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Der Einstieg in die Unterwelt beginnt im Kopf

Zur Interpretation der altägyptischen Jenseitsliteratur

Ausarbeitung 2005 20 Seiten

Ägyptologie

Leseprobe

Gliederung

1. Einführung

2. Das Unbewusste aus der Sicht von Sigmund Freud

3. Das Unbewusste aus der Sicht von Carl Gustav Jung

4. Die Jenseitsliteratur aus der Sicht von Jan Assmann

5. Die Jenseitsliteratur aus der Sicht von Erik Hornung

6. Schamanismus und die altägyptischen Seelenvorstellungen

7. Schamanismus und außerkörperliche Erfahrungen

8. Die Jenseitsliteratur aus der Sicht des Schamanismus

9. Fazit

Der Einstieg in die Unterwelt beginnt im Kopf.

Zur Interpretation der altägyptischen Jenseitsliteratur. [1]

1. Einführung

Es handelt sich bei der Jenseitsliteratur, von den Pyramidentexten bis zu den Unterweltsbüchern, um Schriften für den Verstorbenen, die ihm zur Wiedergeburt verhelfen sollten. Es gibt zwar viele Arbeiten, die sich mit diesen Texten beschäftigen, aber praktisch keine, die sich mit der Frage auseinander setzen, woher das spezielle Wissen, das in der Jenseitsliteratur verarbeitet wurde, stammt. Erik Hornung ist einer der wenigen Ägyptologen, die diese Frage konkret beantworten. Seiner Meinung nach stammt dieses Wissen aus dem kollektiven Unbewussten. Er bezieht sich bei seiner Deutung auf die Psychologie Carl Gustav Jungs. Zu einem ähnlichen Schluss gelangt auch Jan Assmann, der ebenfalls meint, dass die Informationen aus dem Unbewussten stammen. Er richtet sich bei seiner Deutung aber nach Aspekten der Psychologie Sigmund Freuds. Beide Interpretationen basieren also auf zwei unterschiedlichen tiefenpsychologischen Sichtweisen.

Es gibt auch die Möglichkeit, diese Texte aus schamanischer Sicht zu deuten. Der Schamane[2] begibt sich mittels bestimmter Techniken auf Seelenreise, um sich im jenseitigen Bereich um die Seele des Verstorbenen zu kümmern. Er sucht sie, fängt sie ein, begleitet sie, beschützt sie, bringt sie zurück oder weist ihr den Weg. Ich denke, dass es im Alten Ägypten Schamanismus gab, der aber im frühen Alten Reich aus dem institutionalisierten Kult verdrängt wurde.[3] Die Jenseitsliteratur als Ergebnis von Überarbeitungen schamanischer Erfahrungen durch die späteren Priester zu interpretieren, macht nicht nur die jeweiligen Inhalte und Veränderungen dieser Texte im Laufe der Jahrhunderte verständlich, sondern bindet auch andere religiöse Phänomene, wie zum Beispiel die altägyptische Seelenvorstellung, mit ein.

2. Das Unbewusste aus der Sicht von Sigmund Freud

Sigmund Freud entwickelte ein Drei-Instanzen-Modell der Psyche: mit dem Es, Über-Ich und Ich. Das Es ist unbewusst. Es ist der Ort archaischer Vorstellungen und Verhaltensmuster und die Quelle unbewusster Triebregungen und Triebwünsche. Das Es lässt sich zwar nicht bewusst machen, aber durch die Traumanalyse zumindest erhellen. Das Über-Ich widmet sich der Selbstbeobachtung. Man kann es als Produkt einer Konditionierung durch elterliche oder gesellschaftliche Gebote und Verbote bezeichnen. Als Gewissen oder moralische Instanz mit bestimmten Wertvorstellungen beurteilt es die Gedanken, Gefühle und Handlungen des Ichs. Das Ich nimmt den Körper als von der Außenwelt gesondertes Wesen wahr, denkt, erinnert, fühlt, führt den Willen aus, sucht nach rationalen Lösungen. Das Ich kann als das bewusst Erfahrene bezeichnet werden, das aber sowohl vom Über-Ich als auch vom Es beeinflusst wird.

