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Kanon-Frage für den Deutschunterricht und Holocaust-Literatur in der Schule

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 25 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

O. Einleitung

1.1 Literarischer Kanon
1.2 Kanon in der Schule
1.3 Kriterien für die Textauswahl S.7
1.4 Warum Klassiker lesen

2.1 Erinnern, Vergessen oder Verdrängen
2.2 Holocaust-Literatur
2.3 Holocaust-Literatur und der
Erziehungsauftrag in der Schule

3. Fazit

4. Literatur

5. Anhang

0. Einleitung

„Without the Canon we cease to think” – Harald Bloom

In den letzten Jahren ist die Diskussion um einen literarischen Kanon in der Gesellschaft neu entfacht. In einem ersten Teil möchte ich der Kanon-Frage nachgehen. Und dann in einem weiteren Schritt das Kanonbedürfnis bzw. -ablehnung und im Allgemeinen und im Hinblick auf die Schule fokussieren. Die Kriterien, die in der Praxis des Deutschunterrichts für die Textauswahl entscheidend sind, werden dabei in einem eigenen Kapitel vorgestellt.

Der zweite Teil geht einer anderen Frage nach. Hier soll die Holocaust – Literatur und die Verwendung der Holocaust-Literatur unter Einbezug der im ersten Teil erarbeitenden Aspekte in der Schule untersucht werden.

1.1 Literarischer Kanon

Welche Werke der Literatur muss man kennen, um in der Gesellschaft als gebildet zu gelten? Wie viele Wissen um Autoren werden von einem erwartet? Wie unterscheidet man als Laie zwischen Trivial- und Hochliteratur? Die allgemeine Unsicherheit spiegelt sich in einer Vielzahl von Publikationen und Ratgebern wider, die seit dem Jahr 1999 erschienen sind. Dietrich Schwanitz traf mit seiner Veröffentlichung: Bildung - alles was man wissen muss, einer Orientierungshilfe „hinsichtlich der Kernbestände unserer Kultur“[1], den Puls der Zeit. Kurz darauf erschien Bücher – alles was man lesen muss seiner Schülerin Christiane Zschirnt mit einem expliziten Schwerpunkt auf Literatur. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki löste mit seiner „ Arche Noah der Bücher “ und einem Artikel in der ZEIT die aktuelle Kanon-Debatte aus. 2003 erschien die Harenberg Enzyklopädie der wichtigsten 1000 Bücher, die dem interessierten Laien die wichtigsten Autoren und Werke vorstellt, gleichzeitig die Bedeutung der Werke erläutert und sie in einen historischen Kontext setzt. 2004 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung wöchentlich einen von 50 große(n) Romane(n) des 20.Jahrhunderts, und postulierte so ihren eigenen Kanon mit Werken von Joyce, Walser und Fitzgerald. Selbst das ZDF, ein Medium das eigentlich der größte Feinde des Lesens ist, strahlte Anfang Oktober ein abendfüllendes Spezial „Das große Lesen - Die 100 Lieblingsbücher der Deutschen“ aus und bot damit ebenfalls eine Handreichung für den interessierten Leser.

Doch was ist mit dem Begriff ‚Kanon’ eigentlich gemeint? Heute ist damit eine mehr oder weniger verbindliche Leseliste gemeint. Ihren Ursprung hat der Begriff Kanon jedoch schon in der Antike, der Kanon - ein Stab - wurde als Messinstrument im Bauwesen verwendet. Nach Polyklets Schrift: Kanon hatte der Kanon die Bedeutung eines Zahlenverhältnisses, das die perfekte Komposition eines Kunstwerkes beschreibt. Seine Statue „Doryphoros“ verkörpert diese „theoretisch vollzogene Normensetzung plastisch“.[2] [3] Unsere heutige Vorstellung des Begriffs Kanon rührt her von dem Einfluss der Kirche: Während einem langen Prozess differenzierte die Kirche die Texte, die heute als Altes Testament zusammengefasst werden, von den anderen; „die anderen allein als orthodox geltenden Schriften [wurden] mit dem Begriff „Kanon“ bezeichnet“.[4]

