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America's Children: Key National Indicators of Well-Being 2003: Der US-Interagency-Bericht zur Kinder- und Jugendgesundheit im Diskurs

Seminararbeit 2006 70 Seiten

Gesundheitswissenschaften

Leseprobe

INHALT

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungen

1 Aufgabenstellung und Zielsetzung

2 Die Berichterstattung zur Kinder- und Jugendgesundheit: Ursprünge, Relevanz und Stand

3 Hintergründe und Rahmenbedingungen zu „America’s Children“
3.1 Charakteristiken des Berichts
3.2 Die Präventionspolitik der USA und Brennpunkte der gesundheitlichen Lage
3.3 Das US-statistische System

4 Die Organisation des Berichts „America´s Children“
4.1 Struktur und Darstellung
4.2 Methodenspezifische Aspekte
4.2.1 Indikatoren: Begriff und Qualitätskriterien
4.2.2 Die Population des Berichts nach den Merkmalen Alter und Rasse/ethnische Gruppe
4.2.3 Die Datenquellen des Berichts

5 Wie gut geht es den Kindern in den USA?
5.1 „Charakteristik der Bevölkerung und der Familien“:
Bedeutung der Lebenszusammenhänge für die Gesundheit
5.2 Beschreibung der gesundheitlichen Lage und Trends anhand 6
ausgewählter Indikatoren
5.2.1 Zugang zur Gesundheitsversorgung
5.2.2 Epidemiologische Daten zur Säuglingssterblichkeit
5.2.3 Die verhaltensbedingten Risikofaktoren:
Übergewicht, Rauchen und Kriminalität
5.2.4 Bildung und Wohlbefinden

6 Fazit

Literatur

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Bevölkerungsstruktur der Kinder nach rassisch-ethnischen Merkmalen
im Jahr 2000

Abb. 2: Indikator POP3: Prozentsatz der Kinder unter 18 Jahren, nach Rasse/ lateinamerikanischer Herkunft, 1980-2000 und 2001-2020 prognostiziert

Abb. 3: die 25 Schlüsselindikatoren zum Wohlbefinden der Kinder nach Themen

Abb. 4: Die 9 Indikatoren zur „Charakteristik der Bevölkerung und der Familien“ nach ihrem Kontext

Abb. 5: Indikator ECON5A: Prozentsatz der Kinder unter 18 Jahren, gedeckt durch
eine Krankenversicherung, nach Versicherungstyp, 1987-2001

Abb. 6: Indikator ECON5B: Prozentsatz der Kinder unter 18 Jahren ohne eine gewöhnliche Versorgungsquelle, nach Versicherungstyp, 1993-2001

Abb. 7: Indikator HEALTH6: Säuglingssterblichkeitsrate nach Rasse/ lateinamerikanischen Ursprung und nach ausgewählten Jahren 1983-2000

Abb. 8: Prozentsatz der übergewichtigen US-Kinder zwischen 6 und 18 Jahren,
nach Geschlecht und Zeitperioden

Abb. 9: Indikator HEALTH3: Prozentsatz der übergewichtigen Kinder zwischen 6
und 18 Jahren, nach Geschlecht, Rasse/ lateinamerikanischer Herkunft, ausgewählte Jahre 1976-1980, 1988-1994, und 1999-2000

Abb. 10: Indikator BEH1: Prozentsatz der Schüler, die nach eigenen Angaben in
den letzten 30 Tagen täglich Zigaretten rauchten, differenziert nach Klassenstufe, 1980-2002

Abb. 11: Indikator BEH4A: Rate der Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren, die Opfer von schweren kriminellen Gewaltverbrechen wurden, differenziert
nach Geschlecht, 1980-2000

Abb. 12: Indikator ED7: Prozentsatz der 25- bis 29-jährigen, die mit einem Bachelor oder einem höheren akademischen Grad abgeschlossen haben, differenziert nach Rasse/ lateinamerikanischer Herkunft, 1980-2002

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: 8 ausgewählte deutsche und US-amerikanische Berichte zur Kinder- und Jugendgesundheit

Tab. 2: Typ und Anzahl der Diagramme im Berichtstext

Tab. 3: Übersicht zu Datenquellen, Datenhalter und den 6 ausgewählten Indikatoren zum Wohlbefinden der Kinder in den USA

Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Aufgabenstellung und Zielsetzung

