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Rechtsextreme Jugendkulturen als Herausforderung sozialpädagogischer Bildungskonzepte

Diplomarbeit 1999 78 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Vorwort

I. Theoretischer Rahmen
I. A. Habitus und sozialräumliche Differenzierung nach Pierre BOURDIEU
I. A. 1. Habitus
I. A. 2. Kapitalformen
I. A. 2. 1. Ökonomisches Kapital
I. A. 2. 2. Kulturelles Kapital
I. A. 3. Soziale Milieus als Machtzentren im sozialen Feld
I. A. 3. 1. Soziale Klassen
I. A. 3. 2. Wertewandel und Prestigepositionen sozialer Milieus im sozialen Feld
I. B. Kulturtheorie
I. B. 1. Alltags-, Hoch- und Nationalkultur
I. B. 2. Der Kulturbegriff der Postmoderne
I. B. 3. Kulturelle Identität und Erinnerung
I. B. 4. ‚Nationale Identität‘ als kulturelle Integrationsform
I. B. 5. Politische Kultur
I. C. Der Kampf um kulturelle Hegemonie – gesellschaftliche Machtverhältnisse und Chancen für ihre demokratische Überwindung
I. C. 1. Gramsci – eine Einführung
I. C. 2. Die Zivilgesellschaft – Raum für Konsensfindung durch (scheinbar) demokratischen Diskurs und mediale Massenmanipulation
I. C. 2. 1. Die Bedeutung des Konsens
I. C. 2. 2. Die Regulationstheorie
I. C. 3. Alltagskultur (Volksmentalität) und Möglichkeiten ihrer
kulturellen Prägung
I. C. 4. Der organisierte Einbruch kulturellen Fortschritts in die herrschaftserhaltende Massenkultur – die Rolle der Intellektuellen im Kampf um Kulturelle Hegemonie
I. C. 5. Bündnispolitik und informelle Netzwerke - die Herausbildung eines kulturellen Blocks
I. D. Zusammenfassung
I. D. 1. Typisierung und sozialräumliche Darstellung der BRD nach Bourdieu – Dispositionen für rechtsextreme Werteorientierungen
I. D. 2. Das national-konservative Sozialfeld und seine Genese
I. D. 3. Der konservativ-rechtsextreme Block und die Zerstörung der zivilgesellschaftlichen Grundlagen
I. D. 4. Rechtsextremistischer Einbruch in die Zivilgesellschaft
I. D. 5. Demokratische Hegemonie - was ist das?

II. Der gesellschaftliche Kontext rechtsextremer Hegemonie im ostdeutschen Sozialraum
II. A. Renationalisierung und politische Symbolik - Hegemoniebestrebungen nationalistischer Symbolik in der jüngsten Geschichte der BRD
II. B. Die Alltagskultur der DDR – nationalistischer Diskurs im antifaschistischen Gewand
II. B. 1. „Der Untertan“, seine real-sozialistischen Sozialisationsinstanzen und das kurze Aufleuchten einer anderen Identität

III. Soziokulturelle Praktiken des modernen Rechtsextremismus
III. A. Kulturelle Subversion rechtsextremer Texturen und Gruppen
III. A. 1. Dezentrale Organisation und kommunikative Vernetzung
III. A. 2. Hegemoniale Tendenzen rechtsextremer Werte
III. B. Die Situation in Wurzen und im Muldentalkreis
III. B. 1. Abstrakte Problembeschreibung mit Illustrationen:
III. B. 2. Spezifische Problembeschreibung:

IV. Demokratische Kulturarbeit - Interventions- und Bildungskonzepte zur demokratischen (Rück-)Erlangung der kulturellen Hegemonie im soziokulturellen Raum
IV. A. Prävention und Gemeinwesenarbeit mit emanzipatorischem Ansatz – Prinzipien des Zentrums Demokratische Kultur Berlin (ZDK)
IV. B. Das Mobile Beratungsteam Brandenburg - ein erfolgreicher Ansatz
IV. C. MBT – Arbeit ist soziokulturelle Animation. Das Beispiel Storkow
IV. D. Soziokulturelle Animation und systemische Projektmethode als Grundlagen einer politisch motivierten demokratischen Jugendarbeit
IV. E. Projektmanagement im Muldentalkreis oder: „Es gibt nichts Gutes – außer man tut es.“
IV. E. II. Analyse
IV. E. II. 1. Positionsanalyse
IV. E. II. 2. Aktivierungsmöglichkeiten
IV. E. III. Definitionsphase
IV. E. III. 1. Problemformulierung (These):
IV. E. III. 2. Zielformulierung:
IV. E. IV. Strategiephase
IV. E. IV. 1. Positionsanalyse für die Arbeit eines ZDK in Wurzen:
IV. E. IV. 2. Faktorenanalyse:
IV. E. IV. 3. Netzwerkanalyse:
IV. E. IV. 4. Strategie für und Arbeit mit der Projektgruppe
IV. E. V. Projektplanung - Antrag "Netzwerk demokratische Kultur Wurzen" (Auszüge)
IV. E. V. 1. Netzwerk demokratische Kultur Wurzen
IV. E. V. 2. Ziele des Netzwerk demokratische Kultur Wurzen
IV. E. V. 3. Zielgruppe des Netzwerkes demokratische Kultur Wurzen
IV. E. V. 4. Methoden des Netzwerk demokratische Kultur Wurzen
IV. E. V. 5. Organisation und Perspektive
IV. E. VI. Projektrealisierung: zivilgesellschaftliche Bildungsprogramme – ein Beispielprojekt
IV. E. VI. 1. Ziel:
IV. E. VI. 2. Durchführung:

