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Heinrich der Löwe in der Darstellung Ottos von Freising und Rahewins

Seminararbeit 2000 20 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsübersicht

1. Erwartungen

2. Das Programm Ottos und Rahewins

3. Otto von Freisings Darstellung Heinrichs des Stolzen als Stellvertreter der Welfen

4. Heinrich der Löwe in den Werken Ottos von Freisings und Rahewins
4.1 Heinrich der Löwe bei Otto von Freising
4.1.1 Heinrich der Löwe in der Chronik
4.1.2 Heinrich der Löwe in der Gesta
4. 2 Heinrich der Löwe in der Sicht Rahewins

5. Zitate als Stilmittel
5.1 Zitate aus der weltlichen Literatur: Sallust
5.2 Bibelzitate

6. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Erwartungen

Bevor man mit dem Recherchieren für eine wissenschaftliche Arbeit beginnt, knüpft man aufgrund seiner Vorkenntnisse bereits gewisse Erwartungen an sein Thema. Jedoch in diesem Falle trafen meine Vermutungen aus folgendem Grund nicht zu: Ausgehend davon, daß Otto von Freising aus der babenbergisch-staufischen Linie stammte[1], die ja seit der Regierung Lothars III. mit den Welfen in Konflikt geraten war[2], ging ich davon aus, daß der Welfe Heinrich der Löwe nicht allzu wohlwollend beschrieben würde, was sich allerdings bei eingehender Beschäftigung mit diesem Thema nicht bestätigte. Im folgenden soll nun anhand der beiden Werke “Chronica sive Historia de duabus civitatibus” von Otto von Freising und der “Gesta Friderici I. imperatoris”, verfaßt von den beiden Autoren Otto von Freising und Rahewin, die Darstellung Heinrichs des Löwen im einzelnen beleuchtet werden. Die Chronik[3] versucht die Zeit von der Entstehung der Welt bis zum Jahr 1146 zu beschreiben. In der Gesta erstrecken sich die Berichte von Otto von Freising über die Zeit ab Heinrich IV. bis zum Herbst 1156, Rahewin seinerseits erfaßt die Jahre 1157 bis 1160. Außerdem werde ich anhand der Herausstellung des Programms der beiden Verfasser zu begründen versuchen, weshalb das Bild Heinrichs des Löwen entgegen meiner Erwartung doch sehr positiv gezeichnet wird.

2. Das Programm Ottos und Rahewins

Um die Darstellungsweise der Personen, in diesem Fall insbesondere Heinrichs des Löwen, nachvollziehen zu können, bedarf es der kurzen Erläuterung des Programmes, das Otto und Rahewin mit bzw. in ihrem Werk verfolgten. Besonders interessant ist hier die Person Otto von Freising, dessen Weltanschauung sich innerhalb einer doch recht kurzen Zeitperiode erstaunlich wandelte. Hierzu sollte man zunächst auf seine Chronik eingehen, die insgesamt als eher pessimistisch zu bezeichnen wäre. Die Gründe hierfür sind darin zu suchen, daß Otto den Glauben an die Verwirklichung seines Ideals der Einheit zwischen dem sacerdotium und dem regnum, das sich in seinen Grundzügen an Augustins Lehre von den beiden civitates orientiert, verloren hatte. Dies geschah aufgrund der geschichtlichen Ereignisse, beginnend mit dem Investiturstreit zwischen Heinrich IV. und Gregor VII.[4] Diese Hoffnungslosigkeit kehrte sich bei Otto seit der Regierung Friedrichs I. in eine Stimmung der Euphorie, denn Otto sah in Friedrich I. den von Gott gesandten Friedensbringer für die Welt, dem es schließlich gelang, den langewährenden Streit zwischen den Staufern und den Welfen zu schlichten.[5] Von Barbarossa persönlich beauftragt, verfaßte er den ersten Teil der Gesta, geprägt vom Stolz auf die Familie der Staufer, die Gestalt des “Friedenskaisers” glorifizierend. Zugunsten dieses Programms wurden einige Ansichten aus der Chronik neu akzentuiert[6], was ich unten näher ausführen werde, denn genau diese “Sinneswandlung” Ottos hat schließlich die Darstellung Heinrichs des Löwen beeinflußt.