Auf Basis des US-Bundesberichts „America´s Children: Key National Indicators of Well-Being 2003“ setzt sich die vorliegende Arbeit im Rahmen des Konzepts GBE mit dem Thema Kinder- und Jugendgesundheit in den USA auseinander. Dieser Bericht ist ein indikatorenbasierter Bericht, den ein sog. Interagency Forum erstellte. Diese Berichtsform zu dieser spezifischen Zielgruppe existiert in Deutschland noch nicht, so dass der Bericht „America`s Children“ in dieser Abhandlung referiert werden soll. Vor dem Hintergrund, dass sich Gesundheitsindikatorenkonzepte bzw. Kernindikatoren gegenwärtig international und national als eine mit vielen Vorzügen ausgestattete Variante der Datenhaltung durchsetzen (BARDEHLE 1998, S. 149f.), erfährt dieser Beitrag eine aktuelle Gültigkeit und Relevanz. Dies wird durch den Fokus auf die Kinder- und Jugendgesundheit, den diese Arbeit setzt, unterstützt, denn die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen ist ein Thema mit einer hohen gesundheitspolitischen Bedeutung und Aktualität sowohl im nationalen als auch im internationalen Raum. So erklärt die UN-Kinderrechts-Konvention, „[…] dass das Kind den höchsten erreichbaren Standard an Gesundheit (Artikel 24,1) und das Recht auf eine sichere Umwelt hat.“ Die Konvention unterstreicht die gesellschaftliche Verantwortung, Kinder zu schützen und ihnen die notwendigen Unterstützungen zu geben. (NETZWERK Kindergesundheit und Umwelt 2004, S. 63) Das Wohl der Kinder und Jugendlichen steht im Vordergrund jeder Gesellschaft. Damit dies effektiv und zielführend erreicht werden kann, nutzt die Gesundheitspolitik die GBE. Gesundheitspolitische Entscheidungen müssen jedoch gemäß der gesundheitlichen Situation und Entwicklungen der – in diesem Fall – Kinder und Jugendlichen getroffen werden, die von Land zu Land aufgrund gesellschaftlicher Besonderheiten sowie verschiedener Gesundheits- und Datensysteme variieren.

Vor diesem Hintergrund führt die vorliegende Arbeit dem Leser die gesundheitliche Lage der US-Kinder vor Augen. Dies soll anhand des Berichts „America´s Children“ umgesetzt werden, wozu diese Arbeit nötige berichts- und einige landesspezifische Hintergrundinformationen liefert und letztlich mittels 6 ausgewählter Indikatoren das Wohl der US-Kinder beschreibt. Zunächst wirft diese Abhandlung einen vertiefenden Blick auf die gesundheitspolitische Relevanz der Kinder- und Jugendgesundheit und erörtert, worum es der heutigen Gesundheitspolitik im Besonderen geht. In diesem Kontext wird ein kurzer historischer Abriss bezüglich der Kindergesundheit gegeben, das Konzept GBE reflektiert und Aufgaben sowie Ziele der GBE benannt. Anschließend nimmt die vorliegende Arbeit deutsche und US-amerikanische Berichte zur Kinder- und Jugendgesundheit nach den Kriterien Jahr der ersten Erscheinung und Berichtsturnus unter Augenschein, um Aussagen zum Stand der GBE hinsichtlich der Kinder- und Jugendgesundheit treffen und diesen eingehender beurteilen zu können. (Gliederungspunkt 2)

Nach den einführenden allgemeinen Grundlagen zur Kinder- und Jugendgesundheit stellt Gliederungspunkt 3 Hintergründe und Rahmenbedingungen zum Bericht „America´s Children“ vor. Darin werden die Besonderheiten des Berichts sowie die entsprechende gesetzliche Grundlage vorgestellt. Zugleich geht Punkt 3.2 auf die US-Gesundheitspolitik ein und diskutiert drei Aspekte, die die präventiv ausgerichtete Gesundheitspolitik maßgeblich begründen. Gliederungspunkt 3 endet mit der Ausführung zum US-statistischen System, auf dessen Grundlage der Bericht „America´s Children“ erstellt worden ist. Das US-Statistik-System unterscheidet sich vom deutschen Daten- und Informationssystem, so dass eine kurze Einführung zum Verständnis erforderlich ist.

Nach den Hintergrundinformationen geht die vorliegende Arbeit explizit auf Aspekte betreffend der Organisation des Berichts ein (Gliederungspunkt 4). Dazu wird der konzeptionelle Aufbau sowie die Darstellung des Berichts näher betrachtet. Dem gefolgt werden methodenspezifische Gesichtspunkte untersucht, wobei der Begriff Indikatoren definiert und die Population des Berichts nach den Merkmalen Alter und Rasse/ethnische Gruppe dargelegt wird. Zudem werden die Datenquellen, die für die Präsentation der Ergebnisse zur gesundheitlichen Lage der US-Kinder relevant sind, vorgestellt.