V. Zusammenfassung

VI. Literaturliste

„Wir bleiben in unserem Leben an die relative Utopie einer verbesserten Welt gewiesen, die vernünftiger Weise alleine das Leitbild unseres Handelns sein kann. Das Geheimnis auch der großen und umwälzenden Aktionen besteht darin, den kleinen Schritt herauszufinden, der zugleich ein strategischer Schritt ist, indem er weitere Schritte in Richtung einer verbesserten Wirklichkeit nach sich zieht. Darum hilft es nicht, das Unvollkommene zu höhnen und das Absolute als Tagesprogramm zu predigen. Laßt uns statt dessen durch Kritik und Mitarbeit die Verhältnisse Schritt für Schritt ändern!“

Gustav Heinemann

Antrittsrede als Bundespräsident, 1.7.1969

0. Vorwort

R echtsextremismus im vereinten Deutschland. Kaum ein Thema erregt die öffentlichen Gemüter so sehr, wie die Frage nach den Ursachen und Hintergründen rechtsextremer Gewalt. Die Anzahl der wissenschaftlichen Erklärungsmodelle und Paradigmata zu diesem Thema stieg in den letzten Jahren sprunghaft. Dabei ist ein wellenartiger Verlauf festzustellen der zeigt, daß dieses Thema politischen Trends folgt. Der bundesdeutschen Rechtsextremismusforschung, vielmehr aber noch den auf dieser Grundlage handelnden sozialen Professionen, fehlt jedoch ein empirisch gesicherter Boden und ein tragfähiges theoretisches Fundament. B. WAGNER spricht sogar von einer „orakelnden Alltagssoziologie [...], die die Problemlagen verdeckt und dazu beiträgt, unangemessene Methoden der Auseinandersetzung und Hilflosigkeit in den Mittelpunkt zu setzen.“[1]

Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und deren gewalttätige Äußerungen werden in der wissenschaftlichen Debatte durch eine Reihe von Ursachen erklärt. Die autoritäre Erziehung in der DDR wird ebenso als Ursache angenommen[2], wie die Perspektivlosigkeit von Jugendlichen in einer sich globalisierenden Welt.[3] Das Phänomen wird als Problemfeld von Jugendlichen beschrieben, insbesondere von männlichen Jugendlichen.

In meine Arbeit werden andere Erklärungsmodelle für Rechtsextremismus, wie sie aus soziologischer, psychologischer oder geschlechtsspezifischer Betrachtung vorgebracht werden, nicht einbezogen. Damit will ich nicht den partiellen Erklärungsgehalt dieser Forschungsansätze verneinen, der Grundlage für professionelle Interventionen in der Einzelfallbetreuung und sozialpädagogischen Gruppenarbeit bleibt. Ich entwickle vielmehr ein kultursoziologisches Verständnis von Rechtsextremismus, jenseits individual-psychologischer, geschlechtsspezifischer oder gruppentherapeutischer Erklärungsansätze, das Grundlage einer gemeinwesenorientierten soziokulturellen Gegenstrategie sein kann. Professionelle Arbeit im Sinne einer demokratischen Zivilgesellschaft bedarf der Einbeziehung des gesellschaftlichen Kontextes, denn die „Existenzbedingungen des Rechtsextremismus lassen sich nur multifunktional erklären“[4]. Wir benötigen eine Verknüpfung der vielfältigen Forschungsansätze, kontinuierliche, an den Bedürfnissen sozialer Professionen orientierte Erhebungen und Auswertungen empirischer Daten und einen Strategienkanon, der der Komplexität des Themas gerecht wird.

Die räumliche Begrenzung meiner Arbeit auf die Situation Ostdeutschlands hat in erster Linie praktische Gründe. Nur räumlich begrenzte Feldanalysen (Kommunalanalysen) und Konzepte auf Grundlage dieser Forschungsbasis haben eine Chance, im Handlungsfeld relevant zu werden. Mit dieser Eingrenzung meines Ansatzes möchte ich jedoch nicht einer populistisch vereinfachenden Ost-West-Debatte das Wort reden, die eine leicht zu durchschauende Entlastungsstrategie darstellt. Die These: „Zuviel Rotlicht macht braun“, nach der Rechtsextremismus und Ungleichwertigkeitsideologien kein originäres Problem der Altbundesländer, sondern eine Altlast des verblichenen autoritären und diktatorischen DDR-Staates seien[5], lenkt von den aktuellen gesellschaftlichen Problemfeldern und einer sozial verfehlten Einigungspolitik nach 1989 ab. Objektive Unterschiede in Ursachen, Wirkungsgrad und Ausbreitung rechtsextremer Ideologien zwischen Ost- und Westdeutschland sind allerdings feststellbar[6]:

- Der Anteil von MigrantInnen an der Gesamtbevölkerung liegt in Ostdeutschland im Durchschnitt bei 1,9% gegenüber 10,5% in Westdeutschland. Die Gefahr, im Osten Opfer eines fremdenfeindlichen Anschlags zu werden, ist jedoch etwa 25 mal höher.[7] Obwohl in Ostdeutschland nur etwa 18 Prozent der Bevölkerung leben, wurden hier 1997 die Hälfte aller rechtsextremen Gewalttaten verübt.[8]
- Viele LehrerInnen und Erwachsene Ostdeutschlands kultivieren ein kollektives Ge fühl des „Verlierer - Seins“. Ängste vor Arbeitsplatz- und Autoritätsverlust, scheinen einer politischen Positionierung von LehrerInnen entgegenzustehen.[9] Dieses Gefühl der Schwäche wird von Jugendlichen abgelehnt. ‚Nationale Kameradschaften‘ bieten Stärke durch Gemeinschaft und einfache Perspektiven, die viele einer demokratischen Meinungsvielfalt nicht abgewinnen können.
- In ländlich und kleinstädtisch strukturierten Sozialräumen Ostdeutschlands sind rechtsextrem orientierte Gruppen häufig die einzigen antreffbaren Jugendszenen. Daher gewinnen rechtsextreme Szenen permanent Nachwuchs, andere Meinungen/anderes Aussehen wird gefährlich.[10]
- Der rechtsextreme Mainstream ist Symptom für den Rückzug demokratisch gesinnter Kräfte aus der Zivilgesellschaft.[11] Rechtsextreme Wertedispositionen werden von breiten Milieuschichten der Bevölkerung getragen. Es müssen dringend Ansätze entwickelt werden, um die speziellen Verhältnisse im Osten zu erklären.[12]
- SozialarbeiterInnen sind zunehmend mit Versuchen politischer Unterwanderung ihrer Einrichtungen durch rechtsextremistische Gruppierungen im Umfeld der NPD konfrontiert. Solche Gruppierungen sind nicht an einem demokratischen Diskurs interessiert, sondern an Übernahme von Meinungsführerschaft und kultureller Hegemonie.[13]

Lassen SozialarbeiterInnen das Betriebs- und Arbeitsklima in ihren Einrichtungen von solchen Kräften bestimmen, sind sie nicht mehr in der Lage, selbstbestimmte, fachlich fundierte Arbeitsziele anzustreben. Grundlage professioneller Sozialarbeit muß ein Verständnis politischer Vorgänge und eine Analyse sozialräumlicher wie regionaler Herrschaftsstrukturen sein. Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus sind keine Neurosen, die durch Psychotherapie heilbar wären. Sie sind politische Phänomene . Ihre Ursachen liegen in gesellschaftlichen Machtstrukturen und Herrschaftsverhältnissen.[14] Den Grundstein eines solchen Verständnisses stellt die Arbeit des Zentrums Demokratische Kultur dar, auf deren Konzepte und Praxis ich mich in den Teilen III und IV meiner Arbeit beziehe.

Die vorliegende Arbeit besteht aus vier inhaltlichen Teilen. Im ersten Teil, der theoretischen Grundlage, wähle ich drei wissenschaftliche Herangehensweisen an das Thema im Sinne einer politischen und soziokulturellen Wahrnehmung des Phänomens ‚Rechtsextremismus‘. Ich stelle die Milieutheorie BOURDIEU‘s, vor und ergänze sie in einem zweiten Schritt durch aktuelle kulturtheoretische Überlegungen. Kulturtheorie vertieft einerseits das bourdieusche Gedankengebäude. Andererseits wird sie als politische Kultur, im Bourdieuschen Sinn als Kapitalform menschlicher Sozialisation gesehen und als geschichtliche Dimension des Problemfeldes verstanden. Die dritte theoretische Grundlage bildet das Hegemoniekonzept in der Zivilgesellschaft GRAMSCI‘s. Eine theoretischen Zusammenführung der drei vorgestellten Paradigmata und ihre Verknüpfung im Problemfeld Rechtsextremismus steht am Ende des Theorieteiles.

Im zweiten Kapitel untersuche ich, auf Grundlage der vorgestellten wissenschaftlichen Ansätze, den gesellschaftlichen Kontext und die Ursachen für den Einbruch rechtsextremer Wertevorstellungen und Organisationsstrukturen in die ostdeutsche Zivilgesellschaft.

Im dritten Teil meiner Diplomarbeit beleuchte ich soziokulturelle Praktiken des modernen Rechtsextremismus in Ostdeutschland, deren Gefahren und Ursachen.

Im vierten Teil soll aus den vorgestellten Analysen eine Handlungsstrategie demokratischer Kräfte zur strategischen Zurückgewinnung des zivilgesellschaftlichen Raumes im Muldentalkreis entwickelt werden. Das im Anhang vorgestellte Konzept und Projektprogramm des ZDK e.V. Wurzen ist Ergebnis der ehrenamtlichen Arbeit von fünf engagierten jungen Menschen aus Wurzen und der professionellen Mitarbeit der RAA Neue Länder, mit denen ich in den letzten Monaten intensiv zusammenarbeitete.

I. Theoretischer Rahmen

I. A. Habitus und sozialräumliche Differenzierung nach Pierre BOURDIEU

„Der Habitus ist nichts anderes als jenes immanente Gesetz,

jene den Leibern durch identische Geschichte(n) aufgeprägte

lex insista, welche Bedingung nicht nur der Abstimmung der Praktiken,

sondern auch der Praktiken der Abstimmung ist.“[15]

I n diesem ersten theoretischen Abschnitt soll das Sozialraummodell BOURDIEU‘s dargestellt werden. Es bildet die Grundlage zum Verständnis des soziokulturellen Raumes und damit die Basis für fundierte sozialpädagogische Interventionen innerhalb desselben.

Die Strukturen des sozialen Raumes haben zwei, miteinander in Beziehung stehende, Dimensionen.[16] Sie existieren einerseits in der „Objektivität erster Ordnung“, dem sozialen Feld, das durch die Akkumulation und Distribution materieller Ressourcen - mit BOURDIEU gesprochen, durch die Verfügbarkeit von Kapitalarten innerhalb verschiedener Milieus - gekennzeichnet ist. Die „Objektivität zweiter Ordnung“ ist der Habitus. Er wird aus den mentalen und körperlichen Ressourcen der sozialen Akteure, den später näher beschriebenen Kapitalarten, gebildet. Sie fungieren als symbolische Matrix des praktischen Handelns.

