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Leben und Ängste junger New Yorker am Ende des 20. Jahrhunderts, dargestellt an McInerney, Bright Lights, Big City und Cirino, Name the Baby

Examensarbeit 2005 91 Seiten

Amerikanistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Jay McInerney: Bright Lights, Big City (1984)
2.1 Hintergrund: Die USA der achtziger Jahre
2.2 Kurzzusammenfassung des Romans und kritische Stimmen
2.3 Die Darstellung New York Citys
2.3.1 Die New Yorker Straße als Spiegel der Gesellschaft
2.3.2 Greenwich Village vs. Upper East Side
2.3.3 New Yorker Tagesgeschehen als Spiegel der Seele
2.4 Anonymität in der Großstadt
2.4.1 Die Rolle der Familie
2.4.2 Die Rolle der Frau
2.5 Die Angst vor Fakten und Flucht in die Fiktion
2.5.1 Drogenkonsum: Verdrängung der Realität

3 Mark Cirino: Name the Baby (1997)
3.1 Hintergrund: Die USA der 90er Jahre
3.2 Kurzzusammenfassung des Romans und kritische Stimmen
3.3 New York City und die Vorstadt im Vergleich
3.3.1 Der Eindruck des Protagonisten von New York
3.3.2 Die Wahrnehmung der Heimatstadt in New Jersey
3.4 Anonymität in der Großstadt
3.4.1 Die Rolle der Familie
3.4.2 Die Rolle der Frau
3.5 Die Angst vor dem eigenen 'Ich'

4 Schlussbetrachtung: Die Romane im Vergleich

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Als ich durch das Seminar "L.A. in Fact and Fiction" im Wintersemester 2004/2005 erstmals mit der so genannten Bratpack-Literatur, in diesem Falle Bret Easton Ellis' Less than Zero, Bekanntschaft machte, war ich sowohl verstört als auch überwältigt von der schamlosen Darstellung dessen, was man im Roman über die Jugend, bzw. junge Erwachsene der achtziger Jahre erfuhr. Und so wurde mein Interesse an dieser Art Literatur geweckt, die von vielen Kritikern immer wieder verspottet und zerrissen wurde, meiner Meinung nach jedoch viel mehr zu bieten hatte, als viele behaupteten. Wahrscheinlich dadurch beeinflusst, dass ich mich altersmäßig nicht sehr von den Autoren und Protagonisten unterscheide, fand ich schnell Zugang zu dieser Art Roman, auch wenn die Handlungen an sich für mich - glücklicherweise - völlig abwegig zu sein schienen. Somit fing ich an, mich näher mit dem Thema der jungen Erwachsenen in amerikanischen Großstädten zu beschäftigen, so dass ich schließlich auf die Romane Bright Lights, Big City von Jay McInerney und Name the Baby von Mark Cirino stieß, welche die Grundlage dieser Examensarbeit bilden.

Die Auswahl dieser beiden Romane erklärt sich dadurch, dass sie thematisch sehr ähnlich sind: Beide Protagonisten leben in New York und geraten durch den Verlust einer geliebten Person in eine Identitätskrise, aus der sie nun auf ihre eigene Art und Weise einen Ausweg suchen und diesen am Ende auch zu finden scheinen. McInerneys Protagonist bleibt zudem namenlos, und auch den Namen von Cirinos Protagonisten erfährt man erst am Ende des Romans, so dass beide den Eindruck vermitteln, stellvertretend für eine jede Person ihrer Generation stehen zu können, und somit eine gewisse Identifikation und Authentizität gewährleistet wird.

Interessant war für mich außerdem besonders der Zeitunterschied zwischen den Romanen: Während Bright Lights, Big City in den achtziger Jahren spielt, ist Name the Baby in den Neunzigern angesiedelt. Auffällig ist, dass sich einerseits das Umfeld der Protagonisten dementsprechend verändert, andererseits somit auch ihre Reaktion auf die Umwelt. Es stellt sich also die Frage, inwiefern sich das Leben eines jungen New Yorkers in den achtziger Jahren von dem in den neunziger Jahren unterscheidet, welche Probleme und Ängste ihn beschäftigen und wie er versucht, sie zu bewältigen.

Das Thema der Arbeit führt dazu, dass die Kapitel nicht hierarchisch angeordnet sind, sondern sich gegenseitig ergänzen. Man kann nicht eindeutig getrennt auf das Leben und die Ängste der Protagonisten eingehen, denn durch verschiedenste Faktoren wird erst ein Gesamtbild möglich. Die Gliederung richtet sich somit nach unterschiedlichen Einflussquellen, die allesamt einen Einblick in die Gefühls- und Umwelt der Protagonisten bieten, so dass erst am Schluss der Analyse eine genaue Definition ihres Lebens und ihrer Ängste gegeben werden kann. Die Romane werden zudem zunächst getrennt voneinander anhand größtenteils identischer Kriterien untersucht, damit im Anschluss ein Vergleich angestellt werden kann.

Um einen historischen Hintergrund zu gewährleisten, werden zunächst die wichtigsten politischen und populärkulturellen Ereignisse und Zustände der entsprechenden Dekade vorgestellt. Es wird deutlich werden, dass sowohl McInerney als auch Cirino besonders die kulturellen Aspekte berücksichtigt haben, denn ihre Beschreibung der Umgebung der Protagonisten deutet eindeutig darauf hin. Die Populärkultur dringt tief in das Leben der jungen Männer ein, ob sie sich doch wie die meisten ihrer Altersgenossen von ihr beeinflussen lassen, wird im Verlauf der Arbeit genauer untersucht werden.

Nach einer kurzen Zusammenfassung des entsprechenden Romans und die Reaktion der Kritiker auf diesen im jeweiligen Unterpunkt 2 wird dann zunächst darauf eingegangen, wie die Protagonisten New York wahrnehmen und was der Leser über die Stadt erfährt. Während bei McInerney vor allem die Symbolkraft der Orte und Geschehnisse von Bedeutung ist, kann man bei Cirino auch noch einen Vergleich New Yorks mit einer amerikanischen Kleinstadt anstellen, da der Protagonist von Name the Baby einen Großteil des Romans dort verbringt. In beiden Romanen wird zudem deutlich, dass neben der bloßen Beschreibung der Aufenthaltsorte auch noch ein tiefer Einblick in das Empfinden der Protagonisten durch diese geboten wird.

Anschließend wird die Position der Protagonisten in der Gesellschaft und ihr Sozialverhalten untersucht, wobei einerseits besonders auf die Familie, andererseits auf die Rolle der Frau in ihrem Leben eingegangen wird.

Im darauf folgenden Unterpunkt soll vor allem – teils rückblickend, teils durch neue Erkenntnisse – untersucht werden, wie sich die Angst der Protagonisten bemerkbar macht und wie sie mit ihrer Gesamtsituation umgehen. Hier soll in Bezug auf Bright Lights, Big City besonders die Rolle der Drogen dargestellt werden, sowie der Einfluss dieses Rauschmittels auf den Protagonisten.