Die von den Trieben motivierten Wünsche werden vom ersten Lebensjahr an ins Unbewusste verdrängt, wo zwischen dem moralischen Über-Ich und dem triebhaften Es ein permanenter unbewusster Konflikt stattfindet, der das menschliche Verhalten motiviert und sich vor allem in Form von Träumen äußert. Nach Freud ist der Traum eine Wunscherfüllung in Form einer Ersatzhandlung, weil der aus der Kindheit stammende unbewusste, triebhafte Wunsch nicht wirklich, sondern nur im Traum befriedigt werden kann. Für Freud geben diese infantilen Wünsche und Fantasien nicht nur Auskunft über die individuelle Kindheit, sondern ermöglichen auch Einblicke in die phylogenetische Kindheit und somit in die Entwicklung der Menschheit. Freud spricht in diesem Zusammenhang von seelischen Altertümern und unsterblichen Wünschen des Unbewussten.[4]

Weil, so Freud, in den Träumen in erster Linie verdrängte infantile, sexuelle und aggressive Wünsche zum Ausdruck kommen, bedarf es einer Art Zensor, der mittels komplexer psychischer Vorgänge wie Verdichtung, Verschiebung oder Symbolisierung den Traum so umgestaltet, dass er für den Träumer annehmbar wird. Freud unterscheidet auf Grund dessen den „manifesten Trauminhalt“ (das, was der Träumer erinnert) und den „latenten Trauminhalt (die eigentliche Bedeutung des Traums), wobei letzterer nur durch eine psychoanalytische Untersuchung herausgefunden werden kann („freie Assoziation“). Für Freud ist die Traumdeutung der „Königsweg" zum Verständnis des Unbewussten.

3. Das Unbewusste aus der Sicht von Carl Gustav Jung

Nach C. G. Jung besteht die Psyche aus dem Bewusstsein und dem Unbewussten, wobei er das Unbewusste in das persönliche und das kollektive Unbewusste unterteilt. Das Zentrum des Bewusstseins ist das Ich. Es ist zuständig für die Aufrechterhaltung der persönlichen Identität. Alles, was das Ich - oder das Bewusstsein - nicht wahrnimmt, wandert in das persönliche Unbewusste. Hier findet sich alles Vergessene, Verdrängte, unterschwellig Wahrgenommene, Ignorierte und Gefühlte. Im kollektiven Unbewussten finden sich dagegen ererbte Inhalte - die Archetypen - das psychische Erbe der Menschheit. Archetypen sind angeborene Strukturen im Unbewussten, Wirkfaktoren, Möglichkeiten zum Erleben der Welt. Es sind keine vererbten Vorstellungen, Bilder oder Symbole, sondern Möglichkeiten zu deren Erscheinung und Gestaltwerdung. Sie ordnen das seelische Erleben nach bestimmten Grundmustern und lösen „in allen Menschen typische Verhaltensmuster, ähnliche Gedanken, Bilder, Gefühle, Ideen und Mythen aus, unabhängig von Klasse, Religion, Rasse, geographischer Lage und geschichtlicher Epoche“.[5] Sie sind in ihrer Gesamtheit der geistige Erfahrungsschatz der Menschheit.

Das Unbewusste entfaltet seine Wirkung am deutlichsten in Träumen, wo es sich untersuchen und interpretieren lässt. C. G. Jung sieht, anders als Freud, im Traum die unmittelbare Darstellung der inneren Wirklichkeit des Träumenden. Die Traumsprache ist nach Jung aber eine symbolische Sprache.

Die analytische Psychologie unterscheidet kompensatorische und archetypische Träume. Während die kompensatorischen Träume Material des persönlichen Unbewussten und somit der persönlichen Lebensgeschichte beinhalten, stammen archetypische Träume aus dem kollektiven Unbewussten und sind überpersönlicher Natur. Sie ereignen sich in wichtigen Übergangsphasen des Lebens wie in der Pubertät oder angesichts des Todes. „Emotional ist der Träumer meist tief ergriffen, aufgewühlt, erschüttert oder selig und beglückt. Ein numinoses Etwas hat uns berührt und läßt uns erkennen: wir begegneten einer anderen Welt.“[6] Nicht der Archetypus zeigt sich in den Träumen, sondern seine Symbole. Aus diesem Grund bedarf es eines speziellen Verfahrens zur Deutung dieser Träume, der „Amplifikation“. Darunter ist „die Erweiterung des Trauminhaltes durch die Anreicherung und Ergänzung der Traumbilder mit Symbolen der Märchen, Mythen, Religion, Kunst und allen kulturellen Überlieferungen der Menschheit“ zu verstehen.[7] Aus der Sicht der Jung’schen Psychologie lassen sich archetypische Träume zu jeder Zeit und aus jeder Kultur heraus analysieren.

4. Die Jenseitsliteratur aus der Sicht von Jan Assmann

Jan Assmann interpretiert die Jenseitsliteratur als Einweihungsliteratur, die seit dem Alten Reich von den Sonnenpriestern von Heliopolis tradiert wurde und seiner Meinung nach Ähnlichkeiten mit den hellenistischen Mysterien aufweist.[8] Nach Assmann weihten die altägyptischen Jenseitstexte die Initianden in die Geheimnisse um den Sonnengott ein - in Tod und Wiedergeburt - und können daher als eine Art Vorgeschmack auf die nachtodliche Einführung zu Osiris betrachtet werden.[9] Dieses geheime Wissen wurde, so Assmann, in früherer Zeit von den Priestern gehütet und erst später dem König als Grabbeigabe mitgegeben. Es handle sich um eine Art Wissensliteratur, die Kenntnisse über die Unterwelt kodifizieren und vermitteln wollte.[10] Sie diente der Unterrichtung und Einweihung zukünftiger Sonnenpriester und zur Vorbereitung der Eingeweihten auf den Tod und seine Überwindung durch das zu Lebzeiten erworbene Wissen.[11]