Punkt 5 der vorliegenden Arbeit stellt ausgewählte Ergebnisse des Berichts „America´s Children“ vor und gibt Auskunft darüber, wie gut es den Kindern in den USA geht. Zur Beschreibung der gesundheitlichen Lage sowie Entwicklungen wurde der Zugang zur Gesundheitsversorgung, die Säuglingssterblichkeit, verhaltensbedingte Risikofaktoren wie Übergewicht, Rauchen und Kriminalität sowie der Einfluss der Bildung auf das Wohlbefinden ausgewählt. Abschließend (Punkt 6) resümiert diese Arbeit wesentliche Ergebnisse zum Wohl der Kinder im Zusammenhang mit gesundheitspolitischen Aspekten. Zudem werden aus den Ergebnissen Schlussfolgerungen gezogen, eine Bewertung des Berichts „America´s Children“ vorgenommen und einen kurzen Ausblick gegeben.

2 Die Berichterstattung zur Kinder- und Jugendgesundheit: Ursprünge, Relevanz und Stand

Mit der Berichterstattung zur gesundheitlichen Lage und Entwicklungen der Kinder und Jugendlichen knüpfen Akteure der GBE sowie die Gesundheitspolitik an den moralisch hohen Werten an, die Gesellschaften mit Kindern assoziieren. Kinder sind die „wertvollste Ressource“ einer Nation (FIFCFS 2003, S. I) sowie „unsere Zukunft“ (Sozialministerium Baden-Württemberg 2000, S. 5). Die Erhaltung, Verbesserung und Förderung der Gesundheit ist die politische Aufgabe jedes Landes, da dies gleichzeitig „eine Weiterentwicklung unserer Gesellschaft bedeutet“ (MA-L Dezernat für Gesundheitsplanung 2000, S. 9). Der Aspekt Gesundheitsförderung, der gesundheitspolitisches Anliegen ist, sowie der Titel des im Rahmen dieser Arbeit zu untersuchenden Berichts „America´s Children: Key National Indicators of Well-Being 2003“ akzentuieren das Wohlbefinden, welches die Gesundheit bestimmt. Dies erinnert an die viel zitierte Gesundheitsdefinition der WHO, die Gesundheit mit positiven Assoziationen verknüpft und es gegenüber Krankheit abgrenzt: „Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“

Auf diese Definition von Gesundheit stützt sich der Bericht „America´s Children“, obwohl viele Wissenschaftler die WHO-Definition kritisieren, da sie statisch angelegt ist und den Zustand (weniger die Dynamik), die subjektiven Aspekte der Gesundheit (weniger die objektivierbaren Daten) und die Vollkommenheit betont, wodurch es ihr insgesamt an Operationalisierbarkeit mangelt und zu utopisch ist (vgl. LOHAUS 1993, S. 7f.). Sie stellt jedoch heraus, dass es der heutigen Gesundheitspolitik um das körperliche, seelische und soziale Wohlsein geht und damit vordergründig um Lebensqualität statt Lebensdauer. Die Verlängerung des Lebens bzw. die Vermeidung des frühen Todes war in der Zeit der Seuchen- und Infektionskrankheiten (wie Tuberkulose, Pocken, Poliomyelitis, Scharlach, Diphterie, Gonorrhoe, Syphilis, Gastroenteritis, Meningitis, Wundstarrkrampf, Wochenbettfieber) lange gesundheitspolitisches Hauptanliegen gewesen. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts kämpfte die Bevölkerung bzw. der Staat gegen eine hohe Säuglings-, Kinder- und Müttersterblichkeit, die mittlerweile zurückgedrängt werden konnte. Die Säuglingssterblichkeit ist von ca. 21% auf 0,5% gesunken, die Mortalität von Kindern im Alter zwischen 1 und 15 Jahren von 1% auf etwa 0,02% und die Müttersterblichkeit war vor hundert Jahren mehr als 50mal so hoch wie heute (vgl. KURTH et al. 2002, S. 852).

Aufgrund dieser günstigen Entwicklungen, die überwiegend auf Verbesserungen in der Ernährung, der Bildung und in der Arbeitswelt zurückzuführen sind (vgl. ROSENBROCK 2001, S. 755), sowie unter der Berücksichtigung, dass Kinder im Grundschulalter nach eingetretener Immunisierung gegen Infektionskrankheiten die gesündesten Jahre ihres ganzen Lebens verbringen (LOHAUS 1993, S. 23), könnte man annehmen, dass Kinder eine vergleichsweise gesunde Bevölkerungsgruppe sind (vgl. Palentien 1998, S. 498). Dass Kinder jedoch gesundheitliche Probleme haben, zeigt sich zum einen immer noch an der Säuglingssterblichkeit. Sie ist zwar deutlich niedrigerer ist als vor 100 Jahren, jedoch im regionalen Vergleich sowie unter einzelnen Bevölkerungsgruppen weist die Säuglingssterblichkeit unterschiedlich hohe Raten auf, was wiederum auf diverse gesundheitliche Probleme deutet und Zielfelder der Gesundheitspolitik beschreibt. Zum anderen dominieren heute chronisch-degenerative Erkrankungen das Krankheitsspektrum und dies nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei Kindern (vgl. LOHAUS 1993, S. 22).

