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Mittelalterliche Ritterturniere, Darstellung der Entwicklung des europäischen Turnierwesens im Hoch- und Spätmittelalter

Seminararbeit 2002 37 Seiten

Sport - Sportgeschichte

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Rittertum
2.1. Der ritterliche Adel im Mittelalter
2.2. Die Gütekriterien Körperlichkeit, Geistigkeit und Moral im Selbstverständnis des Adels und die Schaffung von ritterlicher und personaler Identität

3. Ritter und ihre Turniere
3.1. Das Handwerkszeug und die ritterliche Ausbildung
3.1.2. Körperliche Erziehung zum Ritter
3.1.2. Waffen und Ausrüstung
3.2. Zur Entstehung und Entwicklung mittelalterlicher Ritterturniere
3.2.1. Gesellschaftlicher Rahmen und erste „Turniere“
3.2.2. Reaktionen der Kirche und der Monarchie auf Turniere
3.2.3. Verfall und Ende des Turnierwesens im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit
3.3. Die verschiedenen Arten des ritterlichen Kampfes
3.3.1. Das (eigentliche) Turnier
3.3.2. Der Buhurt
3.3.3. Die Tjost
3.4. Leistungsmessung bei Turnieren: Wie wurde der Sieger ermittelt?

4. Ein Gegensatz: Grausamkeit und Popularität
4.1. Turnierveranstaltungen als Schauplätze von Adelsrivalitäten und die Einführung von Turnierregeln als Folge
4.2. Gründe für die Popularität der Turniere

5. Zusammenfassung und abschließende Beurteilung

6. Anhang

7. Literatur

1. Einleitung

Dieses schriftliche Referat befasst sich mit der europäischen Ritterschaft und dem Turnierwesen in der Zeit von ca. 1150 bis 1500 n.Chr. Ein wesentlicher Teil bezieht sich auf die Darstellung dieses Turnierwesens. Hauptfragen werden sein, ob sich die Turniere damals wirklich so ereigneten, wie es uns die Medien heute durch historische Romane und Spielfilme nahe bringen, welche Arten des Kampfes es gab, wie schließlich der Sieger bestimmt wurde, bzw. welche Regeln, wenn überhaupt, angewandt wurden. Außerdem soll überlegt werden, warum sich das Ritterturnier so lange im Alltag des Mittelalters manifestieren konnte, obwohl es mit Sicherheit nicht nur positive Auswirkungen und Erscheinungsformen hatte.

Betrachtet wird die europäische Entwicklung des Turniers. Dabei ist es nicht immer möglich, sie nur auf ein Herrschaftsgebiet zu beziehen, da die Entwicklung meist über die Grenzen hinausgingen. Wo dies möglich war, wurde auf die Ereignisse auf deutschem Boden eingegangen. Die französischen und englischen Turniere finden allerdings auch Beachtung.

Die Literatur zu diesem Thema ist weit und umfassend. Es besteht eher das Problem der Beschränkung als des Informationsmangels. An dieser Stelle sollen nur einige Werke genannt werden, die als Standardliteratur angesehen werden können.[1] Für den Einstieg eignet sich die Überblicksdarstellung Die ritterlich-höfische Kultur des Mittelalters von Werner Paravicini,[2] die auch einen bibliographischen Abschnitt enthält. Sehr umfassend informiert der Sammelband von Joseph Fleckenstein Das ritterliche Turnier im Mittelalter in mehreren Beiträgen,[3] ebenso der Sammelband von Horst Ueberhorst Geschichte der Leibesübungen 3,1.[4] Zum Thema Ritter kann Maurice Keen Das Rittertum herangezogen werden.[5]

Als Quellengrundlage dienen hauptsächlich mittelalterliche Romane und romantische Literatur, außerdem verschiedene Herausgaben und Übersetzungen mittelhochdeutscher oder lateinischer Chroniken (Sachsenspiegel, Schwabenspiegel). Nachweise für einzelne Ritterturniere konnten aus Turnierbüchern, Ahnenproben, Listen, Prüfungen und Turnierbriefen gewonnen werden. Im Verlaufe der Arbeit wird auf einige Quellen genau eingegangen.

