Lade Inhalt...

Walther von der Vogelweide - Alterslyrik am Beispiel: Fro welt ir sult dem wirte sagen (Lachmann 100,24)

Hausarbeit (Hauptseminar) 1998 21 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

1. Die handschriftliche Überlieferung und ihre Übertragung ins Neuhochdeutsche
1.1. Die handschriftliche Überlieferung
1.2. Text nach der Handschrift C
1.3. Übertragung ins Neuhochdeutsche

2. Formal-stilistische Aspekte

3. Interpretation
3.1. Versuch einer textimmanent-historisch-rezeptiven Interpreta- tion
3.2. Der Zusammenhang zwischen Frô-Welt-Motiv in der dar- stellenden Kunst und mittelalterlicher Literatur
3.3. Deutungsaspekte des Begriffs ´Ze herberge varn´

4. Verzeichnis über benutzte und zitierte Literatur

Vorbemerkung

Das literarische Gesamtwerk Walthers von der Vogelweide lässt sich im wesentlichen in folgende drei Bereiche unterteilen: Minnesang, Sangspruchdichtung und verschiedene Lieder. Der Komplex ´verschiedene Lieder´ umfasst einen sog. Leich, diverse Lieder zum Thema Kreuzzug bzw. Heiliges Land und die Alterslyrik, also Gedichte aus Walthers späterer Schaffenszeit. Aus dieser sind besonders die ´Weltklagelieder´ hervorzuheben. Diese „Spätdichtung entzieht sich teilweise der üblichen Unterscheidung von Minnelied und Spruch. Das beruht nicht so sehr auf der Fragwürdigkeit dieser Kategorien als auf der Reife eines persönlich gewordenen dichterischen Vermögens, das die Grenzen überspielt und kühn die verschiedenen Bereiche sich transzendieren und berühren lässt, vor allem auch: Geistliches und Weltliches neu in Beziehung setzt und als Ganzes zu verantworten sucht.“[1], so Max Werli. Die ´Weltklage´ ist kein fester Stofftypus, sondern ein vielmehr ein Komplex von Motiven, welche in wechselnder Beleuchtung erscheinen und gerade in dieser Bedeutungsbreite erlauben, sich über gattungstypische Grenzen hinwegzusetzen und so zu einer neuartigen poetischen Selbstbesinnung zu kommen. In Walthers Alterslyrik gibt es mehrere Lieder, in denen der Dichter seine Sicht und Einstellung gegenüber der Welt kundtut.

Walther von der Vogelweide kann ohne Zweifel als der erste Dichter gesehen werden, der das Bild von der doppelseitigen ´Frau Welt´ des hochmittelalterlichen Menschen, von der höfischen Vorderseite und der negativen Kehrseite[2], in die deutsche Dichtung einführte.

Im Rahmen dieser Abhandlung wird Walthers Weltabsagelied „Frô Welt ir sult dem wirte sagen“, Lachmann 100,24 näher untersucht, da sich dieses Gedicht durch die Personifikation der ´Frau Welt´ im wesentlichen von den übrigen ´Weltklageliedern´ unterscheidet.

Den Schwerpunkt dabei bildet eine möglichst textgetreue Übertragung ins Neuhochdeutsche und die Interpretation der einzelnen Strophen, sowohl textimmanent, als auch im historischen Kontext. Des Weiteren stehen eine metrische Analyse sowie der Blick auf die Rezeptionsgeschichte insbesondere im Bereich der darstellenden Kunst, der Frau-Welt-Motivik im Zentrum dieser Arbeit.

1. Die handschriftliche Überlieferung und ihre Übertragung ins Neuhochdeutsche

1.1. Die handschriftliche Überlieferung

Das Weltabsagelied 100,24 ´Frô Welt ir sult dem wirte sagen´ ist in drei Handschriften überliefert, vollständig jedoch nur in der Großen Heidelberger Liederhandschrift´. In der ´Kleinen Heidelberger Liederhandschrift´ sind lediglich die erste Strophe des Gedichtes, in der fragmentarischen Handschrift wx nur die ersten zweieinhalb Zeilen tradiert.

Zum besseren Verständnis werden im folgenden die einzelnen Handschriften kurz charakterisiert[3], in welchen dieses Lied jeweils vorkommt.

A/a = `Kleine Heidelberger Handschrift`: Universitätsbibliothek Heidelberg cpg 357. Pergament, 45 Blätter 18,5 x 13,5 cm, Ende des 13. Jahrhunderts wahrscheinlich im Elsass (Strassburg?) geschrieben. Sie enthält Texte von 151 Strophen unter Walthers Namen, dazu einige weitere unter anderen Namen oder ohne Namensnennung bzw. Autorenzuweisung, die in anderen Handschriften jedoch Walther zugeschrieben werden.

C = `Große Heidelberger bzw. Manessische (früher: Pariser) Liederhandschrift`: Universitätsbibliothek Heidelberg cpg 848. Pergament, 426 Blätter. 35,5 x 25 cm , 138 Miniaturen, in der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts wohl in der Schweiz (Zürich?) geschrieben. Die Handschrift C bildet die größte Sammlung von Walther-Texten.

wx = Landeskirchliches Archiv Braunschweig H 1a (ehemals: Wolfenbüttel): 2 Fragmente einer offenbar im 13. Jahrhundert im Raum Köln entstandenen Handschrift mit einem Textumfang von 7 Strophen, die an anderen Stellen Walther zugeordnet werden.

