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Leben und Klavierwerk des Erwin Schulhoff mit Analyse der 11 Inventionen für Klavier (exemplarisch)

Diplomarbeit 2006 74 Seiten

Musikwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Vorwort

B. Biographie
1) In Prag begonnen
2) Stufen erklommen
3) Viel Vorgenommen
4) Nicht mehr entronnen

C. Klavierwerk
1) Schulhoff als Pianist
2) Schulhoff als Komponist
2.1) Studienwerke
2.2) Impressionistische Anklänge
2.3) Traditionelle Formen
2.4) Konzerte im Vergleich
2.5) Sonaten im Vergleich
2.6) Kleine Tanzformen
3) Schulhoff und Jazz
3.1) Kunstjazz
3.2) Schlager
4) Inventionen (Kurze Einleitung)
4.1) Analyse Invention Nr. 5
4.2) Analyse Invention Nr. 10

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

A. Vorwort

Die Themenfindung basierte auf der Absicht Klaviermusik bzw. einen Komponisten/in für Klaviermusik ausfindig zu machen, der/die bisher nicht der breiten Masse von „Gleichgesinnten“ (Studenten/innen) bekannt ist und dessen/deren Gesamtwerk Arbeiten enthält, die für diese Gruppe neu oder andersartig!, interessant! und „spielbar“ sind.

Meine Suche im Internet nach Komponisten des 20. – 21. Jahrhunderts brachte mich auf die richtige „Fährte“, einen Förderverein für NS- verfolgte Komponisten und ihre Werke (musica-reanimata), zu denen unter anderem auch Victor Ullmann, Gideon Klein usw. zählen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Wahl fiel dann aus mehreren Gründen auf Erwin Schulhoff: Einerseits war er hoch angesehener Komponist und Pianist, andererseits macht sein Klavierwerk (solo), welches fast die Hälfte des umfangreichen Gesamtwerkes einnimmt (76 Kompositionen gegenüber 195 im Gesamten, teilweise erst nach 1991 entdeckt) kolossalen Eindruck und dann ist die Verschiedenheit im Bereich Klavierkompositionen so spektakulär (durch Jazz und Dadaismus) und vielfältig, das kein Weg mehr daran vorbei führte!

Der Funke war gezündet und im nächsten Schritt musste ein Höreindruck das Vorhaben abrunden. Die Cinq ètudes de jazz traten an die erste Stelle, gefolgt von weiteren Jazzwerken, der Piano Sonata No. 1, der Second Suite for Piano und schlussendlich den Elf Inventionen (alle aus den Zwanziger Jahren, der Erfolgsperiode Schulhoffs).

Die Zusammenstellung der Arbeit beruht auf der Tatsache, dass es bisher kein chronologisch zusammenhängendes Material in „kompakter“ Form gibt (eine aufwendige Monografie, mehrere Aufsätze, keine Doktor oder Diplomarbeit), das einen diesem Gesichtspunkt entsprechenden Überblick gewährt.

Ein aufschlussreicher, systematisch angelegter biographischer Teil soll den Zugang zur Person Erwin Schulhoff, zu seinen Lebens- und Arbeitsbedingungen und zum enormen Gesamtwerk verschaffen.

Der speziell das Klavierwerk umfassende Teil intensiviert das Begreifen seines Stils in zwei Richtungen: Der pianistischen und der kompositorischen (die in gegenseitiger Wechselwirkung stehen). Die Zuordnung der mannigfaltigen Arbeiten ist teilweise in Zeitabschnitte gefasst oder nach allgemein musikalischen bzw. konkreten Formtypen erfolgt mit dem Hintergrund, die Vielfältigkeit der Arbeiten im Blick zu haben, sie den Schaffensperioden leicht zuordnen zu können und gleichzeitig die Entwicklung zu erkennen.

Die Analyse der Inventionen (exemplarisch) verdeutlicht auf eingängig nachvollziehbare Weise den Personalstil dieser Schaffensperiode Schulhoffs, welche noch andere ansprechende Werke hervorgebracht hat, die zu neuem Leben erweckt werden wollen…

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B. Biographie

1) In Prag begonnen

1894-1917

Die Eltern

Erwin[1] Schulhoff wird am 8.Juni 1894 als erster Sohn in die Familie des wohl situierten Prager Geschäftsmannes Gustav Schulhoff geboren, später folgen noch die Geschwister Viola und Heinz. Der eher amusische Vater hegt gegenüber dem Musikerberuf von Grund auf Skepsis, die dann jedoch durch den Einfluss seines Onkels Julius Schulhoff, einem angesehenen Klaviervirtuosen mit europäischem Ruf, nach und nach erlischt, was auch Erwin zu gute kommt!

Gustav Schulhoff (1860-1942) stirbt im hohen Alter von zweiundachtzig Jahren im Konzentrationslager Theresienstadt, in das er kurz vor seinem Tod auf Grund der jüdischen Abstammung ausgewiesen wird.

Louise Schulhoff, geborene Wolf, hat eine starke musische Prägung erfahren bedingt durch die Tätigkeit ihres Vaters, Heinrich Wolf, welcher ein bedeutender Geiger und „langjähriger Konzertmeister eines Frankfurter Theaterorchesters ist“[2].

Pianistische Anfänge

E. Schulhoffs Leidenschaft zur Musik, vorzugsweise zum Klavierspiel zeigt sich schon im Alter von drei Jahren, in dem er Melodien nachspielt oder selbst erfindet. Seine Mutter veranlasst professionellen Unterricht, durch den sich Erwins Talent zusehends entwickelt. Um eine mögliche Karriere als Klaviervirtuose bestätigt zu bekommen, wird der Junge von der damalig größten Prager musikalischen Autorität Antonin Dvorak geprüft: „Dvorak gebot mir, ich solle mich mit der Stirn an die Wand stellen und setzte sich selbst ans Klavier. Er schlug einen Ton an. ’Was ist das’? , fragte er. Ich erriet. Er schlug einen anderen und wieder einen anderen Ton an. Ich habe wiederum die Töne richtig benannt. …er begann eine Melodie vorzuspielen, eine zunächst einfache, dann in Doppelstimme, zuletzt in Akkorden. Ich bestimmte die Höhe der einzelnen Töne, wie sie nacheinander folgten und auch in ganzen Zusammenklängen. Wohl fünf, vielleicht zehn Minuten dauerte dieses Spiel an. …Dann trat er an seinen Arbeitstisch heran, machte eine Schublade auf und nahm etwas heraus. ’Da nimm’, sagte er zu mir und reichte mir ein Paket. Es waren darin zwei Tabletten Schokolade. So promovierte mich Dvorak zum Musikanten.“[3] Durch die Fürsprache Dvoraks erhält Erwin Schulhoff mit sieben Jahren einen Platz zum privaten Klavierstudium am Prager Konservatorium. Sein Lehrer ist der damalige Direktor und Professor für Klavierpädagogik Heinrich Kaan von Albest.

