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Kriemhilds 'untriuwe' und die Ehre der Männer im Rosengarten zu Worms

Seminararbeit 2005 13 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Die Kriemhildfigur
1. Darstellung durch den Erzähler
2. Relation zu anderen Figuren

II. Mönch Ilsân

III. Der Rosengarten als Ort des Konflikts
1. Die zwölf Kämpfe und ihre Struktur
2. Männervergleich: Siegfried vs. Dietrich

Literaturverzeichnis

I.Die Kriemhildfigur

1. Darstellung durch den Erzähler

Die zentrale Figur dieses Textes, die das ganze Geschehen überhaupt anzettelt, ist Kriemhild. Durch den Erzähler wird sie bereits zu Beginn des Textes einerseits als schön, königlich und edel beschrieben, andererseits aber auch als übermütig und

ein megetein

durch die so ward ferloren

vil manig kiener helt[1]

- die Wurzel allen Übels also. Ähnliches kann man in der ersten Strophe des Nibelungenliedes über Kriemhild lesen, wo sie als Verantwortliche für den Tod tausender Männer vorausgedeutet wird:

[...]

dar umbe mousen degene

si wart ein sch œ ne wîp.

vil verliesen den lîp.[2]

Im Vergleich zum Nibelungenlied sei an dieser Stelle erwähnt, dass die Figurennamen und -konstellation im Rosengarten nicht dieselben sind: So wird zum Beispiel Kriemhilds Vater der Name Gibich zugeordnet, der der historischen Figur entspricht; der dritte Bruder Giselher tritt gar nicht auf, wird nicht einmal erwähnt. Außerdem kommen sowohl auf Seiten der Burgunden als auch Dietrichs einige Kämpfer hinzu, deren Namen im Nibelungenlied nicht vorkommen, so zum Beispiel Biterolf und Dietleib. Aber auch die Phrase „wunders so vil geseit“ (DHB 594, 27) erinnert an das Nibelungenlied.

Der Text stellt Kriemhild allgemein als eine junge Frau vor, die sehr kurzsichtig handelt. So meint sie, dass es ein großes Vergnügen wäre, ihren Verlobten Siegfried mit dem berühmten Dietrich von Bern zu vergleichen, bedenkt aber nicht, dass dieser es als Affront empfinden muss, von einer Frau zum Kräftemessen mit ihren Kämpfern aufgefordert zu werden. Damit nicht genug, sie schreibt außerdem in ihrem Brief an Dietrich, käme er nicht an den Rhein, so könne er sich nicht mehr trauen anderswo zu kämpfen. (Vgl. DHB, 603, 15-18) Als Kriemhild ihn und seine Männer dann am Rhein in ihrem Lager besucht, geht es mit Wolfhart - als er sie kommen sieht - sogar so weit durch, dass er androht sie wegen ihrer Überheblichkeit zu schlagen, sobald sie vor ihm stünde. Hildebrand jedoch kann ihn davon zurückhalten indem er ihm erklärt, dass er diesen Kampf über ihre Männer ausrichten müsse, nicht über die Königin selbst, um ein Mann von Ehre zu bleiben. (Vgl. DHB 642, 35 bis 643, 10) Die Bestrafung Kriemhilds findet also nicht direkt über ihre Person statt, sondern wird über ihre Ehre und ihren Ruf betrieben. Als Dietrich und sein Gefolge über die Burgunder gesiegt haben, macht er Gibich zu seinem Lehensmann und damit ihn und seine gesamte Familie zu seinen Untertanen. Aus dem Blickwinkel des Erzählers heraus hat damit das Gute gesiegt; wollte man eine Lehre aus der Geschichte ziehen, dann wäre diese wohl, dass Frauen sich nicht in die Sachen der Männer einzumischen haben (Arrangieren eines Kräftemessens) und hätten sie dies dennoch vor, dürfe man ihre Flausen erst gar nicht anhören.

Zu Beginn der Kämpfe wird Kriemhild als passive Zuseherin kaum erwähnt, Pusolt und Ortwein sterben für die Burgunder, obwohl sie die beiden hätte retten können, indem sie den Gegnern rechtzeitig den Rosenkranz überreichte. Bei Asperian trifft sie den Zeitpunkt besser, Staudenfuß hingegen erhält durch Ilsân die letzte Segnung. Erst im sechsten Kampf wird die Reaktion der Königin auf die Kämpfe umschrieben:

da durch sprang ir beider pl ů t

des lacht die künigein[3]