Vor diesem Hintergrund kommt der Prävention eine große Bedeutung zu, da sie die einzig wirksamste Methode ist, um chronische Krankheiten wie Krebs, Asthma oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu bekämpfen. Chronische Erkrankungen führen abgesehen von gesundheitlichen Einschränkungen und Belastungen sowie Einbußen an Lebensqualität zu volkswirtschaftlichen Verlusten, d.h. indirekten Kosten, die durch ein frühzeitiges Ausscheiden aus dem Erwerbsleben entstehen können. Die Prävention wirkt chronischen Erkrankungen nun deshalb entgegen, weil ihre Maßnahmen im Gegensatz zu denen der kurativen Medizin vor Entstehen einer Erkrankung ansetzen. Maßnahmen der kurativen Medizin greifen speziell bei chronischen Erkrankungen zu kurz, da sie erst dann zum Einsatz kommen, wenn eine Krankheit bereits vorliegt und eine Schädigung eingetreten ist (vgl. EBERLE 1990, S. 24ff.).

Aus der Problemlage heraus, dass die schwer kontrollierbaren chronischen Erkrankungen das Krankheitsspektrum bestimmen und Gesundheitsausgaben kontinuierlich steigen, verfolgt die heutige Gesundheitspolitik die Strategie der Prävention. Diese setzt effektiv insbesondere bei Kindern an, da viele Gesundheitsprobleme ihren Ursprung im Kindes- und Jugendalter haben und den späteren Gesundheitszustand im Erwachsenenalter determinieren. Ferner erlernen Kinder und Jugendliche in diesem Lebensabschnitt gesundheitsrelevante Verhaltensweisen, die sich auf die Lebensweise im Erwachsenenalter auswirken. (vgl. KELLERHOF 1996, S. 51) Demzufolge ist die Berichterstattung zur Kinder- und Jugendgesundheit ein Merkmal einer Gesundheitspolitik, die präventiv sowie aktiv und zielgerichtet handelt, um die Lebensqualität (neben der Lebensdauer) im Sinne des WHO-Leitsatzes „add life to years“ zu steigern und hilft, die vorhandenen knappen Ressourcen im Gesundheitswesen optimal zu verteilen.

Die Notwendigkeit zur Berichterstattung auf dem Feld der Kinder- und Jugendgesundheit ergibt sich somit aus der erörterten Schwerpunktverschiebung von dem damaligen Ziel, den frühen Tod aufgrund der dominierenden Infektionskrankheiten zu vermeiden, hin zu dem heutigen Ziel, die Lebensqualität zu steigern, die durch die vorherrschenden Zivilisationskrankheiten vermindert wird. Dieser Wandel brachte es mit sich, dass der Gesundheitspolitik völlig neue Daten und Erkenntnissen zur gesundheitlichen Situation von Kindern und Jugendlichen zugetragen werden müssen, die die heute relevanten Themen abdecken, bundesweit gültig und über Raum und Zeit vergleichbar sind (vgl. KURTH 2002, S. 853f.). Die Gesundheitspolitik muss ständig das nötige Wissen „[…] über gesundheitliche Gefährdungen, über das Ausmaß und die Verteilung von Krankheiten und Todesursachen oder über Stärken und Schwächen des Versorgungssystems“ haben, um wirkungsvoll, rational und zielführend handeln zu können (ROSENBROCK & GERLINGER 2004, S. 47). Dazu liefert die GBE vielfältige epidemiologische Daten, die die GBE für die Gesundheitspolitik aufbereitet und verwendbar macht.