Im Anschluss an diese separate Untersuchung der Romane wird ein Vergleich dieser angestellt, welcher zugleich die Schlussbetrachtung darstellt. Überschneidungen und Unterschiede im Lebensstil der Protagonisten und in Bezug auf die Bewältigung ihrer Ängste werden an dieser Stelle resümiert und außerdem soll darauf eingegangen werden, ob man den 'typischen New Yorker' tatsächlich genau definieren kann.

2 Jay McInerney: Bright Lights, Big City(1984)

2.1 Hintergrund: Die USA der achtziger Jahre

It is the American sound. It is hopeful, big-hearted, idealistic, daring, decent, and fair. That’s our heritage; that is our song.

Ronald Reagan, 20.01.1985[1]

Human rights will soon go 'way/ I am now your Shah today/ Now I command all of you/ Now you're going to pray in school/ […] Welcome to 1984.

The Dead Kennedys, We've Got a Bigger Problem Now (1984)[2]

We've Got a Bigger Problem Now - Von diesem Song der Dead Kennedys aus dem Jahre 1984 wird Ronald Reagan in seiner Rede zu Beginn seiner zweiten Amtszeit wohl nicht gesprochen haben, scheinen die Musiker doch genau das Gegenteil dessen auszudrücken, was Reagan nur ein Jahr später über das Amerika der 80er Jahre äußert. Während Reagan von einem Amerika voller Hoffnung, Großherzigkeit, Idealismus, wagemutigem Streben, Bescheidenheit und Fairness spricht - Grundideen, die den American Dream ermöglichen -, beschreiben die Dead Kennedys die Realität unter Reagan als unterdrückerisch und nahezu diktatorisch. Man könnte behaupten, dass die Dead Kennedys bloß die typisch jugendliche Auflehnung gegen das System, ein Streben nach punkrocktypischer Anarchie wiedergeben, jedoch lässt sich bei genauerer Betrachtung der Dekade auch ein wahrer Kern in ihrem Reagan-kritischen Lied feststellen. Nicht ohne Grund gibt es zahlreiche andere Lieder aus dieser Zeit, wie zum Beispiel Reagan Sucks von NoFX oder Reagan's in der Gruppe Wasted Youth, die die Politik der Reagan-Administration scharf kritisieren. Es gilt zu untersuchen, inwiefern Reagans Politik das Leben der jungen Generation beeinflusste und wie die Widersprüchlichkeit in den Aussagen des Präsidenten und der Musiker über die USA der achtziger Jahre zu deuten ist. Denn genau diese Widersprüchlichkeit scheint die allgemeine Stimmung im Amerika der 80er Jahre widerzuspiegeln - wir befinden uns in einer Dekade voller "paradoxes and contradictions."[3]

Ronald Reagan - "The Greatest American!" So zumindest lautet das Ergebnis einer Umfrage unter den Zuschauern des Discovery Channel im Juni diesen Jahres, genau ein Jahr nach dem Tod Reagans. Unumstritten ist wohl die Tatsache, dass er das Amerika der achtziger Jahre prägte wie kein anderer, ob dies jedoch unbedingt positiver Natur war, ist in Frage zu stellen. Die Meinungen über Reagans Politik gingen weit auseinander; trotz allem war er aber einer der wenigen Präsidenten, die volle acht Jahre an der Spitze Amerikas standen und auch heute noch positive Konnotationen bei der Mehrheit der Amerikaner, zumindest der der Discovery Channel - Zuschauer, hervorrufen.[4]

Reagan wurde am 6.2.1911 in Tampico, Illinois, geboren und begann seine berufliche Laufbahn als Sportreporter, bevor er 1937 bei Warner Brothers als Schauspieler unter Vertrag genommen wurde. Bereits als Präsident der Filmschauspielergewerkschaft setzte er sich gegen den Kommunismus ein - ein Trend, den er auch als späterer Präsident der USA fortsetzen würde. Erst im Jahre 1962 trat Reagan den Republikanern bei, wurde 1967 Gouverneur von Kalifornien und, nach einer erfolglosen Bewerbung als Präsidentschaftskandidat seiner Partei 1976, im Jahre 1980 durch einen knappen Wahlsieg 40. Präsident der USA,[5] obwohl gerade er, der extrem rechts gerichtete Republikaner, nicht in das Bild der modernen und fortschrittlichen amerikanischen achtziger Jahre passte.

In einem Zeitalter, das Grünzweig bestimmt sieht durch eine "postindustrial society,"[6] hatte Reagan im Folgenden die schwierige Aufgabe, den American Dream aufrecht zu erhalten. Bereits Ende der siebziger Jahre hatten sich die wirtschaftlichen Probleme der USA abgezeichnet, und die Mentalität der Amerikaner, die zuvor einen stetig steigenden Lebensstandard hatten erwarten können, wandelte sich.[7] Reagan hielt während seiner Amtszeit zwar Wahlversprechen wie die Senkung der hohen Inflationsrate, schlug jedoch zur Bekämpfung der Probleme des Landes einen höchst umstrittenen Kurs ein, aus dem sich negative Konsequenzen für einen Großteil der amerikanischen Bevölkerung ergaben. Was viele seiner Kritiker schon vor Reagans Amtsantritt fürchteten, schien sich zu bewahrheiten: Reagan schaffte in der Zeit von 1981-1989 über Jahre aufgebaute Sozialprogramme ab und schuf dadurch eine deutlich getrennte amerikanische Gesellschaft, aus der die middle class zu verschwinden drohte. Seine Intention schien eindeutig zu sein, hatte er doch mit Politikern wie, unter anderen, Außenminister Alexander M. Haig, ehemals Präsident der United Technologies Corp., und seinem Nachfolger George P. Shultz, zuvor Präsident des multinationalen Baukonzerns Bechtel Powers Corp., Männer an seiner Seite, die allesamt ehemalige Wirtschaftsgrößen darstellten. Durch die Politik der Reagan-Administration wurden nun Monopol und Staat verknüpft, die Reichen noch reicher und die Armen einer hoffnungslosen Zukunft überlassen.

Außenpolitisch kamen weitere Programme zum Tragen, die allesamt kritisch zu betrachten sind. So wurde der Kalte Krieg auf die Spitze getrieben, und spätestens mit dem Raketenabwehrsystem SDI (Space Defense Initiative) eskalierte das Wettrüsten zwischen der USA und der UdSSR - zu großen Teilen finanziert durch das Budget, das den Sozialprogrammen entzogen wurde. Die Wirtschaftssanktionen und militärischen Einsätze der USA in Honduras, Grenada, Nikaragua, Libyen, dem Iran und anderen Ländern zwischen 1981 und 1988 unterstützen das Bild des nach internationaler Macht strebenden Amerika noch, sollen hier jedoch nicht weiter behandelt werden.