Kompositorische Anfänge

Vorangetrieben durch den Ansporn der Mutter verfasst E. S. im Sommer 1902 einen Marsch für Blaskapelle, den er unter eigenem Dirigat erfolgreich im Rahmen der Prager Promenadenkonzerte aufführt. 1903 folgt eine Melodie für Geige und Klavier, die als Privatdruck erscheint. Schulhoff widmet sie einem seiner ersten Lehrmeister, dem Musikschulleiter Eduard Schütz. Ab diesem Zeitpunkt entbrennt die Begeisterung fürs Komponieren und erlischt nicht mehr!

Studium in Prag

Im Herbst 1904 beginnt Schulhoff ein offizielles Klavierstudium am Prager Konservatorium in der Klavierklasse Professor Kaans. Die Fortschritte im ersten Jahr in den Fächern Improvisieren und Transponieren sind gegenüber seinen Mitschülern so enorm, das E. S. eine Klassenstufe überspringen kann. Im Mai 1906 besucht die Klasse die in Prag statt findende Erstaufführung der Oper „Salome“ von Richard Strauss, welche Schulhoff nachhaltig beeindruckt. Seine Kompositionen, insbesondere die Lieder lassen das deutlich in der Melodik und Harmonik erkennen. Neben diesen schon ansehnlichen Arbeiten verzeichnet E. S. auch Erfolge durch öffentliches Konzertieren am Konservatorium, so dass daraus folgend der Wechsel zu einer höheren Institution angestrebt wird.

Studium in Wien

Ein Versuch Klavierschüler des europaweit anerkannten Klavierpädagogen Emil Sauer oder Alfred Grünfeld zu werden schlägt fehl. Stattdessen führt Schulhoff im Herbst sein Studium an Horaks Musikinstitut in Wien fort. Dort kommt es unter dem hoch disziplinierten und strengen Lehrer Willy Thern zwar zur Weiterentwicklung der technischen Fähigkeiten, die „geliebte“ Komposition hat jedoch schlechte Bedingungen was zur großen Unzufriedenheit Schulhoffs und im Weiteren zum erneuten Wechsel der Ausbildungsstätte führt.

Abschluss des Studiums in Leipzig

Durch Kontakte der Mutter zu verschiedenen Leipziger Musikern erhält E. S. die Gelegenheit, dem namhaften Pädagogen Arthur Nikisch einen Besuch abzustatten Wie erwartet erkennt dieser die außergewöhnlich hohe musikalische Begabung des Jungen an und sichert ihm eine Einladung zur Aufnahmeprüfung am Konservatorium für das Wintersemester 1908 zu. Das Ergebnis liegt genau zum 14. Geburtstag Schulhoffs vor, es lautet: „mit Bravour“ bestanden.

Die Mentoren dieses Abschnittes haben zum großen Teil nachhaltigen Einfluss auf das Wirken Schulhoffs. Beispielsweise sein Klavierlehrer Robert Teichmüller, der eine Vorliebe zu verschiedenen russischen Komponisten hat, erweckt E. S. Interesse an neuesten Werken, insbesondere an Skrjabins Kompositionen und sensibilisiert ihn zur analytischen Reflexion der Arbeiten Diese Betrachtungsweise gilt zu derzeit noch als Ausnahme in Deutschland.

Der systematische Aufbau von musiktheoretischen Kenntnissen erfolgt durch Stephan Krehl, der sich auch als Autor viel gebrauchter allgemeine Musik- und Formenlehre Bücher einen Namen gemacht hat.

Die Fürsprache Krehls erwirkt, das Schulhoff über mehrere Monate hinweg Unterricht in der Kompositionsklasse von Max Reger erhält. Dieser Einfluss hat größtes Gewicht in seiner Leipziger Periode und charakterisiert das gesamte Jugendwerk .Reger hat einen überzeugenden Lehrstil gegenüber seinen Schülern und wird auf Grund seiner willensstarken, kontroversen Persönlichkeit zum Vorbild vieler junger Tonkünstler. In seinen Kompositionen und den im Unterricht statt findenden und im Lehrbedürfnis vorherrschenden Hang zu Improvisationen nimmt er Verstöße gegenüber damaliger harmonischer, kontrapunktischer und „musikrezeptorischer“ Regeln in kauf, was den Widerspruchsgeist in Schulhoff schürt und ihn zu der Erkenntnis führt, dass zur weiteren musikalischen Lebensfähigkeit gelockerte Tonalität aufgegriffen werden muss! Die Arbeiten zeichnen sich neben dieser harmonischen Anlage durch kunstvolle Kontrapunktik, Polyphonie und Variationstechnik aus und zeigen oft einen eher schroffen als romantischem Ausdruck. Als Werkbeispiele sind die umfangreichen Variationen mit Fuge, formal ein großer Variationszyklus aus Studienjahren, später in noch größerer Form die Klaviervariationen op.10 und op.16 (WV 27, WV 34), die Drei Präludien und Drei Fugen op.19 (WV 37) und die umfangreichen Fugenpartiten in .den ersten Sätzen seiner Sonaten op.7, op.17 und op.22 (WV 24, 35, 40) anzuführen.

Erste Konzertreise

Am 9. Oktober 1910 tritt Schulhoff in Berlin im Blüthner-Saal unter dem Dirigenten Edmund von Strauss beim Abendkonzert des Blüthner-Orchesters auf, nach Ansicht der „Prager Zeitung Bohemia“ mit „kolossalem Erfolg“.[4] Auf dem Programm steht Beethovens 3. Klavierkonzert c-Moll.

Am 11. Oktober spielt E. S. einen Klavierabend in Leipzig unter Mitwirkung der Koloratursopranistin Ena Ree. Das Programm beinhaltet folgende Werke: Beethovens Sonate C-Dur op.2, Nr.2, Mendelssohns Präludium h-Moll, d`Alberts Scherzo, Chopins Nocturne Des-Dur, Liszts Polonaise E-Dur und zwei eigene Kompositionen: Idylle und Die Irrlichter (WV 8), beide von 1910. Die populäre Fachzeitschrift „Die Musik“ beurteilt Schulhoffs pianistische und kompositorische Leistung als „elegant virtuos“.[5] Es folgen noch weitere Auftritte in verschiedenen deutschen Städten , die sich als erster gelungener Schritt in Richtung der Laufbahn eines Klaviervirtuosen erweisen, eine faktische Entscheidung dahingehend erfolgt erst 10 Jahre später.