Gesundheit wird von vielfältigen Faktoren beeinflusst, wobei die Lebensbedingungen und die Lebensweisen den größten Einfluss auf die Gesundheit üben. Dies erfordert nicht nur eine enge Zusammenarbeit verschiedener Akteure des Gesundheitswesens im Sinne der Ottawa-Charta (vgl. WHO 1992, S. 87), sondern führt auch dazu, dass Informationen zur Gesundheit aus verschiedenen Datenquellen zusammengetragen werden müssen, um ein dementsprechend thematisch umfassendes Bild von der gesundheitlichen Lage zeichnen zu können (vgl. Kellerhof 1996, S. 45). Die GBE kann sich jedoch nicht nur auf Lagebeschreibungen beschränken, sondern muss vielmehr Entwicklungen aufzeigen und Trendanalysen geben (vgl. AOLG 2003, S. 13). Dies realisiert die GBE durch das Monitoring, das als eine Art Frühwarnfunktion fungiert, da die GBE auf diesem Wege Prognosen liefern und potentiell problematische Themen frühzeitig erkennen kann. Das Monitoring ermöglicht darüber hinaus eine Überprüfung der eingesetzten gesundheitspolitischen Maßnahmen hinsichtlich der Effektivität und der Effizienz (Evaluation), die angesichts des Ziels der bedarfsgerechten Verteilung beschränkter Ressourcen von außerordentlicher Relevanz ist.

Die GBE fungiert somit als Beratungsinstrument der Gesundheitspolitik, indem sie ihr durch Lagebeschreibungen und Entwicklungsverläufe Entscheidungsgrundlagen für eine rationalere Gesundheitspolitik liefert und ihr hilft, vordringlich zu erreichende Gesundheitsziele zu beschreiben. Dadurch ist es dem Gesundheitswesen letztlich möglich, ihre Qualität und Leistungsfähigkeit zu sichern und zu steigern. Die GBE bewerkstelligt ihre Aufgaben (informieren und orientieren, beobachten, motivieren, evaluieren und koordinieren), indem sie Problembereiche, Gesundheitsrisiken und sonstige gesundheitsbezogene Daten und Informationen analysiert, bewertet und kommentiert. Auf diese Weise ermittelt sie dringenden Handlungsbedarf, setzt Prioritäten fest und stellt ihre Ergebnisse verdichtend ihren Adressaten in Form von Berichten, Workshops, Zirkeln etc. zur Verfügung. (vgl. Adler et al.1996, S. 32ff.)

Nachdem Ziele, Aufgaben und die Methode der GBE deutlich gemacht worden sind, wenden wir uns nun der Frage zu, was die GBE auf dem praktischen Gebiet der Kinder- und Jugendgesundheit in den USA und in Deutschland geleistet hat[1]. Dazu wurden beliebig jeweils vier Berichte zur Kinder- und Jugendgesundheit aus den beiden Ländern ausgewählt und hinsichtlich ihrer Erscheinung und Periodizität untersucht (Tab. 1). Die Zusammenstellung in Tabelle 1 zeigt anschaulich, dass die Berichterstattung zur Kinder- und Jugendgesundheit in den USA nach den o.g. Kriterien:

1. auf Bundesebene entwickelter ist,
2. durchschnittlich früher einsetzte,
3. regelmäßiger erfolgt als in Deutschland und
4. es mehr US-Bundesberichte gibt, die jährlich erscheinen.

Tab. 1 : 8 ausgewählte deutsche und US-amerikanische Berichte zur Kinder- und Jugendgesundheit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

* erster Bericht erschien 2001, der jedoch nicht alle Bezirke Berlins einbezog; Bericht von 2003 berücksichtigt erstmals alle Bezirke; Autor des Berichts:

** steht (noch) nicht fest bzw. der Bericht wird nicht regelmäßig erstellt

(Quelle: Eigene Darstellung.)

Die Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass die GBE in Deutschland gegenüber den USA „rückständig“ ist – wie ROSENBROCK & GERLINGER (2004, S. 50) ebenfalls konstatieren. Folgende Entwicklungen untermauern dies: Beispielsweise war die USA bereits in den 90er Jahren hinsichtlich der horizontalen Datenzusammenführung nach gleichen Klassifikationsmerkmalen fortgeschrittener als Deutschland, führte bereits in den frühen 80er Jahren landesweit repräsentative Gesundheitserhebungen in der Bevölkerung durch und verfügte eher über Informationen bezüglich der Inanspruchnahme von Leistungen des Gesundheitswesens als Deutschland (vgl. Schach 1985, S. 99ff.).