Rahewin, der zunächst im Auftrag Ottos und später auch im Auftrag Barbarossas das dritte und vierte Buch der Gesta verfaßte, wich vom Programm Ottos keineswegs ab, vielmehr verstärkt er Friedrichs I. heldenhafte Erscheinung.[7]

3. Otto von Freisings Darstellung Heinrichs des Stolzen als Stellvertreter der Welfen

Wie bereits oben erwähnt, werde ich hier mit der Person Heinrichs des Stolzen, Vater Heinrichs des Löwen, der hier als Stellvertreter der Welfen fungieren soll, zu verdeutlichen versuchen, wie in der Gesta plötzlich einige Ansichten im Vergleich zur Chronik anders betont werden. Heinrich der Stolze erscheint in der Gesta geradezu als Feindbild und Gegenspieler der Staufer, dementsprechend negativ wird er in diesem Werk auch beschrieben. Fast schadenfroh berichtet Otto: “Cumque multis modis homo prius animosus et elatus, sed nutu Dei humiliatus misericordiam peteret nec inpetraret (...). Et mirum dictu, princeps ante potentissimus et cuius auctoritas, ut ipse gloriabatur, a mari usque ad mare,(...), extendebatur, in tantam in brevi humilitatem venit,(...).”[8] Hier läßt sich eine eindeutige Antipathie Ottos Heinrichs des Stolzen gegenüber ausmachen. Besonders geschickt ist die Vorgehensweise Ottos, Heinrichs Fall als etwas nahezu Notwendiges und Gerechtes erscheinen zu lassen, indem er Heinrichs Schicksal, hier und ein Kapitel weiter mittels mehrerer Bibelzitate[9], mit dem Willen Gottes begründet.

In der Gesta verwandelt Otto Heinrich den Stolzen zwar nicht in eine vollends positive Erscheinung, denn immer noch bemängelt Otto, “quod Heinricus Noricorum dux pro nota superbiae pene omnium,(...), odium contrax[erit]”[10], jedoch wird das negative Bild sehr wohl durch lobende Beschreibungen relativiert[11], die man in der Chronik vergeblich sucht.

Begründen könnte man dies dadurch, daß zu der Zeit, in der Otto die Chronik fertiggestellt, der Streit zwischen den Staufern und den Welfen unschlichtbar geschienen hatte. Die Gesta jedoch entstand in der Zeit nach dem Regensburger Reichstag 1156, d.h. nach der Beilegung des babenbergisch-welfischen Streits um Bayern, als in den Augen Ottos im Reich Frieden herrschte. Folglich gab es für ihn keinen Grund mehr, die Welfen in einem allzu negativen Licht zu präsentieren, vielmehr sollte der Eindruck des Friedens gewahrt bleiben.

4. Heinrich der Löwe in den Werken Ottos von Freisings und Rahewins

4.1 Heinrich der Löwe bei Otto von Freising

4.1.1 Heinrich der Löwe in der Chronik

In der Chronik wird Heinrich der Löwe im ganzen nur zweimal erwähnt, was daran liegen mag, daß er bis 1146 noch sehr jung war und im politischen Leben noch keine allzu große Rolle einnahm. Die erste Stelle befindet sich in der Chronik VII, 25[12]. Auf den ersten Blick mag dieser Abschnitt recht unbedeutend erscheinen, doch bei näherem Hinsehen bemerkt man, daß Heinrich der Löwe nicht mit seinem Namen genannt wird: Dies könnte man so verstehen, daß er vielleicht aufgrund seines niedrigen Alters als Persönlichkeit noch nicht auffiel. Er wird einfach als Sohn Heinrichs des Stolzen genannt, desjenigen, der von Gott schmählich gedemütigt worden sei; zudem könnte man ihn als indirekten Auslöser eines neuen Aufstandes der Sachsen, der, wie Otto berichtet, aus der Liebe zu Heinrich dem Löwen entstanden sei.

In VII, 26[13] treffen wir bei näherer Betrachtung einen entmachteten jungen Mann an, der dem Willen seiner Mutter unterworfen ist, die zuvor mit dem neuen Besitzer des Herzogtums Bayern, Heinrich Jasomirgott, auf Anraten Konrads III. vermählt worden ist, d.h. auf ihr Drängen hin, habe er schließlich das Herzogtum aufgegeben.

Insgesamt entsteht in der Chronik kein allzu guter Eindruck von Heinrich dem Löwen, allerdings ist jener bei weitem nicht so schlecht wie der von seinem Vater, was am Alter und außerdem am Verlust der Bedeutsamkeit des welfischen Hauses, und damit auch Heinrichs des Löwen, liegen könnte. Die Welfen stellten keine allzu große Bedrohung mehr dar, also konnte man auch etwas gnädiger mit ihnen sein.

