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Grenzsituationen in der Pflege

Examensarbeit 2006 29 Seiten

Gesundheit - Pflegewissenschaft - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Vorgehensweise der eigenen Untersuchung
2.1 Fragestellungen
2.2 Kriterien der Auswahl
2.3 Auswertungen

3 Definitionen des Begriffes Grenzsituation

4 Der Pflegeberuf im Zusammenhang von Grenzsituationen

5 Pflegesituationen als Auslöser von Scham, Ekel oder Angst
5.1 Angst als Ursprungsemotion
5.2 Abwehr/Schutzemotion Ekel
5.3 Körperschamentwicklung
5.4 Schamgrenzen

6 Bewusstsein von negativen Gefühlen
6.1 Drei Ebenen der Gefühlsarbeit

7 Körperliche, seelische Symptomatik

8 Auswirkung auf uns und unser pflegerisches Handeln
8.1 Distanzierungsstrategien
8.2 Angst und Aggression
8.3 Autoaggressionen
8.4 Aphasien in der Pflege

9 Krankheit durch Verdrängung

10 Gefühlsbewältigung und Abgrenzung
10.1 Indirekte Bewältigungsstrategien
10.2 Direkte Bewältigungsstrategien
10.3 Strategien der befragten Pflegerinnen und Pfleger
10.4 Hilfreiche Bewältigungsstrategien

11 Institutionelle Erfordernisse

12 Fazits Quellen und weiterführende Literatur

Erklärung des Verfassers
Anhang A: Fragebogen zur Hausarbeit
Anhang B: Auswertungsformular zum Fragebogen

1 Einleitung

Im Jahre 1969 begann ich meine Ausbildung an der Schwesternvorschule des Kreiskrankenhauses Hoya. Zu damaliger Zeit wurden bestimmte Themen im Pflegealltag tabuisiert. „Über Gefühle spricht man nicht.“ „Eine Schwester ekelt sich nicht.“ „An der Tür des Krankenzimmers schaltet eine professionelle Pflegekraft ihre eigenen Gefühle ab.“ „Eine Krankenschwester hat immer zu funktionieren.“ „Der Patient steht im Mittelpunkt“ So ungefähr lauteten die Anweisungen unserer Unterrichtsschwester. Auch für die meisten Mitarbeiter, mit denen ich teilweise sehr eng zusammen gearbeitet habe, waren Gefühle, Grenzen, Ängste, nie ein Thema. Wir sind meist mit Scherzen über problematische Situationen hinweg gegangen. Oder wir sind zur Tagesordnung übergegangen. Nur nichts anmerken lassen.

Gefühlsregungen, vor allem wenn sie negativer Art sind, gelten heute wie damals in der Berufswelt der Pflegenden als meist nicht vorhanden. Schamgefühl, Angst und Ekel hat eine Pflegekraft nicht zu artikulieren. Im heutigen Berufsalltag kommen wir durch die Arbeitsverdichtung immer mehr an unsere Grenzen. Aber nicht nur die Grenzen der Leistungsfähigkeit werden überschritten. Auch unsere inneren Grenzen der Erziehung, des kulturellen Umfeldes oder unsere eigenen Schutzgrenzen müssen wir oft mehrmals täglich überschreiten. Sei es bei Kontakt mit Exkrementen oder nur dadurch dass wir einem fremden Menschen körperlich nahe kommen müssen. Wir überschreiten unsere, sowie seine Grenzen. Machen uns die damit verbundenen Emotionen nicht bewusst, verdrängen sie oder leiten sie unbewusst um.

Ich glaube; ein Mensch kann Leid, Schmutz oder unangenehme Gerüche nur in begrenztem Umfang bei anderen ertragen, wenn er sich nicht aktiv mit den damit verbundenen Gefühlen auseinander setzt.