Rückkehr nach Prag

Zum Abschluss der schulischen Laufbahn auf der Mittelschule, die bis dato vernachlässigt worden ist, kann E. Schulhoff. zurück in seine Heimatstadt Prag. Allgemein bleibt ihm jetzt wenig Zeit auch für die Musik. Deshalb entstehen nur geringfügig kompositorische Arbeiten, in denen sich aber ein Reifungsprozess bemerkbar macht. An die Stelle der virtuosen auf den Vortrag zugeschnitten Elemente treten jetzt Erlebnisschilderungen, vor Allem in den Liedern Schulhoffs, beispielsweise beinhalten die beiden Lieder aus der Sammlung „Zigeunermelodien“ von Adolf Heyduk romantische Naturlyrik. Zu dieser Zeit beginnt der inzwischen sechzehn Jahre alte Musiker ein privates Tagebuch zu führen, das ihn fast bis zum Lebensende begleitet. Es ist ein Spiegel der Reifung, des Standpunktes und der Kompliziertheit seines Wesens und läutet den Beginn des „schöpferischen Ringens um die eigene Poesie des zukünftigen Komponierens“[6] ein.

Aufbaustudien in Köln

Am 6.September 1911 reisen E. S. und seine Mutter Louise nach Köln wo bedingt durch die stark bevormundende Persönlichkeit L. Schulhoffs sichtbare Spannungen zwischen Mutter und Sohn auftreten. Natürlicherweise reift auch hier der Gedanke des jugendlichen Schulhoff nach Autonomie. Die Aufnahmeprüfung am Konservatorium, das einen sehr guten Ruf genießt, weil es von der Stadt reich bezuschusst wird und nur namhafte Professoren zum Teil aus dem Ausland kommend beschäftigt, besteht E. S glänzend. Einer dieser Professoren ist sein Klavierlehrer Lazzaro Uzielli der aus Florenz stammt und unter Anderem bei Clara Schumann und Joachim Raff in Frankfurt studiert hat. Die fürsorgliche Beziehung Uziellis dem jungen Studenten gegenüber verhilft zwar zur schnellen Anpassung an das neue Lebensumfeld, sie stillt aber nicht das Heimweh nach Prag. .

Ab der Jahresmitte 1913 wechselt E. S. zur Meisterklasse für Klavier von Carl Friedberg. Den harten Eingriff des Lehrers gegenüber „virtuoser Oberflächlichkeit“ und „billiger Effekte“ , den Anspruch „tief konzentrierten Erlebens des künstlerischen Vortrags“ und die Forderung nach Klärung „stilistischer Fragen der Klavierinterpretation“[7] empfindet der Student zunächst als „Joch“, die Wertschätzung erfolgt erst Jahre später. Friedberg verfolgt die künstlerische Entwicklung Schulhoffs auch über das Studium hinaus und trägt persönlich zur Verbreitung der Kompositionen bei, in dem er beispielsweise das von E. S. am 14. Dezember 1912 fertig gestellte Klavierkonzert in sein Repertoire aufnimmt: „Für mich sind Sie von all den so genannten Modernen der wirklich Originelle und Sie wissen ja, das mich Ihre Werke stets auf das Lebhafteste interessiert haben…“.[8]

Franz Bölsche unterrichtet am Kölner Institut Kontrapunkt. Seine Einstellung im Sinne Regers, der impressionistischer Unbestimmtheit „bewährte feste deutsche Formen wie Variationen, Fugen und Präludien“[9] entgegen zu stellen, bewirkt zunächst eine Festigung dieser Auffassung bei Erwin Schulhoff und hat eine Komposition zur Folge, die er seinem Lehrer aus Hochachtung vor dessen hervorragenden musiktheoretischen Fähigkeiten zueignet . Es sind die Drei Präludien und Fugen von 1915 (WV 37). Bölsches Harmonielehre wird mehrmals aufgelegt und findet lange Zeit an deutschen Schulen Verwendung.

Größte Autorität am Konservatorium ist der international bekannte Dirigent Fritz Steinbach. Max Reger hat ihm seine Hiller Variationen zugeeignet, da er sich um die Aufführung von Regers Orchesterwerken verdient gemacht hat. Steinbach verbindet zwei Ämter, die des Chefdirigenten vom Stadtorchester mit der des Direktors vom Konservatoriums, was ihm eine übersichtliche und gleichförmige Organisation des Kölner Musiklebens ermöglicht. Die sorgfältige Analyse von Schulhoffs bisherigen Arbeiten lässt Steinbach folgende Erkenntnisse gewinnen: es liegt Unerfahrenheit in Orchesterwerken gegenüber Klavierwerken vor, die Harmonik ist eigenständig und die Melodik lehnt sich an die schon eher überholte Griegs und Mendelssohns an.

Die momentane Situation des jungen Schulhoff mit der Vielzahl an Eindrücken und Empfindungen, einer Mischung aus Heimweh, Sinnlichkeit und Vereinsamung findet ihren Ausdruck in seinen zu dieser Zeit gearbeiteten Liedern. Die Auswahl der Texte richtet sich nach dem Inhalt, nicht nach der künstlerischen Güte. Die musikalische Gestalt wird von der einfachen Liedform mit kurzen strophisch angeordneten Versen bestimmt, der harmonische Aufbau ist interessanter und zeichnet sich durch Verwendung des Septnonenakkords bis hin zur Anreicherung mit atonalen Akkorden und enharmonischen Umdeutungen in der Klavierbegleitung aus. Der Vokalpart bleibt dagegen weiterhin einfach.

Auf den Rat Steinbachs hin widmet sich Schulhoff jetzt der Komposition von Instrumentalwerken in unterschiedlicher Besetzung. Sein erster Versuch ist die Suite für Klavier und Violine (WV 18), mit der E. S. seine Werksbezeichnung beginnt. Die erstmalige Bewältigung einer größeren Form bleibt trotz sichtbarer Anstrengung Sentimentalitäten einzudämmen und harmonischen Ideenreichtum walten zu lassen ein Studienwerk von geringem Rang. Weitere Arbeiten sind durch Erhaltung spätromantischer Züge genauso wie durch neue impressionistische Einfärbungen charakterisiert, der musikalische Satz bleibt wie bei den meisten früheren Liedern homophon. Die Vorliebe zur kleinen Tanzform wird zu diesem Zeitpunkt schon erkennbar!