4.1.2 Heinrich der Löwe in der Gesta

Das erste Erscheinen Heinrichs des Löwen findet in der Gesta auf dem Reichstag zu Frankfurt im März 1147 kurz vor dem zweiten Kreuzzug und noch in der Regierungszeit Konrads III. statt.[14] Die Rückgabe des Herzogtums Bayern fordernd, das seinem Vater zu Unrecht aberkannt worden sei, sei Heinrichs Begehren vom König bis zur Rückkehr von seinem Kreuzzug verschoben worden.[15] Zwar wird Heinrich der Löwe hier erneut im unmittelbaren Zusammenhang mit Heinrich dem Stolzen genannt, doch seine Meinung über diesen hat Otto ja schon zuvor zu dessen Gunsten geändert. Weiterhin scheint Heinrich, “qui iam adolev[erit]”[16], im Gegensatz zu seiner Beschreibung in der Chronik zu einer eigenständigen Persönlichkeit herangewachsen zu sein. Doch seine Zeit war anscheinend noch nicht gekommen, da der “Friedensbringer” Friedrich I. erst noch an die Macht kommen mußte. Die Haltung Ottos Heinrich gegenüber ist weder positiv noch negativ. Insgesamt kann diese Stelle wohl als Einführung der Person Heinrichs des Löwen verstanden werden, dessen Bedeutung erst beim nächsten Herrscher wachsen würde.

Die zweite Stelle mit Heinrich dem Löwen berichtet vom ersten Versuch Fried-richs I. , den bayerischen Streit auf dem Würzburger Reichstag 1152 zu schlichten.[17] Interessant ist hierbei die Art und Weise der Beschreibung, wie und warum dieses Unterfangen, nämlich Frieden “inter eius carnem et sanguinem (...) sine sanguinis effusione”[18] zu schaffen, für den König Barbarossa so wichtig gewesen sei. In den Augen Ottos lagen Friedrich beide Kontrahenten gleichermaßen am Herzen. Daß dies auch der Realität entsprach, bestätigt das “Privilegium Minus”, das Otto für diese Passage als Vorlage verwendete.[19] Die Rolle Heinrichs des Löwen wird hier allmählich ersichtlich: Er ist wesentlich für das Friedensvorhaben Barbarossas. Demnach wäre es für Otto nicht ratsam gewesen, Heinrich gegenüber eine negative Haltung einzunehmen.

Am Ende dieses Kapitels berichtet Otto, daß die Verhandlung zwischen den beiden Parteien gar nicht möglich gewesen sei, da sie durch die Tatsache, daß Heinrich Jasomirgott im Gegensatz zu Heinrich dem Löwen gar nicht erst erschienen ist, verhindert wurde. Für keinen von beiden ergreift Otto Partei. Allerdings ist der Leser leicht dazu geneigt, Jasomirgott zu verurteilen, denn er hätte ja die Chance auf einen Ausgleich gehabt, die er allerdings nicht genutzt habe; ob diese Reaktion aber die Absicht Ottos war, bleibt zweifelhaft.

Im weiteren Verlaufe wird man noch öfter mit vergleichbaren Situationen konfrontiert[20]: Jasomirgott erscheint nicht auf den Reichstagen, wenn er dann allerdings erscheint[21], behauptet er, nicht rechtmäßig geladen zu sein, worauf Otto aber nicht näher eingeht. Das häufige Fehlen Jasomirgotts erscheint mit der Zeit doch ziemlich suspekt. Otto stellt es als nichts besonderes dar, doch man könnte sehr wohl auf den Verdacht kommen, die Sache sei bereits lange zugunsten Heinrichs des Löwen entschieden gewesen, und Jasomirgott habe seine Entmachtung nur noch hinauszögern wollen. Doch dies bleibt weiterhin nur Spekulation, da Otto darauf überhaupt nicht eingeht. Bis zur tatsächlichen Schlichtung des Streits hält er sich als neutraler Berichterstatter im Hintergrund, wahrscheinlich um nicht von Friedrichs - nach außen hin unparteiischer - Haltung abzuweichen.

[...]


[1] vgl. Cornelia Kirchner-Feyerabend, Otto von Freising als Diözesan- und Reichsbischof, phil. Diss. masch., Erlangen/ Nürnberg 1985, S. 5f.