Bei einer Betrachtung der Datenquellen der einzelnen Berichte zur Kinder- und Jugendgesundheit fällt zudem auf, dass die USA überwiegend Surveydaten nutzt, während deutsche Kindergesundheitsberichte u.a. Daten aus Einschulungs-untersuchungen heranziehen (z.B. Berlin, Zwickau und Niedersachsen). Diese traditionelle Datenquelle vermag es sicherlich nicht, alle relevanten Themen vollständig abzudecken und kann selbst innerhalb eines spezifischen Themas unvollständig sein. Ein Beispiel dafür ist der Impfstatus bei schulärztlichen Untersuchungen, welcher unvollständig ist, weil nicht alle Kinder ihre Impfhefte vorlegen (GLASER-MÖLLER & KORTE 1996, S. 71). Dies zeigt, dass in Deutschland ein neuer Bedarf an Daten zur Kindergesundheit besteht, obwohl sich die Zahl an Datenhaltern laut BARDEHLE (1996, S. 211) „bedeutend“ erhöhte. Aus diesem Grunde beauftragte das Bundesministerium für Gesundheit das RKI mit einem Survey zur gesundheitlichen Situation der Kinder und Jugendlichen in Deutschland (KIGGS). Eine derartige bundesweit repräsentative und umfassende Untersuchung zur gesundheitlichen Lage von Kindern und Jugendlich gab es in Deutschland bisher noch nicht (KURTH et al. 2001, S. 858), so dass mit dieser Untersuchung zunächst eine Ausgangslage für die weitere bzw. beginnende Berichterstattung zur Kinder- und Jugendgesundheit auf Bundesebene geschaffen wird, die in den USA schon seit über 10 Jahren besteht. KIGGS zeigt anschaulich, dass die deutsche nationale GBE auf Bundesebene noch im Begriff ist, sich zu etablieren und zu entwickeln (vgl. ADLER et al. 1996, S. 39).

Die Übersicht der 8 ausgewählten Kindergesundheitsberichte zeigt eine weitere Besonderheit, die die fortgeschrittenere GBE in den USA verdeutlicht. Dazu soll zunächst hervorgehoben werden, dass Berichte zur Kinder- und Jugendgesundheit Spezialberichte sind, die die Basisberichterstattung ergänzen. Diese Berichte fokussieren ihr Augenmerk auf eine spezielle Bevölkerungsgruppe, auf die Kinder, und gehören damit zur zielgruppenspezifischen Berichterstattung (KELLERHOF 1996, S. 49). Diese Spezialberichte können zudem eine weitere Spezialisierung erfahren und Kindergesundheitsberichte zusätzlich themenspezifisch vertiefen. Ein Beispiel dafür ist der seit 2000 publizierte US-Bericht „America’s Children and the Environment“, der die ökologische Umwelt und die gesundheitliche Lage der Kinder in einem Zusammenhang setzt. Dieses spezielle Konzept wird in Deutschland erst durch KIGGS-Studie realisiert, in dessen Rahmen das Umweltbundesamt ein Kinder-Umwelt-Survey durchführt.

3 Hintergründe und Rahmenbedingungen zu „America’s Children“

3.1 Charakteristiken des Berichts

Der Bericht „America’s Children: Key National Indicators of Well-Being“ ist eine jährlich erscheinende Publikation des Federal Interagency Forums on Child and Family Statistics (FIFCFS), welches der damalige amtierende US-Präsident Bill Clinton im Jahre 1997 formal durch die Executive Order 13045 gründete. Clinton beauftragte mit der Order das OMB[2], ein Interagency Forum einzuberufen, um einen Bericht erstellen zu lassen, der mittels der wichtigsten Indikatoren Auskunft über das Wohlbefinden der Kinder im eigenen Land gibt. Die Executive Order 13045 ist ein Beispiel für die Umsetzung, des in der Programmatik „Healthy People 2000“ gesetzten Ziels, dass Gesundheitsindikatoren zur Anwendung durch Gesundheitsbehörden auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene entwickelt und implementiert werden sollen. Das Interagency Forum, welches speziell Indikatoren zur Gesundheit von Kindern konzipiert, setzt sich aus – im Jahre 2003 – 20 Vertretern verschiedener Bundesstatistik- und Bundesforschungsbehörden zusammen, die gemeinsam an dem Bericht arbeiten, um die in der Executive Order 13045 determinierten Aufgaben zu erfüllen. Diese Aufgaben des FIFCFS sind:

1. Indikatoren festlegen, die in jedem anderen Bericht zur Kinder- und Jugendgesundheit einbezogen werden sollen
2. die Datenquellen identifizieren, die für diese Indikatoren genutzt werden können
3. einen laufenden Überblick über die Erhebung und Verbreitung von Daten über Kinder und Jugendliche auf Bundesebene bereitstellen
4. Empfehlungen geben, wie die Berichterstattung und die Koordination der Datenerhebungen verbessert werden kann und wie Duplikationen und Überschneidungen in der Berichterstattung reduziert werden können[3]

„America’s Children: Key National Indicators of Well-Being“ ist ein von staatlichen und privaten Institutionen erstellter Bundesbericht, der 1997 erstmals erschien und der Öffentlichkeit am 2. Juli 1997 stolz in einer Pressekonferenz präsentiert worden ist (vgl. NCHS 1997, www.cdc.gov). Dieser Bericht verkörperte etwas bis dahin Einzigartiges. Das Besondere an dem Bericht bestand und besteht zum einen in der Organisationsstruktur sowie in der Konzeption des Berichts.