Ich habe während meiner pflegerischen Tätigkeit viel unterschwellige und auch direkte Gewalt an Patienten/Altenheimbewohnern beobachtet. Oft war den pflegenden Mitarbeitern oder auch Angehörigen ihr Handeln nicht bewusst. Ich glaube es gibt einen Zusammenhang zwischen verdrängten Gefühlen und Erkrankungen bei Pflegenden.

In welchen Situationen fühlen sich Pflegende überfordert? Wo kommen sie an ihre Grenzen und wo müssen sie diese überschreiten? Welche Gefühle sind damit verbunden? Macht die Verdrängung von negativen Gefühlen krank? Hat die Verdrängung Auswirkungen auf unser pflegerisches Handeln? Und, wenn ja ? Wie kann man als Leitungskraft in der Pflege, dem entgegen wirken?

Um diese Fragen soll es in meiner Hausarbeit gehen. Ich verstehe diese Arbeit als Hilfestellung für Mitarbeiter in Pflegeberufen. Ich möchte der Sprachlosigkeit in meinem Berufsumfeld ein Ende bereiten und einen Anstoß geben, sich mit unliebsamen Gefühlen/Emotionen auseinander zu setzen.

2 Vorgehensweise der eigenen Untersuchung

Nach vorheriger Information und dem Einverständnis der jeweiligen Einrichtung habe ich sechzig Fragebögen verteilt. Die Fragestellung der Fragebögen wurde von mir selbst erarbeitet. Ich habe mich dabei an der Gliederung meiner Hausarbeit orientiert. Die Auswahlmöglichkeiten der einzelnen Fragen entstammen meiner über 35 jährigen Pflege Erfahrung. Bei jeder Frage bleibt Raum für eigene Anmerkungen oder andere von mir nicht genannte Begriffe oder Erfahrungen. Alle Angaben konnten anonym gemacht werden, auch anonym abgegeben werden. Das war ein überaus wichtiges Kriterium für die Mitarbeiter aus der Einrichtung in der ich selbst arbeite. Ich habe mich als Gesprächspartner angeboten falls sich bei Mitarbeitern durch die Fragen Probleme jedweder Art ergeben. Offiziell wurde dieses nicht angenommen aber es ergaben sich häufig nebenbei Gespräche die die Gefühlsebene der Mitarbeiter betrafen. Dabei wurden zum Teil große Ängste offenbar. Viele Mitarbeiter fanden die Auseinandersetzung mit der Thematik sehr belastend. Sie hatten teilweise Angst ehrlich zu antworten. Ein Mitarbeiter meinte wörtlich: „Was ist denn, wenn bei der Befragung rauskommt das ich völlig ausgebrannt bin?“ Anderen wiederum waren eigene Gefühle gar nicht bewusst. Eine Mitarbeiterin meinte: „Ich habe überhaupt keine schlechten Gefühle bei der Arbeit.“

Wenn im nachfolgenden Text von Pflegerinnen gesprochen wird sind Pflegende beider Geschlechter gemeint unabhängig der beruflichen Qualifikation.

2.1 Fragestellungen des Fragebogens

In welchen Situationen im Pflegealltag müssen Sie persönliche, gesellschaftliche oder fremde Grenzen überschreiten? Gemeint sind Schamgrenzen, Ekelgrenzen oder körperliche und psychische Nähe.

Welche Situationen oder Verrichtungen im Pflegealltag verursachen bei Ihnen Gefühle wie Angst, Scham oder Ekel?

Wie oft verursachen Ihnen Pflegeverrichtungen o. Situationen in Ihrem Pflegealltag Gefühle wie Angst, Scham oder Ekel?

Wie äußern sich diese Gefühle körperlich und gefühlsmäßig?

Welche Strategien haben Sie entwickelt um mit den Gefühlen der Angst, des Ekels und der Scham umzugehen?

Was hat Ihnen geholfen und was empfehlen Sie anderen Pflegekräften?

Können Sie in Ihrer Einrichtung über Gefühle im Zusammenhang mit Pflegesituationen sprechen?