Nach Meinung Niedermanns ist das Mittelalter nach wie vor ein fruchtbares Feld sporthistorischer Forschung. Die Forschung hat sich bisher weitgehend auf die gesellschaftliche Funktion und den „sportlichen“ Ablauf mittelalterliche Ritterturniere beschränkt. Themen, wie z.B. die Leistungsbewertung, kommen erst langsam in das Blickfeld.[6]

Die oben gestellten Leitfragen sollen mit Hilfe der Literatur beantwortet werden, wobei kontroverse Ansichten der Autoren berücksichtigt werden. Ziel ist es, einen möglichst umfassenden Überblick zu gewinnen. Auf eine auf Quellen basierende Untersuchung wurde daher verzichtet.

Zu Beginn wird ein kurzer Einblick in das Leben des Rittertums, seine Ideale und sein Selbstverständnis gegeben, da sich das mittelalterliche Turnierwesen direkt darauf bezieht. Im Kapitel 3 geht es zunächst um die Ausbildung und Bewaffnung der Kämpfer, bevor dann mit der Darstellung der Turnierentwicklung begonnen wird, bei der auch erstaunliche Meinungen von Kirche und Monarchie zu Tage treten. Es schließt sich die Schilderung der drei auf deutschem Gebiet verwendeten Hauptformen des ritterlichen Turnierkampfes, des Turniers, des Buhurts und der Tjost an. Kapitel 3.4. bezieht sich auf die Leistungsmessung- und bewertung bei der Tjost und gibt einen Einblick in die Praxis der Arbeit von Schiedsrichtern und Herolden. Im vorletzten Kapitel geht es direkt um die Leitfragen bezüglich der Regeln und des langen Erfolges dieser Art von Kampfveranstaltungen. In Kapitel 5 wird dem Leser eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Inhalte angeboten und diese mit persönlichen Schlussfolgerungen des Verfassers verknüpft.

Zum besseren Verständnis sollen einige Illustrationen beitragen, die sich im Anhang befinden.[7]

2. Das Rittertum

2.1. Der ritterliche Adel im Mittelalter

Kennzeichnend für den ritterlichen Adel waren Grundherrschaft und Grundbesitz. Bis zum 11. Jahrhundert des Hochmittelalters war der Übergang vom wohlhabenden Großbauern zum einfachen Ritter fließend. Sozialer Aufstieg war möglich und hing von verschiedenen Kriterien ab, das waren z.B. genügend Landbesitz als Voraussetzung für den adligen Lebensstil und die Entscheidung, nicht mehr selbst zu arbeiten, sondern stattdessen am ritterlichen Leben und an Heerfahrten und Turnieren teilzunehmen.[8]

Diese Aufstiegsmöglichkeit währte allerdings nicht lange. Schon nach wenigen Jahrzehnten wurde das Rittertum mit der Feststellung, die Unterschiede zwischen Adel, Bauern und Bürgern seien von prinzipieller Natur und gottgewollt, erblich. Keen gibt aber zu bedenken, dass die Grenze zwischen den sozialen Schichten auch nicht als absolut dargestellt werden dürfe. Es gebe Berichte, durch die eindeutig hervorgehe, dass der

„König von Frankreich und die Grafen von Flandern ... Personen wegen ihrer bewiesenen Tapferkeit erhöhten, indem sie sie vom Bürgerstand in den erblichen Adelsstand erhoben und ihnen den Zugang zu den begehrten ritterlichen Kreisen verschafften.“[9]

Gründe für die Beförderungen müssen aber wohl Fall für Fall geprüft werden. Generelle Beförderungen können ausgeschlossen werden. Zu vermuten ist, dass sie oft aus der situationsbedingten Großzügigkeit eines Herrschers geschahen und immer nur wenige Kandidaten davon profitierten.

Nach seinem Selbstverständnis war der Adel nicht nur die geborene Führungsschicht und schon von Grund auf überlegen, sondern besaß auch die Aufgabe, der Gesellschaft durch die Sicherung göttlicher und weltlicher Gerechtigkeit zu dienen, und verkörperte Treue und Ehre.

Diese Funktion hatte das Volk lediglich zu sichern, indem es durch Arbeit die materielle Grundlage bereitstellte. Dem Volk wurden sämtliche Zugänge zur elitären Welt verwehrt. Es dufte bei Ritterturnieren zuschauen, aber nicht selbst teilnehmen. Die Trennung wurde auch auf adliger Seite verfestigt, indem es verboten war, bürgerlichen Aktivitäten nachzugehen, d.h. kein Adliger dürfte sich mit dem Handel beschäftigen oder gar handwerklich etwas produzieren.