Erste Schaffenskrise

Im Frühjahr 1912 kommt es zum Eklat zwischen Schulhoff und seinen Eltern. Die momentane Unlust an den theoretischen Fächern und die daraus resultierenden schlechten Leistungen führen zum vorübergehenden Entzug jeglicher finanzieller Unterstützung. Jedoch hält dieser Zustand der Lustlosigkeit nicht lange an. Neu angeregt durch den dozierenden Musikwissenschaftler Ludwig Schiedermair und sein Thema: Musik der Herrscherhäuser im Deutschland des 17. und 18. Jahrhunderts, nimmt E. S. seine Arbeit wieder auf. Er knüpft an den Bereich der Instrumentalwerke erstmalig in großer, zyklischer Form an. Im Dezember 1912 ist die viersätzige Sonate für Klavier, op. 5 (WV 21), vollendet. Kurz darauf kommt es zu einer Begegnung Schulhoffs mit Claude Debussy, die noch weitreichendere Wirkung als Strauss Werk „Salome“ erzielt. Erstmalige Begeisterung vermitteln ihm Debussys Klavierstücke, die der nun Achtzehnjährige teilweise in sein Repertoire aufnimmt und die ihn vor Allem wegen ihrer gelösten Gesten gegenüber der festen, klassischen Form bannen. Die spontane künstlerische Auswirkung folgt in den beiden Arbeiten Vier Bildern für Klavier op. 6 (WV 26), angelehnt an Debussys „Images“ und Zwei Klavierstücke (WV 23). Schulhoff präsentiert seine neuen Werke im Konservatorium und erwirkt damit große Bewunderung auch unter den Mitschülern, was eine Aussage dahingehend bestätigt: „…ich würde besser imstande sein die „Vier Bilder“ zu komponieren, als 1000 Mark zu bekommen!“[10] Die Stücke finden ebenfalls bei der in Deutschland renommierten Pianistin Ilse Fromm-Michaels Beachtung, im Frühjahr 1913 kommt es in ihrer Heimatstadt Hamburg zur Aufführung mit anerkennender Werkkritik. Eine Notiz in Schulhoffs Tagebuch belegt das: „Ich habe gesiegt, die Kritik ist ausgezeichnet gut“.[11] Zwischen den beiden Musikern entwickelt sich ein freundschaftliches Verhältnis.

Heranreifen zum persönlichen Profil

Schulhoffs zunehmender Erfolg führt gleichzeitig zur dominierenden Stellung des Komponierens und zum höheren Niveau der Werke. Charakteristisch für diesen Abschnitt ist die Idee, an das Erlernte anzuknüpfen und zugleich den eigenen Stil einzubringen. Als Beispiel dafür gilt die Sonate für Klavier und Violine op.7 (WV 24), bei der er unter Einhaltung der klassischen Form permanent harmonisch moduliert, jetzt aber nicht mehr unbedingt im Sinne Regers, sondern nach eigenem Stilgefühl. Ebenso findet er Gefallen an Debussys Ganztonleitern, Pentatonik und Quartklängen, setzt sie gelegentlich ein ohne jedoch dem impressionistischen Kolorit zu verfallen. Auch die hier neu eingesetzte Tristan Harmonik erlangt bei Schulhoff mehr Bedeutung. Der verhärtete Gestaltungsgrundsatz dieser Sonate in Form, Melodik und Harmonik ist Stil formend! Die Aufführung findet im wichtigsten Zentrum zeitgenössischer Musik, im Prager Mozarteum statt und erlangt unerwartet gute Resonanz, allerdings erst 1924, ein Jahr später.

Der junge Student befindet sich mittlerweile in der Examensphase. Neben Vorbereitungen darauf entstehen weitere Werke von mehr oder minderem Rang: Die lustige Ouvertüre für Orchester (WV 25), welche Schwächen in der Orchestrierung aufweist, die besser geratenen Lieder für Bariton und Klavier (WV 26), eine Gattung in der er schon ausreichend Erfahrungen hat und das letzte dieser Periode,Die 10 Variationen und Fugato über ein eigenes Thema für Klavier (WV 27), eine angesehene Komposition die zusammen mit dem im Herbst entstandenen Klavierwerk Neun kleine Reigen 1918 im Jatho Verlag, Berlin erscheint. Die Abschlussprüfungen fallen Bestens aus, vor Allem im Fach Dirigieren. Steinbach erkennt ihm den vom vormaligen Direktor gestifteten „Wüllner- Preis“ zu, nicht nur wegen der bei Schulhoff sehr gut entwickelten Technik sondern aufgrund seines außerordentlichen Gespürs der im Examen zu dirigierenden Musik von Richard Strauss. Dieser Periode schließt sich ein Besuch Debussys in Paris an mit der Bitte um privaten Unterricht, welcher der große „Meister“ auch nachkommt. Allerdings erweist sich das Unterfangen für E. S. als unbefriedigend, da ihm Debussy Unkorrektheiten wie Querstände oder Quintparallelen ankreidet, die er sich in eigenen Kompositionen dahingegen erlaubt: „Solange ich ihr Lehrer bin , werden Sie die von der jahrhundertealten Praxis beglaubigten Kompositionsprinzipien als richtig ansehen und bewahren! Bis sie dann von mir weggehen und kompositorisch auf eigenen Beinen stehen werden, dann machen Sie schon was Sie wollen!“.[12] Der Unterricht ist damit beendet! Erst später versteht E. S. den Hinweis in der Aussage Debussys, dass sich die künstlerische Entwicklung selbständig und ohne Helfer vollziehen muss.

Schulhoff trifft nun Vorbereitungen auf den Klavier- und Kompositionswettbewerb für das Felix-Mendelssohn Stipendium in Berlin. Den dafür geforderten Klavierpart meistert er mit Bravour, was zu weiterem Ansehen und zur Forcierung der Virtuosenkarriere des aufstrebenden Künstlers führt, am Kompositionswettbewerb nimmt er nicht teil. Im Frühling 1914 beendet Schulhoff weitere Werke: Das Konzert für Klavier und Orchester (WV 28), kurze Zeit später das Divertimento für Streichquartett (WV 32), erstes erfolgreiches Kammermusikwerk! Außerdem Fünf Impressionen für Klavier (WV 29) und einen neuen Liederzyklus (WV 30) so wie weitere Skizzen. Der letzte Tagebucheintrag vor Ausbruch des ersten Weltkrieges ist vom 13 Mai 1914, danach hüllt sich Schulhoff in Schweigen

Kriegswirren

Die zunächst wechselnden Aufenthaltsorte des jungen Soldaten sind schwer nachzuvollziehen. Der kompositorische Ertrag steht aber nachweislich in direktem Zusammenhang mit den Einsätzen an der Front. Während der ersten Monate in Prag beendet Schulhoff Drei Lieder auf Verse Oscar Wildes (WV 33), im selben Monat Zehn Variationen über „Ah vous dirais-je, Maman“ und Fuge für Klavier (WV 34) Im Dezember entsteht die vollauf gelungene Sonate für Violoncello und Klavier (WV 35), am Weihnachtsabend die Serenade für Orchester. Ab 1915 muss der Komponist seine Arbeit stark einschränken, fast vollständig aufgeben. Im Februar schreibt er Drei Präludien und Fugen op.19 (WV 37) und eignet sie als Erinnerung an seine Studienjahre seinem Lehrer Franz Bölsche zu, dann folgt eine Zwangspause bis November, die Skizzen über Fünf Lieder nach Christian Morgenstern bleiben unvollendet.

