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Die Beziehung von Macht und Wissen bei Michel Foucault und deren Bezug auf die aktuelle bildungspolitische Diskussion

Hausarbeit 2006 18 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Foucaults Theorie
2.1 Foucaults Machtbegriff
2.2 Die allgemeine Beziehung von Macht und Wissen bei Foucault
2.3 Der Bericht als Form der Beziehung zwischen Macht und Wissen

3. Anwendung der Theorie auf die aktuelle bildungspolitische Diskussion
3.1 Vorraussetzungen zur Betrachtung der PISA- Studie
3.2 Anwendung von Foucault auf die PISA- Studie
3.3 Qualitätssicherung und Qualitätskontrolle in Bezug auf Foucaults Theorie

4. Resümee

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Noch 1996 schrieb Thomas Coelen in der Einleitung zu seinem Buch „Pädagogik als „Geständniswissenschaft“? – Zum Ort der Erziehung bei Foucault“ Folgendes zur erziehungswissenschaftlichen Rezeption von Michel Foucault: „Seine Hauptthemen der Disziplin, des Wissens und der Macht scheinen jedenfalls seit den 70er Jahren kein Thema der Erziehungswissenschaft (mehr) zu sein […]“ (Coelen 1996, S. 15).

In der aktuellen bildungspolitischen Diskussion scheint ein Aufgreifen von Foucaults Theorien wieder gebräuchlicher geworden zu sein.[1] Dies ist verständlich, gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte über die PISA- Studie, Qualitätskontrollen und Qualitätssicherung an Schulen der BRD, zum Beispiel durch periodisch durchgeführte Tests in verschiedenen Altersgruppen. Foucaults Machtverständnis, die Beziehung von Macht und Wissen und die darin enthaltenen Kontrollverhältnisse scheinen aktueller denn je und geeignet, um einen Blick hinter die aktuellen Entscheidungen werfen und eventuelle Risiken erkennen zu können. Aber wie genau lässt sich Foucaults Theorie über die Beziehung von Macht und Wissen auf die aktuelle bildungspolitische Diskussion und deren Entscheidungen übertragen? Ist sie für eine Analyse anwendbar?

Hierzu soll zunächst (1) der theoretische Ansatz Foucaults untersucht werden. Die Gedanken Foucaults hierzu sind hauptsächlich aus der Verschriftlichung einer Vorlesung am Collège de France von 1973 mit dem Titel „Die Norm und die Macht“ (Foucault 1976, S. 114-123) sowie aus Foucaults Abhandlung „Überwachen und Strafen – Die Geburt des Gefängnisses“ (Foucault 1975/1991) von 1975 entnommen. Nach der Zusammenfassung der theoretischen Ansätze soll (2) ein Bezug zur aktuellen bildungspolitischen Diskussion und deren Folgen hergestellt werden. Abschließend sollen (3) Vor- und Nachteile an Foucaults Theorie in Bezug auf diese Diskussion dargelegt werden.

2. Foucaults Theorie

Ein wesentlicher Aspekt in Foucaults Werken ist seine Auseinandersetzung mit Macht und deren Einfluss auf gesellschaftliche Strukturen und Institutionen. Im Folgenden sollen Foucaults Gedanken über den „Bericht als Form der Beziehung zwischen der Macht und dem Wissen“ (Foucault 1976, S. 119) und die darin einbegriffenen Kontrollmechanismen dargestellt werden. Hierzu erscheint es wichtig, eine allgemeine Klärung[2] von Foucaults Verständnis von Macht darzustellen, um dann auf eine allgemeine Beziehung und abschließend auf die spezielle Beziehung von Macht und Wissen in Form des Berichtes eingehen zu können.

2.1 Foucaults Machtbegriff

Foucaults Machtbegriff ist vielschichtig. Es geht ihm nicht primär darum, was Macht ist, sondern vielmehr darum, wie Macht ist (Vgl. Hünersdorf 2000, S. 132). In „Die Macht und Norm“ stellt Foucault zuallererst klar von welchen Analysekriterien der Macht man sich frei machen sollte. So kann man sie sich nicht aneignen, sie hat keinen bestimmten Ort (ganz besonders nicht im Staatsapparat), sie ist keiner Produktionsweise untergeordnet und sie produziert keine ideologische Wirkung (Vgl. Foucault 1976, S. 114).

Nach Foucault kann man Macht also weder besitzen noch sich aneignen. Sie „wirkt durch kleinste Elemente“ (Foucault 1976, S. 114) wie z.B. die Familie. Weiterhin ist sie momenthalf und benötigt ständig neue Bestätigung (Vgl. Foucault 1976, S. 114). Foucaults Meinung nach gibt es kaum jemanden, der überhaupt keine Macht besitzt, was die Anwendung eines Aktiv-Passiv-Schema auf Machtverhältnisse ausschließt (Vgl. Foucault 1976, S. 115). Macht fluktuiert ständig, sie wird gewonnen, kann aber genauso schnell auch wieder verloren werden (Vgl. Foucault 1976, S. 114). Foucault meint weiterhin, dass man sie nicht mit Reichtum gleichgesetzt kann (Vgl. Foucault 1976, S. 114). Damit ist auch die Lokalisierung der Macht in einer bestimmten Schicht oder Klasse ausgeschlossen, obwohl es durchaus sein kann, dass eine Klasse eine „privilegierte“ Stellung einnimmt (Vgl. Foucault 1976, S. 115). Nach Foucault ist politische Macht im Allgemeinen nicht an einen bestimmten Ort der Ausübung gebunden (Vgl. Foucault 1976, S. 115). Macht ist eine allgegenwärtige, nicht greifbare Größe, die „wirkt“ und „bewirkt“ (Vgl. Foucault 1976, S. 114). In „Überwachen und Strafen“ wird von Macht als einem „Netz von ständig gespannten und tätigen Beziehungen“ (Foucault 1975/1991, S.38) gesprochen.