MARX zufolge drückt „die Gesellschaft [...] die Summe der Beziehungen, Verhältnisse der Individuen zueinander [...]“ aus.[17] BOURDIEU folgt dieser Auffassung mit methodischer Strenge und versteht seine beiden zentralen Begriffe ‚Habitus‘ und ‚Feld‘ als Bündelung von Relationen.[18] Mikrosoziologie und Makrosoziologie, Strukturalismus oder Konstruktivismus, Objektivismus oder Subjektivismus sind für Bourdieu keine unverbindbaren Pole mehr. „Die Theorie der Praxis als Praxis erinnert gegen den positivistischen Materialismus daran, daß Objekte der Erkenntnis konstruiert und nicht passiv registriert werden, und gegen den intellektualistischen Idealismus, daß diese Konstruktionen auf dem System von strukturierten und strukturierenden Dispositionen beruht, das in der Praxis gebildet wird und stets auf praktische Funktionen ausgerichtet ist.“[19] Die Dualität von sozialem Feld und Habitus zeigt einerseits die verschiedenen Machtgeflechte und die für den Kampf um kulturelle Hegemonie zur Verfügung stehenden materiellen Ressourcen. Hier lehnt er sich stark an MARX an. Andererseits untersucht BOURDIEU’s Theorie die spezifischen Voraussetzungen und kulturellen sowie historischen Hintergründe, auf deren Basis die in den sozialen Feldern agierenden Akteure denken und handeln. Das beweist eine starke Affinität zu Max WEBER. In dieser Verknüpfung gelingt ihm ein sehr detaillierter Blick auf den sozialen Raum.

I. A. 1. Habitus

B OURDIEU konzeptualisiert seinen Habitus-Begriff in der Bedeutung von Anlage, Haltung, Erscheinungsbild, Gewohnheit oder Lebensweise. „Durch transformierende Verinnerlichung der (klassenspezifisch verteilten) materiellen und kulturellen Existenzbedingungen entstanden, stellt der Habitus ein dauerhaft wirksames System dar, das sowohl den Praxisformen sozialer Akteure, als auch den mit dieser Praxis verbundenen alltäglichen Wahrnehmungen konstitutiv zugrunde liegt.“[20] So vermittelt der Habitus Rationalität im alltäglichen Handeln zur Entwicklung von Handlungsstrategien und Verhaltensweisen. Der Habitus erzeugt Formen des Verhaltens (Praktiken) und der Wertung (Geschmacksvorstellungen/Ästhetik) und ist ein Mechanismus, der in den Akteuren wirkt, obwohl er das Verhalten nicht völlig determiniert. BOURDIEU hebt in den Anteil des alltagspraktischen Handelns sozialer Akteure an der kontinuierlichen (Re-)Produktion der Gesellschaft hervor.

Wichtig am bourdieuschen Habitus-Modell ist die Einbeziehung der historischen Dimension, des Lernens aus den Erfahrungen der Generationen vor uns. Sozialisation, aber auch Machtverteilung und Status werden nicht nur in ihrer Bedeutung für die Interaktionen zwischen Individuen erkannt, sondern auch als Aneignungsprozeß: „Als Produkt der Geschichte produziert der Habitus individuelle und kollektive Praktiken, also Geschichte, nach den von der Geschichte erzeugten Schemata; er gewährleistet die aktive Präsenz früherer Erfahrungen, die sich in jedem Organismus in Gestalt von Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata niederschlagen und die Übereinstimmung und Konstantheit der Praktiken im Zeitverlauf viel sicherer als alle formalen Regeln und expliziten Normen zu gewährleisten suchen.“[21]

I. A. 2. Kapitalformen

D ie den Habitus sozialer Akteure erzeugenden Eigenschaften nennt BOURDIEU Kapital(-formen) im Sinne von Ressource oder Vermögen. Er unterscheidet vier Kapitalarten: Das soziale Kapital bezeichnet „die Summe der aktuellen oder virtuellen Ressourcen, die einem Individuum oder einer Gruppe aufgrund der Tatsache zukommen, daß sie über ein dauerhaftes Netz von Beziehungen, einer – mehr oder weniger institutionalisierten - wechselseitigen Erkenntnis und Anerkenntnis verfügen; es ist also die Summe allen Kapitals und aller Macht, die über ein solches Netz mobilisierbar sind.“[22] Die beiden für unseren Zusammenhang wichtigen Kapitalformen, die die Milieus des sozialen Raumes bilden, sind das kulturelle und das ökonomische Kapital. Zu diesen drei Sorten kommt noch das symbolische Kapital hinzu, das die Form ist, die eine dieser Kapitalsorten annimmt, wenn sie über Kategorien wahrgenommen wird, die seine spezifische Logik anerkennen.[23] So hat kulturelles Kapital bspw. für Menschen in intellektuellen Milieus einen hohen Symbolgehalt, also ein hohes symbolisches Kapital, während ökonomisches Kapital hier nicht so hoch eingestuft wird.