1916 kommt es zum ersten Einsatz an der Front in Debrecen. Schulhoff erleidet eine Handverletzung durch einen Granatsplitter und verfällt in einen Nervenschock, Kompositionen bleiben zwangsläufig aus. Nach zwei Jahren des Schweigens schreibt er sich im Januar 1916 die ganze Abart gegen den Krieg von der Seele: „Der ’Schrei der Völker’, ’Schutz ihrer Kultur’ indem Menschen getötet werden, ist für mich qualvoll…die Jahre 1914, 1915, 1916 stehen auf dem niedrigsten menschlichen Niveau und sind geradezu hohnsprechend für das 20te Jahrhundert. Das sage ich trotzdem das ich Soldat bin“.[13] 1917 wird E. S. an die russische Front versetzt und erträgt dort erschütternste Ereignisse. In seiner Vokalsymphonie Menschheit findet eine Melodie Verwendung, die sich - aus einem Schützengrabe kommend – bei Schulhoff ins Gedächtnis eingehämmert hat.

Eine weitere Versetzung erfolgt, diesmal nach Italien. Im Feld bei Asiago in den italienischen Dolomiten entstehen Fünf Grotesken für Klavier op.21 (WV 39), die einzige Arbeit aus diesem Jahr!

Ab den Weihnachtsfeiertagen bis zum April des kommenden Jahres kann E. S. seine Zeit zu Hause verbringen und nutzen, da ihm aufgrund seiner Verletzung Heimaturlaub gewährt wird. Im März beendet der Komponist seine neue Klaviersonate op.22 (WV 40) mit der Absicht, Sie zum Felix –Mendelssohn-Bartholdy-Wettbewerb zu schicken. Auch dieses Mal erlangt er wie vor fünf Jahren als Pianist das Stipendium für Komposition. Die Monate Mai und Juni verbringt Schulhoff erneut an der Front in Debrecen.

Im nächsten Heimaturlaub entstehen bei einem Aufenthalt in Eichwald im Erzgebirge für seine gerade gewonnene Liebe Susi Elsler, von Beruf Tänzerin,Fünf Burlesken für Klavier op.23 (WV 41) und in Köln angekommen, nur zwei Tage später,Drei Walzer für Klavier op.24 (WV 42). Kurz darauf vollendet der junge Komponist das Streichquartett (WV 43) und skizziert ein umfangreiches Werk, die Vokalsymphonie Landschaften (WV 44). In den letzten Urlaubswochen arbeitet er zusätzlich als Solorepetitor bei dem renommierten und hoch erfahrenen Dirigenten Otto Klemperer an der Kölner Oper. Das erfreuliche Hauptereignis dieser sonst eher bitteren Zeit ist die erste Edition mehrerer Klavierwerke durch den Berliner Verleger Karl Hermann Jatho im Juli 1918!

2) Stufen erklommen

1918-1925

Die Erlebnisse des Krieges hinterlassen tief greifende Spuren, Schulhoff fühlt sich um seine menschlichen Leitbilder betrogen, sein Gemütszustand gerät ins schwanken. Unnahbarkeit und Ablehnung Anderen gegenüber macht sich breit: „Es ist die Stimmung, in der es häufig vorkommen kann, das man den Glauben an sich selber verliert! … Ich bin wirklich empfindlich geworden gegen die einzelnen Dinge, aber das ist nicht krankhaft bei mir, auch keine nervöse Überreiztheit, die ich vielleicht aus dem Felde mitbrachte, niemals- nur gesunder Intellekt! Chopin, der Fatalist, und Maeterlinck, der Atheist sind meiner jetzigen Laune entsprechend! …Ich bin stahlhart geworden und sehe die Dinge kalt und leidenschaftslos an, so, wie sie sind! und es war gut für mich, dass ich so viel mitmachte und erlebte, man betrachtet die Dinge anders, wie sie ein ganz gewöhnlicher betrachtet! Ich bin Aphorist geworden, oder kam jetzt erst diese Veranlagung zum eigentlichen Ausdruck bei mir!“ (Tagebuch, 13.1.1918)[14] Schulhoff betrachtet zu dieser Zeit seine Zukunft als aussichtslos, findet keinen rechten Ansporn eine Karriere anzustreben. Deshalb bleibt er zunächst bei seinen Eltern in Prag und versucht kompositorisch an die schon 1914 begonnene Oper Die Mitschuldigen nach Johann Wolfgang von Goethe (WV 47) anzuknüpfen, was ihm aber misslingt. Das Werk bleibt unvollendet.

Ein Umgebungswechsel nach Köln wendet die Stimmung und E. S. kommt wieder in seine Arbeit hinein. 1918 beendet er zwei fünfteilige Vokalwerke, zunächst den Zyklus Landschaften auf Verse von Theodor Kuhlemanns (WV 44), einem gefallenen Konservatoriumsmitschüler gewidmet und Menschheit (WV 48), mit dem ursprünglichen Titel „Selbstbildnis“, Textgrundlagen sind Gedichte eines Dresdner Freundes. Der Hang zur Schwermütigkeit drückt sich durch spätromantische Mittel, auffallende Monothematik und hörbarem Einfluss von Strauss und Mahler hinsichtlich Aufbau, Harmonik und Instrumentation aus.

Anfang Januar 1919 zieht Schulhoff nun nach reiflichen Überlegungen nach Dresden zu seiner Schwester Viola, die an der dortigen Kunstgewerbeschule studiert um Malerin zu werden .Er hält diese Stadt für bestens geeignet, um in die angestrebte künstlerische Laufbahn einzusteigen. Das Atelier der Beiden wird zum Mittelpunkt des allgemein künstlerischen Austauschs. Aufgrund der politischen Situation in Deutschland, welche 1918/ 1919 durch Revolution und Gegenrevolution geprägt ist und die in ein momentanes Chaos führt, steigern sich auch die Künste ins „Extreme“.

E. S. entwickelt im Zuge dieser Verhältnisse zusammen mit seinen Freunden großes Interesse an der Berliner Dada- Bewegung, zunächst an den dadaistischen eklatanten, fast schon geschmacklosen Zeichnungen von George Grosz, welche Ihren momentanen Gemütszustand ausdrücken: „Verlorene Ideale und Wut auf alle uniformierten und zivilen Machthaber“.[15] Schulhoffs Wissbegierde am ästhetischen Dada- Programm intensiviert sich. Er sammelt Informationen über die Vorgeschichte, richtet den künstlerischen, kulturpolitischen Blick intensiver in andere Länder und erlangt somit ein höheres Urteilsvermögen, das er auch in seine Arbeit einfließen lässt. Ein einzigartiger Versuch in der „fortschrittlichen Bewegung“ dieser Zeit!

Das erste Werk dieser Art sind die Fünf Pittoresken für Klavier (WV 51) vom August 1919, „Dancing mit ausgelassener Stimmung und Sorglosigkeit“.[16] Ausgangspunkt ist der Jazz, der gerade von Amerika nach Westeuropa vorrückt. Dieses Element herrscht nun in den Arbeiten Schulhoffs vor, „schockt“[17] seine Zuhörerschaft aber löst ihn von alten Banden!