Man kann also sagen, dass Macht wie in einer Art Bausteinsystem wirkt, indem alle Teile ineinander greifen, wodurch die Stabilität der Gesamtstruktur gesichert wird. Machtstrukturen funktionieren dementsprechend nur, wenn viele einzelne Teile zusammenwirken. Ein gutes Beispiel hierfür, sowie für die Ungebundenheit der Macht an einen bestimmten Ort sind die Machtstrukturen, die in der Politik oder dem Staatsapparat wirken. In einer stark vereinfachten Darstellung dieser Verhältnisse kann man sagen, dass Politik oder Staatsapparat keine Macht besäßen ohne eine Instanz auf die Macht ausgeübt werden kann, wie zum Bespiel das Volk. Andererseits wird aber auch vom Volk Macht auf den Staatsapparat bzw. die Politik ausgeübt, zum Beispiel durch Wahlen. Dieses wechselseitige Verhältnis lässt sich auf alle Felder übertragen, in denen Menschen interagieren, auf die Interaktion von einzelnen Menschen untereinander, sowie auf die Beziehungen zwischen Gruppen von Menschen oder Institutionen. Somit ist Macht nach Foucault überall und wird in unterschiedlicher Stärke sichtbar oder bleibt sogar ganz verborgen (Vgl. Foucault 1976, S. 115-116).

Das Ziel von Macht ist immer eine gewisse Art der Kontrolle und Überwachung. Nach Foucault wird Macht genutzt, um Individuen an den „gesellschaftlichen Apparat anzuschalten“ (Foucault 1976, S. 118). Sie ist also wichtig für die Existenz und Entwicklung von Gesellschaften bzw. gesellschaftlichen Institutionen.

2.2 Die allgemeine Beziehung von Macht und Wissen bei Foucault

Foucaults Wissensbegriff tritt in „Die Macht und die Norm“ bzw. „Überwachen und Strafen“ nur am Rande und sehr unspezifisch auf. Ähnlich dem Begriff der Macht wird keine klare Definition für „Wissen“ gegeben.

In „Überwachen und Strafen“ wird allerdings gesagt, dass es eine sehr enge Beziehung zwischen Wissen und Macht gibt (Vgl. Foucault 1975/1991, S.39). So solle man sich nach Foucault frei von der Vorstellung machen, dass „es Wissen nur dort geben kann, wo die Machtverhältnisse suspendiert sind, dass das Wissen sich nur außerhalb der Befehle, Anforderungen, Interessen der Macht entfalten kann.“ (Foucault 1975/1991, S.39). Macht und Wissen sind also untrennbar miteinander verbunden. Das Eine beinhaltet sozusagen das Andere und bringt es hervor. Wo Wissen ist, ist Macht und umgekehrt. Dieser Erkenntnis nach kann also Macht nicht ohne Wissen und Wissen nicht ohne Macht existieren (Vgl. Foucault 1975/1991, S.39).

Noch komplizierter ist genaue Analyse dieser Macht- Wissen- Beziehung, da man bei der Analyse dieser Beziehungen immer in bestimmte Machtstrukturen eingebunden ist und den Effekten dieser Strukturen unterliegt. Es gibt also keine Analyse die frei von Machtsystemen ist (Vgl. Foucault 1975/1991, S.39).[3]

[...]


[1] Siehe zum Beispiel Frank-Olaf Radtke „Das neue Erziehungsregime“.

[2] Foucaults Verständnis von Macht oder Wissen genau zu analysieren wäre jeweils sicher ein eigenes Thema für eine Hausarbeit und wird daher hier nur sehr allgemein gehalten.

[3] Es soll versucht werden, in Punkt 4 kurz auf das in dieser Tatsache aufgeworfenen Problem (Wie kann man die Beziehung von Macht und Wissen analysieren, wenn man selbst mit der Analyse mitten in dieser Beziehung steht und des Weiteren auch in andere, mit dieser Beziehung verbundenen, Machtstrukturen eingebunden ist? Wie ist also eine objektive Betrachtung des Problems möglich?) einzugehen.

Details

Seiten
18
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638549165
ISBN (Buch)
9783638766678
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v61461
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Erziehungswissenschaft
Note
1.0
Schlagworte
Beziehung Macht Wissen Michel Foucault Bezug Diskussion Pädagogik Kritik Erziehungswissenschaft

Autor

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