Der so entstandene Adel war keine in sich homogene, soziale Gruppe. Er wurde vom einfachen Ritter über höhere Grundherren, niedere Vasallen, Lehnsherren, bis hin zum König nach Reichtum und Macht klassifiziert.[10]

2.2. Die Gütekriterien Körperlichkeit, Geistigkeit und Moral im Selbstverständnis des Adels und die Schaffung von ritterlicher und personaler Identität

Die Abgrenzung des Adels gegenüber den Bauern stellte sich in der Art der körperlichen Betätigung dar. Körperliches Schaffen im Sinne von Arbeit galt als niedere Tätigkeit, weswegen der Adel diese mied und so nichts produzierte. Im Gegensatz dazu war die körperliche Tätigkeit im Rahmen von Krieg und Turniersport, gerade weil dies nicht als Arbeit definiert wurde, im Mittelalter hoch angesehen und die Hauptbeschäftigung des ritterlichen Adels.

Die Körperlichkeit hatte im Selbstverständnis des Adels eine große Bedeutung. Außerdem war „Die mächtigste soziale Gruppe, die Ritterschaft, ... von der geistigen Entwicklung weitgehend abgeschnitten.“[11] Sie konnten häufig weder lesen noch schreiben, was allerdings nach damaligem Verständnis auch nicht als wichtig angesehen wurde.[12] Das Physische bedeutete immer viel mehr als das Geistige.

Die höchste Tugend des ritterlichen Adels des Mittelalters war nicht die Verbindung von Körper und Geist, sondern die Einheit von körperlichen und moralischen Werten. Die körperlichen Werte, die auch den Unterschied zum gemeinen Volk aufzeigten, waren Schnelligkeit und Geschicklichkeit. Der Anspruch, auch moralische Werte zu verkörpern, entwickelte sich aus der Tatsache, dass es von den Rittern als Selbstverständlichkeit angesehen wurde, ihre Fähigkeiten in den Dienst der Gerechtigkeit zu stellen.

Pierron nennt vier Bedingungen, die das ethische Handeln der Ritter kennzeichneten.[13] Die Treue stand an erster Stelle. Der Ritter musste sein Wort halten und durfte die geschworene Treue nicht verraten.[14] Die zweite Pflicht dieser Männer des Krieges war es, in Tapferkeit zu handeln, d.h. Heldentaten zu begehen. Eine dritte Vorschrift zwang die Ritter auf kühne Art und Weise die Liebe der Damen zu erobern. Die letzte der nötigen Tugenden war die Freigiebigkeit. Der Ritter durfte im heutigen Sinne nicht geizig sein. Großzügige Geschenke oder auszurichtende Feiern waren selbstverständlich.

Alle diese notwendigen Eigenschaften waren nur beim Adel zu finden. Die Inkarnation von Moral und physischer Kraft stellte sich im Kreuzritter dar, der für Gott in die Schlacht zog, um die Ungläubigen zu besiegen, die heiligen Stätten befreite und bereitwillig sein Leben für diese Sache riskierte.

Durch dieses Bild wurde der Adel auch von außen legitimiert, nämlich durch die Kirche. Indem er für Gott und die Kirche zu Felde zog, erwuchs der Anspruch der Besonderheit. Die Kirche entwarf ein Gesellschaftsmodell, in dem der Adel „als von Gott zum Zweck erschaffen präsentiert [wurde], Moral zu verkörpern und Gerechtigkeit zu schützen, während dem gemeinen Volk die Aufgabe zuf[iel]..., hart zu arbeiten.“[15] Damit wurde eine Gesellschaft von Abhängigkeit und Ungleichheit zementiert, die bis ins 18. Jahrhundert, und auch darüber hinaus, bestand hatte.

Das Körperliche dominierte alle Lebensbereiche. Am eindrucksvollsten wurde dies bei Kriegen und deren unblutigeren Modell, dem Turnier, deutlich.