Zum ersten Mal haben sich verschiedene US-Bundesstatistik- und Bundesforschungsbehörden innerhalb der Ministerien Landwirtschaft, Handel, Bildung, Gesundheit, Haus- und Stadtentwicklung, Justiz und Arbeit zusammengefunden, um gemeinsam, d.h. in einer Interagency-Organisationsform einen Bericht zur Kinder- und Jugendgesundheit zu erstellen (vgl. NCHS 1997, www.cdc.gov). Durch diese Organisationsstruktur konnte die stark ausgeprägte Dezentralität, die zwischen diesen einzelnen Bundesstatistikbehörden existiert (vgl. GAO 1996, S. 1), überwunden werden. Damit schuf Clinton eine Voraussetzung, um eine qualitativ gute Berichterstattung zu ermöglichen, denn laut Streich (1998, S. 77) ist weniger die Zahl der Experten-Autoren, die einen Bericht erstellen, ein Qualitätsbeweis, sondern vielmehr die Interdisziplinarität des Autoren-Teams, wodurch sich „ein höheres Maß an Differenzierung und Intersubjektivität“ erzielen lässt. Ferner verbirgt sich hinter dieser organisatorischen Struktur des Forums der Gedanke des GBE-Konzeptes, dass nicht einzelne Akteure allein für Gesundheit zuständig sind, sondern „[…] alle Akteure, die gesundheitspolitische Maßnahmen ergreifen oder unterstützen können.“ (Adler 1996, et al., S. 38). Durch diese Form der Zusammenarbeit war es möglich, einen Bericht zu produzieren, der sowohl ein thematisch umfassendes Bild vom Wohlbefinden der Kinder in den USA lieferte als auch die Berichterstattung – was die Datenquellen und die Datenerhebung betrifft – zu verbessern. Andererseits erhöht die Arbeit in einem Interagency Forum die Akzeptanz für diverse durchzuführende Maßnahmen in den verschiedenen unabhängigen Behörden.

Das konzeptionell Neue an dem Bericht „America’s Children“ war weiterhin die Konzipierung der wichtigsten Indikatoren, die kritische Aspekte aus dem Leben der Kinder im ganzen Land reflektierten. Durch die Entwicklung eines Kernindikatorensatzes konnte das Interagency Forum eine solide Basis für GBE bezüglich der Kinder schaffen, indem es Prioritäten festschrieb, die auf ihrer Empfehlung hin in anderen US-Berichten verwendet werden. Dadurch erhöht bzw. ermöglicht das FIFCFS erst die Vergleichbarkeit von Daten und letztlich Berichten auf Bundes-, Landes- und regionaler Ebene. Das FIFCFS verdichtete den Indikatorensatz auf im Jahre 2003 25 Indikatoren. Dies erscheint wenig, wobei angemerkt werden soll, dass ein geringer Indikatorenumfang für mehr Qualität spricht als ein zu umfangreicher Indikatorensatz, der von den Akteuren der GBE wenig beherrschbar ist (BARDEHLE 1998, S. 149f.). Der Indikatorensatz ist vielmehr darauf angelegt, Eckpunkte der gesundheitlichen Lage und Versorgung widerzuspiegeln. Ferner birgt ein solcher Indikatorensatz die Möglichkeit einer einfachen Aktualisierung der Informationen (vgl. Europäisches WHO-Zentrum für Umwelt und Gesundheit 2004, www.apug.de) und verursacht verhältnismäßig wenig Aufwand. Diese Konzentration auf Prioritäten weist auf einen dringenden Handlungsbedarf hin und trägt zu einer zielgerichteten gesundheitspolitischen Entscheidung bei.

Vor dem Hintergrund der besonderen Eigenschaften des Berichtes verfolgt dieser die folgenden Aufgaben und Ziele:

- Einen umfassenden Indikatorensatz entwickeln, der das Wohl der Kinder repräsentiert, welches sichergestellt und gefördert werden soll
- Mehr, vollständigere und einheitlichere Daten über das Wohl der Kinder und Jugendlichen produzieren
- Informationen für politische Entscheidungsträger und der allgemeinen Öffentlichkeit zur Verfügung stellen und zugänglicher machen
- Mit dem Bericht eine Arbeitsgrundlage für Politik und diverse Institutionen schaffen
- Zum Verständnis beitragen: „Wo unsere Kinder heute sind und wo sie morgen sein werden.“
- Umfassende Aussagen zum gesundheitlichen Status der Kinder machen
- Trends zur Entwicklung der Kinder und der Familien aufzeigen (FIFCFS 2003, S. I)

Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass der Bericht „America’s Children“ drei Schwerpunktkomplexe setzt. Erstens erfüllt dieser Bericht eine starke Monitoringfunktion bezüglich des Wohlbefindens der Kinder, was sich in der weiteren Präsentation des hier untersuchten Berichts noch ausdrücklich zeigen wird. Zweitens sucht der Bericht einen breiten Zugang zur Öffentlichkeit, die nicht zwangsläufig spezielle Vorkenntnisse besitzt (Adressaten des Berichts). Durch seine jährliche Erscheinungsweise sind die Absichten, die das Interagency Forum bzw. die Gesundheitspolitik mit diesem Bericht verbinden, erkennbar, eine hohe Aufmerksamkeit und eine nachhaltige Wirkung auf das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu erreichen (vgl. STREICH 1998, S. 76). Dies spricht einerseits für die Demokratie, die sich durch die Öffentlichkeit legitimieren muss (vgl. STREICH 1998, S. 73) und anderseits für eine gesundheitsfördernde Denkweise, da der Bericht die Öffentlichkeit für gesundheitliche Belange sensibilisiert und motiviert, die Bewusstseinsbildung anregt und damit eine Basis für gemeinsames Handeln schafft, die im Kampf gegen chronisch-degenerativen Erkrankungen zum Erfolg führen kann (vgl. MACKENTHUN S. 208). Der dritte Schwerpunkt ist im Schaffen einer Arbeitsgrundlage für politische Entscheidungen und Maßnahmen zu sehen, indem die vorgeschlagenen Indikatoren in anderen Berichten involviert werden und indem das FIFCFS Bemühungen zur Verbesserung der Datenqualität unternimmt. Dadurch werden Daten auf allen Ebenen vergleichbarer, wodurch die Gesundheitspolitik letztlich effiziente und effektive Maßnahmen zielgerichtet treffen kann.

Hinter diesen drei Aufgabenkomplexen, die insgesamt auf eine Verbesserung der gesundheitlichen Lage der Kinder abzielen, verbergen sich diverse gesundheitspolitische Ziele, die Auskunft über die Relevanz des Berichts „America’s Children“ geben. Sie werden im Folgenden näher beleuchtet.

[...]


[1] Eine umfassendere Zusammenstellung und Analyse zu Berichten der Kinder- und Jugendgesundheit auf regionaler und lokaler Ebene in Deutschland bietet Meyer-Nürnberger 2002, die zudem die zentralen Themenfelder dieser Spezialberichte nach inhaltsanalytischen Methoden untersuchte.

[2] OMB (Amt für Management und Haushalt) ist eine selbständige Einheit des Executive Office of the President, welches dem Präsidenten unmittelbar unterstellt ist. Das OMB unterstützt den Präsidenten bei der Durchführung und Erhaltung einer effektiven Regierung, indem es das Management verschiedener Bundesbehörden mit ihren spezifischen Zielen evaluiert, steuert und koordiniert. Ferner kontrolliert es die Verwaltung des Bundesbudgets und erteilt dem Präsidenten Vorschläge bezüglich der Budgetverteilung und diversen Verordnungen. (vgl. Miller Center on Public Affairs 2004, www.americanpresident.org; OMB 2004, www.whitehouse.gov)

[3] Duplikationen und Überschneidungen in der GBE der USA ist ein Phänomen, welches auch im Rahmen der Berichterstattung zur Kinder- und Jugendgesundheit auftritt. So kommt es häufig vor, dass verschiedene (unabhängige) Behörden über ein und denselben Sachverhalt berichten. Dies ist wenig effektiv und führt zu keiner neuen Produktion von Informationen. Ferner tauschen Behörden kleinere Berichtstexte zu bestimmten Themen bzw. Indikatoren aus und verwenden diesen für ihren eigenen Bericht. Ein Beispiel dafür ist der umweltbedingte Faktor Passivrauchen: der Berichtstext im Bericht „America´s Children“ (FIFCFS 2003, S. 13) ist dem Text aus dem Bericht „America´s Children and the Environment“ (WOODRUFF et al. 2003, S. 60) zu 100% identisch.

Details

Seiten
70
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638545648
ISBN (Buch)
9783638680547
Dateigröße
794 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v61018
Institution / Hochschule
Hochschule Neubrandenburg – Fachbereich Gesundheit und Pflege
Note
1,3
Schlagworte
America Children National Indicators Well-Being US-Interagency-Bericht Kinder- Jugendgesundheit Diskurs Studiengang Gesundheitswissenschaften Gesundheitsberichterstattung

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Titel: America's Children: Key National Indicators of Well-Being 2003: Der US-Interagency-Bericht zur Kinder- und Jugendgesundheit im Diskurs