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Das Geschlechterverhältnis in Horvaths "Kasimir und Karoline"

Seminararbeit 1998 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung

1. Vorbemerkung

2. Das Oktoberfest - die Ausnahmesituation

3. Der Zeppelin

4. Das Verhältnis zwischen Kasimir und Karoline

5. Das Verhältnis zwischen Franz und Erna

6. Das Primat der Ökonomie

7. Die Figur der Karoline

8. Rauch und Speer

9. Maria und Elli

10. Fazit

11. Literaturangabe

“Liebe stirbt nie"

1. Vorbemerkung

In der vorliegenden Untersuchung wird versucht, den komplexen Zusammenhang der gesellschaftlichen Verhältnisse mit dem Geschlechterverhältnis aufzuzeigen. Erschwert wurde die vorliegende Arbeit dadurch, daß kaum Literatur zur Verfügung stand. Aus diesem Grunde erfolgt die Interpretation größtenteils textimmanent.

Bei “Kasimir und Karoline“ handelt es sich um ein Volkstück aus den Jahren 1931/32, das im November 1932 in Leipzig uraufgeführt wurde. Das Stück spielt auf dem Oktoberfest in München in den Jahren der Weltwirtschaftskrise. Grob thematisiert es das Ende der Beziehung zwischen den zwei Hauptcharakteren Kasimir und Karoline.

2. Das Oktoberfest - die Ausnahmesituation

Der Schauplatz, das große Volksfest, an dem Menschen unterschiedlicher Schichten und Herkunft zusammenkommen, um sich miteinander zu amüsieren, Bekanntschaften zu knüpfen, die Grenzen und Normen des Alltags zu vergessen, eröffnet einen besonderen Spielraum. Der herrschende Trubel und Jubel, das Treiben des fahrenden Volkes der Schausteller, die Karussells und Achterbahnen ermöglichen und finden ihre Entsprechung in dem, was den Figuren während der schnellen Abfolge der einzelnen Szenen des Stückes widerfährt. In Ernas Bemerkung: “Kaum fängt man an, schon ist es vorbei“[1], spiegelt sich das Vorübergehende und doch immer Gleichbleibende des menschlichen Daseins, das im Stück zum Ausdruck kommt.

3. Der Zeppelin

Das handlungsauslösende Element ist eine Meinungsverschiedenheit zwischen Kasimir und Karoline im ersten Bild.[2] Dabei geht es vordergründig um das Luftschiff, das eben in geringer Höhe über die Festwiese fliegt. Die Festbesucher jubeln begeistert der Attraktion zu. Der Zeppelin ist Symbol für den Fortschritt der Zeit[3], für den sich bereits abzeichnenden Wiederaufschwung[4] und genauso für den politischen Wechsel.[5] Im Laufe der Handlung gewinnt der Zeppelin leitmotivischen Charakter für den Bruch zwischen Kasimir und Karoline.

Der Streit zwischen Kasimir und Karoline entbrennt, weil sie unterschiedliche Auffassungen darüber vertreten, was der Zeppelin bedeutet. Während Karoline in ihm ein Zeichen für neue und bessere Zeiten sieht[6], also optimistisch in die Zukunft blickt, vergißt Kasimir die deprimierende Gegenwart nicht und versucht das Spektakel, ebenso wie das gesamte Fest, als Instrument der oberen Klassen zur Ablenkung und Ruhigstellung der Arbeiterschichten zu entlarven.[7]

Karoline ist enttäuscht, denn sie war auf das Oktoberfest gekommen, um sich zu amüsieren und den Alltag zu vergessen. Sie beklagt Kasimirs Pessimismus, den er allerdings als einen schlichten Realismus und seiner Situation angemessen versteht.[8]

Diese Lappalie soll das Initial für den weiteren Handlungsverlauf, den Bruch zwischen den Verlobten, darstellen. Doch die Banalität der Meinungsverschiedenheit weist auf andere, tiefergehende Ursachen für ein Mißlingen einer Beziehung zwischen den beiden Hauptcharakteren hin.

4. Das Verhältnis zwischen Kasimir und Karoline

In dem Streitgespräch kristallieren sich noch andere Schranken zwischen Kasimir und Karoline heraus, die als weit unüberwindbarer erscheinen, Grenzen, die sich aus der Rolle, die sie sich selbst und gegenseitig zuschreiben, konstituieren. Bereits im ersten Bild zeichnen sich die Risse ab, die die Beziehung durchziehen.

Während Karoline aus einer Beamtenfamilie stammt, ihre Eltern sind pensionsberechtigt, wurde dem elternlosen Kasimir ein Tag zuvor seine Stellung als Chauffeur gekündigt- eine harter Schlag in einer Zeit, in der die Arbeitslosenzahlen sich auf über fünf Millionen beliefen. Die unterschiedlichen Verhältnisse, denen Kasimir und Karoline entstammen, stellen in ihrer Beziehung ein Krisenpotential dar, dass, wie sich herausstellt, schon länger für Spannungen sorgte, nun aber endgültig zum Ausbruch gelangt.

Kasimir wirft seiner Verlobten implizit ihre gesicherten Verhältnisse vor und verdeutlicht, dass er von ihrer Seite weder Verständnis noch Hilfe erwartet. Karolines gereizte Reaktion bestätigt: "(...), das habe ich mir nicht verdient um Dich!"[9] Hiermit vergrössert sie die Kluft zwischen sich, der verdienenden Frau und dem arbeitslosen Kasimir. Sie flüchtet sich in ihre eigene Vorstellung ihrer Person und ihres Schicksals. Im weiteren Verlauf wird sie versuchen, genau diese Vorstellung zu verwirklichen- ohne Kasimir.

In Kasimirs Verhalten ist deutlich die Angst davor, von einem Bessergestellten ausgestochen zu werden, erkennbar. Eifersüchtig erkundigt er sich über Karolines neue Bekanntschaft mit dem Zuschneider Schürzinger und reagiert trotzig:“(...) So schwing dich doch mit deinem gebildeten Herrrn Zuschneider!

Das sind freilich die feineren Kavaliere, als wie so ein armer Hund, der wo gestern abgebaut worden ist!“[10] Er weiss, dass diese Angst bei Karoline auch ihre Berechtigung hat.

[...]


[1] Horvath, Ödon von: Kasimir und Karoline. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1994, S. 61

[2] Vgl. Horvath, S. 11f

[3] Vgl. Horvath, S. 11

[4] Vgl. Horvath, S. 12

[5] Vgl. Horvath, S. 11

[6] Vgl. Horvath, S. 11

[7] Vgl. Horvath, S. 12

[8] Vgl. Horvath, S. 12

[9] Horvath, S. 13

[10] Horvath, S. 24

Details

Seiten
18
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638549608
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v61524
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,5
Schlagworte
Geschlechterverhältnis Horvaths Kasimir Karoline

Autor

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Titel: Das Geschlechterverhältnis in Horvaths "Kasimir und Karoline"