzen und Rechtschreibregeln (Dehnung, Konsonantenverdopplung, Großschreibung von Nomen und am Satzanfang, Auslautverhärtung, Vor- und Nachsilben, morphematisches Prinzip) verinnerlicht. Bei Unsicherheiten verlassen sie sich nicht mehr nur auf die auditive Überprüfung, sondern können alternative Schreibweisen visuell erproben und korrigieren.[10]

[...]


[1] Huber, L. u.a. Vorwort. In: Huber, Kegel, Speck-Hamdan (Hrsg.) Einblicke in den Schriftspracherwerb, S. 5.

[2] nach Spitta, G. Von der Druckschrift zur Schreibschrift. S.14/15

[3] Valtin, R. Stufen des Lesen- und Schreibenlernens. Schriftspracherwerb als Entwicklungsprozess., S.76

[4] ebd., S.78

[5] ebd., S.84

[6] Brügelmann, H. Lesen und Schreiben durch die Brille eines Anfängers. , S. 26.

[7] nach Augst, G/Dehn, M. Rechtschreibung und Rechtschreibunterricht., S. 23

[8] www.sonderpaed-online.de/sserw.htm, 29.9.2006, 13.45 Uhr.

[9] nach Brügelmann, H. Lesen und Schreiben durch die Brille eines Anfängers., S. 12-21. / Röber-Siekmeyer, C. Wozu dienen Buchstaben beim Lesen- und Schreibenlernen? – Eine nicht provokative Frage., S. 335-345.

[10] vgl. Scheerer- Neumann. Schriftspracherwerb. „The State of Art“ aus psychologischer Sicht. S.34-46

Details

Seiten
15
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638552332
ISBN (Buch)
9783638902977
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v61878
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg – Germanistik und ihre Didaktik
Note
1,5
Schlagworte
Einführung Thematik Schriftspracherwerbs Erstunterricht Lesen Schreiben

Autor

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Titel: Einführung in die Thematik des Schriftspracherwerbs