Das Wohl ihrer Männer scheint also hinter ihrem Vergnügen an der Sensationslust stehen zu müssen. Erst Hildebrand ermahnt Kriemhild, Walther und Dietleib zu trennen und vom Tod zu bewahren indem sie beiden den Kampfpreis zugesteht. Sie braucht also erst eine Art Vaterfigur in Hildebrand, der ihr sagt was Rechtens ist. Vor diesem nächsten Kampf wird Kriemhilds Vorfreude kurz erwähnt, diesmal in einer etwas harmloseren Form:

da nam er seinen schilte

und den stehelin eysenh ůt

vnd sehe das crimhilte

so würde sie wol gemůt[4]

Es braucht diesmal also nicht erst das fließende Blut, um sie glücklich zu machen. Volker überlebt durch Flucht, ohne Kriemhilds Hilfe, Hagen hingegen wird durch die rechtzeitige Siegerehrung seines Gegners gerettet. Als die beiden Brüder der Königin im Rosengarten um ihre Leben ringen, wird es ihr doch noch Bang um sie; es ist geradezu beruhigend dies zu lesen, wo sie zuvor die meisten Kämpfe beobachtet hatte, als ginge sie das Leben ihrer Männer nichts an. Als es schließlich zum Kampf zwischen Gibich und Hildebrand kommt, bittet Kriemhild letzteren sogar um das Leben ihres Vaters, der höchste Grad an Einmischung, der in den Kämpfen von ihrer Seite überhaupt kommt. Als Siegfried und Dietrich im Rosengarten einander gegenüber stehen ist jedoch wieder jede Sorge vergessen, ihre Reaktion ist wieder eine positive:

vnd lieffen einander an

da sprach fraw crimhilte

das ist manlich gethan[5]

Nachdem die Kämpfe allesamt entschieden, die Burgunden zu Untertanen Dietrichs gemacht sind und dieser wieder nach Hause aufbricht, wird Kriemhilds Einsicht und Reue angedeutet:

keinen rosengarten

pflanczt me crimhilt die meit[6]

Beschlossen wird der Text am Ende dann mit einem gebetähnlichen Absatz, der ihr eindeutig die Schuld zuweist. (Vgl. DHB 692 38-41)

2. Relation zu anderen Figuren

Was die Männer über Kriemhild zu sagen haben, ist zum Großteil nichts Positives. Allein die Bezeichnung „ungetrüwe meit“[7] kommt im Text fünf Mal vor, aber auch andere wie „böse faledein“ (DHB 624, 22) oder „hůre“ (DHB 683, 38). Dies geht dann sogar so weit, dass sich die Bezeichnung der „ungetrüwen meit“ auf Siegfried überträgt in der Form „ungetrüwer schelme“ (DHB 682, 4). Kriemhild vernachlässigt ihre „triuwe“ ihren zwölf Gartenwächtern gegenüber, da sie deren Leben allein für ihr Vergnügen aufs Spiel setzt und auch Siegfried gegenüber, wenn sie ihn nur zum Mann nehmen will, sofern er den eigentlich lebensbedrohlichen Kampf gegen Dietrich gewinnt. Aber ihr wird nicht nur „untriuwe“ vorgeworfen, sondern auch mehrmals Hoffart, Trotz und Hochmut.

Der Herzog Sabin, der sich bereit erklärt, Kriemhilds Bote zu sein, geht mit dem Überbringen dieser überheblichen Nachricht das Risiko ein, den ganzen Zorn auf sich zu ziehen und dafür erschlagen zu werden, wessen er auch nur knapp entrinnen kann. Der Grund dieses Risiko überhaupt erst auf sich zu nehmen ist Kriemhilds Angebot der Hand einer Herzogin aus ihrem Gefolge. Er gehört zu einer der wenigen Figuren, die sie nicht mit Schimpfworten bezeichnen, lässt sie aber trotzdem wissen, dass er ihr Handeln nicht gut heißt:

[...]


[1] Keller, Adelbert von (Hrsg.): Das deutsche Heldenbuch. – Hildesheim: Olms 1966, S. 596, Z. 12ff.

[2] Reichert, Hermann (Hrsg.): Das Nibelungenlied. – Berlin, New York: Walter de Gruyter 2005, S.43.

[3] DHB, S. 664, Z. 10f.

[4] DHB, S. 666, Z. 37-40.

[5] DHB, S. 682, Z. 27ff.

[6] DHB, S. 689, Z. 9f.

[7] DHB, S. 623, Z.15; S. 669, Z. 35; S. 676, Z. 5; S. 683, Z. 30; S. 688, Z. 9.

Details

Seiten
13
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638545303
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v60976
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Germanistik
Note
Sehr gut
Schlagworte
Kriemhilds Ehre Männer Rosengarten Worms Literatur Heldendämmerung’ Dietrich Ortnit Wolfdietrich“

Autor

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Titel: Kriemhilds 'untriuwe' und die Ehre der Männer im Rosengarten zu Worms