[2] vgl. Herbert Grundmann (Hg.), Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte. Frühzeit und Mittelalter.,

bearb. Friedrich Baethgen, Karl Bosl, Marie-Luise Bulst-Thiele, Josef Fleckenstein, Herbert Grundmann, Karl Jordan, Heinz Löwe, u. Ernst Wahle, Stuttgart 91970, Bd. 1, S. 368.

[3] die “Chronica sive Historia de duabus civitatibus” wird der Einfachheit halber ab hier mit “Chronik” und die “Gesta Friderici I. imperatoris” mit “Gesta” abgekürzt

[4] vgl. Wilhelm Wattenbach und Franz-Josef Schmale, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter. Vom Tode Kaiser Heinrichs V. bis zum Ende des Interregium, hg. Franz-Josef Schmale; bearb. Irene Schmale-Otto u. Dieter Berg, Darmstadt 1976, Bd. 1, S. 53.

[5] vgl. Eberhard F. Otto, Otto von Freising und Friedrich Barbarossa, in: Historische Vierteljahrsschrift 31, 1937, S. 27-56, S. 49.

[6] Wattenbach-Schmale, S. 58.

[7] Wattenbach-Schmale, S. 66.

[8] Adolf Hofmeister (Hg.), Ottonis episcopi Frisingensis. Chronica sive Historia de duabus civitatibus (MGH SS rer 45), Hannover und Leipzig 21912, VII, 23, S. 345.

[9] vgl. Chronik VII, 24, S. 346.

[10] Georg Waitz (Hg.), Ottonis et Rahewini gesta Friderici I. imperatoris (MGH SS rer Germ 46), Hannover und Leipzig 31912, I, 23, S. 36.

[11] wie z. B.: “Erat enim (...) vir per omnia laudabilis, tam animi quam generis nobilitate insignis (...).” Gesta I, 20, S. 33.

[12] “Ea tempesta Heinricus [der Stolze] dux iam Baioaria pulsus in Saxonia moritur ac iuxta socerum humatur. Quo mortuo Saxones amore filii sui parvuli, qum eis adhuc vivens commendaverat, regi denuo rebellant.” Chronik, VII, 25, S. 349.

[13] “Non multo post [Conradus] Saxoniam ingressus data in uxorem vidua ducis Heinrici [des Stolzen], Lotharii imperatoris filia, fratri suo Heinrico marchioni pacem cum Saxonibus fecit, eidemque marchioni Noricum ducatum, quem consilio matris ducis Heinrici filius iam abdicaverat, concessit.” Chronik, VII, 26, S. 351f.

[14] “Ad predictam curiam Heinricus Heinrici,[...], Noricorum ducis filius, qui iam adoleverat, venit, ducatum Noricum, quem patri suo non iuste abiudicatum asserebat, iure hereditario reposcens. Quem princeps multa prudentia et ingenio inductum usque ad reditum suum suspendens quiete expectare persuasit.” Gesta I, 45, S. 63f.

[15] dazu kam es allerdings nie, denn Konrad III. kehrte von diesem Kreuzzug nicht mehr zurück

[16] vgl. Anmerkung 14

[17] “Erat vero multa serenissimi principis anxietas, cum omnia prospere in regno agerentur, qualiter controversia, quae inter eius carnem et sanguinem, id est Heinricum patruum suum et itidem Heinricum avunculi sui filium duces, de Norico ducatu agitabatur, sine sanguinis effusione terminari posset. Fuit namque Heinricus iste Heinrici quondam Norici ducis filius, quem,[...], Conradus rex a Baioaria eiectum in Saxonia manere compulerat, ducatumque ipsius primum Leopaldo marchionis Leopaldi filio ac deinde fratri ipsius huic Heinrico concesserat.” Gesta II, 7, S. 107.

[18] vgl. Anmerkung 17

[19] vgl. Wilhelm Levison, Otto von Freising und das Privileg Friedrichs I. für das Herzogtum Österreich, NA 34, 1909, S. 210-215, S. 214f.

[20] vgl. Gesta II, 11: Gericht in Speyer 1153; Reichstag zu Goslar 1154

[21] vgl. Gesta II, 9: Wormser Reichstag 1153

Details

Seiten
20
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638137812
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6129
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Geschichte-Mittelalter
Note
sehr gut
Schlagworte
Heinrich Löwe Darstellung Ottos Freising Rahewins Proseminar Konflikt

Autor

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