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Kritische Theorie und die Studien zur Authoritarian Personality

Hausarbeit 2005 14 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Grund- und Ausgangslage: Die F-Skala von Adorno et al
Forschungshypothesen und Erkenntnisinteresse
Die Entwicklung der F-Skala

50 Jahre F-Skala: Spätere Studien

Validität der F-Skala über die Zeit
Verschiebung der Forschungshypothese und des Erkenntnisinteresses?
Situations- und Epochenabhängigkeit der Skala?
Bestätigung durch spätere Studien

Kritik an der F-Skala und ihrer Weiterentwicklung

Abschließende Betrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die F(Faschismus)-Skala bildet vielleicht den populärsten Teil der Studie „The Authoritarian Personality“, die in den vierziger Jahren von der Forschergruppe um Theodor W. Adorno, Else Frenkel-Brunswik, Daniel J. Levinson und R. Nevitt Sanford vor dem politischen Hintergrund des Zweiten Weltkrieges und des Zuspruchs für faschistische Parteien und Gruppierungen in Europa (und darüber hinaus) durchgeführt wurde.

Die Lage in der Welt wie auch die soziologische Forschung hat sich seit dem sehr verändert. Trotzdem ist die F-Skala noch immer in der Diskussion, selbst in der nicht-wissenschaftlichen Welt ist sie ein Begriff: so findet sich beispielsweise im Internet eine Skala zur Messung der eigenen F-Werte, die bis auf wenige Abweichungen mit der ursprünglichen Skala von Adorno et al. übereinstimmt.[1]

Um untersuchen zu können, ob und in welcher Weise die F-Skala heute noch aktuell ist und welche Bedeutung sie besitzt, ist es zunächst notwendig, einen Blick auf die Umstände zu werfen, in denen sie ursprünglich entstanden ist. Vor welchem Forschungshintergrund ist ihre Entwicklung zu sehen? Welche Fragestellung galt es damals zu beantworten?

Daran schließen sich Überlegungen an, in welchem Maße das damalige Erkenntnisinteresse heute noch relevant ist, und in welche Richtung es sich vielleicht verändert hat. Die Aussagen, anhand derer gemessen wurde, auf mögliche Bedeutungsverschiebungen zu überprüfen, ist ein weiterer Schritt bevor weitere Untersuchungen mit der Skala in den letzten Jahrzehnten im Überblick vorgestellt werden sollen.

Ein letztes Kapitel wird sich der Kritik an der Faschismus-Skala – sowohl im Original, als auch in nachfolgenden Formen – widmen.

Da die F-Skala seit ihrer Entstehung immer wieder in der Forschung Verwendung fand und ihre Geschichte auf ihren heutigen Stand viel Einfluss hat, beschränke ich mich in dieser Arbeit nicht auf eine Darstellung damals – heute, sondern beziehe die Entwicklung über die Jahre mit ein. Aufgrund des engen Rahmens kann dies allerdings nur in Form einiger Schlaglichter geschehen.

Grund- und Ausgangslage: Die F-Skala von Adorno et al.

Forschungshypothesen und Erkenntnisinteresse

Die Forschergruppe um Adorno richtete ihr Interesse in dieser Studie auf das „potentiell faschistische Individuum, ein Individuum, dessen Struktur es besonders anfällig für antidemokratische Propaganda macht“[2]. In der Einleitung des Untersuchungsberichts zu den „Studien zum autoritären Charakter“ (Adorno 1973) wird die Hypothese formuliert,

„dass die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Überzeugungen eines Individuums, häufig ein umfassendes und kohärentes, gleichsam durch eine ‚Mentalität’ oder einen ‚Geist’ zusammengehaltenes Denkmuster bilden, und dass dieses Denkmuster Ausdruck verborgener Züge der individuellen Charakterstruktur ist.“[3]

Der ‚Charakter’ erhält dabei eine besondere Bedeutung zugesprochen. Definiert als

„eine mehr oder weniger beständige Organisation von Kräften im Individuum, die in den verschiedenen Situationen dessen Reaktionen und damit weitgehend das konsistente Verhalten – ob verbal oder physisch – bestimmen“[4],

wird er bei Adorno deutlich vom manifesten Verhalten des Individuums unterschieden. Nach Adorno et al. bestimmt der Charakter die individuelle Empfänglichkeit für antidemokratische Ideologien.[5]

In enger Anlehnung an das freudianische Konzept der Psychoanalyse gehen Adorno et al. davon aus, dass die „Entfaltung des Charakters […] entscheidend vom Verlauf der Erziehung des Kindes“[6] abhängt. Wenn auch gesamtgesellschaftliche Einflüsse nicht abgestritten werden, hat es doch den Anschein, dass Adorno et al. ihren Schwerpunkt der Forschung auf individuelle psychische Aspekte legen.