Nun stellt sich natürlich die Frage, wie Ronald Reagan selbst den American Dream definiert - wohl kaum entsprechend seiner eigenen Aussagen wie die oben genannte. Für den Betrachter scheint der American Dream aus Reagans Sicht nur eines zu bedeuten: Macht. Finanzielle Macht für die Reichen, wirtschaftliche Macht für den Staat, militärische Macht über die restliche Welt. Er selbst symbolisiert die Paradoxe des Jahrzehnts: Einst Sinnbild der Moderne, war er doch Schauspieler zu einer Zeit, als das Fernsehen ein neues, fortschrittliches Medium darstellte, vertrat er nun einen höchst konservativen Standpunkt. Man könnte fast behaupten, dass sich seine Rolle als altmodischer, tugendhafter Westernheld im damals modernen und fortschrittlichen Medium des Films in seiner Rolle als Präsident widerspiegelt: Der altmodische, sich auf alte Werte berufende Präsident im modernen, fortschrittlichen Amerika der achtziger Jahre.

Nicht zuletzt aufgrund Reagans umstrittener Politik entwickelten sich unter der jungen Generation der Amerikaner in den 1980er Jahren neue Versionen des American Dream. Ungefähr 100 Jahre nach der vollkommenen Erschließung des amerikanischen Westens war es plötzlich nicht mehr klar, ob "equality of opportunity, achievement, success, striving, hard work, and social advancement"[8] ein zufriedenstellendes Leben in der amerikanischen Gesellschaft ermöglichten. Der American Dream rutschte immer tiefer in einen Abgrund der Aussichtslosigkeit und wurde, wie Freese feststellt, zu einem "nightmare."[9] War zuvor noch die Hoffnung auf den Aufstieg in die middle class gegeben, musste man nun vielmehr fürchten, zu den vielen Amerikanern zu gehören, die täglich unter die Armutsgrenze rutschten. Interessant ist sicherlich die Frage, wie die junge Generation Amerikas die 1980er Jahre erlebte, mit einem Präsidenten, der er konservativer kaum hätte sein können. Wie bereits anhand der vielen Anti-Reagan-Lieder deutlich wird, bis heute in der Anzahl wohl nur durch Lieder gegen George W. Bush übertroffen, scheinen gerade die Jugend und junge Erwachsene nicht mit der Politik des Greatest American einverstanden gewesen zu sein.

Doch es gab auch eine bestimmte soziale Gruppe unter den jungen Amerikanern, die im Zusammenhang dieser Arbeit von Bedeutung ist und genau in das Schema der Reagan-Politik passte: die Yuppies. Meist aus der upper-middle class stammend,[10] hatten sie nicht mit den Problemen des Großteils der Amerikaner in den achtziger Jahren zu kämpfen, spiegelten aber regelrecht die Widersprüchlichkeiten dieser Dekade wider: Teils konservativ, teils hip, aber stets auf den eigenen Vorteil bedacht, waren diese "young urban professionals"[11] diejenigen, die vor allem das Bild des jungen New Yorks der achtziger Jahre prägten.

Die Yuppies sind zwar in keinem Fall mit den oben genannten Musikern und ihrer Fangemeinde gleichzusetzen, gibt es doch sogar Punkrock-Gruppen, die sich Yuppicide [12] nennen, hatten jedoch auf ihre ganz eigene Art und Weise unter zahlreichen Umständen jener Zeit zu leiden - hauptsächlich unter jenem, zur von Reagan begünstigten und von ihnen selbst geschaffenen "Me! Me! Me! Generation"[13] zu gehören. Nicht Armut oder Arbeitslosigkeit hatten einen Effekt auf diese soziale Gruppe, sondern ihr Gieren nach Prestige und Erfolg, und mit der Unterstützung durch Reagans Politik, die die höheren Schichten bevorzugte, hatten sie die Chance, ihren Status ins Unermessliche zu steigern.

Der Begriff Yuppie kam erstmals Anfang der achtziger Jahre im Chicago Tribune auf und bezeichnete fortan die zwischen 1,2 und 4,2 Millionen[14] Menschen umfassende Gruppe der jungen, erfolgreichen, konsum-orientierten Großstädter. Das Bild des typischen Yuppies ist geprägt von teurer Kleidung, Markenartikeln und Statussymbolen[15] und weckt somit meist Konnotationen wie Egoismus und Oberflächlichkeit. Dieser Egoismus sowie die Oberflächlichkeit schienen Markenzeichen der achtziger Jahre zu werden, so dass Möllers das ganze Jahrzehnt wenig positiv als "Me Decade"[16] tituliert. Den absoluten Höhepunkt scheint die Yuppie-Kultur allerdings im Jahre 1984 gehabt zu haben, welches das Magazin Newsweek als "Year of the Yuppie" bezeichnete.[17]

Die Yuppies waren diejenigen unter den jungen Amerikanern, die Reagans Bild vom American Dream verkörperten, stiegen sie doch immer höher auf der Status-Leiter auf, wenn sie auch oft einen hohen Preis dafür zahlten. Durch ihr materialistisches Denken ist es nicht verwunderlich, dass die Yuppies "time poor"[18] waren und infolge dessen die Beziehungen zu den Mitmenschen und sogar zur eigenen Familie unter ihrem "fast-paced"[19] Lebensstil litten. Nicht ohne Grund wurde Kokain zu jener Zeit zur Modedroge unter den Yuppies, konnten sie doch so ihrem gestressten Leben für einen Moment entfliehen.[20]

Trotz alledem: Sie waren erfolgreich, und darauf kam es ihnen an. Diesen Erfolg schienen die Yuppies wiederum auf die Politik zurückzuführen, denn sie waren, im Gegensatz zu ihren eingangs erwähnten Altersgenossen, Befürworter der konservativen Finanzpolitik Reagans.[21] Wäre Reagan ein baby boomer gewesen, wäre er wohl auch ein Yuppie gewesen. Schließlich sind sie es, die durch ihren Lebensstil und ihre Weltanschauung zur Synekdoche von Reagans Amerika wurden.[22]

