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Interpretation des Gedichtes "Kain!" von Nelly Sachs

Hausarbeit 2000 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Problematik

3. Thematik des „existentiellen Dualismus“
3.1. Dualismus in der Motivik
3.1.1. Das Kind – Motiv
3.1.2. Das Kain – Motiv
3.2. Dualismus in der Bildlichkeit
3.2.1. Das Bild der Rose
3.2.2. Das Bild des Schnees
3.2.3. Die Farbmetaphorik
3.2.4. Die „Wirklichkeit der Himmel“
3.2.5. Das Bild des Handmuskel
3.3. Das Wechselspiel der Zeitformen
3.4. Das lyrische Ich zwischen Henker und Opfer
3.5. Das „grosse Warum“ des „Prinzips des Bösen“
3.6. Der Gedankenstrich als Ausdruck des „ewige Kreislaufs“

4. Weitere Aspekte der äusseren Form und Struktur

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Seit ihrem ersten Gedichtband schreibt sie im Grund an einem einzigen Buch.“[1]

So äusserte sich Hans Magnus Enzensberger einmal über das Werk von Nelly Sachs. Matthias Krieg[2] vertritt dieselbe Ansicht. Ihre Lyrik habe nur ein Thema. Dieses werde spiralig immer neu vollzogen, weshalb ihre Dichtung nur von ihrer Ganzheit her interpretierbar sei.

„Das Werk fordert vom Leser weniger Scharfsinn als Bescheidenheit, es will nicht dingfest gemacht, nicht übersetzt sein, sondern geduldig und genau erfahren werden. Nicht, was es bedeutet, wäre hier zu sagen; wir können uns allenfalls Hinweise, Vorschläge erlauben, um die Lektüre auf den Weg – einen möglichen Weg – zu bringen.“[3]

Genau dies möchte ich im Folgenden versuchen.

Das ausgewählte Gedicht entstammt dem zwischen 1959 und 1956 entstandenen Band „Und niemand weiss weiter“. Es ist Teil jenes Bandes, der ihr im Alter von 66 endlich wirkliche Aufmerksamkeit verschaffte.

Neben Elegien auf den Tod ihrer Mutter enthält es vor allem auch weitere biblische Betrachtungen. Obwohl sie das vorliegende Gedicht nie irgendwo erwähnt hat, so gehört es doch zu jenen Werken, die Hilde Domin in Absprache mit der Dichterin in dem Band „Gedichte“ zusammengestellt hat.

Über den Band „Und niemand weiss weiter“ schrieb sie an Johannes Edfelt:

„Ich dachte eigentlich, ich könnte viele dieser Gedichte niemals zu Lebzeiten veröffentlichen, aber dann dachte ich wieder – wie schnell ist der Mensch fort – und dann mag es anderen flammversengten vielleicht einen Hauch zuwehen.“[4]

2. Problematik

Bei der Erarbeitung der Sekundärliteratur stiess ich auf zahlreiche Kontroverse. Zum Ersten wurde ich mit einer Aussage Kerstens bezüglich der Interpretation eines einzelnen Gedichtes konfrontiert. Er meint, dies sei „[...] bei einem von weitreichenden Bild- und Motivverknüpfungen konstituierten Werk wie dem von Nelly Sachs zwangsläufig problematisch [...]“[5]

Unstimmigkeiten herrschten auch im Bezug auf den Begriff „Metapher“ und seine Abgrenzung zu „Zeichen“ und „Symbol“. Da eine Erörterung dieses Problems den gegebenen Rahmen sprengen würde, werde ich im Folgenden alle sprachlichen Bilder zusammengefasst als „Bilder“ bezeichnen.