Würde es Ihnen helfen, wenn sie über Gefühle, im Zusammenhang mit Pflegesituationen, in Ihrer Einrichtung sprechen könnten?

Was sollten Vorgesetzte/Einrichtungen tun?

Was sollten Ausbilder/Pflegeschulen tun?

Sind Gefühle wie Angst, Scham und Ekel im Pflegealltag eine Form der Schwäche?

Sind Sie schon einmal oder öfter durch verdrängte Gefühle im Pflegealltag krank geworden oder kennen Sie andere Auswirkungen bei sich persönlich?

Raum für Anmerkungen, Ideen, Hilfestellungen oder anderes[1]

2.2 Kriterien der Auswahl

Es wurden genau sechzig Fragebögen an Pflegerinnen aus den unterschiedlichsten Einrichtungen verteilt. Den größten Anteil haben Pflegekräfte aus dem Altenpflegebereich

- Einrichtungen:
Altenheim / Ambulanter Dienst/ Betreutes Wohnen
Tagespflege für Demenzerkrankte/Wohnbereich für Demenzerkrankte
OP Bereich
Stationärer Bereich im Krankenhaus
Notfallambulanz
Anästhesie
- Geschlecht:
7 männliche Pflegekräfte
53 weibliche Pflegekräfte wurden befragt.
- Alter:
Das Alter der Befragten bewegte sich in einer Spanne von 23 bis 54 Jahren
- Berufserfahrung:
Unter den Befragten befand sich eine Schülerin im 2. Ausbildungsjahr, ein Zivildienstleistender, welcher seit 3Monaten im Altenheim tätig war, bis zur examinierten Altenpflegerin mit 36 Jahren Berufserfahrung in der Kranken und Behindertenpflege.
- Ausbildungsstand:
Es wurde unabhängig des Ausbildungsstandes befragt. Nichtexaminiertes Hilfspersonal genauso wie examinierte Pflegekräfte. Wobei die nicht examinierten Kräfte in der Minderheit von ca. 15% waren.

2.3 Auswertungen

Jeder Fragebogen wurde per Punktsystem ausgewertet und in der Häufigkeit der Benennung erfasst. Schriftliche Anmerkungen wurden den passenden Vorgaben, wenn möglich, zugeordnet.

In den jeweiligen Kapiteln wird auf das Ergebnis pro Fragestellung eingegangen. Die eigenen Erhebungen wurden mit den Thesen der vorhandenen Literatur verglichen.

Es konnten 46 Bögen ausgewertet werden, mehr Fragebögen wurden nicht zurück- gegeben.[2]

3 Definitionen des Begriffes Grenzsituation

„Grenzsituation, von Karl Jaspers zuerst in Psychologie der Weltanschauungen (1919) gebrauchter Begriff für Situationen, in denen der Mensch seine Existenz als Unbedingtheit erfährt. Situation bezeichnet bei Jaspers die zugleich psychische und physische konkrete Wirklichkeit, in der ein Mensch jeweils lebt. Unter Situation ist die Wirklichkeit des individuellen Daseins zu verstehen. Situationen unterliegen grundsätzlich dem bewussten Willen des Individuums. Ebenso sind Situationen des Daseins wandelbar; sie können sich verändern und sind in gewissem Sinne zufällig. Es gibt jedoch auch letzte Situationen, die „mit dem Menschsein als solchem verknüpft, mit dem endlichen Dasein unvermeidlich gegeben sind“. Solche Situationen, die Jaspers als Grenzsituationen bezeichnet, können daher weder vom einzelnen Menschen willentlich herbeigeführt werden, noch sind sie wandelbar. Ebenso wenig kann ihnen ausgewichen werden. Grenzsituationen sind vielmehr unüberschreitbare Grenzen des endlichen menschlichen Lebens, da sie im Menschsein als solchem gründen. Dazu zählt Jaspers die Phänomene Zufall, Herkunft, Tod, Leiden, Kampf, Schuld sowie die Geschichtlichkeit des Daseins. Nach Jaspers gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, sich zu und in Grenzsituationen zu verhalten. In der Erfahrung solcher Situationen liegt, so Jaspers, die Möglichkeit, die eigene Existenz, sein Selbstsein zu erfahren: „Grenzsituationen erfahren und Existieren ist dasselbe“. Selbstsein wird im Existentialismus so verstanden, dass jeder Mensch über seine konkrete Lebensweise, sein Dasein, selbst entscheiden und verfügen kann. Er kann entscheiden, ob sein Leben selbst- oder fremdbestimmt ist und in welcher Weise dies geschieht. Selbstsein umfasst für Jaspers auch ein Ensemble von Möglichkeiten, auf eine bestimmte Art und Weise sein zu können, d. h. sein Leben zu gestalten und dabei eine bestimmte Haltung zum eigenen Leben einzunehmen. Das Erfahren von Grenzsituationen, in denen die eigene Gestaltungsfreiheit an einer unüberwindbaren Grenze scheitert, dient dazu, sich Klarheit darüber zu verschaffen, welche Möglichkeiten der Lebensgestaltung man jeweils wählt“.[3]