2.2 Kurzzusammenfassung des Romans und kritische Stimmen

Jay McInerneys Debut Bright Lights, Big City, erschienen im Jahre 1984, spiegelt in einzigartiger Art und Weise das im vorhergehenden Kapitel beschriebene Yuppie-Dasein wider und übt zugleich Kritik an dieser Subkultur der achtziger Jahre. Der Roman handelt von einem namenlosen jungen New Yorker, Erzähler und Protagonist zugleich, der Mitte der achtziger Jahre auf der schwierigen Suche nach seiner eigenen Identität ist. Geprägt von dem Verlust seiner Frau, die ihn wegen ihrer eigenen Karriere als Model verlassen hat, und seiner Mutter, die ein Jahr zuvor gestorben ist, bahnt sich dieser junge Mann seinen Weg durch das aufregende, von Drogen und Sex durchflutete New Yorker Nachtleben. Ständiger Begleiter ist hierbei Tad Allagash, den man wohl als typischen Yuppie bezeichnen kann und der den Protagonisten in eine Welt führt, in die er nicht zu passen scheint. Sowohl das Nacht- als auch das Tagleben, in dem der Protagonist einem frustrierenden Job als Faktenprüfer nachgeht, sind nicht das, was er vom Leben erwartet, und so ist er geprägt von Selbstzweifel und Hoffnung auf ein besseres, seinen Vorstellungen entsprechendes Leben. Er folgt trotzdem dem Lebensstil seines Freundes, sucht nach schnellem Sex und braucht stets einige Prisen Kokain, um eine Art Zufriedenheit zu verspüren. Erst mit dem Eintritt Vicky Hollins' in sein Leben scheint der Protagonist der Vergangenheit nachzutrauern. Sie ist diejenige, die ihn dabei unterstützt, auf den rechten Weg zurückzugelangen und ist gleichzeitig Seelenverwandte, was die Vorstellung von einem 'guten' Leben angeht. Bis zum Ende des Romans bleibt dem Leser jedoch das eigentliche Problem des Protagonisten verschlossen: Der unverarbeitete Verlust seiner Mutter. Mit der Akzeptanz ihres Todes zum Ende von Bright Lights, Big City macht es den Anschein, dass der Protagonist fortan seine eigenen Probleme bekämpfen kann, um schlussendlich das Leben zu führen, von dem er träumt.

Jay McInerney schafft es, den Leser mit seinem Roman zu fesseln und ihm das Leben eines jungen New Yorkers so nah zu bringen, als würde er sich selbst mitten im Geschehen befinden. Zu verdanken ist dies wohl nicht nur der innovativen Erzählperspektive - der Erzähler berichtet in der zweiten Person Singular sowie im Präsens - sondern auch McInerneys eigener Erfahrung über die New Yorker Yuppie-Kultur Mitte der achtziger Jahre, so dass Caveney sogar davon spricht, Bright Lights, Big City sei semi-autobiographisch.[23]

Schnell wurde der Roman von den Kritikern zum 'Yuppie-Roman' ernannt, spielt er doch im Yuppie-Milieu der achtziger Jahre, ist im "Year of the Yuppie"[24] erschienen und stammt von einem Autoren, dem nachgesagt wird, er sei selbst ein Yuppie, der seine eigenen Erfahrungen in Bright Lights, Big City verarbeitet hat.[25] Viele konservative Rezensenten erkannten jedoch nicht die Kritik, die Jay McInerney an genau dieser sozialen Gruppe und der Zeit, in der sie lebt, übt und verurteilten den Roman sogar als "unglaublich schlecht geschrieben[es]"[26] Werk. Somit kam es zu Anschuldigungen, die Literatur der brat pack - Autoren, zu denen neben McInerney auch Bret Easton Ellis oder Tama Janowitz zählen, bedeutete das Ende für die ernsthafte Literatur, und sie wurde, teils spöttisch, als 'Yuppie Literatur' tituliert.[27]

Nichtsdestotrotz war "the hip, street-wise"[28] Bright Lights, Big City ein großer Erfolg, mit mehr als einer halben Million verkaufter Exemplare innerhalb der ersten vier Jahre nach seiner Erscheinung.[29] Einerseits wird dieser Erfolg damit begründet, dass seine Zielgruppe selbst aus Yuppie-Kreisen stammte und sich somit dem Protagonisten verbunden fühlte,[30] andererseits waren sie es jedoch auch, die laut Girard die Ironie und somit die Kritik McInerneys nicht erkannten.[31] Begründen ließe sich dies wohl mit der Tatsache, dass McInerneys Kritik berechtigt ist und die Zielgruppe, sich selbst im Roman wieder findend, ihre eigenen Fehler und Probleme nicht realisieren, und schon gar nicht darüber lachen wollte. Schließlich hat McInerney nicht nur ein bloßes fiktives Werk geschaffen, sondern sogar "the right demographics"[32] verarbeitet, was dem Roman zu einer gewissen Authentizität verhilft.

Auch wenn es zunächst nicht den Anschein macht und auch im Rahmen dieser Arbeit nicht weiter darauf eingegangen wird, muss man Terence Moran zustimmen, dass Bright Lights, Big City"more diverting than depressing"[33] ist, was dem grandiosen Erzählstil McInerneys zu verdanken ist. Doch gerade die Ironie und der Sarkasmus scheinen die hoffnungslose Lage des Protagonisten noch mehr zu verdeutlichen, denn sie sind ein weiteres Mittel, mit der bedrückenden Realität umzugehen. Diese Verdrängung der Realität und die Gründe für sie sollen im Verlauf der Arbeit genauer untersucht werden.

2.3 Die Darstellung New York Citys

In einem Interview mit Sanford Pinsker kritisiert Jay McInerney, dass Bright Lights, Big City von vielen Lesern als "a guidebook to the world of fashion, the New York City's nightlife, to the pursuit of glamour"[34] angesehen wird. Natürlich haben die Leser, die den Roman als Ratgeber bezeichnen, nicht die Kritik McInerneys erkannt, jedoch kann man ohne Zweifel behaupten, dass der Autor das New York, speziell Manhattan, der achtziger Jahre so lebensnah beschreibt wie kaum ein anderer. Während der Protagonist durch die Stadt zieht, ob nun auf dem Weg zur Arbeit oder in einen Nachtclub, häufen sich zahlreiche Anspielungen auf Straßennamen, Hotels, Diskotheken und Bars, so dass man ohne Probleme seinen Weg in der Realität nachvollziehen kann. Aufgrund der Berühmtheit und Beliebtheit des Romans, vor allem bei jungen Lesern, gab es sogar Bright Lights, Big City - Touren, die die Schauplätze des Romans als Ziel hatten. Jedoch nicht alle von McInerney verarbeiteten Orte existieren in der Realität, und somit wunderten sich einige, wo beispielsweise die Lizard Lounge, eine fiktive Diskothek, zu finden sei.[35] Zudem beschreibt der Autor das Stadtbild so detailgetreu, seien es nun Vermisstenanzeigen an den Straßenlaternen, Graffitis auf Zügen, auffällige Mitbürger oder Straßenverkäufer, die mit den absurdesten Dingen handeln, dass man ein sehr genaues Bild vom New York der achtziger Jahre bekommt. Dies lässt selbst William Krotzwinkle in einem Artikel in The New York Times Book Review zu dem Schluss kommen, McInerney beweise "a strong sense for big-city sights."[36] Obwohl der Großteil der Schauplätze und Vorkommnisse dem Roman lediglich zu einer gewissen Authentizität verhelfen soll, ist ihnen an einigen Stellen jedoch ein symbolischer Charakter nicht abzusprechen, worauf in diesem Kapitel eingegangen werden soll.