Ich werde versuchen, mich trotz allem soweit wie möglich der Interpretation des ausgewählten Gedichtes zu widmen. Hierbei sind der Einbezug auf Parallelstellen aus ihrem Werk und Rückschlüsse auf ihr gesamtes lyrisches Werk unerlässlich. Die Aufgabe meiner Untersuchung soll sein, die Thematik des existentiellen Dualismus anhand dieses Gedichtes aufzuzeigen. Besonders werde ich mich dabei auf die Erläuterung der Bildlichkeit und Wortwahl konzentrieren.

3. Thematik des „existentiellen Dualismus“

Als allgemeine Hauptthematik der Lyrik der Nelly Sachs wird immer wieder die Flucht und Verwandlung genannt. Kersten drückt das Zentralthema ihres Gesamtwerkes folgendermaßen aus:

„ [...] die von mystischen Todeserleben genährte Sehnsucht nach einer entmaterialisierenden Verwandlung der diesseitigen Wirklichkeit in eine Jenseitswelt der Vereinigung von Geburt und Tod, in ein unsichtbares Universum.“[6]

Das Schicksal der Juden im Dritten Reich diente Nelly Sachs in der mittleren Periode ihres Schaffens nur als Ausgangspunkt.

„Hinter ihnen sah sie die Juden aller Zeiten, ihr Schicksal, ihre Heimatlosigkeit, ihren Tod. Sie sah die Menschheit und sogar die gesamte Schöpfung unter dem Bann von Heimatlosigkeit und Tod, die Menschheit auf der Flucht.“[7]

Am Ende jedoch wartet auf sie ein „grosser Empfang“, die Verwandlung.

Als Grundfiguration dienen ihr dabei die Verfolger und Verfolgten, die Mörder und Gemordeten – das „Urzeitspiel von Henker und Opfer“, wie sie es in einem ihrer Gedichte ausdrückt. Diese Aufspaltung der Menschheit in Hassende und Liebende, den existentiellen Dualismus, kommt in dem vorliegenden Gedicht zum Ausdruck.

Die Lyrik von Nelly Sachs ist durch und durch geprägt von einer individuellen Metaphorik. „Der Gedichtbaukasten dieser Schriftstellerin ist recht klein, die Wörter und Gedanken kehren häufig wieder.“, bemerkte Holzschuh.[8] Daher zieht sich, wie bereits erwähnt, diese Bildsprache durch ihr gesamtes Werk.

„Die einmal geprägten Metaphern wurden, unverändert oder leicht variiert, aber immer mit dem gleichen Assoziationsappell, zu festen Bestandteilen [...] ihrer Sprache [...]“[9]

Diese festen Metaphern ließen sich bei der Aufschlüsselung wie Vokabeln einsetzen. Vorausgesetzt man kenne deren Stellenwert im Gesamtwerk.

3.1.Dualismus in der Motivik

3.1.1. Das Kind - Motiv

Das Kind – Motiv, dass laut Kersten zentrale Bedeutung für das Gesamtwerk hat, erfüllt in der Lyrik von Nelly Sachs zwei Hauptfunktionen: Zum einen ist es das unschuldige, dem gewaltsamen Tod ausgelieferte Opfer, zum anderen aber auch ein Zeichen der Hoffnung auf eine neue Welt.[10]

Oft hat die Dichterin auch eine assoziative Relation von Kindern und Engeln geschaffen. Diese könnte hier mit dem Begriff „Flügel“ gegeben sein. In jedem Einzelfall entscheidet der Kontext darüber, „ob [...] „Flügel“ einem Vogel, irgendeinem Insekt oder einem der zentralen Motive „Engel“ oder „Schmetterling“ zugerechnet werden muss. Dass sich eine eindeutige Zuordnung in vielen Fällen als unmöglich erweist, ist ein semantisches Phänomen [...][11]

Im vorliegenden Gedicht wird die Funktion der Unbescholtenheit noch zusätzlich durch das vorgesetzte Adverb „unschuldig“ und den Suffix „-lein“ unterstrichen. Obwohl das Wort „Kind“ in ihrer Lyrik schon das „unschuldig“ impliziert, wird es hier noch davorgesetzt. Der Suffix „-lein“, der ja allgemein als Verkleinerungs- und Verniedlichungssuffix bekannt ist, wirkt gleichfalls unterstützend.