4 Der Pflegeberuf im Zusammenhang von Grenzsituationen

Gerade in der Alten/Kranken und Behindertenpflege kommt es zu einer sehr großen Nähe zwischen Pflegepersonal und Hilfsbedürftigen. Nähe ist ein wichtiger Aspekt bei der Entstehung von z.B. Ekel. Unter dieser Betrachtung scheint gerade die Pflege am Menschen ein Ort der Grenzsituationen zu sein.[4]

Welche Situationen empfinden Pflegende selbst bei ihrer täglichen Pflegeverrichtung als Grenzsituation oder Grenzüberschreitungen.[5]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese, von den pflegenden Mitarbeitern genannten Situationen, kommen in der Berufspraxis oft mehrmals täglich vor. Das heißt, sie sind Pflegealltag. Körperliche Nähe/Berührung allein scheint keinen so großen Stellenwert für Pflegerinnen einzu- nehmen. Eine Pflegerin sagte mir: „ Wenn die Bewohner sauber sind und gut riechen macht mir das nichts aus, wenn ich sie anfassen muss oder sie mich anfassen. Nur wenn sie schmutzig sind oder stinken, ekelt mich das an.“

Wenn ein Mensch täglich an Grenzen gehen muss, Grenzen überschreiten muss, hat das Auswirkungen auf die Gefühlswelt des Pflegenden. Es werden negative Gefühle ausgelöst. Angst, Scham und Ekel sind neben anderen Emotionen, solche häufig auftretenden Gefühle. Durch die Geschichte der Krankenpflege begründet, gilt für viele Pflegerinnen auch heute noch das Zugeben negativer Gefühle, als unprofessionelle Haltung. Solche Gefühle werden nicht gerne zugegeben.[6]

5 Pflegesituationen als Auslöser von Angst, Scham oder Ekel

Eine Krankenschwester sagte mir:

„Ich hetze von einem Bewohner zum anderen. Ich hab immer Angst die Arbeit nicht zu schaffen und schäme mich dafür vor den Bewohnern. Bei den anderen Situationen hab ich keine Zeit zu fühlen.“

[...]


[1] Anlage A: Fragebogen zur Hausarbeit

[2] Anlage B: Auswertungsformular zum Fragebogen

[3] Jörg Hardy, Microsoft ® Encarta ® Enzyklopädie 2005. © 1993-2004 Microsoft Corporation

[4] Vgl. Ringel, Dorothee: Ekel in der Pflege, Kapitel 3.1.1

[5] Anlage B: Auswertungsformular zum Fragebogen

[6] Vgl. Ringel, Dorothee: Ekel in der Pflege, Seite 32

Details

Seiten
29
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638546201
ISBN (Buch)
9783638730020
Dateigröße
749 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v61093
Note
gut
Schlagworte
Grenzsituationen Pflege

Autor

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