2.3.1 Die New Yorker Straße als Spiegel der Gesellschaft

Während der Protagonist durch die Straßen Manhattans schweift, trifft er auf viele Gestalten, die typisch für das New Yorker Stadtleben der achtziger Jahre, und teils auch noch heute, sind. Sie geben uns einen Aufschluss darüber, wie sich die Gesellschaft zu jener Zeit zusammensetzte und außerdem, welche moralischen Vorstellungen sie hatte. Hier lässt sich ein deutlicher Unterschied zwischen dem Tages- und Nachtgeschehen feststellen: Die Straßen Manhattans sind bei Tage geprägt von verschiedenen ethnischen Gruppen, sozialen Schichten und Straßenhändlern, die teils absurde Dinge verkaufen, bei Nacht jedoch werden sie zum Schauplatz der Partygänger, die sich anscheinend allesamt durch ihre besonderen Outfits übertreffen, und um jeden Preis auffallen wollen.

Gleich zu Beginn des Romans trifft der Protagonist auf eine dieser schillernden Personen der Nacht, von der er zunächst annimmt, es sei eine Prostituierte:

Down on West Side Highway, a lone hooker totters on heels and tugs her skirt as if no one had told her that the commuters won't be coming through the tunnels from Jersey today. Coming closer, you see that she's a man in drag.[37]

Diese Person, eine so genannte Drag Queen, ist nur einer der vielen Menschen in New York, die vorgeben etwas anderes zu sein, als sie tatsächlich sind. Es handelt sich hier um einen Trend, der vor allem in Greenwich Village zu beobachten ist, dem New Yorker Zentrum der homosexuellen Kultur. Seit den Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Homosexuellen im Jahre 1969 in der Christopher Street wurde dieser Stadtteil New Yorks zum Ausgangspunkt der Homosexuellenbewegung.[38] Somit ist es auch nicht verwunderlich, dass in McInerneys Roman, der größtenteils im Village spielt, zahlreiche Verweise auf homosexuelle Männer zu finden sind. Die Drag Queens bilden eine Untergruppierung dieser Homosexuellenkultur, die um jeden Preis auffallen will. Sie sehen sich selbst als "performer"[39] und nutzen ihre farbenfrohen, übertrieben Outfits, um besonders aus der Masse heraus zu stechen. Durch den Auftritt des Mannes "in drag" verdeutlicht McInerney, welche Erfolge die Homosexuellenbewegung bis zum Jahre 1984 erzielt hat: Die Drag Queens tragen ihre Homosexualität zur Schau, ohne Angst haben zu müssen, dafür tätlich angegriffen zu werden.

Auch im Tagesgeschehen der achtziger Jahre scheinen die Homosexuellen den Drang zu verspüren, sich von der Allgemeinheit abzuheben und auch als solche erkannt zu werden, denn der Protagonist kann sie stets auf den ersten Blick als solche identifizieren (vgl. BLBC 87, 94, 96). Interessant ist hier der Stellenwert, den sie in der Gesellschaft einnehmen. Während Homosexuelle im New Yorker Nachtleben wohl kaum auffallen und den Protagonisten lediglich einschüchtern (vgl. BLBC 94), haben sie im Tagesgeschehen mit Vorurteilen und Beschimpfungen zu kämpfen. So muss sich ein junger Schwuler von einem New Yorker Busfahrer als "Queenie" (BLBC 87) oder auch "Tinker Bell" (BLBC 88) bezeichnen lassen. Moralisch fragwürdig ist natürlich, dass sich niemand der anwesenden Fahrgäste daran zu stören scheint und sogar über den jungen Mann und die Witze über ihn gelacht wird (BLBC 89). Die Tatsache, dass der Busfahrer selbst Afroamerikaner ist, verdeutlicht den Wandel der Gesellschaft: Noch wenige Jahre zuvor wäre der Busfahrer womöglich selbst Ziel solcher Beleidigungen gewesen, ohne dass jemand eingeschritten wäre. Nun, in der multikulturellen New Yorker Gesellschaft der achtziger Jahre, in der beispielsweise auch religiöse Gruppierungen wie "Hasidim from Brooklyn" (BLBC 56) oder "Rastafarians" (BLBC 57) anzutreffen sind, projiziert selbst er solche Beleidigungen auf 'neue' Subkulturen wie die Homosexuellen. Diese jedoch tragen die Kommentare der Mitbürger mit Fassung, ja sogar mit Stolz, wohl zufrieden mit ihrem erreichten Ziel, aufzufallen. Und so geht auch dieser junge Mann mit den "burlesque movements of the hips and wrist" (BLBC 88) in die Offensive und nutzt seinen vom Busfahrer als Zauberstab bezeichneten Regenschirm als Hilfsmittel für seinen triumphalen Abgang: "He raises [the umbrella] over his head and brings it down gently on the driver's shoulder, as if he were bestowing knighthood. He does this three times, saying, in a cheery falsetto voice, 'Turn to shit, turn to shit, turn to shit.'" (BLBC 88)

Selbst in der vergleichsweise kleinen Gruppe der Homosexuellen in New York sind also nicht alle durch ein identisches äußeres Erscheinungsbild zu identifizieren. Während die Drag Queens durch ein feminines Erscheinungsbild, oder der junge Fahrgast im Bus durch seine stilvolle Kleidung und seinen "mustache that looks like a set of plucked eyebrows" (BLBC 87) aus der Menge heraus stechen, gibt es sogar noch andere, wie beispielsweise die unter Punkt 2.3.2 noch zu erwähnenden 'gay giants', die auffällige Outfits aus Leder mit Handschellen bevorzugen. Alle jedoch wollen sich in irgendeiner Art und Weise im New York der achtziger Jahre präsentieren und fallen dadurch so deutlich auf, dass sie das Stadtbild dieser Zeit wie kaum eine andere Gruppierung prägen.

Eine weitere typische Gruppe aus dem New Yorker Stadtbild sind die Straßenhändler, die alles Erdenkliche an den Mann bringen wollen. Neben nützlichen Artikeln, wie Regenschirmen (vgl. BLBC 86), werden beispielsweise auch Fälschungen teurer Cartier -Uhren angeboten (vgl. BLBC 27). Der Uhrenverkäufer selbst ist sich bewusst, wie er den typischen New Yorker von dem Kauf seiner Uhren überzeugen kann: "'Wear the watch, that'll make 'em watch you.'" (BLBC 27) Auch hier wird die generelle Einstellung der New Yorker erneut deutlich, denn ein jeder versucht, gesehen zu werden und aufzufallen.

Der absurdeste Artikel, der dem Protagonisten angeboten wird, und der beste Beweis für McInerneys "genuine eye for urban absurdity"[40] ist wohl ein Frettchen (vgl. BLBC 66). Doch auch dieses Tier wird sinngemäß dadurch angepriesen, dass man mit ihm auffallen, und eine Menge Frauen kennen lernen kann. In jedem Fall würde es aber auch dazu dienen, Ratten aus der Wohnung zu vertreiben. Der Verkäufer hat also, sarkastisch betrachtet, seine Verkaufsstrategie auf alle Schichten der New Yorker Gesellschaft zugeschnitten: Einerseits auf die höheren Schichten, die lediglich ein weiteres Accessoire benötigen, um sich von der Masse abzuheben, andererseits auf die unteren Schichten, die in ärmlichen Verhältnissen leben und mit Ratten in ihren Wohnungen zu kämpfen haben.