Wendepunkt

E. S. komponiert noch weitere Werke in diesem Jahr: Die Arabesken (WV 49) und Fünf Humoresken für Klavier (WV 45) die in ihrer Stimmung ein wenig zurückhaltender sind. Trotz der Ausweitung seiner Stilmittel durch neue, amerikanisch inspirierte Elemente, im Besonderen starke Rhythmisierungen, erhält sich der Komponist traditionelle Mittel und entlädt sich mancher bisher verwendeter. Die Frage nach „stilistischer Reinheit“[18] stellt sich für Schulhoff dabei nicht Eine Annäherung an den provokativen , fast schon geschmacklosen Grosz , ist dabei nicht feststellbar, weil der Komponist eine mittlerweile wieder Lebens bejahende Einstellung gewonnen hat und eben auch einen anderen, schöpferischen Geist als Grosz besitzt. Seine Arbeit ist mit Freude und Erfindungsgabe angefüllt.

Schulhoffs Aufmerksamkeit gilt in diesem Abschnitt der Frage nach Auflösung von Gattungsgrenzen. Zusammen mit seinem Freund dem Maler Otto Griebel entstehen Lithographien, die mit dem Titel Zehn Themen 1920 in Dresden erfolgreich verlegt werden. Der Komponist verwendet dazu seine kurz vor den Pittoresken gearbeiteten Zehn Klavierstücke (WV 50), ein aphoristisches atonales Werk ohne Taktstriche! und lässt dazu von Griebel Bilder anfertigen, welche die dynamische und rhythmische Struktur der Musik in die Sprache der Kunst übertragen.

Schulhoff genügt eine musikalische Auflehnung dieser Art noch nicht, er will eine neue Kunstrichtung ins Leben rufen und diese offenkundig propagieren. Zur Wintersaison 1919/1920 entsteht ein Zyklus von 6 Fortschrittkonzerten. Die Werbeschrift dazu lautet folgendermaßen: „

Aus der Werkstatt der Zeit

Aufführungen von Werken der Zukunftsmusik

6 Konzertabende mit Werken von:

A. Berg, E. Erdmann, J. Hauer, H. Scherchen, A. Schönberg, E. Schulhoff, C. Scott, E. Wellesz, A. von Webern, A. Skrjabin

Die Kunst an sich ist Ausdruck gesteigerter menschlicher Sehnsucht, das Kunstwerk als solches die Explosion gesteigerten Empfindens. Absolute Kunst ist Revolution, sie benötigt weitere Flächen zur Entfaltung, führt Umsturz herbei um neue Wege zu eröffnen (entspringt stärkstem psychischem Erleben) und ist am stärksten in der Musik. Jeder Schaffende auf dem Musikgebiete öffnet auch hier sein Inneres (Ausdruck, Ausdruckskunst, ‚Expressionismus’ als Schlagwort und Zeitbezeichnung) strebt nach erlösender Klärung seelischer Zustände – Crystallisation des ’Ich’s’! …`Gemeinsamkeit des revolutionären Funkens in der Kunst, Gleichheit der gedanklichen Triebkraft!“[19]

Dieser Text belegt auch die vorübergehende Hinwendung zum deutsch- österreichischen Expressionismus. Schulhoff beabsichtigt primär, die Wiener Modernisten zu präsentieren, zu denen er entsprechend Kontakt aufnimmt Die Beziehungen bleiben rein geschäftlich, beschränken sich auf den Erhalt von Aufführungsgenehmigung und Notenmaterial mit Ausnahme zu Alban Berg. E. S. nimmt mit großer Begeisterung die Klaviersonate Bergs in sein Repertoire auf, es entwickelt sich über einen regen Austausch per Brief eine anhaltende Freundschaft. Fragen des „praktischen Musiklebens“ und der „aktuellen Probleme der Kompositionstechnik“[20] bilden den Inhalt, ein wichtiges Thema ist beispielsweise die Diskussion über musikalische Prosa! Schulhoff wendet diese Technik erstmals im Frühjahr 1919 in den 10 Klavierstücken (WV 50) an und unmittelbar darauf in den Fünf Gesängen für Klavier (ursprünglich Expressionen) in vier Teilen (WV 52). Nach seiner Meinung gebührt dem Interpreten größte Freiheit im Einfluss auf das tönende Werk, was unweigerlich die Auflösung des Taktes zur Folge haben muss. Bergs Ansicht dagegen knüpft an die seines Meisters Schönberg an und beschränkt sich auf den unregelmäßigen Takt.

Das Wirken Schulhoffs nach dem Krieg ist allem zufolge zweigleisig angelegt. Expressionismus und Dadaismus oder anders ausgedrückt, die zweite Wiener Schule und der Jazz laufen parallel! Eine Verbindung beider Richtungen liegt nicht in seinem Interesse und zeigt sich dementsprechend auch nicht in den Kompositionen, es gibt nur entweder- oder. Trotz Übereinstimmung im Bereich des freien harmonischen Denkens und dem förderlichen prosaischen Voranschreiten entwickelt sich Schulhoffs ästhetisches Bewusstsein innerhalb der nächsten drei Jahre in eine andere Richtung: „Ich bekenne mich nicht zu der verbürgerten Sorte der expressionistischen Verwesungstype“ (Tagebuch, 11.6.1922), er geht noch weiter bis hin zur Beleidigung dieser Gruppe: „Wenn alle anderen in süßen Tönen auf den Geigen schluchzen, dann- merkt euch- tue ich immer das Entgegengesetzte um euch aufzupeitschen ihr kleinen Marionetten, Seelengigerl, hornbrillige Solointellektualisten, ihr pathologischen Teepflanzen und verweste Expressionisten.—“[21] In diesen Äußerungen zeigt sich eine Spur dadaistischer Übertreibung, wichtiger und persönlich treffender ist eine andere Aussage dazu im Aufsatz „Revolution und Musik“ von E. S. ,1920: „Musik soll in erster Linie durch Rhythmus körperliches Wohlbehagen , ja sogar Extase erzeugen, sie ist niemals Philosophie, sie entspricht dem extatischen Zustande und findet in der rhythmischen Bewegung ihrer Ausdruck“.[22] Diese Ansicht bleibt für Schulhoff weiterhin maßgeblich!

Die nachfolgenden kompositorischen Arbeiten sind eher kleiner, meist für Klavier. Im Januar 1920 entsteht beispielsweise der vierhändige Klavierzyklus Ironien (WV 55).