In der Schlacht oder im Turnier konnte sich der Ritter durch die Präsentation militärischer Fähigkeiten seine personale Identität schaffen, oder sie verlieren.[16] Im Falle des Erfolgs erntete der Kämpfer Ansehen, Ehre, und konnte sogar als Held verehrt werden und sich einen guten Namen verdienen. „A l’époque des chevaliers, l’honneur était plus précieux que l’or.“[17] Eine Niederlage, die aufgrund der verwendeten Waffen mit schrecklichen Verletzungen oder dem Tod einhergehen konnte, konnte dies alles wieder zunichte machen. Es war möglich, wieder in die Bedeutungslosigkeit zurückzufallen, ein Zustand, der damals mehr schmerzte als jede Verletzung.[18]

Die Ursachen für Misserfolge waren nicht leicht zu bestimmen. Wegen der starken Verquickung mit der christlichen Lehre wurden Niederlagen nicht nur auf Unzulänglichkeiten der Mittel, wie z.B. eine schlechte militärische Taktik, unzureichendes Training oder mangelnde Kraft, zurückgeführt, sondern auch auf die persönliche, mangelhafte Erfüllung ethischer Normen. Vielleicht wollte ja Gott die Sünden des Ritters bestrafen, die in vorhergegangenem unwürdigem Verhalten lagen?

3. Ritter und ihre Turniere

3.1. Das Handwerkszeug und die ritterliche Ausbildung

3.1.2. Körperliche Erziehung zum Ritter

An dieser Stelle soll kurz auf den Ausbildungsweg eines Ritters eingegangen werden. Die Darstellung bezieht sich mehrheitlich auf Niedermann 1980.[19]

Die Ausbildung des jungen Adligen setzte mit dem 7. Lebensjahr ein. Ein Zuchtmeister vermittelte die höfische Kunst, die ‚courtoisie’, die hauptsächlich aus dem Erlernen der französischen Sprache bestand. Die Beherrschung des Lateinischen und Griechischen, der Musik und des Dichtens war abhängig von unterstützenden Maßnahmen der Eltern. Überhaupt war die geistige Bildung von dem Ort und der Umgebung abhängig. So kam es, dass einige Ritter sogar weder lesen noch schreiben konnten.

Schon damals gab es anscheinend eine Kontroverse um die richtige Pädagogik. „Soll das Kind möglichst bald zum Erwachsenen erzogen werden, oder soll es (auch) sich selbst erleben können, vor allem im Spiel.“[20]

Als unumgänglich galt das Erlernen des Waffenhandwerks sowie der Reiterei. Die Schüler erlernten das Laufen und Springen, Ringen und Stoßen, Klettern und Fechten. Sie wurden zum Leben in der freien Natur und auf der mittelalterlichen Burg erzogen.

Mit 14 Jahren war die Grundausbildung abgeschlossen. Der Page oder Knappe wurde nun in den nächsten sieben Jahren zielgerichtet auf den Ritterschlag vorbereitet. Der Junge musste seine gewohnte Umgebung verlassen und wurde an einen anderen Hof oder eine andere Burg geschickt, wo er den letzten Schliff in höfischem Benehmen, im Waffenhandwerk und der Reiterei erhielt. Er begleitete seinen Herrn auf Turniere, Märsche und in Schlachten, lernte die Gesetze des ritterlichen Spiels und Kampfes und machte erste Erfahrungen mit dem Tod. Durch Botendienste lernte er zusätzlich den Umgang mit den jungen Damen.

Mit dem Ritterschlag wurde der Page zum Ritter und Mitglied des Standes. Ihm ging folgendes Ritual voraus:

„Die durchwachte Nacht ... bereitete den jungen Mann auf die bevorstehende Feierlichkeit vor. Ihr gehen ein Bad und die Kommunion voraus. Während der Messe am Tag des Ritterschlags kniet er und hat das Schwert um den Hals gehängt, denn er darf es noch nicht an der Seite tragen. Im Namen Gottes und des heiligen Georg und Michael empfängt er den Ritterschlag und leistet mit der rechten Hand den Schwur, stets den männlichen Tugenden gemäß zu leben, der Kirche und dem Kaiser die Treue zu halten und den Schwachen und Bedrängten beizustehen.“[21]