Den Höhepunkt des New Yorker Straßenhandels in Bright Lights, Big City bildet jedoch ein kleiner Junge, womöglich 13 Jahre alt, der dem Protagonisten Kokain verkauft (vgl. BLBC 107f). Hier wird besonders deutlich, wie moralisch fragwürdig das Stadtgeschehen ist und unter welchen Umständen Kinder in ihm aufwachsen. Die Abgebrühtheit des Jungen lässt vermuten, dass er diesem Geschäft schon lange nachgeht, und seine Verkaufsslogans deuten darauf hin, dass auch er selbst abhängig ist, denn er sieht in seiner Ware die einzige Möglichkeit, sich Gott zu nähern (vgl. BLBC 108). Wie wohl auch viele andere geht der Protagonist auf das Angebot des Jungen ein und gibt im Folgenden wieder einmal den moralischen Verfall der New Yorker Gesellschaft preis: Er sorgt sich nicht etwa um den Jungen, sondern darum, in eine Falle hineinzutappen und ausgeraubt zu werden: "Look both ways before you enter. His brother may be waiting with a baseball bat." (BLBC 108) Allein diese Sorge zeigt, dass es wohl nicht ungewöhnlich ist, Opfer eines Kindes zu werden; was jedoch noch schlimmer wiegt ist die Tatsache, dass der Protagonist seinen Drogenkonsum vor das Wohlergehen eines Kindes stellt.

Dass es eben auch solche sozialen Missstände gibt und dass New York "Metapher für Glamour ebenso wie für Gosse"[41] ist, will McInerney keinesfalls vertuschen. So finden neben kriminellen Jugendlichen oder Vandalismus durch Graffiti (vgl. BLBC 11) auch die unteren sozialen Schichten einen Platz im Roman, die das umfassende Bild New Yorks komplettieren. Auf dem Weg zu seiner Arbeitsstätte beispielsweise trifft der Protagonist im Zug auf "one of the city's MIAs" (BLBC 12), von dessen Erscheinung er nicht überrascht zu sein scheint und nicht einmal aufschauen muss, um ihn als Veteranen zu identifizieren. Anscheinend wimmelt es Jahre nach dem Vietnamkrieg in New York von diesen "casualt[ies]" (BLBC 12), die für ihr Land in den Krieg ziehen mussten und nun, physisch und psychisch geschädigt, ihrem Schicksal überlassen werden. Der erwähnte Mann ist erst 28 Jahre alt, doch sein Leben ist für immer geprägt durch den Krieg, in den er noch als Jugendlicher ziehen musste:[42] Er ist und bleibt 'missing in action', selbst nach seiner Heimkehr in die Heimat. Verwirrt setzt er sich auf den Schoß einer älteren Dame und ist auch nicht mehr davon herunter zu bewegen. Vielleicht ist dies ein weiteres Indiz, dass er, metaphorisch gesprochen, viel zu früh aus dem Schoß der eigenen Mutter entrissen wurde, um für sein Land zu kämpfen. Nun ist er dermaßen geprägt durch seine schlimmen Erlebnisse, dass er zurück in das Kindesalter verfällt und, in Gedanken fern ab von allem um ihn herum, Zuflucht auf dem Schoß einer Frau sucht.

Neben der indirekten Kritik an der amerikanischen Politik der 60/70er Jahre, die den Krieg verursachte, und der achtziger Jahre, die noch immer diesen anti-kommunistischen Grundsätzen folgt und außerdem Kriegsveteranen nicht ausreichend wieder in die Gesellschaft eingliedert,[43] verurteilt der Autor auch die New Yorker Gesellschaft der achtziger Jahre: Niemand kommt der alten Dame zur Hilfe, als sie versucht, den Mann von ihrem Schoß zu bewegen: "Almost everyone in the car is watching and pretending they're not." (BLBC 12) Jeder ist lediglich auf sich selbst konzentriert und möchte, wie der Protagonist, nicht auffallen. Hier wird wieder einmal der Verfall der Moral deutlich: Während man alles Mögliche versucht, um oberflächlich durch gute oder extravagante Kleidung aufzufallen, ist man jedoch bei den essenziellen Lebensfragen äußerst zurückhaltend und schert sich nicht darum, wie es den anderen Mitgliedern der Gesellschaft geht. Egoismus steht an oberster Stelle, und auch der Protagonist, der zwar lange überlegt, letztendlich aber auch nichts unternimmt, kann sich nicht davon freisprechen.

Ein weiterer Aspekt, der in diesem Zusammenhang betrachtet werden muss, ist die Begegnung des Protagonisten mit einem Obdachlosen, die verdeutlicht, dass der Obdachlose, der er in der Gesellschaft an unterster Stelle steht, diese Moral noch besitzt. Ohne einen wirklichen Grund zu haben, scheint er sich um die Mitbürger zu sorgen und spricht den Protagonisten mit den Worten "God bless you and forgive your sins" (BLBC 180) an. Hier wird der Kontrast in der New Yorker Gesellschaft besonders deutlich: Diejenigen, die alles besitzen und sich keine Gedanken um den Erhalt ihres eigenen Lebens machen müssen, interessieren sich nicht dafür, wie es dem Nachbarn geht. Ein 'Penner' jedoch, der nichts besitzt und am Existenzminimum lebt, ist nicht von dieser konsumorientierten, egoistischen Welt geprägt; er besinnt sich auf die Grundbedürfnisse des Menschen, sorgt sich um andere Mitbürger und hofft vollkommen uneigennützig, dass sie ein Leben ohne Sünde führen mögen. Somit ist deutlich eine Kritik an der middle / upper class der achtziger Jahre zu spüren, die alles besitzt, außer Moralverständnis.

2.3.2 Greenwich Village vs. Upper East Side

Während die bisher genannten Fakten hauptsächlich Aufschluss über die New Yorker Gesellschaft im Allgemeinen geben, soll im Folgenden der Schwerpunkt auf den Protagonisten selbst gelegt werden. Vor allem die Darstellung der beiden New Yorker Stadtteile Greenwich Village und Upper East Side, beziehungsweise das Verhalten des Protagonisten in ihnen, geben dem Leser hier einen tieferen Einblick in seine Psyche.