I. A. 2. 1. Ökonomisches Kapital

Die ökonomische Dimension gesellschaftlichen Kapitals umfaßt alle Elemente, die sich in Geld ausdrücken bzw. mit Geld erwerben lassen. Diese Kapitalform, ihre Akkumulationsformen und Wirkungsweisen sind eingehend von MARX beschrieben worden. Als Kriterium zur Bestimmung von Klassen sieht BOURDIEU nicht ausschließlich die Verfügungsmacht über materielles Eigentum, sondern ebenso über das kulturelle Kapital. Dabei entwickelt er einen Kapitalbegriff der weit über das ökonomistische Modell der meisten, materialistisch geprägten, GeisteswissenschaftlerInnen hinausgeht. „Die Wirtschaftstheorie hat sich (nämlich, d.V.) ihren Kapitalbegriff von einer ökonomischen Praxis aufzwingen lassen, die eine historische Erfindung des Kapitalismus ist. Dieser wirtschaftswissenschaftliche Kapitalbegriff reduziert die Gesamtheit der gesellschaftlichen Austauschverhältnisse auf den bloßen Warenaustausch, der objektiv und subjektiv auf Profitmaximierung ausgerichtet und vom (ökonomischen) Eigennutz geleitet ist. Damit erklärt die Wirtschaftstheorie implizit alle anderen Formen sozialen Austausches zu nicht-ökonomischen, uneigennützigen Beziehungen.“[24]

I. A. 2. 2. Kulturelles Kapital

Kulturelles Kapital nennt BOURDIEU diejenigen Kapitalformen, die sich nicht unmittelbar in Geld ausdrücken bzw. erwerben lassen. Kulturelles Kapital kann in drei Formen existieren:

1. Verinnerlichter Zustand, in Form von dauerhaften Dispositionen des Organismus:
Die Akkumulation von Kultur setzt einen Lernprozeß voraus, der Zeit kostet. Diese Zeit muß vom ‚Investor‘ persönlich investiert werden; ein Delegationsprinzip ist hier ausgeschlossen.[25] Mensch bezahlt quasi mit seiner Person in Form von Zeit, aber auch von „sozial konstituierter Libido“[26] (Geduld, Ausdauer, Fleiß, etc.). „Inkorporiertes Kulturkapital ist ein Besitztum, das zu einem festen Bestandteil der Person, zum Habitus geworden ist; aus Haben ist Sein geworden.“[27] Oder anders ausgedrückt: „Was der Leib gelernt hat, das besitzt man nicht wie ein wiederbetrachtbares Wissen, sondern das ist man.“[28] Verinnerlichtes kulturelles Kapital kann deshalb, anders als Geld, Besitz oder Adelstitel, nicht verschenkt, vererbt oder durch Tausch kurzfristig weitergegeben werden. Der Besitz kulturellen Kapitals hat trotzdem großen Prestigewert. Er wird jedoch weit diffiziler wahrgenommen und gebraucht als ökonomisches Kapital.
2. Objektivierter Zustand:
Objektiviertes Kulturkapital sind käufliche Ergebnisse inkorporierten Kulturkapitals wie beispielsweise Bücher, Gemälde, Maschinen, Instrumente etc.[29] Übertragbar ist hier das juristische Eigentum, nicht aber die Voraussetzung zur Aneignung des objektivierten Kapitals, das Verfügen über die kulturellen Fähigkeiten zu deren Gebrauch (etwa dem Genuß der Buchlektüre oder dem Gebrauch der Maschine). Kulturelle Güter können demzufolge materiell angeeignet werden, was ökonomisches Kapital voraussetzt. Sie können aber auch symbolisch angeeignet werden (Buchlektüre, Ausstellungsbesuch), was inkorporiertes Kulturkapital voraussetzt.
3. Institutionalisierter Zustand:
Durch den (schulischen oder akademischen) Titel wird dem von einer bestimmten Person inkorporierten kulturellen Kapital institutionelle Anerkennung verliehen. Durch den Titel wird eine Wertbestimmung kulturellen Kapitals möglich, die sich auch in ökonomischem Kapital messen läßt. Der Titel ist somit das Produkt einer Umwandlung von kulturellem in ökonomisches Kapital. Der Wert eines Titelinhabers ist „im Vergleich zu anderen unauflöslich mit dem Geldwert verbunden, für den er auf dem Arbeitsmarkt getauscht werden kann.“[30]

I. A. 3. Soziale Milieus als Machtzentren im sozialen Feld

E ng mit dem Kapitalbegriff verbunden ist das soziologische Konzept des ‚Feldes‘. Es erinnert daran, daß die „vom Habitus generierte Praxis [...] nicht in einem neutralen Raum, einem unorganisierten Vakuum stattfindet, sondern in einem strukturierten Rahmen“.[31] Das soziale Feld ist ein mehrdimensionaler Raum von Positionen. Demgemäß verteilen sich die Milieus sozialer „Akteure auf der ersten Raumdimension je nach Gesamtumfang an Kapital, über das sie verfügen; auf der zweiten Dimension je nach Zusammensetzung dieses Kapitals, daß heißt je nach dem spezifischen Gewicht einzelner Kapitalsorten, bezogen auf das Gesamtvolumen.“[32] Das soziale Feld ist der Raum, in dem Konflikte und Konkurrenzen[33] ausgetragen werden. Hier kämpfen die Milieugruppen um die Erlangung des Monopols auf die in ihm wirksame Kapitalsorte (kulturelle Autorität im künstlerischen Feld, wissenschaftliche Autorität im wissenschaftlichen Feld usw.), um den Erhalt oder die Veränderung von gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen.[34] Es geht in diesem Streben nach Hegemonie um die Durchsetzung derjenigen Definition der Welt, die ihren jeweiligen Partikularinteressen am meisten entspricht.[35] Die schon beschriebenen Kapitalarten stellen das theoretische Kriterium zur Differenzierung der sozialen Milieus dar, die außerdem durch ihren spezifischen Spielraum und die jeweiligen Spielregeln definiert sind. Innerhalb der verschiedenen Milieus entstehen um die kapitalstärksten Akteure und Gruppen Kraft- und Machtzentren. Soziale Felder sind also als Praxis-, Kraft-, Spiel- und Kampffelder beschreibbar.[36] Jedes soziale Milieu hat eigene Wertevorstellungen, Normen und Strukturen, nach denen es funktioniert. Die in den verschiedenen Milieus lebenden sozialen Akteure kämpfen, abhängig von ihren Positionen und Ressourcen, darum, die Milieugrenzen und Konfigurationen (Machtverhältnisse) zu erhalten oder gegebenenfalls zu ihren jeweiligen Gunsten zu verändern.