Nachdem sich zwischenzeitlich die Wogen des Streits mit den Eltern geglättet haben, fließen auch die Geldmittel wieder. Schulhoff kann sich vorerst mit vollem Einsatz mannigfaltigen Betriebsamkeiten in Dresden widmen. Die daraus resultierende neue politische und künstlerische Überzeugung stößt erneut auf Ablehnung im Elternhaus und führt zu einem irreparablen, emotionalen Bruch. Wirtschaftlich ist E. S. nun auch wieder auf sich gestellt.

Die Suche nach einer Antellung erweist sich als erfolgreich. In Saarbrücken am Bornschen Konservatorium erhält E. Schulhoff eine feste Arbeitsstelle mit regelmäßigem Gehalt. Die Gegebenheiten der Stadt sind für E. S. jedoch aufs äußerste unbefriedigend, ein Eintrag im Tagebuch belegt das: „9.11.1920. Saarbrücken! Bornscheins Konservatorium der Musik!! …Schülermaterial Scheiße! Diese soll Klavierspielen, Musika machen! Zum Kotzen!!! Seit 15.X. ’Lehrer’ der Oberklassen! Mein Vater, - der Millionär und ich armer Teufel!...Bornschein, - der Dilettant, - haha, - ich soll dem Bürger Konzessionen machen? Lieber meine Exkremente fressen!!!19.11 Meine Devise: Lernt Dada daher -o glaubt mir: Dada siegt.“[23] Das musikkulturelle Leben ist dürftig, Schulhoff bietet sich keine Gelegenheit zum pianistischen oder kompositorischen Profilieren in der Öffentlichkeit. Es entstehen nur wenige Werke, beispielsweise die Musik für Klavier in vier Teilen (WV 56) und Die Elf Inventionen (WV 57), die 1921 beendet .werden. Die letzte Arbeit aus dieser Stadt ist die Suite für Kammerorchester (WV 58), deren ursprünglicher Titel „ Suite im neuen Stil“ den Einsatz von ausschließlich modernen Tänzen wie: Ragtime, Valse, Boston, Tango, Shimmy, Step und Jazz bezeichnet Einziger Trost in dieser Situation ist die Liebe zur drei Jahre älteren Alice Libochowitz aus Saaz in Böhmen , die er am 6. August 1921 in Prag ehelicht. Schulhoff unternimmt Versuche in einer „Musikmetropole“ in Anstellung zu kommen, die aber scheitern. Um diesem persönlichen, mittlerweile unerträglichen Dilemma zu entfliehen bringt sich Schulhoff. erneut in die Position des Bittstellers gegenüber seinen Eltern!

Im Januar 1922 zieht E .S. mit seiner Frau nach Berlin um, polizeilich wird er dort als tschechoslowakischer Staatsbürger geführt. In der Nähe wohnt der Dadaist Georg Grosz, zu dem Schulhoff wider Erwarten keinen persönlichen Kontakt aufnimmt! Am 10. Juli kommt der einzige Sohn Peter zur Welt. Trotz dieses freudigen Ereignisses verbessert sich der Gemütszustand des Komponisten kaum, weil der erwünschte Durchbruch versagt bleibt. Die Aufführung der Suite in der Musikhochschule erhält nicht die ersehnte positive Resonanz, Schulhoffs Reaktion darauf ist übertrieben aufgebracht: „Gott sei Dank, hat man mich beim Tonkünstlerfest wieder nicht aufgeführt, mir fehlen die göttlichen Eingebungen, weil meine Werke nach Erde stinken und die haben das ’Paradies’ auf Erden, bestehend aus Alkohol, Morphium, Nikotin, und diese Existenzen sprechen von der ’Revolution in der Kunst’.“ (Tagebuch, 11.6.1922).[24]

Es entstehen noch andere provozierende dadaistische Werke: Die Bassnachtigall (WV 59),Drei Vortragskompositionen für Kontrafagott-Solo ! , die Wolkenpumpe für Bariton, vier Blasinstrumente und Schlagzeug auf Worte „des heiligen Franz“ (WV 61) deren Begleitinstrumentation mit Einsatz von Sirene und Sandpapier! einhergeht und das unvollendete Orchesterwerk Lunapark (WV 60), das wahrscheinlich von Georg Grosz inspiriert ist. Kontakt zu dadaistischen Gruppen entsteht letztmalig in Weimar zum Kongress, welchem Schulhoff beiwohnt. Trotz der derzeitig ausbleibenden persönlichen Erfolge hat Berlin doch einen kulturellen Vorteil. Die drei namhaften Komponisten Eduard Erdmann, Heinrich Scherchen und Arthur Schnabel, welcher ebenfalls ein angesehener Klaviervirtuose ist, bilden zusammen eine „kämpferische Gruppe“ der Berliner Avantgarde, welche Schulhoff beeindruckt. Er schließt sich dieser Einheit zwar nicht persönlich an, fühlt aber eine Zugehörigkeit durch die gemeinsame „Intension“.

Im August 1922 vollendet der Komponist die vier Jazz-Kompositionen Rag-Music for pianoforte (WV 62), fügt im November weitere vier Stücke hinzu und lässt sie unter dem Titel Partita (WV 63) von Universal-Edition verlegen. Die Anerkennung bleibt wiederum aus: „Ein Kritiker in der „Voss“ (Marschalk mit Namen) wirft mir vor, ich sei Friseur, Kostümer… Anstatt mich mit dem „guten deutschen Walzer“ zu befassen, nehme ich Tanztypen meiner Zeit, - na usw…! So also sieht meine Zeit aus! –Kotzen, Kotzen und Kotzen!!!“[25]

Im Februar 1923 schreibt E. S. Vier Kadenzen zu Beethovens Klavierkonzerten (WV 65), dann beginnt die Arbeit am eigenen Konzert für Klavier und kleines Orchester (WV 66), die Uraufführung wird von Karel Solc in Prag gespielt und erntet dort auch großes Lob. Die unzureichende Anerkennung als Komponist so wie das vergebliche Bemühen um eine befriedigende Existenzgrundlage lässt Schulhoffs Sehnsucht in die Heimat wieder stärker aufflammen und führt zu dem Entschluss, Berlin zu verlassen. Ein Umbruch findet auch in der Ausreifung der Persönlichkeit Schulhoffs statt, in seinem Konzert nimmt letztmalig! der dadaistische Gedanke Einfluss, der darauf folgende Zyklus Ostinato (WV67) entspringt schon einer ganz anderen, sehr persönlichen und tiefen Emotion, der Freude über das Heranwachsen des eigenen Sohnes. Die lustigen Klavierstücke für große und kleine Kinder erbringen den Nachweis für die abgelöste eigenständige Ausdrucksform!