Sachs hat die Kinder hier als Stellvertreter der Opferrolle ausgewählt. Ihnen werden „verfrühte Flügel angeheftet“. Die Flügel, ein Zeichen für Transformation in einen anderen Zustand, stehen hier für den physischen Tod. Doch dieser Tod, die Verwandlung tritt nicht auf natürlichem Wege ein. Die Flügel werden dem Kind angeheftet, also gewaltsam befestigt. Also verfrüht. Immer wieder bekräftigt Nelly Sachs ihre Aussagen noch zusätzlich als habe sie Angst, nicht verstanden zu werden. Das Kind – Motiv tritt ausschliesslich in der zweiten Strophe auf. Es ist nur Teil jenes Urzustandes, der durch das Böse verwandelt wurde. Doch darauf werde ich später noch genauer eingehen.

Der Plural in dem das Wort Kind auftritt, beweist, das das Gedicht nicht nur, wie es zunächst scheint, von Kain und dem einen Mord an seinem einen Bruder, handelt, sondern übertragen werden soll.

3.1.2.Das Kain – Motiv

Das duellierende Motiv zu dem des Kindes ist das Kain-Motiv. Dass das Wort „Kain“ eine wichtige Funktion innerhalb des Gedichts einnimmt, zeigt sich bereits an seiner Stellung. Dort ist das erste Wort der jeweils ersten und letzten Verszeile und umschliesst so gewissermaßen das Werk.

Die Verwendung von Namen aus der Bibel, wie hier am Beispiel Kains zu sehen ist, hat seine Ursache in den von ihnen und ihren besonderen Lebensschicksalen repräsentierten mytischen Grundmodellen. Kain gilt als „Urvater der Mörder“. Als erster hat er sich des Einbruches in die natürliche Entwicklung eines Menschen schuldig gemacht. Der Sohn Adams und Evas brachte seinen einzigen Bruder aus Neid um, weil Gott dessen Opfer seinem vorzieht. Mörder, und das schliesst Kain als den ersten von ihnen mit ein, haben „sich der Materie unterworfen, ihr menschliches Dasein zweck- und sinnentfremdet.“[12]

[...]


[1] Enzensberger, Hans Magnus zit n.: Hofmann, Fritz: Nachwort. In: Sachs, Nelly: Landschaft aus Schreien. Berlin 1966 S. 103

[2] Krieg, Matthias: Schmetterlingsweisheit. Die Todesbilder der Nelly Sachs. Diss. Zürich 1983 S.

[3] Enzensberger, Hans Magnus: Nachwort. In: Sachs, Nelly: Ausgewählte Gedichte.Frankfurt/Main 1963 S. 86

[4] Zit nach: Die Briefe der Nelly Sachs. Hg. v. Ruth Dinesen 1985 S. 169

[5] Kersten, Paul: Die Metaphorik in der Lyrik von Nelly Sachs. Hamburger Diss. Hamburg 1970 S.12

[6] Kersten: S. 8

[7] Hardegger, Luzia: Nelly Sachs und die Verwandlungen der Welt. Bern 1975 S.6

[8] Holzschuh, Albrecht: Lyrische Mytologeme. Das Exilwerk der Nelly Sachs. In: Die deutsche Exilliteratur 1933-1945. Stuttgart 1973 S.

[9] Domin, Hilde: Nachwort In: Sachs, Nelly: „Gedichte“ Frankfurt/Main 1993 S. 116

[10] Kersten: S. 118/119

[11] Kersten: S. 96

[12] Weißenberger, Klaus: Zwischen Stein und Stern. Bern 1976 S.41

Details

Seiten
17
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638551762
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v61807
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,0
Schlagworte
Interpretation Gedichtes Kain Nelly Sachs

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