Die Entwicklung der F-Skala

Zu Beginn ihrer Forschung entwickelten Adorno et al. die A-S(Antisemitismus)-, E(Ethnozentrismus)- und die PEC(Political-Economic-Conservatism)-Skala. Doch diese Skalen konnten aufgrund mancher „allzu heikler Rassenfragen“[7] nicht in allen Gruppen eingesetzt werden. Zudem bestand die Gefahr der Verzerrung des Bildes durch sozial erwünschte, aber unehrliche Antworten. Nach und nach entstand der Plan, „eine Skala zu konstruieren, die Vorurteile messen würde, ohne diesen Zweck sichtbar zu machen und ohne eine Minderheitsgruppe beim Namen zu nennen“[8], eine Skala, die die in der Charakterstruktur latent vorhandenen antidemokratischen Tendenzen direkt messen konnte.

Schließlich entwickelte sich aus diesen Überlegungen heraus die neue F(Faschismus)-Skala.

Die Fragen der Skala gruppierten sich in neun sogenannten ‚Variablen’[9]:

„a) Konventionalismus. Starre Bindung an die konventionellen Werte des
Mittestandes.
b) Autoritäre Unterwürfigkeit. Unkritische Unterwerfung unter idealisierte Autoritäten der Eigengruppe.
c) Autoritäre Aggression. Tendenz, nach Menschen Ausschau zu halten, die konventionelle Werte missachten, um sie verurteilen, ablehnen und bestrafen zu können.
d) Anti-Intrazeption. Abwehr des Subjektiven, des Phantasievollen, Sensiblen.
e) Aberglaube und Stereotypie. Glaube an die mystische Bestimmung des eigenen Schicksals; die Disposition, in rigiden Kategorien zu denken.
f) Machtdenken und ‚Kraftmeierei’. Denken in Dimensionen wie Herrschaft-Unterwerfung, stark-schwach, Führer-Gefolgschaft; Identifizierung mit Machtgestalten; Überbetonung der konventionalisierten Attribute des Ich; übertriebene zur Zurschaustellung von Stärke und Robustheit.
g) Destruktivität und Zynismus. Allgemeine Feindseligkeit, Diffamierung des Menschlichen.
h) Projektivität. Disposition, an wüste und gefährliche Vorgänge in der Welt zu glauben; die Projektion unbewusster Triebimpulse auf die Außenwelt.
i) Sexualität. Übertriebene Beschäftigung mit sexuellen ‚Vorgängen’.“[10]

Diese Variablen ergänzten sich aus der Sicht der Forschergruppe zu einem Bild, das charakteristische Tendenzen einer Struktur wiedergibt, die das Individuum mehr oder weniger anfällig für antidemokratische Propaganda sein ließ.

Nach einer längeren Testphase, in der die F-Skala immer wieder überarbeitet wurde[11], entstand im Herbst 1945 die endgültige Version der F-Skala: Form 40 und 45. Sie enthielt 30 Skalensätze, verteilt auf die neun oben genannten Variablen.[12]

[...]


[1] Vgl. http://www.anesi.com/fscale.htm

[2] Adorno 1973, S. 1.

[3] Adorno 1973, S. 1.

[4] Adorno 1973, S. 6.

[5] Vgl. Adorno 1973, S. 7.

[6] Adorno 1973, S. 7.

[7] Adorno 1973, S. 37.

[8] Adorno 1973, S. 37.

[9] Der Begriff ‚Variablen’ wird hier von Adorno (1973) selbst verwendet. Ich bleibe daher dabei, verweise aber darauf, dass die Sprachregelung der heutigen empirischen Sozialforschung ein anderes Verständnis von ‚Variablen’ vorsieht.

[10] Adorno 1973, S. 45.

[11] Auf die der endgültigen Skala vorangegangenen Formen (78 und 60) gehe ich nicht näher ein. Vgl. dazu Adorno 1973, S. 63-79.

[12] Vgl Adorno 1973, S. 79ff. Tabelle der F-Skalensätze der Form 40 und 45 siehe Anhang.

Details

Seiten
14
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638550956
ISBN (Buch)
9783656782131
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v61688
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Institut für Soziologie
Note
1,7
Schlagworte
Kritische Theorie Studien Authoritarian Personality

Autor

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Titel: Kritische Theorie und die Studien zur Authoritarian Personality