3.1.2. Waffen und Ausrüstung

Der Ritter verfügte als Berufskrieger über zwei Arten von Waffen. Dies waren die „Trutzwaffen zur Schädigung oder Vernichtung des Gegners und d[ie].. Schutzwaffen zur Erhaltung seiner Kampfkraft und Kampffähigkeit.“[22] Zusammen mit dem Streitross war er den meisten Gegnern des Mittelalters überlegen, da er eine bessere Übersicht über den Kampfverlauf bekam und geschützter war als ein Fußsoldat. Der wesentlichste Vorteil lag aber in der höheren Angriffsgeschwindigkeit, die er auf seinem Pferd erreichte. Er konnte so mit einer enormen Wucht zuschlagen. Diese Kampfmaschine aufzuhalten, dürfte damals für nicht ritterliche Kämpfer so gut wie unmöglich gewesen sein.

Daher standen bei der ritterlichen Ausbildung die Beherrschung der Angriffs- und Verteidigungswaffen, wie aber auch der Führung des Pferdes an erster Stelle. Für die Handhabung der Waffen war eine gute Konstitution und Kondition unbedingt erforderlich, da der Ritter trotz der zu tragenden schweren Rüstung und der ebenso schweren Waffen immer noch Geschicklichkeit und Gewandtheit zeigen musste.

Als Trutzwaffen führte der Ritter das Breitschwert,[23] die Lanze, später auch Dolch und Streitkolben, zur Verteidigung den Schild und die Rüstung mit Helm, die den ganzen Körper bedeckte.[24]

Seit dem 11. Jahrhundert wurde ein nach germanischem Vorbild 80cm bis 100cm langes Langschwert mit zweischneidiger Klinge benutzt. Ab dem 14. Jahrhundert kam neben dem Breitschwert eine Stoßwaffe mit spitz zulaufender Klinge hinzu, und ab ca. 1200 gehörte auch der Dolch zur ständigen Bewaffnung.

Die zweitwichtigste Waffe war die mit einer geschmiedeten Spitze am Holzschaft versehene Lanze. Im 11. bis 13. Jahrhundert verwendete man eine ursprünglich aus dem 7. Jahrhundert stammende ca. 170 cm lange Lanze zum Wurf und Stoß und, nachdem sie auf 3m und dann auf 5m verlängert worden war, nur noch zum Stoß vom Pferd aus.

Die Keule oder der Streitkolben als Waffe war zwar schon seit dem 11. Jahrhundert bekannt, doch war sie wohl eher die Waffe von Herzögen und Bischöfen, denen es verboten war, mit dem Schwert Blut zu vergießen.[25] Der Kampf mit Pfeil und Bogen war dem eines Ritters unwürdig und lag nur in den Händen des gemeinen Fußvolkes. Erst als sich die Ära der Ritterkämpfe im 15. Jahrhundert dem Ende neigte und sie nicht mehr hoch zu Ross kämpften, übernahmen auch sie die Armbrust als mechanischen Bogen.

Die Schutzwaffen waren einer stärkeren Entwicklung unterworfen. Gründe hiefür war die fortschreitende Technik und auch die jeweils in adligen Kreisen herrschende Mode. Über die wollene Unterbekleidung wurde ein Kettenhemd mit Kapuze gezogen. Darüber der Harnisch, ein lederner, mit Platten, Spangen oder Ringen besetzter Brustpanzer. Der darüber gezogene Waffenrock war meist mit den Wappenfarben und Ornamenten reich verziert. Um ca. 1200 kamen zum Schutz der Extremitäten Schienen aus Leder hinzu und der Harnisch wurde durch aufgenietete Ringe verstärkt. Ab 1350 trat an die Stelle von Harnisch und Waffenrock ein mit Eisenplättchen verstärktes Lederwams, der Lentner, der Schutz bis zu den Oberschenkeln bot. Ergänzt wurde die Rüstung durch metallene Brust- und Rückenplatten, einen Halsschutz, bewegliche Eisenplatten für die Gelenke und durch Handschuhe. Im 14. Jahrhundert stellte der Plattenharnisch, als eine solide aber bewegliche Verbindung aller Einzelteile, die höchstentwickelte Form des Ganzkörperschutzes dar. Besonders anhand der Form des Helms lassen sich Rüstungen datieren.[26]

Der Schild, der in der Frühzeit noch eine Größe besaß, die den Schutz des ganzen Kämpfers zuließ, wurde verkleinert und besaß runde, dreieckige oder spitze Formen. Er bestand aus mehreren Holzlagen mit Lederüberzug und Eisenbeschlag. Mit zunehmender Verbesserung der Panzerung verlor die Funktion des Schildes ihre Wichtigkeit. Im 15. Jahrhundert wurde dann fast nur noch der Setzschild, Pavese, verwendet, mit dem man, wenn mehrere verbunden wurden, eine tragbare Schutzwand erstellte.