I. A. 3. 1. Soziale Klassen

Klassen sind Ensembles von Akteuren mit ähnlichen Positionen im sozialen Feld, die, da sie ähnlichen Konditionen und Konditionierungen (Sozialisation) unterworfen sind, aller Voraussicht nach ähnliche Dispositionen und Interessen aufweisen.[37] Folglich werden bei ihnen ähnliche Praktiken, Wertemuster und politisch-ideologische Einstellungen zu finden sein. Bourdieu unterscheidet zwischen den vom Soziologen theoretisch konstruierbaren „objektiven Klassen“ einerseits und den real mobilisierten und politisch kämpfenden Gruppen und Klassen andererseits. „Bei Letzteren handelt es sich um ein Ensemble von Akteuren, die sich auf der Grundlage homogener vergegenständlichter oder inkorporierter Eigenschaften und Merkmale zusammengefunden haben, zum Kampf um Bewahrung oder Änderung der Verteilungsstruktur der vergegenständlichten Eigenschaften.“[38] Dies heißt, daß die mobilisierte Klasse eine zeitlich begrenzte Erscheinung im Sinne einer Kampfhandlung gegenüber einer als inakzeptabel empfundenen Bedingung darstellt, eine starke Parallele zum marxschen Begriff der ‚Klasse für sich‘. Diese Form der Klassenbildung liegt in der Logik des politischen Kampfes. Jede politische Demonstration nimmt die Fähigkeit in Anspruch, den Interessen einer Gruppe Ausdruck zu verleihen. BOURDIEU versteht dies als konstruktiven Akt auf der objektiven Grundlage sozialer Differenzierung.[39] Eine so verstandene Mobilisierung von Gruppen „kann nur um den Preis einer kollektiven, immer zugleich theoretischen und praktischen Arbeit Existenz erlangen.“[40] Die Erfolgschancen der zur Schaffung einer geeinten Gruppe notwendigen Konstituierungs- und Konsekrierungsarbeit (Vergabe von Namen, Symbolen, Erkennungszeichen, öffentliche Kundgebungen) sind um so größer, je näher sich die zusammengeschlossenen Akteure im sozialen Raum bereits standen.[41]

Die ‚objektive Klasse‘ hingegen sieht in ihrem Streben den Erhalt der eigenen inhärenten Identität. Zwar kann auch sie zeitlich begrenzt sein, das heißt über die Zeit neue Einflüsse verarbeiten oder gar aussterben, doch ist ihre Struktur viel komplexer gestaltet. Sie bezieht in ihre Identität eine Vielzahl von Faktoren ein, welche ein vollständiges Existieren in einer gewissen gesellschaftlichen Position, einschließlich Beruf, Religion, Erziehung und dergleichen, ermöglicht. Dieser Klassenbegriff ist stark an den von MARX geprägten Begriff ‚Klasse an sich‘ angelehnt. BOURDIEU verneint die reale Existenz von Klassen ohne den Kern dessen zu verneinen, was mit dieser Konstruktion ausgedrückt werden soll, „nämlich die soziale Differenzierung, die zum Ursprung individueller Antagonismen und [...] kollektiver Konfrontationen zwischen den auf unterschiedlichen Positionen im sozialen Raum plazierten Akteuren werden kann.“[42] Diese Differenzierung nennt BOURDIEU ‚Distinktionen‘ (Unterschiede). In den alltäglichen Unterschieden der Lebensführung zeigt sich symbolisches Kapital. Dies ist eine ökonomische, politische, kulturelle oder sonstige Macht, die in der Lage ist, sich (auf dem „Schlachtfeld des sozialen Feldes“[43] ) Anerkennung zu verschaffen. „Mit BOURDIEU‘s Distinktions- und Lebensstiltheorie ist also zugleich, und darin unterscheidet sie sich von den meisten gängigen kultursoziologischen Ansätzen, eine Soziologie der Herrschaft (Hegemonie) verbunden.“[44] Diese Erweiterung seines kultursoziologischen Blicks erklärt sich dadurch, daß Kultur für Bourdieu „ein Herrschaftsprodukt ist, dazu bestimmt, Herrschaft auszudrücken und zu legitimieren.“[45] Hier wird die zentrale Bedeutung von Bildung und Sozialisation für die Analysen Bourdieus deutlich. Mensch bekommt eine Vorstellung von dem Zusammenhang, der zwischen Kultur und Bildung auf der einen und der Reproduktion und Legitimation bestehender Herrschaftsverhältnisse auf der anderen Seite besteht.