Im Oktober 1923 findet der Umzug zurück nach Prag statt. Schulhoff hat dort nicht im Wesentlichen an Bekanntheit verloren, zur ersten festen Stelle mit geringer Entlohnung als Musikreferent des Prager Abendblatts verhilft ihm Erich Steinhard Zwei Jahre später wird ihm allerdings aufgrund des Restriktionsgesetzes schon wieder gekündigt. Der Versuch, eine Anstellung an der Akademie für Musik und Darstellende Kunst zu erhalten, schlägt fehl, das Kuratorium begründet seine Entscheidung mit der Aussage, „das er Tscheche sei, weil er nur bei den Tschechen spiele und seine Werke aufführe“.[26] E. S. ist tief enttäuscht, ein Opfer politischer Streitigkeiten zwischen Tschechen und Deutschen zu sein wirkt sich nicht nur wirtschaftlich aus: „Ich gehe seit dem reichsdeutschen Zusammenbruch mit meiner Alice einen inneren Leidensweg, nicht aber des finanziellen Zusammenbruchs wegen, sondern künstlerisch! Ich möchte hier in Prag zwischen Tschechen und Deutschen vermitteln, von deutscher Seite wird mir dies verboten, da mir der Tscheche als Intrigant geschildert wird. Es wird dabei generalisiert wie mir scheint“, (Tagebucheintrag vom 22 April 1924).[27] Das erste Werk nach der Rückkehr sind Fünf Stücke für Streichquartett (WV 68), Darius Mildhaud gewidmet, eine tänzerisch schwungvolle Tanzsuite mit besonders auffälligen Polyrhythmen. Im ersten Stück greifen ein Allabreve- Takt und der Dreivierteltakt des Wiener Walzers ineinander, im zweiten bevorzugt er den unregelmäßigen 5/8-Takt der auch in einem späteren Werk, dem Concertino für Flöte, Viola und Kontrabass (WV 75), besonders zur Geltung kommt. Neben neoklassizistischen Anklängen spiegeln sich jetzt erstmalig folkloristische! Einfälle wieder, wie im dritten Stück „Alla Czeca“, welche später noch an Bedeutung gewinnen. Schulhoff geht unvermittelt auf die dort gebräuchliche künstlerische Haltung ein. Der Schott-Verlag gibt die Stücke heraus.

1924 ist endlich ein kompositorisch erfolgreiches Jahr, Schulhoff beendet ein schon in Dresden begonnenes Sextett für zwei Violinen, zwei Bratschen und zwei Violoncelli (WV 70). Der erste Satz, 1920 gearbeitet, weist noch eindeutig expressionistische Spuren, besonders von Schönberg, auf. Die „Einleitenden zwölf Töne füllen die chromatische Leiter restlos aus“,[28] die weitere motivisch- thematische Arbeit ist harmonisch und melodisch von Chromatik durchzogen und nähert sich der Atonalität an, reine und verminderte Quinten erfüllen „strukturelle“ Aufgaben. Im Gesamteindruck schwankt das Werk zwischen expressionistischen und neoklassizistischen Gedanken, man empfindet keine absolute Zugehörigkeit in eine Richtung. Sechzig Jahre nach der Entstehung gelangt die Arbeit durch den Einsatz Gidon Kremers wieder an die Öffentlichkeit!

[...]


[1] Text und Grobgliederung in Anlehnung an: Bek, Josef, „Erwin Schulhoff: Leben und Werk“ von Bockel Verlag 1994

[2] Bek, Josef, „Erwin Schulhoff: Leben und Werk“ von Bockel Verlag 1994, S.11

[3] Bek, Josef, „Erwin Schulhoff: Leben und Werk“ von Bockel Verlag 1994, S.12

[4] Klein, Hans-Günter, Verdrängte Musik Bd. 5 – NS-Verfolgte Komponisten und ihre Werke, Schriftenreihe, von Bockel Verlag 1993, S.11

[5] Bek, Josef, „Erwin Schulhoff: Leben und Werk“ von Bockel Verlag 1994, S.20

[6] Bek, Josef, „Erwin Schulhoff: Leben und Werk“ von Bockel Verlag 1994, S.22

[7] Bek, Josef, „Erwin Schulhoff: Leben und Werk“ von Bockel Verlag 1994, S.24

[8] Bek, Josef, „Erwin Schulhoff: Leben und Werk“ von Bockel Verlag 1994, S.24

[9] Bek, Josef, „Erwin Schulhoff: Leben und Werk“ von Bockel Verlag 1994, S.24

[10] Bek, Josef, „Erwin Schulhoff: Leben und Werk“ von Bockel Verlag 1994, S.30

[11] Bek, Josef, „Erwin Schulhoff: Leben und Werk“ von Bockel Verlag 1994, S.30

[12] Bek, Josef, „Erwin Schulhoff: Leben und Werk“ von Bockel Verlag 1994, S.34

[13] Bek, Josef, „Erwin Schulhoff: Leben und Werk“ von Bockel Verlag 1994, S.37

[14] Bek, Josef, „Erwin Schulhoff: Leben und Werk“ von Bockel Verlag 1994, S.41

[15] Bek, Josef, „Erwin Schulhoff: Leben und Werk“ von Bockel Verlag 1994, S.43

[16] Bek, Josef, „Erwin Schulhoff: Leben und Werk“ von Bockel Verlag 1994, S.46

[17] Bek, Josef, „Erwin Schulhoff: Leben und Werk“ von Bockel Verlag 1994, S.45

[18] Bek, Josef, „Erwin Schulhoff: Leben und Werk“ von Bockel Verlag 1994, S.46

[19] Bek, Josef, „Erwin Schulhoff: Leben und Werk“ von Bockel Verlag 1994, S.48

[20] Bek, Josef, „Erwin Schulhoff: Leben und Werk“ von Bockel Verlag 1994, S.49

[21] Bek, Josef, „Erwin Schulhoff: Leben und Werk“ von Bockel Verlag 1994, S.52

[22] Bek, Josef, „Erwin Schulhoff: Leben und Werk“ von Bockel Verlag 1994, S.52

[23] Bek, Josef, „Erwin Schulhoff: Leben und Werk“ von Bockel Verlag 1994, S.54

[24] Bek, Josef, „Erwin Schulhoff: Leben und Werk“ von Bockel Verlag 1994, S.58

[25] Bek, Josef, „Erwin Schulhoff: Leben und Werk“ von Bockel Verlag 1994, S.60

[26] Bek, Josef, „Erwin Schulhoff: Leben und Werk“ von Bockel Verlag 1994, S.63

[27] Bek, Josef, „Erwin Schulhoff: Leben und Werk“ von Bockel Verlag 1994, S.63

[28] Bek, Josef, „Erwin Schulhoff: Leben und Werk“ von Bockel Verlag 1994, S.66

Details

Seiten
74
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638551182
ISBN (Buch)
9783638816250
Dateigröße
851 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v61716
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,0
Schlagworte
Leben Klavierwerk Erwin Schulhoff Analyse Inventionen Klavier

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Titel: Leben und Klavierwerk des Erwin Schulhoff mit Analyse der 11 Inventionen für Klavier (exemplarisch)