Analyse der handschriftlichen Umgebung[4] :

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Während in der Handschrift wx nur die ersten drei Zeilen erhalten sind, die dem Alterston folgen, überliefert die Handschrift C das gesamte Lied, an welches sich direkt die Strophen des ´König Heinrichston´ anschließen. Edwards bemerkt sehr richtig, dass die Handschrift C „größte Anzahl der ´letzen Lieder´“ anbietet. „Die Lieder sind aber unregelmäßig über die ganze Handschrift verteilt. Nur in E und wx lässt sich eine eindeutige Gruppierung ablesen; beide Handschriften überliefern jedoch ein fragmentarisches Korpus.“

1.2. Text nach der Handschrift C

I

Frô Welt, ir sult dem wirte sagen,[5]

daz ich im gar vergolten habe,

min groeste gülte ist abe geslagen,

daz er mich von dem briefe schabe.

5 Swer im iht sol, der mac wol sorgen,

ê ich im lange schuldic wære,

ich wolt ez zeinem juden borgen.

er swîget unz an einen tac,

sô wil er danne ein wette hân,

10 sô jener niht vergelten mac.

II

› Walther, dû zürnest âne nôt,

dû solt bî mir belîben hie.

gedenke, waz ich dir êren bôt[6],

waz ich dir dînes willen lie,

5 Als dicke dû mich sêre bæte.

mir was vil inneklîche leit,

daz dûz <ie> sô selten tæte.

bedenke dich, dîn leben ist guot.

sô dû mir rehte widersagest,

10 sôn wirst dû niemer wol gemuot.‹

III

Frô Welt, ich hân ze vil gesogen,

ich wil entwonen, des ist zît.

dîn zart hât mich vil nâch betrogen,

wand er vil süezer fröiden gît.

5 Dô ich dich gesach recht under ougen,

dô was dîn schouwen wunderlich

[...] al sunder lougen.

doch was der schanden alse vil,

dô ich dîn hinden wart gewar,

10 daz ich dich iemer schelten wil.

IV

›Sît ich dich niht erwenden mac,

sô tuo doch ein dinc, des ich ger.

gedenke an mangen liehten tac

und sich doch underwîlent her,

5 Niuwan sô dich der zît betrâge.‹

daz tæt ich wunderlîchen gerne,

wan daz ich fürhte dîne lâge,

vor der sich nieman kan bewarn.

got gebe iu, frowe, guote naht.

10 ich wil ze herberge varn.

Für eine korrekte Übertragung ins Neuhochdeutsche ist die genaue Kenntnis der mittelhochdeutschen Wörter an den verschiedenen Schlüsselstellen des Liedes erforderlich. Zu diesem Zwecke erfolgt zunächst eine Analyse einzelner Ausdrücke bzw. Wörter hinsichtlich ihrer möglichen semantischen Bedeutung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle : eigene Zusammenstellung, zitiert nach:

Benecke, Müller, Zarn>Henning, Beate: Kleines Mittelhochdeutsches Wörterbuch. 2. ergänzend bearbeitete Auflage, Tübingen 1995.

Unter Einbezug der oben dargestellten verschiedenen Bedeutungsvarianten wichtiger Schlüsselbegriffe in diesem Lied erfolgt nun eine möglichst wortgetreue Übertragung ins Neuhochdeutsche.

[...]


[1] Wehrli, Max: Geschichte der deutschen Literatur. Band I. Vom frühen Mittelalter bis

zum Ende des 16. Jahrhunderts. Stuttgart 1980, S.389.

[2] Vgl. Thiel, Gisela: Das Frau Welt-Motiv in der Literatur des Mittelalters.

Saarbrücken 1956, S. 98-111.

[3] Vgl. Brunner H., Hahn G., Müller U. und Spechtler F. V.: Walther von der Vogelweide. München, 1996. S.31-34.

[4] Edwards, Cyril: Kodikologie und Chronologie: Zu den ´letzten Liedern´ Walthers von der Vogelweide. In: Honemann, Volker, Palmer, Nigel (Hg.): Deutsche Handschriften 1100-1400. Oxforder Kolloquium 1985. Tübingen 1988. S.307.

[5] Textgrundlage: Cormeau, Christoph: Walther von der Vogelweide. Leich, Lieder, Sangsprüche. Berlin und New York 1996. S. 217-218.

[6] Erwähnenswert sind die verschiedenen Konjekturen in Vers drei der zweiten Strophe. Während Wilmanns und Michels wie ich dir êren bôt schreiben, geben Brinkmann waz ich êren bôt , Lachmann / Kraus dagegen wie ich dirz erbôt in der jeweiligen Ausgabe an.

Details

Seiten
21
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638138000
ISBN (Buch)
9783656229889
Dateigröße
715 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6164
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt – Lehrstuhl für Ältere Deutsche Literaturwissenschaft
Note
3
Schlagworte
Walther Vogelweide Alterslyrik Beispiel Hauptseminar

Autor

Zurück

Titel: Walther von der Vogelweide - Alterslyrik am Beispiel:  Fro welt ir sult dem wirte sagen  (Lachmann 100,24)