Gegner eines Literatur-Kanons verstehen den Kanon als Angriff auf Pluralismus und Liberalität, da ein Kanon immer andere wichtige Schriften ausgrenzen muss, um sich auf einen Basisbestand an Werken beschränken zu können. Befürworter des anything goes sehen diese Selektion als reine Willkür, die nicht von allgemeinem Interesse geleitet wird und zu einer Verengung bis hin zur Verstarrung der Wahrnehmung geht. Kanon-Befürworter sehen im Kanon jedoch den „Fels in der Brandung“ der Literaturflut. Sie verstehen den Kanon auch nicht als Leseliste für Germanisten und solche, die es gerne werden wollen. Sie sehen im Kanon vielmehr eine Orientierungshilfe für diejenigen, die sich erst noch orientieren müssen. Ein verbindlicher Kanon ist auch nur dann zu befürworten, wenn er nicht im Versuch alles historisch festzuhalten stecken bleibt und doch Markierungen des kulturellen Gedächtnisses setzen kann. Es wird also eine geistig-kulturelle Kommunikationsbasis geschaffen. „Jede Gesellschaft, wenn sie sich nicht im Nirvana des Virtuellen verlieren will, bedarf eines gemeinsamen Repertoires.“[5] Oder anders ausgedrückt lässt sich dieses Bedürfnis mit den Worten des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Harald Bloom folgendemaßen erhellend auf den Punkt bringen: „Without the Canon, we cease to think.“[6]

Hans Dieter Erlinger formuliert in seinem Aufsatz Kanonfrage für die Medienerziehung im Deutschunterricht die These, dass Literaturwissenschaft heute immer auch ein Teil von Kulturwissenschaft ist. „Literarische Bildung und literarischer Kanon sind unmittelbar mit dem Kulturbegriff einer Gesellschaft verbunden.“[7] Der Bildungsbürger sucht nach einer Anleitung zum Lesen, um den Verlust der Kultur und den Verlust seiner Identität zu vermeiden. Denn nach Erlingers These ist das Nichtvorhandensein eines literarischen Kanons mit dem Nichtvorhandensein von Kultur gleichzusetzen. Erlinger kompensiert den Verlust des Literaturkanons auf der Ebene des Deutschunterrichts mit Medienpädagogik.

Wenn man davon ausgeht, dass Literatur Geschichten erzählt und dass alle Medien dies auf ihre Weise tun, kann man den Prozess der Verschiebung der Aufmerksamkeit vielleicht folgendermaßen beschreiben: Im Vordergrund stehen nun die medialen Möglichkeiten, Abläufe zu erzählen, Charaktere zu profilieren, Höhepunkte zu gestalten, Symbole einzusetzen, Expositionen zu formen, Erzähllücken zu setzten und Handlungsbögen zu knüpfen. Dies alles beschreiben die Kunst und die Kunstgriffen von Narrationen. [um Geschichten heute zu verstehen] brauche ich mediale Kenntnisse, sowohl über literarische Erzählformen als auch über filmische Sujet-Möglichkeiten von Einstellungen, Sequenzen, Szenen, Schwenks, Schnitt und Monate, um nur zwei mediale Kanäle zu erwähnen. Kultursemiotik könnte eine Klammer seinem die eine so geprägte Germanistik mit dem Deutschunterricht verknüpft.

1.2 Kanon in der Schule

Bis in die 50er Jahre hinein gab es kaum eine Diskussion, was im Literaturunterricht gelesen werden sollte. Die Unterrichtslektüre hielt sich streng an den Kanon, einer von oben erlassenen und verbindlichen Lektüreliste. Doch in der Umbruchsstimmung der 60er und frühen 70er Jahre kam es zu einem Schlagabtausch über Sinn und Zweck eines Kanons. Sowohl Laien als auch Literaturkritiker waren einhellig der Meinung, dass die Existenz eines Kanons überflüssig. Ein solcher Kanon wurde mit Attributen wie „überholt, konservativ, antiquiert, unflexibel sowie autoritär"[8] belegt.

Heute ist an die Stelle des Kanons eine Lektüreempfehlung getreten. Im Anhang des Bildungsplan für das Gymnasium des Landes Baden-Württemberg von Februar 1994 heißt es, dass „wenigstens die Hälfte der für den Arbeitsbereich ‚Literatur, andere Texte und Medien’ zur Verfügung stehenden Unterrichtszeit […] für Texte aus dem Lektüreverzeichnis aufzuwenden“ sei. In dem Lektüreverzeichnis ist eine zehn Seiten umfassende Liste mit Titeln aus allen Epochen von der Antike bis zur Moderne enthalten, die in den verschiedenen Klassenstufen zu lesen empfohlen werden. Werke von Goethe und Schiller, sowie eine Ganzschrift vor 1900 sind verpflichtend. Die Leseliste des Landes Salzburg, Österreich versteht sich größtenteils auch als Empfehlung, aber im Gegensatz zur Lektüreempfehlung des baden-württembergischen Bildungsplans weist sie auch noch obligatorische Werke auf. Interessant ist zu vermerken, dass diese Werke, wie z.B. Woyzeck oder Faust, jedoch auch vom Schüler selbstständig erarbeitet werden können.