I. A. 3. 2. Wertewandel und Prestigepositionen sozialer Milieus im sozialen Feld

Untersuchungen über den Wertewandel zeigen, daß Menschen, die über geringes kulturelles und ökonomisches Kapital verfügen, vorwiegend materiell orientiert sind, während solche, die materiell einigermaßen gesättigt eher kulturellen Kapitalformen, zuneigen.[46] Die gesellschaftliche Rangordnung, das soziale Kapital, organisiert sich dabei in umgekehrter Richtung als die Verbreitung des kulturellen Wandels.[47] Die Menschen versuchen ihr Sozialkapital zu steigern, indem sie sich Gegenstände und Verhaltensweisen derjenigen sozialen Klassen und Gruppen aneignen, die den nächsthöheren Rang einnehmen. Auf diese Weise wandern kulturelle Praktiken und Werte der ökonomischen und kulturellen Eliten innerhalb der Gesellschaft von Segment zu Segment von oben rechts nach unten links (entgegengesetzt zu den in Abb. 1 vermerkten Pfeilen, die die soziale Orientierungsrichtung darstellen):

Abb. 1: nach WAGNER, W. 1996: Kulturschock Deutschland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ausgestoßene Kulturelles Kapital

Kulturelle Eliten verfügen über ein Maximum an kulturellem Kapital, welches meist nur durch einen erheblichen Aufwand an ökonomischem Kapital zu erreichen ist (Bildung kostet). Die ökonomische Elite hingegen definiert sich durch ihr Einkommen oder Vermögen, läßt aber ihren Kindern mittels dieser Ressource gern gediegene Bildung zukommen. Die Funktion der Avantgarde in Kunst und Wissenschaft ist übertragbar auf die Entwicklung alltagskultureller Muster für die BOURDIEU ganz ähnliche stilistische Differenzierungen gefunden.[48] Aus dem ausgefallenen Stil entsteht bei den kulturellen Eliten ein verfeinerter Stil, der von den ökonomischen Eliten ins Repräsentative gewendet wird und als protzige Karikatur bei den Neureichen erscheint.

Die Verbreitung kultureller Praktiken durch Imitation scheint an zwei Bedingungen geknüpft. Erstens darf zwischen imitiertem und imitierenden Milieu kein allzu großer sozialer Abstand bestehen und zweitens muß der soziale Kontakt intensiv sein. Die alte BRD ist in den Jahren vor der Vereinigung immer mittelständiger und differenzierter geworden, während in der DDR eine Entdifferenzierung und Angleichung innerhalb der Gesellschaft stattfand. Gründe dafür waren die Flucht großer Teile der traditionellen ökonomischen und kulturellen Eliten aus der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und die bis in die Mitte der 80er Jahre staatlich betriebene Auflösung der traditionellen Mittelschicht (Proletarisierung). Außerdem bestand in der DDR ein „Bildungsprivileg für Angepaßte“[49], Unangepaßte und Ausgestoßene wurden automatisch mit Entzug kulturellen Prestiges bestraft. So entstanden innerhalb der DDR, grob beschrieben, zwei Kulturen: die übergroße Mehrheit der Angepaßten und die kleine Minderheit der Unangepaßten.

I. B. Kulturtheorie

I m Folgenden will ich verschiedene Konzepte von ‚Kultur‘ darlegen um zu einer kultursoziologischen Darstellung zu gelangen, die den durch BOURDIEU beschriebenen Sozialraum weiter ausleuchtet. Ich suche nach räumlichen und sozialen Kontinuitäten im Sozialraum, stelle mir die Frage, ob Welche kulturellen Einflüsse prägen die Menschen verschiedener sozialer Milieus und auf welche Weise geschieht das? Kann eine dichotome (bspw. an gleichen Werten orientierte) Kultur eines sozialen Raumes beschrieben werden? Wer sich mit der rechtsextremen Dominanzkultur in Ostdeutschland auseinandersetzt, kommt um eine Definition des Kulturbegriffs nicht herum. Es geht mir dabei um die Beschreibung des Inhalts sozialer Raumes, nachdem ich mit Bourdieu deren Struktur beleuchtet habe. In diesem Zusammenhang konzentriere ich mich auf die ‚politische Kultur‘ als Ausdruck öffentlichen, politisch motivierten Agierens im sozialen Feld.

Ich möchte herausarbeiten, welcher kulturelle Wertehintergrund es ist, der Jugendliche meinen läßt‚ ‚rechts sein‘ sei normal und ‚rechtsextrem sein‘[50] sei die Vollstreckung des ‚Volkswillens‘. Bevor aber näher auf den alltäglichen Kampf um Hegemonie im öffentlichen (Werte-)Raum eingegangen wird, muß der Begriff ‚Kultur‘ als solcher erklärt werden:

‚Kultur‘, von (latein.) colere, bedeutet ursprünglich ‚Pflege‘ oder ‚Veredlung‘. Während ‚Kultur‘ in der westlichen Welt als Synonym für Zivilisation verstanden wurde, waren diese beiden Begriffe in der deutschen Tradition lange Antipoden. ‚Zivilisation‘ stammt vom lateinischem Wort civilis (Bürger), und bedeutete im französischen bzw. englischen Sprachgebrauch einen fortschreitenden Prozeß der menschlichen Entwicklung, die Bewegung von der Barbarei zur Ordnung.[51]

I. B. 1. Alltags-, Hoch- und Nationalkultur

W ir alle leben auf mehreren kulturellen Ebenen zugleich. Manchmal wirken wir in der Sphäre der elitären Hochkultur oder tauchen gelegentlich, beim Schreiben von Diplomarbeiten etwa, in sie ein. Doch die enge soziale Einbindung in Milieus bedeutet für die meisten von uns das eigentliche, lebenswerte Leben in der Alltagskultur.