Assmann erklärt nicht explizit, dass er sich bei seiner Deutung der Herkunft der Inhalte der Jenseitsliteratur auf die Tiefenpsychologie bezieht. Er lässt aber kaum Zweifel darüber aufkommen, dass seine Interpretation von Aspekten der Psychoanalyse Freuds beeinflusst ist. So rechnet er den Ka eher dem Unbewussten zu und vergleicht ihn mit dem Über-Ich.[12] Auch die Quelle des speziellen Wissens, das in der Jenseitsliteratur verarbeitet wurde, vermutet er im Unbewussten, denn er sieht eine Analogie „zwischen der Welttiefe, in die der Sonnengott des Nachts hinabsteigt und der Unbewußtheit, in die der Mensch im Schlaf versinkt“.[13] Assmann setzt also die altägyptische Unterwelt mit dem Unbewussten gleich, wobei er, ebenso wie die Freud’sche Psychologie, nicht zwischen dem persönlichen und dem kollektiven Unbewussten unterscheidet. Daraus folgt, dass die Bilder der Nachtfahrt des Sonnengottes unbewussten Bildern des schlafenden Menschen entsprechen. Somit wären die Erlebnisse des Sonnengottes von Priestern zu Jenseitsliteratur verarbeitete Träume.

Auch die folgenden Ausführungen zur Herkunft des Jenseitswissens zeigen, dass Assmann die Quelle der Informationen im Unbewussten vermutet. Er meint, das Wissen stamme nicht aus Beobachtung, Messung oder Berechnung, sondern aus der Intuition und Imagination. Die beschriebene Wirklichkeit entziehe sich jeder Empirie, da sie unsichtbar und nicht wahrzunehmen sei. Der Großteil der Beschreibungen beruhe auf psychisch-imaginativem und nicht rational-kognitivem Wissen. Es gehe nicht um Repräsentation der Wirklichkeit, sondern um Auslegung der Wirklichkeit, und diese sei von Wunschfantasien bestimmt. Es handle sich eher um Wunschbilder der Seele als um empirische Realität.[14] Assmann meint, die Alten Ägypter seien in Bezug auf die Welt der Toten besonders sensibel gewesen. Er schreibt: „Ihre Sensibilität für diesen der normalen Wahrnehmung entzogenen Teil der Wirklichkeit war so hochentwickelt, daß sie sie in eine unerschöpfliche Fülle kultureller Formen - Riten, Bilder, Texte und Bauformen - umzusetzen verstanden.“[15]

[...]


[1] Dieser Aufsatz ist die ausgearbeitete Fassung meines gleichnamigen Vortrags bei der 37. Ständigen Ägyptologenkonferenz (SÄK) 2005 in Tübingen.

[2] Es gibt grundsätzlich auch Schamaninnen. Der Einfachheit halber benutze ich im Text nur die männliche Form.

[3] Weitere Hinweise, die diese These stützen, s. Sabine Neureiter, Schamanismus im Alten Ägypten, SAK 33, 2005, 281ff.

[4] Freud glaubte an die Hypothese Jean-Baptiste Lamarcks, dass erworbene Eigenschaften vererbt werden können (Anthony Storr, Freud, 1999, 105f).

[5] Anthony Stevens, Jung, 1999, 50. Es gibt eine begrenzte Anzahl von Archetypen, aber eine unbegrenzte Anzahl von archetypischen Symbolen.

[6] Klaus Harre, Träume weisen dir den Weg. Praxis der Traumdeutung nach C. G. Jung, 1981, 72

[7] Helmut Hark (Hg.), Lexikon Jungscher Grundbegriffe. Mit Originaltexten von C. G. Jung, 1988, 15

[8] Vgl. Erik Hornung, Das Totenbuch der Ägypter, 1990, 25

[9] Jan Assmann, Tod und Jenseits im Alten Ägypten, 2001, 275

[10] Assmann, Tod und Jenseits, 280

[11] Assmann, Tod und Jenseits, 282

[12] Assmann, Tod und Jenseits, 137

[13] Assmann, Tod und Jenseits, 283

[14] Assmann, Tod und Jenseits, 505f

[15] Assmann, Tod und Jenseits, 270f

Details

Seiten
20
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638546379
ISBN (Buch)
9783656499831
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v61111
Schlagworte
Einstieg Unterwelt Kopf Interpretation Jenseitsliteratur Vortrag Schamanismus Ägyptologie Psychologie Frühzeit Schamanentum Religion

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