Das Streitross war meist in den Wappenfarben prächtig geschmückt und auch teilweise mit Ringen und Eisenplättchen geschützt. Der Schutz dieser besonders kräftigen Pferde war allerdings nicht so stark, dass er, wie bei der Ritterrüstung, einem direkten Angriff standhalten konnte, denn immerhin musste es ja schon den Ritter samt eiserner Rüstung und Waffen tragen und dabei sowohl Geschwindigkeit, also auch Ausdauer beweisen.

3.2. Zur Entstehung und Entwicklung mittelalterlicher Ritterturniere

3.2.1. Gesellschaftlicher Rahmen und erste „Turniere“

Turniere waren Sammelpunkte für Ritter und sorgten so dafür, dass ritterliche Normen und Rituale in ganz Europa verbreitet wurden. Dies geschah trotz kirchlicher Verbote und zeigt, dass sich die ritterlichen Werte unabhängig von der offiziellen Kirchenmeinung entwickelten.[27]

Der Beginn der Turniergeschichte geht ungefähr auf die Jahre 1050 bis 1150 zurück. In Frankreich galt Gaufridus de Prulaco (Preuilly), der wohl zum ersten Mal ein Turnier nach Regeln durchführte und 1066 selbst dabei ums Leben kam, Mitte des 11. Jahrhunderts als Erfinder des Turniers, während auf deutschem Gebiet angeblich der erste sächsische Kaiser im ostfränkisch-deutschen Reich, Heinrich I., als Urheber angesehen werden kann.[28]

Das erste Turnier auf deutschem Boden soll am 12. August 1127 vor den Mauern der Stadt Würzburg zwischen den staufischen Brüdern Konrad und Friedrich „zum Hohn auf den in der Stadt eingeschlossenen Feind, König Lothar, veranstaltet“ worden sein, wie uns der Historiograph Otto von Freising in der Gesta Friderici mitteilt.[29] Ob dies nun tatsächlich das erste Turnier in Deutschland war, ist allerdings mehr als fragwürdig. Fleckenstein hält die Veranstaltung nur für ein älteres Kampfspiel, da das Zusammentreffen bei Würzburg nicht den formalen Kriterien eines Turniers entsprochen habe und auch einen zu ernsten Charakter gehabt habe.

[...]


[1] Diese Bewertung ergibt sich zum einen aus der Brauchbarkeit und zum anderen aus der Häufigkeit der Angabe in den einschlägigen Bibliographien.

[2] Paravicini 1994.

[3] Fleckenstein 1985.

[4] Ueberhorst 1980. (Hier verwendet der Beitrag von Erwin Niedermann: Die Leibesübungen der Ritter und Bürger.)

[5] Keen 1984.

[6] Siehe z.B. Rühl 1988.

[7] Viele farbige Abbildungen, die sich auch im Rahmen des Geschichtsunterrichtes als nützlich erweisen könnten, befinden sich außerdem in Gravett 1996.

[8] Neben dem Ideal der Zugehörigkeit zum Ritterstand wurde das bürgerliche Leben in den höchsten Kreisen verachtet. Dies führte dazu, dass sogar äußerst erfolgreiche Kaufleute ihre wirtschaftliche Tätigkeit aufgaben, um das Leben eines Ritters zu führen (vgl. Rittner 1976, S. 92).

[9] Keen 1987, S. 140.

[10] Die hier beschriebenen Stufen sind deswegen nur als grobe Richtgrößen zu sehen, da es durch die Kriterien Reichtum und Macht auch auf einer Stufe Unterschiede gegeben konnte. Dies schließt natürlich auch regionale Besonderheiten ein. In einem Gebiet, das sehr dünn durch Adlige besiedelt war, galt ein Adliger mehr, als in einer Gegend, in der starke aristokratische Konkurrenz herrschte.

[11] Rittner 1976, S. 70f.