Bereits zu Beginn des Romans treffen wir auf eine Stelle, die einen starken Symbolcharakter besitzt: Der Heimweg des Protagonisten nach einer langen Nacht in den New Yorker Clubs (vgl. BLBC 8f). Seine Tour hatte am Abend in der Upper East Side begonnen und im Süden Manhattans, Downtown, in einem Club geendet, bei dem er sich nicht einmal sicher war, um welchen es sich handelte. Nun, auf dem Weg zu seiner Wohnung in der West Twelfth Street (BLBC 36), wendet er sich sinngemäß Richtung Norden und folgt zunächst der Hudson Street und der Seventh Avenue, bevor er in die Bleecker Street Richtung Osten einbiegt. Dieser Stadtteil in Greenwich Village in der Nähe des Washington Square hat eine besondere Bedeutung für ihn, da er hier vor zwei Jahren mit seiner Frau Amanda ein Apartment geteilt und ein glückliches Leben geführt hat. Sofort schwelgt er in Erinnerungen an diese schöne Zeit und muss leider feststellen, dass sie weit in der Vergangenheit liegt und nicht mehr zurückkehren wird: "That was two years ago, before you got married." (BLBC 9)

Was dem ortsfremden Leser wahrscheinlich entgehen wird, ist der plötzliche Richtungswechsel des Protagonisten im nächsten Abschnitt, der auch formell durch einen Absatz gekennzeichnet ist. Der Protagonist befindet sich nun "on the West Side Highway" (BLBC 9), also entgegengesetzt seines eigentlichen Heimwegs. Sein Schwelgen in Erinnerungen scheint ihn so sehr mitgenommen zu haben, dass er seine Richtung geändert hat, den zu durchquerenden Stadtteil verlässt und somit vor seiner Vergangenheit flieht. Er weiß nicht, wohin er gehen soll und richtet sich instinktiv gen Westen. Am Hudson River jedoch holt ihn seine Vergangenheit wieder ein: Das Wasser des Flusses, ein Symbol für das Reinwaschen seiner Gedanken und Seele, wird durch "the solemn progress of a garbage barge" (BLBC 10) durchbrochen. So wie New York hinter den 'bright lights' eine Menge Schmutz verbirgt, den es zu beseitigen gilt, hat auch der Protagonist hinter seiner Fassade als "happy-go-lucky fellow"[44] einiges zu verarbeiten und aufzuarbeiten. Hinter dieser Szenerie, weit entfernt, sieht er die Statue of Liberty, das Symbol der Freiheit, schimmern. Will er diese Freiheit, welche für ihn die Loslösung von der Vergangenheit bedeutet, erreichen, müsste er das Wasser durchqueren und sich rein waschen von all seinen negativen Gedanken an die Vergangenheit. Die Szene bietet somit eine Einsicht in den Gemütszustand des Protagonisten und eine Vorahnung auf den weiteren Verlauf des Romans, in dem er genau diesen Prozess durchleben wird. Im Moment weiß er jedoch, dass er noch nicht an seinem Ziel, welches für ihn unerreichbar scheint, angekommen ist, und somit endet das erste Kapitel mit seiner Feststellung: "Here you are again. All messed up and no place to go." (BLBC 10)

Auch in späteren Passagen wird vermehrt deutlich, dass der Protagonist diesen speziellen Teil des Village stets mit Amanda und der mit ihr verbrachten, glücklichen Zeit in Verbindung bringt und ihn somit auch meidet. Auf dem Weg zu Megans Apartment wird besonders deutlich, wie sehr er unter dem Verlust dieser Zeit und dieses Ortes leidet:

Each step takes you closer to the old apartment on Cornelia Street, where you first lived with Amanda in New York. This was your neighborhood. These shops were your shops. You possessed these streets as securely as if you held title. (BLBC 134)

Die Sicherheit, die ihm der Stadtteil einst bot, wurde ihm mit dem Verlust Amandas genommen. Nun hat er keinen Ort mehr, an dem er sich zu Hause fühlt und an den er mit gutem Gefühl zurückkehren kann.

Deutlich wird zudem, welche Lebenseinstellung der Protagonist generell hat: Er ist nicht etwa der typische Großstadtmensch, der Anonymität und die Bequemlichkeit von großen Supermärkten und Fast Food-Restaurants bevorzugt, sondern jemand, der die Geborgenheit eines kleinen, beinahe familiären Stadtteils zu schätzen weiß. Das Greenwich Village bietet genau dies: Eine kleine Insel im Großstadtleben, in der das moderne Starbuck's noch nicht die kleinen Cafés verdrängt hat und das einfache, bescheidene Leben fern von "designer outfits" (BLBC 134) noch möglich ist.[45] Doch wie der Protagonist selbst feststellt, teilte seine Frau Amanda dieses Gefühl nicht; " [...] she was aspiring to the Upper East Side" (BLBC 134), wo sich "North America’s premier luxury district,"[46] die Madison Avenue, befindet und Designerläden ein Stadtbild von unnachahmlicher Oberflächlichkeit prägen.

Signifikant ist natürlich, dass das einzige Treffen der beiden nach ihrer Trennung an späterer Stelle im Waldorf-Astoria stattfindet, einem der luxuriösesten Hotels New Yorks. Der Protagonist dringt hier tief in die Welt Amandas ein und es wird schnell deutlich, dass er sich in keiner Weise mit dieser identifizieren kann. In Amandas Welt wird er nicht von einer Kellnerin empfangen, die ihm erlaubt, den eigenen Wein mitzubringen (vgl. BLBC 9), sondern von einer modischen Dame, deren äußeres Erscheinungsbild ihn zweifeln lässt: "Was she in an accident or is she just chic?" (BLBC 120) In dieser Welt der 'bright lights', symbolisiert durch die Upper East Side, und hier im speziellen das Waldorf-Astoria, ist Amanda zu Hause, während der Protagonist alten Zeiten im einfachen Greenwich Village hinterher trauert. Hier wird dem Leser also erneut eine Hintergrundinformation geboten, die das Scheitern der Beziehung des Protagonisten und seiner Frau über die direkt genannten Gründe hinaus erklärt.

Auffällig ist nun, dass der Protagonist bei einem weiteren Besuch des Village mit Vicky Hollins nicht die Gefühle von Trauer in sich spürt, die der Stadtteil sonst in ihm erweckt, und es vielmehr genießt, ihr diesen Ort seiner Vergangenheit zu zeigen: "[...] tonight you remember how much you liked this part of the city."(BLBC 92) Plötzlich empfindet er das Village nicht mehr als bedrohlich, was sich schnell dadurch erklärt, dass auch Vicky sich hier wohl zu fühlen scheint. Sie teilen die gleichen Interessen, genießen das Ambiente, und der Protagonist verbringt das erste Mal seit langer Zeit einen Abend bei einem guten Gespräch in einem Café, statt sich oberflächlichen Bekanntschaften in einem der New Yorker Clubs zu widmen. Seine somit eher konservative Einstellung, die im Kontrast zum wilden New Yorker Partyleben der achtziger Jahre steht, wird noch unterstützt durch den Eindruck, den einige Homosexuelle auf ihn ausüben: "The buildings are humble in scale and don't try to intimidate you. Gay giants stride past on hypertrophied thighs, swathed in leather and chains, and they do intimidate you." (BLBC 94) Hier wird erneut deutlich, dass der Protagonist sich von dieser Welt und dem Nachtclub-Dasein, in dem er gleichgeschlechtliche Menschen "in an unnatural act" (BLBC 53) vorfindet, entfernen möchte, um ein bescheidenes, tiefgründiges, ja sogar spießiges Leben zu führen. Er ist also nicht der moderne, aufgeschlossene, typische Partygänger, der er stets vorgibt zu sein. Mit seiner Begleiterin Vicky scheint ihm eine Neuordnung seines Lebens nach seinen Vorstellungen auch möglich zu sein – sie ist, wie Salomon es nennt, "hope for the future."[47]

[...]