Das Bedürfnis nach ‚Heimat‘ und ‚Identität‘ gehört zum Wesen des Menschen selbst. Alltagskulturelle Daseinsformen bilden sich immer wieder von Neuem heraus, selbst in den Metropolen. Hier schwingen „die Gefühlswerte des Einfachen und Einfühlbaren, [...] sowie des Althergebrachten und Traditionsgeleiteten mit, ein Gefühlsakkord, der Zusammengehörigkeit stiftet.“[52] Hochkultur dagegen wird als „Qualität (verstanden, d.V.), die Distanzen und Hierarchien erzeugt und die Menschen voneinander isoliert.“[53] Ihr eignet die Fähigkeit zur Abstraktion und Analyse von Situationen aus der Metaebene. Wissenschaft muß in diesem Verständnis unweigerlich zur Hochkultur gehören, während die Alltagskultur lange Zeit kein Forschungsgegenstand war. Der konstruierte Gegensatz zwischen Alltags- (Subjektivismus) und Hochkultur (Objektivismus) ist menschheitsgeschichtlich relativ jung. In allerjüngster Zeit tauchte hier noch ein dritter Konkurrent auf: die Nationalkultur.

[...]


[1] Wagner, B. in: Bulletin 2/97: 3, vgl. dazu auch STÖSS bzw. KLICHE, zitiert in: Butterwegge 1996: 10f.

[2] Vgl. Pfeiffer: Fremdenfeindliche Gewalt im Osten –Folge der autoritären DDR-Erziehung? in: Der Spiegel Nr. 12/99, 23. 03. 99

[3] BECKs 1986 erschienenes Buch "Risikogesellschaft" bildet u. a. die theoretische Grundlage für HEITMEYERS Erklärungsmuster rechtsextremistischer Orientierungen bei Jugendlichen (Individualisierungstheorie). BECK geht dabei von einer gesellschaftlichen Entwicklung westlicher Industrieländer aus, in der klassische Werte zerfallen, sich traditionelle Lebensformen in Auflösung befinden, durch die Bewußtheit der ökologischen Krise Angst und Sinnverlußt entsteht, mit der Auflösung der politischen Blöcke ein Verlust an Feindbildern einhergeht und dies alles zu einer vermehrten Suche nach Verläßlichkeit und Halt führt. Rechtsextreme Jugendgewalt wird als Artikulation und Hilferuf einer „verlorenen Generation“ gedeutet oder als Ausdruck einer Selbstsuche innerhalb der Adoleszens. Andere WissenschaftlerInnen stellen die Erkenntnis in den Vordergrund, daß Jugendgewalt fast ausschließlich Gewalt von jungen Männern ist oder stellen ethnologisch motivierte Vermutungen über Mutproben als Initiationsriten an.

[4] STÖSS zitiert in: Butterwegge 1996: 11

[5] Vgl.: Pfeiffer, das.

[6] Vgl.: das.

[7] Das. (vollständig im Anhang)

[8] Stöss 1999: 137f.

[9] Vgl.: Bulletin 4/1998: 17ff.

[10] Vgl.: Wagner, B. in: Bulletin 2/1997: 4f.

[11] Vgl. dazu Definition Zivilgesellschaft in dieser Arbeit (Kapitel I. D.)

[12] Vgl.: Kahane in: Bulletin 1/1997: 3ff.

[13] Das.

[14] Butterwegge 1996: 23

[15] Bourdieu 1985a: 111

[16] Vgl. Bourdieu/Wacquant 1992: 24f.

[17] Das.: 36

[18] Vgl. das.: 34f.

[19] Bourdieu 1985a: 97

[20] Schwingel 1998: 67

[21] Bourdieu 1985a: 101f.

[22] Bourdieu/Wacquant 1992: 151/152

[23] Vgl. das.

[24] Steinrücke 1992: 50f.

[25] Vgl. Steinrücke 1992: 52ff.

[26] Das.: 55

[27] Das.: 56

[28] Bourdieu 1987: 135

[29] Vgl. das.: 59f.

[30] Das.: 62

[31] Schwingel 1998: 77

[32] Bourdieu 1985a: 11

[33] Vgl. Bourdieu/Wacquant 1992: 38f.

[34] Vgl.: Bourdieu 19985b: 49

[35] Vgl. Bourdieu/Wacquant 1992: 34

[36] Vgl. Schwingel 1998: 91 und Bourdieu 1985b: 49f.

[37] Vgl. Bourdieu 1985a: 12

[38] Bourdieu 1982: 175

[39] Vgl.: Bourdieu 1985b: 48

[40] Das.: 50

[41] Vgl. das.

[42] Das.: 51

[43] Vgl. Bourdieu/Wacquant 1992: 38f.

[44] Das.: 113

[45] Das. 114

[46] Vgl.: Abb. 1, soziale Milieus in Ostdeutschland

[47] Vgl.: Wagner W. 1999: 82

[48] Vgl. das.: 86

[49] KLIER, zitiert in: das.: 97

[50] Vgl.: Begriffsdefinition im Anhang

[51] Stagl 1995: 15

[52] MÜHLMANN zitiert in: Stagl 1995: 16

[53] Das.

Details

Seiten
78
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638546973
Dateigröße
1013 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v61189
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Dresden (FH)
Note
2,0
Schlagworte
Rechtsextreme Jugendkulturen Herausforderung Bildungskonzepte

Autor

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Titel: Rechtsextreme Jugendkulturen als Herausforderung sozialpädagogischer Bildungskonzepte