[12] Rittner gibt anhand des Beispiels der Rechtsnorm des fränkischen Reiches, wobei sie leider nicht angibt, welches fränkische Reich sie meint, an, welche Bedeutung die Körperlichkeit im Hochmittelalter hatte. Ein königlicher Befehl war nur dann entscheidend, wenn er mündlich bei Anwesenheit des Herrschers vorgetragen wurde. Recht war nicht abstrakt, wie es z.B. eine formelle Urkunde der Hofkapelle oder Kanzlei gewesen wäre, sondern wurde ersichtlich an der Körperlichkeit desjenigen, der legitimiert war, es zu vergeben und zu verkünden. Der Unterwerfung unter einen Lehnsherren war nicht durch die mündliche Versicherung genüge getan, sondern erst nachdem der Niedere seine Hände symbolisch in die des Herrn gelegt hatte (vgl. Rittner 1976, S. 71f).

[13] Vgl. Pierron 1997, S. 65.

[14] Im damaligen Rechtswesen wurde der Treuebruch als Verbrechen angesehen.

[15] Rittner 1976, S. 74.

[16] Da auch in den großen Schlachten der Ritterheere der Kampf Mann gegen Mann entscheidend war, kann das Turnier als deren Miniaturausgabe betrachtet werden, obwohl es hier nicht um die große, übergeordnete Sache geht, denn es wird weder nur für das Christentum noch für den König gestritten.

[17] Pierron 1997, S. 64.

[18] Dies zeigt das große Ausmaß von Folgen, wenn das Selbstverständnis eines Menschen nur auf dem Körperlichen und auf vergänglichen Erfolgen basiert.

[19] Siehe aber auch Gravett 1996, S. 14f.

[20] Niedermann 1980, S. 81.

[21] Niedermann 1980, S. 82.

[22] Meyer, Lessing 1976, S. 186.

[23] Schwerter waren im Mittelalter auch Symbol für Macht und Stärke. Sagen und Mythen ranken sich um Schwerter, die aus unzerstörbarem Stahl gemacht und mit Zauberkraft versehen seien. Auch wenn diese Geschichten in das Reich der Märchen gehören, gab es berühmte Schwerter, wie z.B. das zu den Reichsinsignien gehörende, von einem sizilianisch-sarazenischen Schmied angefertigte Zeremonienschwert, das der Kaiser Friedrich II. anlässlich seiner Krönung 1220 trug und dem unter Kaiser Karl IV. 1355 auf dem Knauf der Reichsadler und der böhmische Löwe hinzugefügt wurde.

[24] Zu den Waffen siehe auch die Abbildungen in Gravett 1996, S. 30f und zu der Rüstung in ders. die Seiten 16ff.

[25] Diese Meinung ist allerdings in der Literatur umstritten. In einigen Darstellungen wird sie auch als reguläre ritterliche Waffe aufgeführt.

[26] Für die verschiedenen Helmarten siehe Meyer, Lessing 1976, S. 189f.

[27] Mit Turnier ist hier die gesamte Veranstaltung gemeint. In den folgenden Kapiteln wird noch beschrieben, dass der Begriff auch nur für eine Form des Kampfes verwandt werden kann (siehe auch Kapitel 3.3.1. und 3.3.2.).

[28] Vgl. Meyer, Lessing 1976, S. 140. An dem ersten Turnier Heinrichs I., das wegen des Sieges über die Ungarn abgehalten wurde, sollen angeblich 2091 berittene Edelleute teilgenommen haben, unter denen sich 72 Fürsten und 34 Grafen befanden (vgl. Endrei 1988, S. 166).

[29] Meyer, Lessing 1976, S. 140. Vgl. auch Fleckenstein 1985, S. 230. Otto von Freising sprach von einem tyrocinium, qoud vulgo nunc turneimentum dicitur.

Details

Seiten
37
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638547086
ISBN (Buch)
9783638688659
Dateigröße
615 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v61204
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Fachbereich Sportwissenschaft
Note
1
Schlagworte
Mittelalterliche Ritterturniere Darstellung Entwicklung Turnierwesens Hoch- Spätmittelalter Seminar Sportgeschichte Urzeit Ausgang Feudalismus

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Titel: Mittelalterliche Ritterturniere, Darstellung der Entwicklung des europäischen Turnierwesens im Hoch- und Spätmittelalter