[1] http://www.reaganlegacy.org/speeches/reagan.1.20.85.2nd.inaugural.htm (01.09.2005)

[2] http://www.deadkennedys.com/images/albums/psd/lyrics.htm (01.09.2005)

[3] Walter Grünzweig, Constructing the Eighties: Versions of an American Decade (Tübingen: Narr, 1992) , S.14.

[4] Vgl. http://www.reaganlegacy.org/pressreleases/pdf/pr-Ronald%20Greatest%20American%206.27.05.pdf (01.09.2005)

[5] Vgl. Peter Schäfer, Die Präsidenten der USA im 20. Jahrhundert (Berlin: VEB, 1990), S. 340.

[6] Grünzweig, Constructing the Eighties, S. 14.

[7] Vgl. Bruce Kuhre, "The American Dream in Crisis," in: Walter Grünzweig et al, Hrsg.,

Constructing the Eighties: Versions of an American Decade (Tübingen: Narr, 1992), S. 34.

[8] Howard L. Nixon II., Sports and the American Dream (New York: Leisure Press, 1984) , S.17.

[9] Peter Freese, 'America': Dream or nightmare? (Essen: Die Blaue Eule, 1994), S.153.

[10] Vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Yuppie (02.09.2005)

[11] Ebd.

[12] 'Yuppicide' wird mit 'das Töten eines Yuppies' übersetzt. Vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Yuppie (02.09.2005)

[13] http://kclibrary.nhmccd.edu/decade80.html (30.08.2005)

[14] Newsweek geht 1984 von 1,2 Millionen aus, während American Demographics 4,2 Millionen Yuppies zählt. Vgl. http://eightiesclub.tripod.com/id42.htm (02.09.2005)

[15] Vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Yuppie (02.09.2005)

[16] Hildegard Möllers, A Paradise Populated with Lost Souls: Literarische

Auseinandersetzungen mit Los Angeles (Essen: Die Blaue Eule, 1999), S. 437.

[17] Vgl. Stephanie Girard, "'Standing at the Corner of Walk and Don't Walk': Vintage Contemporaries, Bright Lights, Big City, and the Problems of Betweenness,"American Literature: A Journal of Literary History, Criticism, and Bibliography, 68 (1996), S. 168.

[18] http://en.wikipedia.org/wiki/Yuppie (02.09.2005)

[19] http://eightiesclub.tripod.com/id42.htm (02.09.2005)

[20] Vgl. http://lexikon.freenet.de/Yuppie (05.09.05)

[21] Vgl. http://eightiesclub.tripod.com/id42.htm (02.09.2005)

[22] Ebd.

[23] Vgl. Graham Caveney, "Psychodrama: Qu'est-ce que c'est?" in: Graham Caveney und Elizabeth Young (Hrsg.), Shopping in Space: Essays on American "Blank Generation" Fiction (London: Serpent's Tail, 1992), S. 47.

[24] Girard, "'Standing at the Corner of Walk and Don't Walk'," S. 168.

[25] Vgl. R. Z. Sheppard, "Yuppie Lit: Publicize or Perish," Time, 130.16 (Oct. 19, 1987), S. 59.

[26] Matthias Matussek, "'Er sah einfach umwerfend aus,'" Der Spiegel, 39 (26. September 1988),

S. 204.

[27] Vgl. Freese, "America ": Dream or Nightmare? S. 523.

[28] William Sharpe, "From 'Great Town' to 'Nonplace Urban Realm': Reading the Modern City," in: William Sharpe und Leonard Wallock, Hrsg., Visions of the Modern City (Baltimore: The John Hopkins University Press, 1987), S. 25.

[29] Vgl. Girard, "'Standing at the Corner of Walk and Don't Walk'," S. 167.

[30] Ebd., S. 161.

[31] Ebd., S. 174.

[32] R. Z. Sheppard, "Yuppie Lit: Publicize or Perish," Time, 130.16 (Oct. 19, 1987), S. 63.

[33] Terence Moran, "Bright Lights, Big City by Jay McInerney," The New Republic, 191.23 (3 Dec, 1984), S. 41.

[34] Sanford Pinsker, "Soft Lights, Academic Talk: A Conversation with Jay McInerney,"

Literary Review, 30 (Fall 1986), S. 108.

[35] Ebd.

[36] William Kotzwinkle, "You're Fired, so You Buy a Ferrett,"The New York Times Book Review (25 Nov, 1984), S. 9.

[37] Jay McInerney, Bright Lights, Big City (New York: Vintage Books, 1984), S. 9. Alle weiteren Seitenangaben dieser Quelle werden im laufenden Text in Klammern wiedergegeben. Der Romantitel wird mit BLBC abgekürzt.

[38] Vgl. http://www.nycvisit.com/content/index.cfm?pagePkey=439 (27.07.2005)

[39] http://www.answers.com/drag%20queen (01.08.2005)

[40] John Powers, "The MTV Novel arrives," Film Comment (Dec. 1985), S. 45.

[41] Verena Lueken, New York: Reportage aus einer alten Stadt (Köln: DuMont, 2002), S. 12.

[42] Anm.: McInerney gibt keinen Hinweis auf das Jahr, in dem sein Roman spielt. Geht man jedoch davon aus, dass es sich um das Jahr 1984 handelt, in dem er das Buch geschrieben hat, wäre der Veteran bei Ende des Vietnamkriegs 1973 erst 17/18 Jahre alt gewesen.

[43] Vgl Theodor Ebert, "Martin Luther Kings' Vermächtnis," Lichtbildervortrag (09.10.2001), http://www.lebenshaus-alb.de/mt/archives/media/pdf/mlk_ebert.pdf (15.07.2005).

[44] Freese, "America": Dream or Nightmare? S. 528.

[45] Vgl. http://www.nycgv.com/about.asp (18.09.2005)

[46] http://www.uppereast.com/madison.html (18.09.2005)

[47] David Salomon, "The Brotherhood of Unfulfilled Early Promise,"Saul Bellow Journal, 12.2

(1994), S. 41.

Details

Seiten
91
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638551311
Dateigröße
807 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v61736
Institution / Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,3
Schlagworte
Leben Yorker Ende Jahrhunderts McInerney Bright Lights City Cirino Name Baby

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Titel: Leben und Ängste junger New Yorker am Ende des 20. Jahrhunderts, dargestellt an McInerney, Bright Lights, Big City und Cirino, Name the Baby