Im Zuge der Einführung von Bildungsstandards an den Gymnasien in Baden-Württemberg 2004 hat sich die Auswahl der Pflichtlektüre geändert. In der neuesten Auflage des Bildungsplans werden keine Autoren und Werke mehr empfohlen, sondern hier heißt es für die Oberstufe lediglich, dass die Schüler folgende Kompetenzen erwerben sollen:

- [sie] verfügen über literaturgeschichtliches Orientierungswissen (Epochen und Strömungen, exemplarische Werke);
- setzen sich mit der geschichtlichen Bedingtheit von Literatur auseinander. Einen Schwerpunkt bildet die Epoche der Aufklärung;
- kennen und reflektieren die geschichtliche Bedingtheit eines Werkes und des eigenen Verstehens und Urteilens;
- erkennen Zusammenhänge zwischen Texten (Intertextualität) und können themenverwandte beziehungsweise motivähnliche Texte aus verschiedenen Epochen vergleichen;
- können sich mit der Rezeption literarischer Werke auseinander setzen.
- Außerdem erweitern sie ihre Leseerfahrung durch die Beschäftigung mit mindestens zwei Werken der Gegenwartsliteratur.[9]

Die Praxis der offenen Leseempfehlung bietet dem Lehrer vordergründig mehr Freiheit, doch ist er in seiner Entscheidung nun wirklich freier? Oder wird er von der Gesellschaft nicht wieder zu den alten Klassikern à la Faust, Hamlet und dem Schimmelreiter gedrängt? Im Bildungsplan heißt es, dass der Deutschunterricht auf eine „literarische Allgemeinbildung" vorbereiten soll. Mit der Forderung nach einer literarischen Allgemeinbildung ist man jedoch wieder bei einem Kanon: dem heimlichen Kanon. Wie der Name schon suggeriert, ist der heimliche Kanon kein offizieller, von oben erlassener Kanon, sondern vielmehr das Abbild der praktischen Erfahrung. Der heimliche Kanon ist eine Hit-Liste all derer Werke, die von Lehrern am Liebsten ausgewählt werden:

1. Andersch: Sansibar
2. Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum
3. Brecht: Leben des Galilei
4. Büchner: Woyzeck
5. Döblin: Berlin Alexanderplatz
6. Droste-Hülshoff: Die Judenbuche
7. Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame
8. Eichendorf: Aus dem Leben eines Taugenichts
9. Fontane. Effi Briest
10. Frisch: Homo Faber [10]

Bei diesem Kanon spielt die „Macht der Gewohnheit“ eine entscheidende Rolle. Doch selbst eine Gruppe von Tübinger Studenten kam in unabhängigen Überlegungen zu einem ähnlichen Ergebnis. Es stellt sich nun allerdings die Frage, ob die Entscheidung der Lehrer und Studenten nicht subjektiv durch den eigenen Lektüreunterricht geprägt war.

An dieser Stelle soll nicht weiter der Frage nach einem verbindlichen Kanon nachgegangen werden, sondern eine Antwort gefunden werden was ein Lehrer von Literatur erwartet und nach welchen Kriterien er speziell aus der Gegenwartsliteratur auswählt. Viele Lehrer sehen die Offenheit, die sie heute bei der Lektüresauswahl haben, als Wagnis und Befreiung zugleich.

[...]


[1] Klappentext zu Schwanitz, Dietrich: Bildung. Alles, was man wissen muss. Frankfurt a. Main, 1999.

[2] Schmidt, Jochen: Das Eigene und das Andere. IN: Der Tagespiegel vom 28.12.1996

[3] eine Abbildung des Doryphyros befindet sich im Anhang

[4] Schmidt, Jochen: Das Eigene und das Andere. IN: Der Tagespiegel vom 28.12.1996

[5] Schmidt, Jochen: Das Eigene und das Andere. IN: Der Tagespiegel vom 28.12.1996

[6] ibid.

[7] Hans Dieter Erlinger: Kanonfrage für die Medienerziehung im Deutschunterricht. In: Text+Kritik: Literarische Kanonbildung. München, 2002

[8] Paefgen, Einführung in die Literaturdidaktik

[9] Bildungsplan Allgemein Bildendes Gymnasium 2004. Baden-Würrtemberg. S. 89

auch online unter www.bildungsstandards-bw.de

[10] Paefgen, Elisabeth: Einführung in die Literaturdidaktik. Stuttgart, Weimar 1999. S. 58

Details

Seiten
25
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638552318
Dateigröße
670 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v61876
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,25
Schlagworte
Kanon-Frage Deutschunterricht Holocaust-Literatur Schule Jüngstes Deutschland Ansichten Deutschen Literatur

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